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Sonntag, 21. Januar 2018

Samstagnachts halb zwei in Deutschland II












Mein Freund war wieder sehr sozial. Der hat den ersten Preis für das Kostüm gewonnen. Das hat er dann einem Mädchen geschenkt, weil die so traurig war. Der ist so süß!“

„Fährt der erst um neun?“

„Ja.“

Dienstag, 4. Juli 2017

Bei den Irländern













Abends – es ist schon kurz nach zehn und ich bin gerade aus der Dusche gekommen, nachdem ich mich beim Basketball voll ausgepowert habe, fast bis zum Umfallen – klingelt das Telefon. María!, denke ich sofort. Besser spät als nie. Wenn ich das verdammte Telefon jetzt auch noch finden würde, wäre das noch besser. Wie ein kopfloses Huhn renne ich hin und her durch die gar nicht mehr ganz so chaotische Wohnung. Vom Esstisch in der Küche zum Bett, bei dem ich stehen bleibe. Das muss doch hier irgendwo sein, verdammte Scheiße! Am Ende, nachdem es schon etliche Male geklingelt hat, finde ich es dann doch, auf der Bettdecke. Kaum habe ich es in der Hand, drücke ich auch schon den Knopf, um den Anruf anzunehmen.

Samstag, 31. Dezember 2016

Silvester










Heute ist nicht nur Silvester, sondern auch sein Jahrestag. Ihr Jahrestag. Der 21. Sein Phantom-Jahrestag. Denn das „ihr“ gibt es ja gar nicht mehr. Schon seit fast zwei Jahren nicht mehr. Und er ist ungeduscht, unrasiert, seine Hose hat noch die Erdflecken, wo er letztens im Dunkeln im Wald umgeknickt und sich hingelegt hat. Sich voll hingelegt hat. Bei dem Försterhaus, das so schön weihnachtlich geschmückt war, was ihn dazu veranlasste, sein Handy zu suchen, um ein Foto zu machen, wobei er dann ein bisschen vom Weg abgekommen ist und sich dann hingelegt hat.

Ganz zu schweigen von den Löchern zwischen den Beinen. Aber was soll er auch anziehen, wenn er in den Wald geht. Mit seiner besten Hose und besten Jacke gehen? Und sich alles versauen? Sich weitere Löcher zwischen den Beinen in die neuen Hosen zu laufen – die noch löcherfrei sind?
  
Er schämt sich zwar ein bisschen für sein Äußeres, fährt aber trotzdem zur Arbeit. Es ist ja noch dunkel. Da sieht das ja keiner (was sollen denn die Leute auch denken, wenn sie das sehen!!!!). Er muss seine Kollgin was fragen und will danach von da nach Hause laufen. Von G. Nach I. Die gleiche Kollegin, die ihm an Weihnachten Milka-Schokolade gekauft hat, ohne einen Namen dazu zu schreiben. Ich meine, für wen das ist. Und er hat sie nicht genommen. Hat sie liegengelassen und sie hat sie dann ganz alleine gegessen. Wie sie ihm heute mitteilt. Aber da stand ja auch nur „Damit 2017 besser wird als 2016“ drauf. Wie sollte er denn wissen, dass die Milka-Kleeblätter in der Herzchen-Packung auch wirklich für ihn sind. Und nicht für seinen Chef. Das hätte sie dazu schreiben sollen. Außerdem: So viel Nettigkeit ist er gar nicht gewohnt. Dass jemand einfach so was für ihn tut. Was Nettes. Das ist er gar nicht gewohnt.

„Ich dachte, die wären nicht für mich. Ich bin ja bestimmt nicht der Einzige, der ein schweres Jahr gehabt hat… Ich bin ja bestimmt nicht der Einzige, der leidet… Der Einzige, der einsam ist… Der Einzige, der keine Freunde hat, in diesem freudlosen Land…

„Das hab ich dann auch gedacht.“

„Stand ja auch kein Name drauf. Du musst das besser kennzeichnen, das nächste Mal…“


„Ich dachte, das wäre für den Udo, für den Chef. Vielleicht hat der ja auch ein hartes Jahr gehabt…“

„Der schenkt uns doch auch nichts. Die ganzen Dienste gemacht und was bekommen wir…?!“


Sie war gerade auf dem Sprung, draußen eine rauchen zu gehen. Also gehen wir vor die Tür.

„Und, wie war Weihnachten?“

Ich hab überlebt. Warum fragt sie das überhaupt? Sie weiß doch, wie es war. Beschissen. Will sie das wirklich hören?! Und wenn ja, warum? Aus Schadenfreude, diesem urdeutschen Wort. Oder weil sie besorgt ist. Schadenfreude und Besorgtsein liegt aber auch so nah beieinander.

Er zieht eine Fratze, die eigentlich schon alles sagt: „Das ist schwer…das war schwer…aber an Heiligabend war meine Tochter da…“. Obwohl das einer ihrer Müttertage war, ein Samstag. „Danach ist aber immer noch schwierig…du kennst das ja bestimmt.“

„Ja…ich bin das ja nicht anders gewöhnt“, sagt sie.

So, jetzt sind wir gleich auf!

„Ja, das ist schon Scheiße. An solchen Tagen… an BESONDEREN TAGEN. Ich hab noch zwei Flaschen Wein Zuhause…ein Geschenk…und eine Flasche Sekt. Das müsste reichen. Die knall ich mir dann rein…so um fünf…das müsste reichen… “

„Bleibst du also Zuhause.“

„Nein, danach geh ich irgendwo hin. Wenn ich dann noch irgendwo reinkomme. Irgendwo.“ Nicht wieder ins Sofa, wie letztes Jahr. „Wenn die mich reinlassen. Keine Ahnung, wohin.“ Warum tust du eigentlich immer so cool. Du wolltest doch gar nicht weggehen. Weil das doch zu teuer ist. Oder doch?! Du weißt es nicht.

„Ich bleib bei meinem Hund…“ Sie verzieht das Gesicht eigentlich so ähnlich wie du.

„Ich weiß ja nicht, ob der Angst kriegt…“

„Ja, für Hunde ist das ja nichts, das Feuerwerk.“

Die Freundin von Nadine hat das damals auch gesagt, diese Dicke. Diese Deutsche. Die hatte aber auch Angst vor allem. Ich glaub, die hatte irgendwelche schlechten Erfahrungen gemacht.
Ich erzähle ihr von meinem Termin, DEM TERMIN (hab ich das nicht schon mindestens zweimal gemacht – egal): „Da ist das dann auch durch…“

Und sie stellt mir die Frage (die sie mir auch schon mehrmals gestellt hat; vielleicht stellt sie sie mir auch nur deshalb, weil sie das von dem Termin auch schon mehrmals gehört hat – es gibt im Westen eben nichts Neues): „Und wenn sie jetzt noch kommen würde…“

Am Anfang versteht er sie gar nicht, die Frage (oder will sie nicht verstehen?), dann macht es selbst bei ihm Klick. Klick: „Ach so, das meinst du…“

„Ich meine, wenn sie wieder ankommen würde…“

„Ich weiß nicht…“

Er guckt sie an, verzieht das Gesicht, wie er es jedes Mal an dieser Stelle verzogen hat).

Sie sagt: „…das Vertrauen ist ja dann auch weg.“

„Stimmt…“, pflichtet er ihr bei, „…stimmt, man weiß ja dann auch nicht, ob sie nicht irgendwann wieder…aber es gibt ja eh keine Sicherheiten im Leben…ob sie irgendwann nicht wieder geht…“

Aber für María wäre es sicherlich besser…, sagt er nicht.

„Aber ich glaube, die Tatsache, dass ich „weiß nicht“ gesagt habe, ist ja schon Antwort genug…,“ sagt er.

Das zeigt ja, dass ich froh wäre…, sagt er nicht.

„Ja, das ist dann auch nicht mehr das Wahre…“, sagt sie

„Ne“, lügt er. „Und, was machst du heute Abend“, fragt er. Scheiße, hat sie ihm das eben nicht schon gesagt. Scheiße! Du solltest wirklich an deiner Aufmerksamkeit arbeiten. Echt. Du musst lernen besser zuzuhören…

…wenn du noch besser zuhörst, kannst du dich auch gleich in eine Ecke setzen und gar nichts mehr sagen, so viel, wie du anderen und ihren Problemen immer zuhörst. Wie hat der Kunde das letztens gesagt? „Ich hab nur manchmal das Gefühl, dass der sich gerne reden hört…“ Und du hast geantwortet, vielleicht ein bisschen härter als du wirklich wolltest: „Das Gefühl hab ich bei vielen. Eigentlich bei allen, mit denen ich spreche…“ So war das gar nicht gemeint, das sollte gar nicht auf den bezogen sein, aber…ich glaube er hat es ein bisschen so verstand. Er hat es ein bisschen verstanden. Wie viel soll ich denn noch zuhören? Ich hab auch keinen Bock, mein ganzes Leben immer nur anderen zuzuhören. Was ist denn mit mir…?

Sie gehen wieder rein, in die „Halle“ und er wünscht ihr artig noch einen guten Rutsch und watschelt raus, in seiner dreckigen Hose.


Er geht durch den Wald nach Hause. Es ist kalt. Eiskalt. Diese Scheiße, dieses Scheißland. Anderthalb Stunden ist er unterwegs. Dann isst er eine ganze Packung Rillenfritten von Aldi, schaltet den Coronation Street Omnibus ein und legt sich hin. Nachdem er das Bett neu bezogen hat. Zum neuen Jahr.

Irgendwann um kurz nach fünf wacht er auf. Scheiße, es ist ja immer noch nicht neues Jahr. Fuck! Auf dem Laptop laufen die Nachrichten. Jede Menge Leute haben einen Orden bekommen, in England, oder Großbritannien, um genau zu sein. Geil.

Es ist aber auch nichts drauf. Also schaltet er den Fernseher ein. Ein bisschen deutsches Fernsehen kann ja nicht schaden, oder?! Aber es ist noch zu früh für die Nachrichten, die im Moment das Einzige sind, was ihn interessiert. Gib es zu insgeheim hoffst du doch immer noch auf einen Terroranschlag (am besten bundesweit) oder zumindest einen Atomkrieg, der den anderen die Feier vermiest. Schadenfreude ist ein deutsches Wort.

Im Fernsehen will ein Pfarrer seine Kirche retten und ein nicht mehr ganz so junger Mann gesteht seiner Angebeteten, dass er noch Jungfrau ist. Im englischen Fernsehen auf filmon.com läuft auch nichts Gescheites. Im spanischen auf rtve ebenso wenig. Also guckt er CSI auf 5USA. Obwohl er das hasst. Aber so ein bisschen Amerikanisch vor dem neuen Jahr…

Er hat sich schon fast entschlossen, heute nicht rauszugehen, das Neue Jahr einfach mit sich selbst zu begehen. Sich einen…nein, das hat er schon, bevor er eingeschlafen ist.

Ich hab mein Leben immer so gelebt, wie ich das für richtig halte

Toll, denkt er. Wenn du Schauspielerin bist und an Silvester im Fernsehen dann ist das ja auch nicht so schwer, oder?! Oder?

Der kann sich nicht mehr ändern…und ich auch nicht…


du verlässt ja die Menschen, die dich lieben…

Nadine, wenn du das jetzt liest, du hattest Recht, ich war der mit den Problemen, nicht du. Du hast Freunde. Du hast Freude. Du hast Familie. Du magst es hier.Du bist ja gar kein Narzisst. Das bin ja ich. Scheiße. Der innerlich leere Narzisst, der jetzt auch seine äußere Leere gefunden hat

Zuversicht, Zusammenhalt und Miteinander…betont Merkel in ihrer Neujahrsansprache...

Dann kommt doch noch was, das mich interessiert. Der Film mit…Scheiße, wie heißt der noch mal?? Er googelt es. Mel Gibson. Genau, wusste ich doch. Ich werde alt. Wenn du vergisst, wie Schauspieler heißen, wirst du alt. Selbst wenn es nur deswegen ist, weil du nicht mehr ins Kino gehst. Das ist der Film, wo der Typ plötzlich die Gedanken der Frauen lesen kann. Obwohl er eh schon voll der Frauenheld ist. Was Frauen wollen…wüsstest du auch gerne. Obwohl: So richtig Bock auf Frauen hast du nicht. deswegen gehst du ja auch heute Abend nicht weg. Selbst wenn du jemand kennenlernen würdest, eine neue Frau, du würdest ihr nicht vertrauen. Du könntest ihr nicht vertrauen. Und auch ihr gegenüber


Dauernd verwechselst du das Telefon im Film mit deinem Telefon, das ohnehin stumm geschaltet ist – wie soll es auch anders sein an Silvester. Da ruft eh keiner an. Nicht wegen einer Wohnung und nicht von der Arbeit und überhaupt nicht…

Draußen probiert jemand schon mal Feuerwerk aus. Dabei ist es erst…19:46. Mehrere Male hintereinander ist ein Knall zu hören und er denkt nur: Hoffentlich sprengt der mich in die Luft. Vielleicht ist es ja sein Vermieter mit der Feuerwerkpistole. Der kommt, um ihm, seinem letzten Mieter ein Ende zu setzen. Mit der vermeintlich harmlosen Feuerwerkspistole.

„Kommen Sie schon raus, Herr Flores, ich weiß, dass sie da sind!“

Das Telefon klingelt.

Wieder nur im Film. Immer wenn der da reinkommt. In die Firma. Das solltest du mittlerweile wissen…

Ich gucke den Film ein bisschen…muss sogar lachen…despite myself, a pesar de mí, unfreiwillig…

Lächeln. Ich bin hier alleine, an Silvester, habe einen Haufen Probleme, gucke einen Film auf Englisch und muss lächeln. Das ist doch auch schon mal was…

Das ist doch schon mal was…

Wieder klingelt das Telefon. Und es bricht aus mir heraus. Galgenhumor. Ich muss mir sogar die Spucke von den Lippen wischen, so muss ich lachen…

Etwas

Nicht nichts

Ich denke an Essen. Immer öfter. Öfter als mir lieb ist. Ich hab noch Hackfleisch. Und Nudeln. Nein, Reis. Nein, Nudeln. Mich so richtig vollfressen, an Silvester. Einen ganzen Topf Nudeln essen. Ach nein, das hast du ja schon gestern gemacht. Einen ganzen Topf Nudeln mit Pesto. Scheiße. Keine Nudeln. Reis.

Aber ich schaffe es den Gedanken wegzudrücken. Du musst hungrig bleiben! Weiter schreiben. Weiter Scheiß über Nudeln und Essen und Silvester und Hunde schreiben. Wieso Hunde? Wegen deiner Kollegin? Kann man Hunde auch essen?

Und jetzt hab ich genug! Basta! ¡Basta ya! Jetzt hab ich echt die Schnauze voll. Ich schnappe mir die Flasche Wein, einen Öffner, trinke einen Schluck (baaaaaaaaaaahhhhhhhhh), rasiere mich, dusche mich, ziehe mir mein bestes Hemd an (fuck, das ist mein bestes Hemd???), schließe ab, schließe wieder auf, kontrolliere noch mal, ob alles aus ist, ob ich auch mein Geld habe, schließe noch mal ab (hoffentlich ist keiner so verrückt, BEI MIR einzubrechen) und ziehe los…

We’re gonna paint the town red…


so einfach kann ich dich jetzt doch nicht vom Haken lassen


a guy who treats you like that, talks like that, is not worth it












Freitag, 28. Oktober 2016

Schuld












Ich weiß noch, wie wir damals in der Disko waren. Das eine Mal. Das letzte Mal?

Wie ich getrunken hab. Wie ein Tier.

Wodka, Weizen und alles, was ich an Alkohol bekam. Alles.

Du nichts. Du musstest ja fahren. Und trinken war auch nicht so deins. Dein Ding.

Mich ödete das alles so an. Alles. Wirklich alles. Die Disko, die Musik, die Ehe, die Leute in Bonn, das Leben. Ich wollte mehr. Mehr vom Leben. Es muss doch noch mehr geben als das. Als diesen Alltag. Immer die gleichen Leute. Immer die gleiche Musik. Immer die gleiche Arbeit. Alles langweilig. Ich wollte mehr…

…und heute habe ich weniger. Das hat man davon…

Du wolltest mehr, wolltest Spaß haben, wolltest die Welt ficken, wolltest deine russische Nachbarin ficken. In den Arsch. Auf der Waschmaschine im Keller. Wolltest ihre Freundinnen ficken. Wolltest alles ficken, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Wolltest leben.

Wie einfach und doch wie schwer. Damals wusstest du noch nicht, dass man in Deutschland nicht leben kann, nicht leben darf – es könnte ja die Nachbarn stören.

Wolltest das Leben genießen, wenigstens ein bisschen, bevor du das Zeitliche segnen musstest. Den das wusstest du schon immer – seit du damals als 15-Jähriger in deinem Zimmer unter dem im Bett lagst und dich fragtest, wie viele Jahre dir noch bleiben sollten…wie das wäre mit 30, 35, wie viele Jahre dir dann noch bleiben würden…

…und Angst hattest

and in short, I was afraid

Jetzt weißt du, wie das ist…

…wie sich das anfühlt…

Hättest du das doch mal damals gewusst…

(hättest du auch nichts machen können)


Nichts außer in der Disko auf der Tanzfläche zu stehen, zu bis oben hin, voll von Alkohol, Sehnsucht und Lust, und dieses Lied in ihre Ohren zu singen, zu schreien. Damit sie es auch bloß versteht

Que yo no tengo la culpa…

Que yo no tengo la culpa…

Immer wieder. Immer wieder hattest du nicht die Schuld. Denn das heißt die Zeile auf Deutsch: „Ich bin nicht schuld…“

Heute weiß ich, dass das Lied politisch ist. Damals wusste ich das nicht. Politisch passt auch mehr zu heute als zu damals. Damals war das persönlich, das Lied. Persönlich. Ich nahm das persönlich.

Du wolltest mehr und sie wollte nicht mehr. Sie hatte keinen Bock mehr. Hatte darauf natürlich keinen Bock. Sie wollte sich innerhalb der Gesellschaft austoben. Austanzen. Normal tanzen. Spaß haben. Lächeln.

Ich wollte auch nicht mehr. Ich wollte dieser Gesellschaft den Arsch aufreißen. Die Brust, um zu sehen, ob da irgendwo, irgendwo in diesem tristen Deutschland, noch ein kleines Herz schlägt. Schwach, aber noch nicht tot. Das man vielleicht noch wiederbeleben konnte. Dem man wieder Leidenschaft einflößen könnte. Ich hatte keinen Bock mehr auf die ganze Scheiße. Immer das Gleiche. Zu tanzen wie die anderen tanzen. Zu Musik, die ich nicht mag. Mit Leuten, die ich nicht mag. Und erst ihre Freunde, ihre Familie. Der Horror. Zum Glück wollten die mich nicht sehen…

Ich hatte keinen Bock mehr auf all diese ritualisierten, synchronisierten Bewegungen auf der Tanzfläche, all dieses Arme und Hüften schwingen im Gleichklang der Musik. Nur nicht auffallen, selbst beim Tanzen nicht, alles geregelt. Und das trotz des Alkohols, der natürlich in Strömen floss.

Heute weiß ich, dass es das, was ich wollte, nicht gibt. Nicht in dieser Gesellschaft, nicht in diesem Leben.

Wir müssen alle sterben…

…und ich war schon seit so vielen Jahren tot.

Saß nur noch da und trank. Bestellte gleich zwei Bier auf einmal. Trank ihrs mit. Aber dann kam da dieses Lied. Das ich immer geliebt hatte. Dieses spanische Lied. Das so anders war als diese typischen sinnentleerten Latino-Lieder, die von einer Liebe singen, von einer Leidenschaft, die es in Lateinamerika bestimmt nicht gibt. Und wenn, dann nicht in Ecuador. In den Anden. Ich liebte dieses Lied. Das war für mich der duende, der spanische Urgeist. Den schon Lorca versucht hatte, in Worte zu bannen. Und daran gescheitert war…

Was für ein arrogantes Arschloch ich doch war. Kaum hatte das Lied angefangen und sie wollte von der Tanzfläche runter wieder an ihren Platz, an unseren Platz – das konnte sie nämlich nicht tanzen, nicht einfach so wegtanzen – da hievte ich meinen schweren, vom Alkohol auch nicht wendiger werdenden Körper vom Sofa, auf dem wir saßen, runter und stolperte/torkelte Richtung Tanzfläche.

Das wollte ich jetzt tanzen! Der betrunkene Tanzbär persönlich.

Beziehungsweise singen. Ihr ins Ohr singen. Aber das kam später. Zuerst packte ich sie zur Begrüßung erst mal an den Hintern, richtig hart und gar nicht zart, so dass sie auch was davon hatte… Ich packte ihr voll an den Arsch und versuchte sie zu küssen. Sie wollte nicht. Das wollte sie nicht. Das war ihr peinlich, vor den Leuten. Die vorher bestaunt hatten, wie gut sie tanzen konnte. Immer die gleichen Bewegungen. Wie ein festes Ritual. Sie musste mir den Kuss dann am Ende doch geben – ob sie wollte oder nicht – drückte mich danach aber gleich wieder weg von sich. Ich versuchte sogar mich ein bisschen anzupassen, versuchte für ein paar Augenblicke sogar zu diesem Lied zu tanzen – was überhaupt nicht geht, selbst wenn man ein guter Tänzer ist. Und kein voller Tanzbär mit 90 Kilo Lebendgewicht. Aber sobald der Refrain kam, waren diese plumpen Versuche dazuzugehören eh vorbei und ich ging voll in den Kampf-Modus. Fing an wie bekloppt, den Refrain mitzusingen.

QUE YO NO TENGO LA CULPA…

SI YO NO TENGO LA CULPA:…

Wie in Bekloppter. Und selbst wenn ihr das Grapschen und küssen vorher nicht schon peinlich genug gewesen wäre…das Mitgesinge gefiel ihr definitiv nicht.

Wen wolltest du eigentlich damit beeindrucken?! Sie, die Leute, dich…oder gar niemanden? War das etwa ein authentischer Ausdruck deiner Seele, deiner Identität? Vielleicht

In England ist das auch beliebter als hier in Deutschland. Das gibt es ja auch noch Karaoke-Abende in den Pubs. Und die Fußballfans singen auch volle 90 Minuten lang mit, wenn ihr Team spielt (ob gut oder schlecht ist dabei oft sogar egal). Aber in Deutschland, da darf man nur geordnet gut tanzen (am besten noch in einem Tanzkurs gelernt). Selbst das Trinken verläuft, bis auf bei ein paar Jugendlichen, in geregelten Bahnen.

Aber was man nicht darf, was man auf keinem Fall darf, ist seiner Frau in volltrunkenem Zustand mitten auf der Tanzfläche den Refrain eines Liedes in die Ohren zu grölen

QUE YO NO TENGO LA CULPA…

SI YO NO TENGO LA CULPA…

Selbst wenn dieses Lied, wie bei „Entre dos tierras“ definitiv der Fall, durchaus eine persönliche Note für dich hatte. Denn – wie gesagt – heißt Yo no tengo la culpa auf Deutsch: Ich bin es nicht schuld. Ich hab keine Schuld. Und Si yo no tengo la culpa heißt soviel wie: Wenn ich dir doch sage, dass ich nicht daran schuld bin. Dass mich keine Schuld trifft.

Am Ende, selbst nachdem der Refrain schon lange vorbei war, schrie ich nur noch das:

SI YO NO TENGO LA CULPA

So als wollte ich ihr etwas sagen damit. So als hätte das eine tiefere Bedeutung. Hatte es ja auch. Denn ich fühlte mich zutiefst schuldig. An den Streiten, dem ganzen Ärger, den wir hatten. Das konnte Nadine schon immer gut: Mir Schuldgefühle einreden. Denn am Ende unserer Beziehung war ich quasi alleine an allem schuld. Daran, dass ihre Schwester sie nicht besuchte, dass keine ihrer Freunde bei uns vorbeikamen, dass ich immer das Falsche sagte, immer zu ehrlich war und natürlich, dass ich nicht tanzen und nur singen konnte (und selbst das nur im betrunkenen Zustand). Sie war komplett, saß – wie du damals immer sagtest auf ihrem hohen Ross – verteilte die Schuld, schleuderte die Schuld förmlich auf dich herab. So wie du ihr ins Ohr schriest, als gäbe es kein Morgen.

Immer wieder. Bis ihr das Grapschen und Geschreie schließlich zu viel wurde und sie sie die Tanzfläche verließ und wieder an unseren Platz auf dem Sofa zurückging. Aber was solltest du auch machen. Du hast es wenigstens versucht…

…du hast nicht die Schuld…

Zumindest nicht die alleinige Schuld. Das ist wie in diesem Buch, das du gerade liest. Toxic Parents von Susan Forward. Wo die schreibt, dass du nicht schuld bist, weil du noch ein Kind warst, dass du nichts für das Verhalten deiner Eltern kannst. Dass das ihre Schuld war…

…und nicht deine…

Ok, du bist jetzt selber erwachsen, du bist jetzt selber Vater. Du bist jetzt selber schuld. Aber trotzdem: Das, was Susan Forward schreibt, hat dir irgendwie die Augen geöffnet.

Du bist nicht an allem schuld.

Du bist auch nicht an allem schuld!

Du bist auch nicht alleine an allem schuld!

Die anderen haben auch eine Verantwortung!

¡Tú no tienes la culpa!

¡No tienes la culpa de todo!

¡YO NO TENGO LA CULPA!

No de todo

No del todo





Jetzt, wo du so drüber nachdenkst: Vielleicht wusste sie da sogar schon, dass es keine Zukunft gibt. Dass es aus ist.

Vielleicht ist es besser so…

…aber warum tut es dann so weh.