Schon um neun Uhr
irgendwas klingelt es. Fast schon Sturm. Auf jeden Fall nicht nur einmal. Nein,
keine Angst, die können dich nicht gepfändet haben, haha. Und die Polizei ist
es, soweit ich weiß, auch nicht. Also muss es wohl María sein. Und du hattest
noch gar keine Zeit, dir jetzt schon einen anzuzwitschern. Obwohl ich schon
wach bin, schon seit kurz nach acht. Obwohl ich gestern erst um halb vier ins
Bett gekommen bin. Nach der Arbeit war ich zwar schon um zwei zu Hause, aber da
ich heute frei hatte, dachte ich: Dann kannst du ja noch was machen. Dann
kannst du ja noch was fernsehen. Beziehungsweise Pornos im Internet gucken,
immer auf der Suche nach dem perfekten Porno.
Ein Blog über das Leben, die Liebe, Beziehungen, Verlust, Angst, Spaß, die Lust, die Lust am Schreiben,Südamerika, Musik, südamerikanische Frauen, die Liebe, Spanisch, Englisch, Schottland, Spanien, Deutschland, dat Rheinland, Kinder, Literatur, Vergänglichkeit, Arbeit, Politik, die Mafia, Urlaub, Gewalt, Verbrechen, Sex, große und kleine Gefühle und vieles, vieles, vieles mehr ...
Posts mit dem Label Alkohol werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Alkohol werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Dienstag, 23. Januar 2018
Heiligabend (im Wechselmodell)
Labels:
Alkohol,
Ecuador,
Einsamkeit,
Familie,
Kommunikation,
Krise,
Leben,
Leere,
Leiden,
Liebe,
Literatur,
Trauer,
Vater-Tochter-Beziehung,
Vatersein,
Wechselmodell,
Weihnachten
Sonntag, 21. Januar 2018
Samstagnachts halb zwei in Deutschland II
„Mein Freund war wieder sehr
sozial. Der hat den ersten Preis für das Kostüm gewonnen. Das hat er dann einem
Mädchen geschenkt, weil die so traurig war. Der ist so süß!“
„Fährt der erst um neun?“
„Ja.“
Sonntag, 24. Dezember 2017
Einen Tag vor Heiligabend: Na dann Prost!
Last Christmas, I gave you my heart
But the very next day you gave it away
This year, to save me from tears
I'll give it to someone special…
But the very next day you gave it away
This year, to save me from tears
I'll give it to someone special…
(Wham! - Last Christmas)
Ich hätte richtig Bock an
Heiligabend ein bisschen Alkohol zu trinken. Um zu vergessen. Vergessen, dass meine
Frau nicht mehr da ist (Tschuldigung, meine Ex-Frau meine ich natürlich). Um zu
vergessen, dass sie, meine Tochter, nur den halben oder noch nicht mal den
halben Tag da ist, an Heiligabend! Dass sie später den Leuten ins Gesicht
lächeln wird, die deine Ehe auf dem Gewissen haben, die dich kaputtgemacht
haben und jetzt alles haben, während du nichts hast. Nur eine Tochter, und auch
die nur die Hälfte des Tages (wenn überhaupt). Dass die ihr schmierig, kokett
ins Gesicht lächeln werden, der Schwager zum Beispiel und wer weiß wer sich
sonst noch bei denen rumtreibt, an Heiligabend. Heiligabend. Ihre Familie war
ihr nicht heilig, soviel ist sicher. Obwohl: ihre Familie schon. Meine, unsere nicht… Und María liegt
dazwischen. Ich hätte echt Bock, aber ich kann nicht. Das kannst du nicht
bringen! Dir vor ihr an Heiligabend, diesem heiligsten Abend im Jahr, einen
anzuzwitschern. Obwohl du noch Alkohol da hast. Zwei Flaschen, die du seit
anderthalb Jahren nicht angerührt hast. Du bist also kein Alkoholiker. Du magst
die Scheiße noch nicht mal richtig. Alkohol schmeckt dir nicht. Du könntest nie
ein Alkoholiker sein, werden. Aber trotzdem wäre das ein Tabubruch…und würde
auch von deiner Tochter als solcher aufgenommen. Also wirst du nüchtern alles
ertragen und danach – wie jedes Jahr seit der Trennung – in den Wald gehen,
alleine, ganz alleine, der letzte Mensch auf der Welt…
Freitag, 17. Februar 2017
Traumdeutung: Zwischen Traum und Realität
Ich, das heißt, das, was von mir noch übrig ist, befinde mich auf einer Feier. Keine
Ahnung, was das für eine Feier ist, aber auf jeden Fall sind da ganz viele
große, lange Tische in einem Saal. Eine Familienfeier. Für die
ganze Familie. Und tatsächlich: Nadine ist auch da. In der Küche. Wo sie das
Essen vorbereitet. Das Essen für die wilde Meute da draußen. Und du gehst immer
wieder hin und her. Zwischen deinem Tisch, wo du an der Ecke sitzt (keine Ahnung
neben oder mit wem) und der Küche, wo Nadine ist und wo du dir immer wieder
Alkohol nachholst. Wie früher, als du noch getrunken hast. Als du noch gesoffen
hast wie ein Loch. Als gäbe es kein Morgen mehr.
Freitag, 28. Oktober 2016
Schuld
Ich weiß noch, wie wir damals in der
Disko waren. Das eine Mal. Das letzte Mal?
Wie ich getrunken hab. Wie ein Tier.
Wodka, Weizen und alles, was ich an
Alkohol bekam. Alles.
Du nichts. Du musstest ja fahren. Und
trinken war auch nicht so deins. Dein Ding.
Mich ödete das alles so an. Alles.
Wirklich alles. Die Disko, die Musik, die Ehe, die Leute in Bonn, das Leben.
Ich wollte mehr. Mehr vom Leben. Es muss doch noch mehr geben als das. Als
diesen Alltag. Immer die gleichen Leute. Immer die gleiche Musik. Immer die gleiche
Arbeit. Alles langweilig. Ich wollte mehr…
…und heute habe ich weniger. Das hat man
davon…
Du wolltest mehr, wolltest Spaß haben,
wolltest die Welt ficken, wolltest deine russische Nachbarin ficken. In den
Arsch. Auf der Waschmaschine im Keller. Wolltest ihre Freundinnen ficken.
Wolltest alles ficken, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Wolltest leben.
Wie einfach und doch wie schwer. Damals
wusstest du noch nicht, dass man in Deutschland nicht leben kann, nicht leben
darf – es könnte ja die Nachbarn stören.
Wolltest das Leben genießen, wenigstens
ein bisschen, bevor du das Zeitliche segnen musstest. Den das wusstest du schon
immer – seit du damals als 15-Jähriger in deinem Zimmer unter dem im Bett lagst
und dich fragtest, wie viele Jahre dir noch bleiben sollten…wie das wäre mit
30, 35, wie viele Jahre dir dann noch bleiben würden…
…und Angst hattest
and
in short, I was afraid
Jetzt weißt du, wie das ist…
…wie sich das anfühlt…
Hättest du das doch mal damals gewusst…
(hättest du auch nichts machen können)
Nichts außer in der Disko auf der
Tanzfläche zu stehen, zu bis oben hin, voll von Alkohol, Sehnsucht und Lust,
und dieses Lied in ihre Ohren zu singen, zu schreien. Damit sie es auch bloß
versteht
Que
yo no tengo la culpa…
Que yo no tengo la culpa…
Immer wieder. Immer wieder hattest du
nicht die Schuld. Denn das heißt die Zeile auf Deutsch: „Ich bin nicht
schuld…“
Heute weiß ich, dass das Lied politisch
ist. Damals wusste ich das nicht. Politisch passt auch mehr zu heute als zu
damals. Damals war das persönlich, das Lied. Persönlich. Ich nahm das
persönlich.
Du wolltest mehr und sie wollte nicht
mehr. Sie hatte keinen Bock mehr. Hatte darauf natürlich keinen Bock. Sie
wollte sich innerhalb der Gesellschaft austoben. Austanzen. Normal tanzen. Spaß
haben. Lächeln.
Ich wollte auch nicht mehr. Ich wollte
dieser Gesellschaft den Arsch aufreißen. Die Brust, um zu sehen, ob da
irgendwo, irgendwo in diesem tristen Deutschland, noch ein kleines Herz
schlägt. Schwach, aber noch nicht tot. Das man vielleicht noch wiederbeleben
konnte. Dem man wieder Leidenschaft einflößen könnte. Ich hatte keinen Bock
mehr auf die ganze Scheiße. Immer das Gleiche. Zu tanzen wie die anderen
tanzen. Zu Musik, die ich nicht mag. Mit Leuten, die ich nicht mag. Und erst
ihre Freunde, ihre Familie. Der Horror. Zum Glück wollten die mich nicht sehen…
Ich hatte keinen Bock mehr auf all diese
ritualisierten, synchronisierten Bewegungen auf der Tanzfläche, all dieses Arme
und Hüften schwingen im Gleichklang der Musik. Nur nicht auffallen, selbst beim
Tanzen nicht, alles geregelt. Und das trotz des Alkohols, der natürlich in
Strömen floss.
Heute weiß ich, dass es das, was ich
wollte, nicht gibt. Nicht in dieser Gesellschaft, nicht in diesem Leben.
Wir müssen alle sterben…
…und ich war schon seit so vielen Jahren
tot.
Saß nur noch da und trank. Bestellte
gleich zwei Bier auf einmal. Trank ihrs mit. Aber dann kam da dieses Lied. Das
ich immer geliebt hatte. Dieses spanische Lied. Das so anders war als diese
typischen sinnentleerten Latino-Lieder, die von einer Liebe singen, von einer
Leidenschaft, die es in Lateinamerika bestimmt nicht gibt. Und wenn, dann nicht
in Ecuador. In den Anden. Ich liebte dieses Lied. Das war für mich der duende, der spanische Urgeist. Den schon
Lorca versucht hatte, in Worte zu bannen. Und daran gescheitert war…
Was für ein arrogantes Arschloch ich
doch war. Kaum hatte das Lied angefangen und sie wollte von der Tanzfläche
runter wieder an ihren Platz, an unseren Platz – das konnte sie nämlich nicht
tanzen, nicht einfach so wegtanzen – da hievte ich meinen schweren, vom Alkohol
auch nicht wendiger werdenden Körper vom Sofa, auf dem wir saßen, runter und stolperte/torkelte
Richtung Tanzfläche.
Das wollte
ich jetzt tanzen! Der betrunkene
Tanzbär persönlich.
Beziehungsweise singen. Ihr ins Ohr
singen. Aber das kam später. Zuerst packte ich sie zur Begrüßung erst mal an
den Hintern, richtig hart und gar nicht zart, so dass sie auch was davon hatte…
Ich packte ihr voll an den Arsch und versuchte sie zu küssen. Sie wollte nicht.
Das wollte sie nicht. Das war ihr peinlich, vor den Leuten. Die vorher
bestaunt hatten, wie gut sie tanzen konnte. Immer die gleichen Bewegungen. Wie
ein festes Ritual. Sie musste mir den Kuss dann am Ende doch geben – ob sie wollte
oder nicht – drückte mich danach aber gleich wieder weg von sich. Ich versuchte
sogar mich ein bisschen anzupassen, versuchte für ein paar Augenblicke sogar zu
diesem Lied zu tanzen – was überhaupt nicht geht, selbst wenn man ein guter
Tänzer ist. Und kein voller Tanzbär mit 90 Kilo Lebendgewicht. Aber sobald der
Refrain kam, waren diese plumpen Versuche dazuzugehören eh vorbei und ich ging
voll in den Kampf-Modus. Fing an wie bekloppt, den Refrain mitzusingen.
QUE
YO NO TENGO LA CULPA…
SI YO NO TENGO LA CULPA:…
Wie in Bekloppter. Und selbst wenn ihr
das Grapschen und küssen vorher nicht schon peinlich genug gewesen wäre…das
Mitgesinge gefiel ihr definitiv nicht.
Wen wolltest du eigentlich damit
beeindrucken?! Sie, die Leute, dich…oder gar niemanden? War das etwa ein
authentischer Ausdruck deiner Seele, deiner Identität? Vielleicht
In England ist das auch beliebter als
hier in Deutschland. Das gibt es ja auch noch Karaoke-Abende in den Pubs. Und
die Fußballfans singen auch volle 90 Minuten lang mit, wenn ihr Team spielt (ob
gut oder schlecht ist dabei oft sogar egal). Aber in Deutschland, da darf man
nur geordnet gut tanzen (am besten noch in einem Tanzkurs gelernt). Selbst das
Trinken verläuft, bis auf bei ein paar Jugendlichen, in geregelten Bahnen.
Aber was man nicht darf, was man auf
keinem Fall darf, ist seiner Frau in volltrunkenem Zustand mitten auf der Tanzfläche
den Refrain eines Liedes in die Ohren zu grölen
QUE YO NO TENGO LA CULPA…
SI YO NO TENGO LA CULPA…
Selbst wenn dieses Lied, wie bei „Entre
dos tierras“ definitiv der Fall, durchaus eine persönliche Note für dich hatte.
Denn – wie gesagt – heißt Yo no tengo la
culpa auf Deutsch: Ich bin es nicht schuld. Ich hab keine Schuld. Und Si yo no tengo la culpa heißt soviel
wie: Wenn ich dir doch sage, dass ich nicht daran schuld bin. Dass mich keine
Schuld trifft.
Am Ende, selbst nachdem der Refrain schon
lange vorbei war, schrie ich nur noch das:
SI YO NO TENGO LA CULPA
So als wollte ich ihr etwas sagen damit.
So als hätte das eine tiefere Bedeutung. Hatte es ja auch. Denn ich fühlte mich
zutiefst schuldig. An den Streiten, dem ganzen Ärger, den wir hatten. Das
konnte Nadine schon immer gut: Mir Schuldgefühle einreden. Denn am Ende unserer
Beziehung war ich quasi alleine an allem schuld. Daran, dass ihre Schwester sie
nicht besuchte, dass keine ihrer Freunde bei uns vorbeikamen, dass ich immer
das Falsche sagte, immer zu ehrlich war und natürlich, dass ich nicht tanzen und
nur singen konnte (und selbst das nur im betrunkenen Zustand). Sie war
komplett, saß – wie du damals immer sagtest auf ihrem hohen Ross – verteilte
die Schuld, schleuderte die Schuld förmlich auf dich herab. So wie du ihr ins
Ohr schriest, als gäbe es kein Morgen.
Immer wieder. Bis ihr das Grapschen und
Geschreie schließlich zu viel wurde und sie sie die Tanzfläche verließ und
wieder an unseren Platz auf dem Sofa zurückging. Aber was solltest du auch
machen. Du hast es wenigstens versucht…
…du hast nicht die Schuld…
Zumindest nicht die alleinige Schuld.
Das ist wie in diesem Buch, das du gerade liest. Toxic Parents von Susan Forward. Wo die schreibt, dass du nicht
schuld bist, weil du noch ein Kind warst, dass du nichts für das Verhalten
deiner Eltern kannst. Dass das ihre Schuld war…
…und nicht deine…
Ok, du bist jetzt selber erwachsen, du
bist jetzt selber Vater. Du bist jetzt selber schuld. Aber trotzdem: Das, was
Susan Forward schreibt, hat dir irgendwie die Augen geöffnet.
Du bist nicht an allem schuld.
Du bist auch nicht an allem schuld!
Du bist auch nicht alleine an allem
schuld!
Die anderen haben auch eine
Verantwortung!
¡Tú no tienes la culpa!
¡No tienes la culpa de todo!
¡YO NO TENGO LA CULPA!
No de todo
No del todo
Jetzt, wo du so drüber nachdenkst: Vielleicht
wusste sie da sogar schon, dass es keine Zukunft gibt. Dass es aus ist.
Vielleicht ist es besser so…
…aber warum tut es dann so weh.
Donnerstag, 22. September 2016
Nichts ist unmöglich - Deutschland
Wenn ich einmal sterbe, möchte ich
eingeäschert werden, hörst du. Du bist jetzt für mich verantwortlich. Ich habe
niemanden außer dir. Keine Ahnung, ob deine schmalen Schultern das tragen
können, die Verantwortung, diese schwere Last, mein Gewicht, aber so ist es
eben…
Ich möchte im Höllenfeuer schmoren. Für
immer und ewig. Amen. Er lächelt.
Sie stehen an der Haltestelle und warten
auf den Bus. Ihren Bus. Er hat sie noch zum Bus gebracht. Weil er eh zur Bank
muss…
…und weil er das früher, bei Nadine,
auch immer so gemacht.
Merke: Die Tochter ist kein
Partnerersatz.
Ich weiß, du Muthafucka!
Muthafucka ist in diesem Zusammenhang
auch nicht gerade angebracht. Das ist viel zu eindeutig zweideutig.
Ok, ist gut. Ist ja gut.
Plötzlich sagt sie: Was soll ich machen,
in Kunst?
Einen Gesichtsausdruck musst du machen,
ne?!
Ja. Der will uns fotografieren. Wir
sollen etwas einstudieren. Der Päd…
Keine Ahnung, sagt er müde. Schrei
einfach. Ich würde einfach schreien…
wenn ich könnte
würde ich einfach schreien
Oder guck böse. Oder mach das. Er greift
sich mit dem Zeigefinger an die Tränensäcke und zieht sie nach unten. Dann
sieht das so schwarz aus, dadrunter. Das ist geil, das haben wir früher als Kinder
immer gemacht.
Irgendwie sieht sie voll nicht
begeistert aus. Von seinem Vorschlag.
Plötzlich hat sie eine Idee, sagt: Ich
decke einfach die eine Hälfte ab. Sie tut sich die Hand über die eine Hälfte
des Gesichts. So. Die mach ich schwarz. Das ist es. Und die andere lasse ich
offen.
Hey, ja genau! Das ist geil! Das ist doch mal ne gute Idee! Das ist sogar
tiefgründig. Geil
Das hat sie bestimmt aus dem Internet…
Wie bei einer gespaltenen Persönlichkeit.
Eine Seite in Dunkelheit gehüllt, die andere im Licht. Welche ist seine, welche
die ihrer Mutter? Die in der Dunkelheit oder die im Licht
Das ist gut. Echt!
Und schon kommen ihr Zweifel. Kaum hat
er gesagt, dass er die Idee gut findet, da kommen ihr auch schon wieder Zweifel.
Oder bildet er sich das nur (wieder) ein.
Wann musst du morgen in die Schule?
Normal.
Scheiße, dann sehe ich dich ja gar
nicht…
In Deutschland kann man nicht leben. Die
lassen dich nicht. Keine Chance. Die lassen dich nicht in Ruhe. Dabei wollte er
doch immer nur eins: Dass sie ihn in Ruhe lassen. Das hat er jetzt davon. Wenn
man in Ruhe gelassen werden will, wird man noch härter. Mit Eselpenis, wie sein
kurdischer Kunde sagen würde. Sein Kollege
Sind wir nicht alle Kollegen in
Deutschland
Ich sag dir das. Auch nicht in Berlin.
Geh nach Valencia. Oder nach Cádiz. Oder nach Madrid. Oder irgendwohin. Aber
bleib nicht in Deutschland. die lassen dich nicht
leben
Das ist ja schließlich deine Rolle als
Vater, ihr etwas fürs Leben mitzugeben.
Und schon kommt ihr Bus und sie ist weg.
Er auch. Ich bin wieder weg…
Er macht sich leicht schwankend und müde
auf den Weg zur Bank. Die Sonne scheint und trotzdem ist die Luft frisch, klar,
hier oben. Er war noch nie so nah daran, Alki zu werden, denkt er. Noch nie so
nah dran, seine Sorgen im Alkohol zu ertränken wie jetzt. Er hat sogar noch
eine Flasche Wein Zuhause… Die hat er schon über ein Jahr. Das letzte Mal hat
er an Neujahr getrunken. Wie ein Loch. An ihrem Jahrestag. Dem zwanzigsten.
Manchmal ist es zu hart, das Leben so zu
ertragen. Pur. Ohne alles
Ein Leben pur bitte… Nein, ohne Cola, nur
pur.
Wie in Schottland damals. Da hat er gelebt. Da ist er in Bars gegangen,
hat gesoffen, geheult, gelebt. Warum macht er das hier eigentlich nicht? Weil
das mehr als fünfzehn Jahre her ist und jetzt schon fast 40 ist. 40 sind keine
24 mehr. Im Kopf schon. Im Kopf bleibt man jung. Nur der Körper...
…wie er diesem Mädchen, dieser Schottin,
einfach so den Whisky weggetrunken hat. Im Waterhole.
Dem Wasserloch. So hieß die Studentenkneipe da. Die war immer voll, jeden
Abend. Bis zwölf Uhr. Oder hat er den Whiskey Paulina weggetrunken? Oder
beiden. Auf jeden Fall hat er diese blonde Schottin bequatscht, dass sie zu der
Spanierin, ja, der mit den kurzen Haaren, rübergeht und der sagt, dass er sie
liebt. Dass er sie immer noch liebt. Und die hat das echt gemacht. Die hat das
für einen Witz gehalten. Diese Festlandeuropäer, und besonders diese Deutschen,
die sind doch eh alle ein bisschen seltsam. Am Ende hat ihn Paulina dann
weggezogen von der Schottin. Weil er peinlich war? Oder weil sie gemerkt hat,
dass er ziemlich gut bei der ankam, mit seinem schwarzen, britischen Humor und
seinem südländischen Aussehen. Vielleicht stand die ja auch insgeheim auf ihn…
Damals ist er auch einer Frau
hinterhergelaufen. Wie heute. Aber wenigstens hatte er Spaß dabei. Wenn er
nicht gerade die Wände hochgegangen ist…
Dieses eine Jahr in Schottland; das war
vielleicht echt das einzige Jahr in seinem Leben, wo er gelebt hat, wo er
richtig gelebt hat.
Nur heute ist er gute 15 Jahre älter,
nur ein paar Monate von40 entfernt.
Man ist nie zu alt.
Man ist so alt wie man sich fühlt.
Ach, fick dich doch!
150-160, aber rüstig.
Morgens lief das mit Brangelina im
Fernsehen. Die haben sich getrennt, Brad Pitt und Angelina Jolie. Mit sechs
Kindern! Wenn die sich schon trennen, diese Stars, die alles haben, scheinbar,
was für eine Chance habe ich dann? Wenn sogar denen ihre Ehe nicht hält? Der
Westen schafft sich ab und die Scheidungsanwälte bringen vorher noch ihr
Vermögen in Sicherheit. Vor ihren Frauen. Oder Männern. Er hatte immer gedacht,
die Ehe der beiden würde ewig dauern. Obwohl es Gerüchte gab…
Er hatte immer gedacht, seine Ehe würde
ewig dauern, er könne ewig so weiterleben. Arm, aber glücklich. Pobre pero feliz. Wie die Indios das in
Ecuador das auf die Autos schreiben.
Aber die Realität sieht anders aus. Die
Realität sieht immer anders aus
So wie bei diesem Typen aus Bonn, von
dem er heute gelesen hat. Dem „Tattoo-Killer“, der eher aussah wie ein
tätowierter Freddie Mercury. Mit seinem Clone-Schnäuzer und der runden
Sonnenbrille (bestimmt ein Foto aus besseren Zeiten).Der angeblich seine Ex und
seinen Sohn ermordet haben soll. In einem ganz normalen Block in Duisdorf, wo
er früher mit Nadine gewohnt hat. Den haben sie erwischt. In einem Puff in
Duisdorf. 15,000 € hatte er mitgehen lassen. Angeblich soll er spielsüchtig
sein und die Hälfte schon wieder verspielt haben. Ein „Familiendrama“ hieß es.
Heißt es immer, in der Presse, wenn der Vater mordet. Fast nie die Mutter. Oder
wenn, dann gibt sie nur ihr Einverständnis.
Nadine steht auf Familiendramen.
Später, vor dem Spiegel, als er sich
rasiert, denkt er: Du musst das alles nicht immer so negativ sehen. Es gibt
immer eine Lösung, im Leben. Es gibt immer eine Lösung. Solange man lebt
Nichts ist unmöglich
Abonnieren
Posts (Atom)