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Freitag, 9. August 2019

Das andere Deutschland










Das andere Deutschland


"Die Gegenwiklichkeit darzustellen..." Sagen die im Literarischen Quartett, das er auf dem Laptop im Bett liegend guckt. Ok, kann ich:  

Im Wohnzimmer, das keins ist, weil die Wohnung eine Art Loft für Arme ist, steht der Korb mit der dreckigen Wäsche. Mitten im Raum. Vor dem Fenster. Aber das macht nichts. Denn die Jalousien sind unten. Immer.Außer zum Lüften. Dabei muss er sich eigentlich gar nicht schämen, besonders nicht für seine polnischen Nachbarn, die in dieser schönen, sauber eingerichteten Wohnung im Vorderhaus wohnen und für die...letzte Woche die Kripo da war. Kein Witz! Schreibe ich, als würde ich Witze machen?! Die haben morgens geklingelt, er saß auf dem Klo, das heißt, eigentlich (ich liebe dieses Wort, ein ganzes Leben im Eigentlich) hat er sich erst auf Klo gesetzt, nachdem es geklingelt hatte. Um nicht aufmachen zu müssen. Um so zu tun als ob. So tun zu können als ob. Aber die haben nicht locker gelassen. Da wusste er noch gar nicht, dass das die Polizei war. Lief halbnackt durch die Wohnung. So kann ich doch nicht aufmachen, ist bestimmt nur der Postbote. Der Briefträger, oder wie die heute heißen. Aber die ließen nicht locker. Also zog er sich das England-Trikot über und die schwarze Penny-Trainingshose an, die damals sage und schreibe 2 Euro noch was gekostet hatte, und drückte den Türknopf...

Das ist schon komisch: Beim Literarischen Quartett muss er immer an das andere Deutschland denken. Und heute läuft es schon wieder. Nein, nicht das andere Deutschland. Das läuft jeden Tag. Das läuft immer weiter. Dat lööft und lööft und lööft, un hürt jar nitt mi upp. Nein, das Literarische Quartett läuft wieder. Und er findet das eigentlich ganz toll. Eigentlich ist das voll okay. Sogar inspirierend. Dort hat er Knausgard entdeckt. Und 3600 Seiten später wusste er, dass die sogar Recht hatten. Aber irgendwie fehlt, gefällt ihm trotzdem irgendwas nicht am Literarischen Quartett. Nämlich das Menschen wie er sich dort nicht repräsentiert finden. "Menschen wie er". Wie das klingt. So als wär er...

To be continued...














Donnerstag, 1. Februar 2018

In guten wie in schlechten Zeiten





"Den späten Zustand der Zivilisation charakterisiere:
  • das Greisenhafte statt des Jugendlichen, Geschichtslosigkeit,
  • Künstlichkeit und Erstarrung aller Lebensbereiche,
  • Herrschaft der anorganischen Weltstadt anstelle des lebensvollen bäuerlich geprägten Landes,
  • kühler Tatsachensinn anstelle der Ehrfurcht vor dem Überlieferten,
  • Materialismus und Irreligiosität,
  • anarchische Sinnlichkeit, panem et circenses, Unterhaltungsindustrien,
  • Zusammenbruch der Moral und Tod der Kunst,
  • Zivilisationskriege und Vernichtungskämpfe,
  • Imperialismus und die Heraufkunft formloser Gewalten."
(Quelle: Der Untergang des Abendlandes – Wikipedia-Eintrag)








Im Morgenmagazin läuft ein Bericht über Pflegekräfte in Deutschland.

Den Alltag bewältigt seine 75-jährige Frau alleinI

„Wir haben das gemacht, mit guten und schlechten Zeiten und es bleibt dabei. Wenn ich mal nicht gar nicht mehr kann, dann ist das was anderes, dann muss man das sehen, aber solange ich noch kann…“, sagt die selbst fast blinde alten Dame, die ihren lungenkrebskranken Mann pflegt, der beide Beine verloren hat…

Donnerstag, 25. Januar 2018

Buddha, Gott, Virginia Woolf und Sex



Warnung: Alles nur Verarschung! Das ist doch nicht DIE REALITÄT!








 
Als ich unten zur Haustür reinkomme, sehe ich, was María eben meinte. Die haben da echt einen Buddha eingeladen, in der Massagepraxis unten im Haus. Das heißt, nicht den echten Buddha – der ist ja wahrscheinlich schon tot oder im Walhalla oder Nirwana oder wie auch immer das bei denen heißt –, sondern so einen buddhistischen (?) Mönch. In orangefarbener Tracht. Während ich im Briefkasten nach der Post gucke, sehe ich, dass links im Hausflur eine ganze Reihe Schuhe steht (unter denen auch ein paar Turnschuhe sind). Boah, muss das bei denen stinken, wenn die alle die Schuhe ausgezogen haben… Aber es ist nicht so, wie María das gesagt hat; denn der Buddha sitzt da nicht mit dem Rücken zur Wand…

Sonntag, 21. Januar 2018

Samstagnachts halb zwei in Deutschland II












Mein Freund war wieder sehr sozial. Der hat den ersten Preis für das Kostüm gewonnen. Das hat er dann einem Mädchen geschenkt, weil die so traurig war. Der ist so süß!“

„Fährt der erst um neun?“

„Ja.“

Sonntag, 7. Januar 2018

Der Bergdoktor

„Der liebt diese Frau abgöttisch…“ (Der Bergdoktor)









Abends läuft der Bergdoktor im Fernsehen. Guckst du sonst nicht (kann man dich förmlich mit jagen, mit dem Scheiß). Aber heute ist nichts anderes drauf und du hast auch keinen Bock auf spanisches oder englisches Fernsehen. Also guckst du den Bergdoktor. In der Not guckt der Teufel auch den Bergdoktor.

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Drei Tage vor Weihnachten


  
Er hat sich direkt unterm Fenster
An einem Balken aufgehängt,
Man kann die Kirchenglocken von hier hören,
Wenn man ganz leise ist 
Ein Tagebuch liegt auf dem Tisch,
Der letzte Eintrag ist noch frisch
Nur einen Satz schrieb er groß und breit
 
„Ich bin hier und Bethlehem ist weit
Frohe Weihnacht, ich hoffe es geht euch gut,
Seid nicht böse über meine Flucht
Ich schau' euch trotzdem von hier oben beim Feiern zu“
(Die Toten Hosen - "Weihnachstmann vom Dach")

  







Hast du Geld?“

Sie steht am Kühlschrank, holt die Knusper-Gockelchen raus, die du so liebst. Die von Aldi. Deine Knusper-Gockelchen. Um sie sich zu machen. Ok, sie hat gefragt, aber… Zwei Stück! Dann ist gleich keiner mehr übrig für dich. Oder nur einer. Da lohnt sich ja fast nicht, den überhaupt zu machen. Um eins, nachdem du die 16 Stunden Intervall-Fasten hinter dich gebracht hast, um die Kilos zu verlieren, die du dir in der letzten Zeit angefressen hast. Bestimmt bist du wieder über hundert Kilo. Hundertpro. Vielleicht sogar über 110.


Dienstag, 24. Oktober 2017

Armutsrisiko in Deutschland




Epi·pha·ni̱e̱
Substantiv [die]
Religion
  1.  die Erscheinung (eines) Gottes unter den Menschen.
    2. Alltagsoffenbarung








Armutsrisiko für Kinder ist, wenn Eltern sich trennen…“, sagt der Typ im Fernsehen.



Er steht auf, hievt sich mit Mühe hoch du geht auf Klo. Schleppt sich schon fast auf Klo. Sagt zu sich selbst, laut: „Dann soll sie doch um zwölf kommen. Mir doch egal. Ich bin dann nicht mehr da. Dann bin ich auf der Arbeit. Ist doch auch egal: Ich werd doch eh nicht mehr gebraucht. Nicht von ihr, nicht von ihrer Mutter, vom niemandem mehr…ich bin abgeschafft…

Keiner Sau…






Adler-Olsen, Chigurh und das Schwarze Buch






Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, 
blickt der Abgrund auch in dich hinein
Friedrich Nietzsche 







Ich gucke Adler-Olsen im Zweiten. Habe ich letzte Woche auch schon gemacht. War auch letzte Woche schon geil. Keine Ahnung, welche Folge besser war. Die heutige hieß Erlösung. War wieder krass. Und ich frage mich: Wie kriegen die das hin? Wie kriegen die das nur hin, die Skandinavier. Immer so nah an den menschlichen Abgrund zu gehen…

Montag, 11. September 2017

Hintergrundbilder











Montag-Vormittag, vor dem Computer, fange ich auf einmal wieder an, auf Google Earth Spanien-Bilder für meinen Bildschirm-Hintergrund zu suchen. Keine Ahnung warum, eigentlich habe ich ja schon eine veritable Sammlung in der Dia-Show, die ich mir so eingerichtet habe, dass das Bild alle fünf Minuten wechselt. Im Zufallsmodus.

Obwohl die Bilder eigentlich alle ziemlich ähnlich sind: Das sind alles große, weite Aufnahmen, entweder von spanischen Stränden, vom Meer selbst oder von Straßen in spanischen Städte. Die nicht immer weit sind, aber doch die Weite irgendwie in sich tragen. Unbewusst. Meistens handelt es sich bei den Städten um Cádiz und Barcelona, die wie zwei Pole meiner Seele sind: die eine Stadt überschaubar, winklig, aber mit Europas bestem Wetter und schönsten Sandstränden gesegnet, die andere groß, wuselig und international. Aber auch Madrid, Valencia und sogar Pamplona kommen in meiner Sammlung vor.
 

Sonntag, 10. September 2017

Mordlust im Alltag






"Ya no hay guapos
Luis Martín Santos - Tiempo de silencio






Plötzlich kommt ihm dieser Gedanke: Heute hätte ich echt Bock, jemanden zu töten, denkt er.

Echt!

Natürlich weiß ich nicht wie. Oder wen. Aber irgendwie ist mir, wär mir danach. Keine Ahnung warum. Die Wege des Herrn sind unergründlich… Natürlich werde ich das jetzt nicht in die Tat umsetzen, ist ja klar, aber… Wie denn auch?!

In einem Land ohne Gesetze…

Donnerstag, 10. August 2017

Kinder und Eltern in der Pubertät










Halt mal auf!“

Ich stehe mit der Mülltüte neben ihr, während sie sich eine Schale mit Joghurt, Apfel und Nüssen macht. Wie schön!
In der Hand habe ich die Schüssel mit ihrem Salat, mit Tomaten, Thunfisch und Gurke, die sie nicht mehr will:

Dienstag, 8. August 2017

Shakespeare und Deutschland









Nerv nicht!“


Ich stand vor ihr, in der Tür ihres Zimmers, guckte sie an, ihr Blick war auf den Bildschirm ihres Handys gerichtet und ich versuchte, ihre Worte hinter einem Lachen verschwinden zu lassen, schaffte es aber nicht

Nerv nicht.

Sonntag, 6. August 2017

Vater und Sohn im Bus














Im Bus in Meckenheim setzt sich ein Typ mit Käppi und Kind gegenüber von ihm hin. Ein Vater. Sagt zu seinem Sohn, der so um die zehn ist: „Bald haben wir auch wieder ein Auto…“

Und dann: „Ist aber teuer…“


Samstag, 8. Juli 2017

Mordpläne und Bahngebete











  
Den ganzen Weg nach Bonn denkt er – halb im Spaß, halb todernst – darüber nach, was er dem Yasir denn nun in den Kaffee tun soll, damit er ihn endlich (oder endgültig?) nicht mehr nervt. Er denkt und denkt nach. Er könnte sich jetzt natürlich jetzt im Raum hinter dem Kassenhäuschen den Finger in den Arsch stecken und dann damit in die Tasse packen, bevor er ihm den Kaffee macht. Langsam die Finger über den Rand der Tasse gleiten lassen, wie die das immer in den Filmen machen…und dann damit den Löffel oben anpacken…falls der heiße Kaffee die Koli-Bakterien an seinem Finger doch abgetötet hat.

Freitag, 7. Juli 2017

Schwarzer Blog (Kaffee, bitte!)













Eines Abends, alleine auf der Arbeit, fasst er einen unglaublichen Plan... Vielleicht ist es ja die späte Stunde oder seine in letzter Zeit fast schon chronische Übermüdung, die in dazu bringen. Vielleicht ist es aber auch seine Einsamkeit, abends alleine hier in der “Halle“, draußen ist es schon dunkel und im Fernsehen läuft die Berichterstattung über die linken Ausschreitungen des „schwarzen Blocks“ in Hamburg.“Welcome to hell“ lautet das Motto der teilweise vermummten Demonstranten und „Krawallmacher“, wie der Reporter sie nennt. Und anders als die meisten Kommentare auf Twitter steht er den Aktionen dieser „Chaoten“, „Zecken“ und „Autonomen“ nicht ganz s feindselig gegenüber. Extra twittert er selbst nichts: Denn so würde er sich nur den Zorn der rechtschaffenen, selbstgerechten und natürlich völlig gewaltfreien Gutmenschen zuziehen, die mal wieder auf den Gutmenschen-Zug aufspringen, obwohl dies ja eigentlich im Widerspruch zu ihrer linken Ideologie stehen sollte. Das ist schon komisch: Er selbst, der politisch eher nicht so weit links zu verorten ist, hat Verständnis für die Proteste. Man muss was gegen die Ungerechtigkeiten auf der Welt und in Deutschland tun… Und wer hat sich jemals von friedlichen Protesten umstimmen lassen…? Wir befinden uns hier alle viel zu sehr in einer riesigen nationalen Komfortzone. Endlich mal jemand, der zeigt, dass das deutsche Feuer noch nicht erloschen ist, dass wir nicht alle Teil dieses heuchlerischen Weltgewissens sind, zu dem Deutschland ideologisch verkommen zu sein scheint.

Es gibt noch Protest!

Es gibt wieder Protest…

…und das ist gut so!

Wir sind noch nicht alle eingeschläfert worden.

Wenn er jetzt in Hamburg wäre…
(…er würde sich irgendwo verkriechen, wo er sicher vor Polizei und Bekloppten ist…)
Protest gegen diese reichen Arschlöcher, die anderen alles wegnehmen…


Dann fällt ihm plötzlich etwas auf. Heute sitzt Yasir nicht dort, wo er sonst immer den ganzen Abend sitzt. An der kleinen Sitzgruppe am Eingang. Der geht ihm so auf die Eier, der Typ. Den ganzen Abend sitzt der da, spielt nicht (oder nur auf seinem Handy, was laut eigener Aussage 1000€ gekostet haben soll – ich bin begeistert!), starrt auf sein Handy, telefoniert auf Arabisch und setzt bei manchen Gesprächen ein so schmieriges, so ekelhaftes (das ist sein Lieblingswort auf Deutsch, „ekelhaft“) Lächeln auf, dass man gar nicht wissen will, was er da gerade sagt. Nein, nicht die Automaten beziehungsweise die Tatsache, dass sie dir nicht genug „geben“ sind „ekelhaft“, wie du es immer so falsch sagst, nein, DU bist es! Das geht mir so auf die Eier, dass ich jetzt jedes Mal, wenn der wieder in diesem unnachahmlichen harten und lauten arabischen Tonfall einen KAFFEE haben will, bis 30 zähle, bevor ich überhaupt aufstehe, um ihm einen zu machen. Was für ein Schmierer! Als Gott – oder in dem seinen Fall Allah – die Schmierigkeit, die Aalglattheit verteilt hat, hat Yasir bestimmt laut hier gerufen und Gott (oder Allah) war so erschrocken, dass er ihm gleichen den ganzen Kübel gegeben hat. Aber das reicht noch nicht: Diese kleinen passiv-aggressiven Boykott-Aktionen (ihn mit dem Kaffee warten lassen, ihm nicht Hallo oder Tschüss zu sagen, in seiner Anwesenheit fast permanent die Augen zu rollen) reichen ihm noch lange nicht. Besonders nach dem, was der letztens wieder vom Stapel gelassen hat, als er ihn gefragt hat, ob er Slainté kennt. Und dann denkt er daran, dass vielleicht genau dieser Kaffee, den Yasir so gerne so gebieterisch bei ihm ordert die Lösung seines Problems sein könnte. Denn die Leute hinter der Bar haben auch Macht, auch wenn die für den der letzte Dreck sein mögen. Die kann man auch nicht einfach so verarschen. Ungestraft.

Wie diese schottische Kellnerin aus Trainspotting, von Irvine Welsh, seinem Lieblingsschriftsteller. Die den zudringlichen englischen Jungs aus gutem Hause, die sie plump anmachen und sich an ihrer vermeintlichen Ohnmacht ergötzen, am Ende mehr von ihrem Körper zuführt als sie jemals zu hoffen gewagt hätten. Nämlich indem sie auf Toilette geht und ihren Tampon in die Suppe tunkt, die sie bestellt haben. Ihren Wein mit Pipi versetzt. Ganz zu schweigen von der brown sauce… Lecker, ne?! Ja, Leute wie du, die den ganzen Tag irgendwelche Arschlöcher bedienen, die ihnen nicht mal genug Trinkgeld dafür geben, haben auch Macht. Man muss sie sich nur nehmen. Macht kommt von machen. Wenn der das nächste Mal „Einen Kaffee, bitte…“ sagt, in einem Ton, der das „bitte“ komplett unnötig macht, dann…Ja dann…

Was dann? Was könntest du ihm denn da rein tun? Was könntest du denn da Schönes rein tun? Keine Ahnung…

…aber es ist ja noch eine halbe Woche, bis zu deinem nächsten Dienst…

…viel Zeit zum Nachdenken…

…der Fantasie freien Lauf zu lassen…

…damit es nicht nur bei Körperflüssigkeiten oder -ausscheidungen bleibt…

Immerhin ist das hier nicht Trainspotting…

sondern die REALITÄT, die harte deutsche Realität










Donnerstag, 11. Mai 2017

Ein Finne in der Wüste










Ich möchte für in einer halben Stunde den Tisch reservieren.“

Er guckt auf die Uhr.

„Solange du um halb eins raus bist.“

„Ja, auf jeden Fall.“

 „Ok…und, geht’s dir wieder besser?“

„Ich stecke in der schwersten existentiellen Krise meines Lebens. Das ist ein Abenteuer…

…und ich liebe es.“

Dienstag, 9. Mai 2017

Das arme Deutschland













Larson steht in der Spielhalle hinter der Theke und spült Tassen. Plötzlich kommt dieser Typ in die Halle. Der Künstler... Das sagt eigentlich schon alles. Aber der ist wirklich ein Künstler. Der hat ein Atelier gleich hier in der Nähe, in diesem Hinterhof. Er hat ihn sogar mal dahin eingeladen, hat gesagt, er sei die ganze Nacht wach und er könne kommen, wann er wolle; aber dann, am Ende, ist er doch nicht hingegangen. Obwohl er am Anfang nicht abgeneigt war. Das war kurz nach der Trennung. Wo er noch Redebedarf hatte. Akuten Redebedarf. Hat er den nicht immer noch?! Ja, aber jetzt ist das anderer Redebedarf als damals, direkt nach der Trennung. Damals, wo er sich von dir zwei Euro geliehen hat, die er erst vor kurzem, fast ein Jahr später zurückgezahlt hat.

Donnerstag, 23. Februar 2017

Karneval













Morgens wache ich, ich!, auf. María ist schon wach. Sie will trainieren gehen. Früh, weil heute Weiberfastnacht ist und das Fitnessstudio nicht ewig aufhat. Also ist sie schon wach. Ich auch, ich tue aber so, als wär ich es nicht, während sie durch die Wohnung geistert. Ich rieche etwas Leckeres, aus der Küche. Riecht wie…etwas Gebratenes. Ei…oder Wurst…oder so…


Ich gebe mich als wach zu verstehen. Sie sitzt auf dem Stuhl neben dem Fernseher. Der aus ist. Ich mache ihn an. Die reden über den Orkan, der heute über Deutschland zieht.

„Bei Nicholas Sparks stehen Stürme immer für Veränderungen. Immer, wenn es stürmt, passiert was. Irgendwas. Ein Unglück, die Erlösung, was weiß ich…“, hast du vor Tagen zu María gesagt. Weil sie ja Deutsch-Leistungskurs hat. Oder nicht nur deswegen…?

„Boah, hoffentlich weht der Sturm Karneval weg. Weiberfastnacht… Hoffentlich weht der alles weg…“, sind meine ersten Worte an diesem Worte an diesem Tag. Meine ersten Worte. Am Anfang war das Wort…

Hoffentlich, echt. Und deine Mutter gleich mit. Wenn sie wieder als Insekt verkleidet ist. Wie im Trennungsjahr. Wo sie dich belogen hat. Oder noch schlimmer: Wo sie geschwiegen hat. Nicht gesagt, dass sie fröhlich Karneval feiert, während sie zu Hause dich anschweigt. Dir das silent treatment angedeihen lässt. So tut als ob sie böse wär. Und dann auf dem Foto als fröhliche Scheißhausfliege verkleidet ist. Richtig aufwendig. Während du auf der Arbeit die „Ham-Sie-mal-10-Euro-Kunden“ bedienst. Unahnend. Nichts ahnend.

Etwa 40% aller Bürger und Bürgerinnen hätten einen Anspruch auf eine Sozialwohnung…

Geil, ich bin grade erst fünf Minuten wach. Habe grade den Scheiß-Fernseher angemacht. Und dann sagt diese Tante so was. Unglaublich! Was für ein Land! Ein Land in dem 40%.der.Bürger.und.Bürgerinnen.einen.Anspruch.auf.eine.Sozial-Wohnung.hätten… Gut, dass es uns doch (noch) ach so gut geht…

Überraschende Zahl…, kommentiert die Moderatorin, …40% der Bevölkerung haben einen Anspruch auf eine Sozialwohnung, die es nicht gibt…

„Was hast du gemacht? In der Küche?“

„Porridge“, sagt sie fröhlich, fast sogar ein bisschen belustigt.

„Scheiße. Das riecht viel besser als Porridge.“



Später, als sie weg ist, trainieren, und ich aus dem Bad komme, sehe ich die zusammengelegten Geschirrhandtücher neben dem Wäscheberg. Ich habe die Wäsche kaum reingeholt und schon hat sie begonnen, sie zusammenzulegen. Unglaublich! Sie ist so ein gutes Kind. Und ich… Noch bevor sie zum Fitnessstudio gegangen ist. Und ich…und ich denke: Du hast sie nicht verdient. Du hast nichts von alledem verdient. Und das, obwohl du fast alles verloren hast. Selbst das hast du nicht verdient. Sie ist so ein gutes Kind. Sie hat das nicht verdient. Einen Vater wie dich. Eine Mutter wie deine Ex-Frau. Deine Frau. Sie hat keine Eltern verdient, die ihr nichts geben können. Keine Eltern, die getrennt sind. Manchmal denkst du das.

Aber manchmal denkst du auch: Du gibst ihr auch etwas. Trotz allem. Trotz allem hast du ihr auch etwas zu geben. Du hilfst ihr ja mit der Schule. Und obwohl sie schon fast 18 ist, nimmt sie deine Hilfe noch an. Vielleicht kannst du ihr auch etwas geben. Etwas, dass ihr ein reicher Vater, der den ganzen Tag nicht da ist, nicht geben kann. Also kriegt sie etwas nicht, kriegt aber dafür was anderes. Was auch wichtig ist. Genauso wichtig? Du willst es nicht glauben… Kannst es nicht glauben…

Aber du liebst sie. Es war richtig, in Deutschland zu bleiben. Trotz allem. Wenn auch nur für sie. Nicht mehr für deine Frau. Deine Ex-Frau

Familie ist wichtig

Besonders in unserer Gesellschaft

Was haben wir ohne Familie

Außerdem hast du ja da diese wilde Theorie. Nach der, wenn eine Generation verkorkst ist, so richtig verkorkst ist, so wie du verkorkst ist, dass dann die nächste Generation besser wird. Dass sich also die vorherige Generation, deine also, sozusagen unbewusst aufopfert, damit es der nächsten besser geht. Aber das ist nur eine Theorie. Nur so eine Theorie

Vielleicht wird ja etwas Besseres aus diesem Scheiß. Diesem ganzen Scheiß. Du verlierst eine Frau, aber gewinnst eine Tochter.

Wie sie letztens das mit Freud gesagt hat. Das hat dich umgehauen. Weil du Freud liebst. Und hasst. Weil er ein visionärer Langweiler ist. Das mit dem Sohn, der sich in die Mutter verliebt. Und der Tochter, die sich in den Vater verliebt. Sie meinte, ab einem bestimmten Alter, du meintest immer. Prinzipiell. Generell. Immer.

„Nein. Das ist nur eine Phase. So eine bestimmte Phase…“

„Ja?“

Du hast mich in einer komischen Phase meines Lebens kennengelernt…


Sie wird erwachsen langsam. Auf die harte Tour. Härter als du. Und trotzdem ist sie so gut. S ein guter Mensch. Ich hoffe, dass sie das irgendwann liest. Und heult. Sich einen ganzen Abend die Augen ausheult, so wie ich, wenn ich Exogenesis III von Muse gucke. Immer wieder. Aber ich hoffe auch, dass sie das nicht zu schnell liest. Hoffentlich. Erst in 10, 20 Jahren. Nicht jetzt. Auf keinen Fall jetzt. Weil ich nicht weiß, ob sie das verarbeiten kann, das schon verarbeiten kann. Ich hätte das auch nicht gekonnt. Aber diese Woche war was Besonderes. Du hast zu ihr gefunden. Irgendwie. Hast sie entdeckt. Und was du sahst war gut. Richtig gut. Aber du würdest ihr das nie direkt sagen. Du könntest ihr das nie direkt sagen. Du liebst ihre Mutter immer noch. Sie ist ein richtig guter Mensch. Ein gutes Kind.

„Du bist fast schon zu gut. Du musst mehr von deiner Mutter in deinen Charakter aufnehmen. Du musst mehr wie deine Mutter.“

Obwohl die ja auch gut ist.

Aber jetzt musst du die Curry-Paste und die Zahnbürste für sie holen. Sonst ist es zu spät. Heute ist ja Karneval. Weiberfastnacht.

Und das erste Mal seit Jahren kann ich sagen: Ich will noch nicht sterben. Wahrscheinlich sterbe ich genau deshalb genau jetzt...

Ich will noch nicht gehen. Das erste Mal seit Jahren. Vielleicht schon seit vor der Trennung.

Als ich rausgehe, um die Curry-Paste zu kaufen, die sie will – sie will heute etwas ganz Besonderes kochen! –, denke ich: Heute gehe ich auch raus. Trotz Sturm. Heute ist Weiberfastnacht. Scheiß doch drauf. Ich frage sie, ob sie irgendwas hat, Schminke oder so, und dann gehe ich raus. Trinke mir Mut an. Trinke all die Flasche Alkohol, die sich seit eineinhalb Jahren auf dem Tisch angesammelt haben (zweimal Wein, einmal Sekt) und gehe raus. Scheiß drauf. Heut hab ich Bock! Nur weil ich geschieden bin, muss ich ja nicht wie ein Mönch leben. Sie hat mir das zurückgegeben.  Diese Woche. Die Lust aufs Leben. Danke, María! Dankeschön!

Danke, dass du mir das zurückgegeben hast.

Ohne es zu wissen

Ganz ohne es zu wissen

Danke, obwohl ich dir nicht Danke sagen kann. Nicht im Moment. Es nicht in Worte fassen kann, was du mir zurückgegeben hast