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Dienstag, 23. Januar 2018

Heiligabend (im Wechselmodell)














Schon um neun Uhr irgendwas klingelt es. Fast schon Sturm. Auf jeden Fall nicht nur einmal. Nein, keine Angst, die können   dich nicht gepfändet haben, haha. Und die Polizei ist es, soweit ich weiß, auch nicht. Also   muss es wohl María sein.    Und du hattest noch gar keine Zeit, dir jetzt schon einen anzuzwitschern.   Obwohl ich schon wach bin, schon seit kurz nach acht. Obwohl ich  gestern erst um halb vier ins Bett gekommen bin. Nach der Arbeit war ich zwar schon um  zwei zu Hause, aber da ich heute frei hatte, dachte ich: Dann kannst du ja noch was machen.   Dann kannst du ja noch was fernsehen.    Beziehungsweise Pornos im Internet gucken, immer auf der    Suche nach dem perfekten Porno.

Sonntag, 21. Januar 2018

Samstagnachts halb zwei in Deutschland II












Mein Freund war wieder sehr sozial. Der hat den ersten Preis für das Kostüm gewonnen. Das hat er dann einem Mädchen geschenkt, weil die so traurig war. Der ist so süß!“

„Fährt der erst um neun?“

„Ja.“

Sonntag, 24. Dezember 2017

Einen Tag vor Heiligabend: Na dann Prost!



Last Christmas, I gave you my heart
But the very next day you gave it away
This year, to save me from tears
I'll give it to someone special…
(Wham! - Last Christmas)
  







Ich hätte richtig Bock an Heiligabend ein bisschen Alkohol zu trinken. Um zu vergessen. Vergessen, dass meine Frau nicht mehr da ist (Tschuldigung, meine Ex-Frau meine ich natürlich). Um zu vergessen, dass sie, meine Tochter, nur den halben oder noch nicht mal den halben Tag da ist, an Heiligabend! Dass sie später den Leuten ins Gesicht lächeln wird, die deine Ehe auf dem Gewissen haben, die dich kaputtgemacht haben und jetzt alles haben, während du nichts hast. Nur eine Tochter, und auch die nur die Hälfte des Tages (wenn überhaupt). Dass die ihr schmierig, kokett ins Gesicht lächeln werden, der Schwager zum Beispiel und wer weiß wer sich sonst noch bei denen rumtreibt, an Heiligabend. Heiligabend. Ihre Familie war ihr nicht heilig, soviel ist sicher. Obwohl: ihre Familie schon. Meine, unsere nicht… Und María liegt dazwischen. Ich hätte echt Bock, aber ich kann nicht. Das kannst du nicht bringen! Dir vor ihr an Heiligabend, diesem heiligsten Abend im Jahr, einen anzuzwitschern. Obwohl du noch Alkohol da hast. Zwei Flaschen, die du seit anderthalb Jahren nicht angerührt hast. Du bist also kein Alkoholiker. Du magst die Scheiße noch nicht mal richtig. Alkohol schmeckt dir nicht. Du könntest nie ein Alkoholiker sein, werden. Aber trotzdem wäre das ein Tabubruch…und würde auch von deiner Tochter als solcher aufgenommen. Also wirst du nüchtern alles ertragen und danach – wie jedes Jahr seit der Trennung – in den Wald gehen, alleine, ganz alleine, der letzte Mensch auf der Welt…

Freitag, 17. Februar 2017

Traumdeutung: Zwischen Traum und Realität













Ich, das heißt, das, was von mir noch übrig ist, befinde mich auf einer Feier. Keine Ahnung, was das für eine Feier ist, aber auf jeden Fall sind da ganz viele große, lange Tische in einem Saal. Eine Familienfeier. Für die ganze Familie. Und tatsächlich: Nadine ist auch da. In der Küche. Wo sie das Essen vorbereitet. Das Essen für die wilde Meute da draußen. Und du gehst immer wieder hin und her. Zwischen deinem Tisch, wo du an der Ecke sitzt (keine Ahnung neben oder mit wem) und der Küche, wo Nadine ist und wo du dir immer wieder Alkohol nachholst. Wie früher, als du noch getrunken hast. Als du noch gesoffen hast wie ein Loch. Als gäbe es kein Morgen mehr. 
  

Freitag, 28. Oktober 2016

Schuld












Ich weiß noch, wie wir damals in der Disko waren. Das eine Mal. Das letzte Mal?

Wie ich getrunken hab. Wie ein Tier.

Wodka, Weizen und alles, was ich an Alkohol bekam. Alles.

Du nichts. Du musstest ja fahren. Und trinken war auch nicht so deins. Dein Ding.

Mich ödete das alles so an. Alles. Wirklich alles. Die Disko, die Musik, die Ehe, die Leute in Bonn, das Leben. Ich wollte mehr. Mehr vom Leben. Es muss doch noch mehr geben als das. Als diesen Alltag. Immer die gleichen Leute. Immer die gleiche Musik. Immer die gleiche Arbeit. Alles langweilig. Ich wollte mehr…

…und heute habe ich weniger. Das hat man davon…

Du wolltest mehr, wolltest Spaß haben, wolltest die Welt ficken, wolltest deine russische Nachbarin ficken. In den Arsch. Auf der Waschmaschine im Keller. Wolltest ihre Freundinnen ficken. Wolltest alles ficken, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Wolltest leben.

Wie einfach und doch wie schwer. Damals wusstest du noch nicht, dass man in Deutschland nicht leben kann, nicht leben darf – es könnte ja die Nachbarn stören.

Wolltest das Leben genießen, wenigstens ein bisschen, bevor du das Zeitliche segnen musstest. Den das wusstest du schon immer – seit du damals als 15-Jähriger in deinem Zimmer unter dem im Bett lagst und dich fragtest, wie viele Jahre dir noch bleiben sollten…wie das wäre mit 30, 35, wie viele Jahre dir dann noch bleiben würden…

…und Angst hattest

and in short, I was afraid

Jetzt weißt du, wie das ist…

…wie sich das anfühlt…

Hättest du das doch mal damals gewusst…

(hättest du auch nichts machen können)


Nichts außer in der Disko auf der Tanzfläche zu stehen, zu bis oben hin, voll von Alkohol, Sehnsucht und Lust, und dieses Lied in ihre Ohren zu singen, zu schreien. Damit sie es auch bloß versteht

Que yo no tengo la culpa…

Que yo no tengo la culpa…

Immer wieder. Immer wieder hattest du nicht die Schuld. Denn das heißt die Zeile auf Deutsch: „Ich bin nicht schuld…“

Heute weiß ich, dass das Lied politisch ist. Damals wusste ich das nicht. Politisch passt auch mehr zu heute als zu damals. Damals war das persönlich, das Lied. Persönlich. Ich nahm das persönlich.

Du wolltest mehr und sie wollte nicht mehr. Sie hatte keinen Bock mehr. Hatte darauf natürlich keinen Bock. Sie wollte sich innerhalb der Gesellschaft austoben. Austanzen. Normal tanzen. Spaß haben. Lächeln.

Ich wollte auch nicht mehr. Ich wollte dieser Gesellschaft den Arsch aufreißen. Die Brust, um zu sehen, ob da irgendwo, irgendwo in diesem tristen Deutschland, noch ein kleines Herz schlägt. Schwach, aber noch nicht tot. Das man vielleicht noch wiederbeleben konnte. Dem man wieder Leidenschaft einflößen könnte. Ich hatte keinen Bock mehr auf die ganze Scheiße. Immer das Gleiche. Zu tanzen wie die anderen tanzen. Zu Musik, die ich nicht mag. Mit Leuten, die ich nicht mag. Und erst ihre Freunde, ihre Familie. Der Horror. Zum Glück wollten die mich nicht sehen…

Ich hatte keinen Bock mehr auf all diese ritualisierten, synchronisierten Bewegungen auf der Tanzfläche, all dieses Arme und Hüften schwingen im Gleichklang der Musik. Nur nicht auffallen, selbst beim Tanzen nicht, alles geregelt. Und das trotz des Alkohols, der natürlich in Strömen floss.

Heute weiß ich, dass es das, was ich wollte, nicht gibt. Nicht in dieser Gesellschaft, nicht in diesem Leben.

Wir müssen alle sterben…

…und ich war schon seit so vielen Jahren tot.

Saß nur noch da und trank. Bestellte gleich zwei Bier auf einmal. Trank ihrs mit. Aber dann kam da dieses Lied. Das ich immer geliebt hatte. Dieses spanische Lied. Das so anders war als diese typischen sinnentleerten Latino-Lieder, die von einer Liebe singen, von einer Leidenschaft, die es in Lateinamerika bestimmt nicht gibt. Und wenn, dann nicht in Ecuador. In den Anden. Ich liebte dieses Lied. Das war für mich der duende, der spanische Urgeist. Den schon Lorca versucht hatte, in Worte zu bannen. Und daran gescheitert war…

Was für ein arrogantes Arschloch ich doch war. Kaum hatte das Lied angefangen und sie wollte von der Tanzfläche runter wieder an ihren Platz, an unseren Platz – das konnte sie nämlich nicht tanzen, nicht einfach so wegtanzen – da hievte ich meinen schweren, vom Alkohol auch nicht wendiger werdenden Körper vom Sofa, auf dem wir saßen, runter und stolperte/torkelte Richtung Tanzfläche.

Das wollte ich jetzt tanzen! Der betrunkene Tanzbär persönlich.

Beziehungsweise singen. Ihr ins Ohr singen. Aber das kam später. Zuerst packte ich sie zur Begrüßung erst mal an den Hintern, richtig hart und gar nicht zart, so dass sie auch was davon hatte… Ich packte ihr voll an den Arsch und versuchte sie zu küssen. Sie wollte nicht. Das wollte sie nicht. Das war ihr peinlich, vor den Leuten. Die vorher bestaunt hatten, wie gut sie tanzen konnte. Immer die gleichen Bewegungen. Wie ein festes Ritual. Sie musste mir den Kuss dann am Ende doch geben – ob sie wollte oder nicht – drückte mich danach aber gleich wieder weg von sich. Ich versuchte sogar mich ein bisschen anzupassen, versuchte für ein paar Augenblicke sogar zu diesem Lied zu tanzen – was überhaupt nicht geht, selbst wenn man ein guter Tänzer ist. Und kein voller Tanzbär mit 90 Kilo Lebendgewicht. Aber sobald der Refrain kam, waren diese plumpen Versuche dazuzugehören eh vorbei und ich ging voll in den Kampf-Modus. Fing an wie bekloppt, den Refrain mitzusingen.

QUE YO NO TENGO LA CULPA…

SI YO NO TENGO LA CULPA:…

Wie in Bekloppter. Und selbst wenn ihr das Grapschen und küssen vorher nicht schon peinlich genug gewesen wäre…das Mitgesinge gefiel ihr definitiv nicht.

Wen wolltest du eigentlich damit beeindrucken?! Sie, die Leute, dich…oder gar niemanden? War das etwa ein authentischer Ausdruck deiner Seele, deiner Identität? Vielleicht

In England ist das auch beliebter als hier in Deutschland. Das gibt es ja auch noch Karaoke-Abende in den Pubs. Und die Fußballfans singen auch volle 90 Minuten lang mit, wenn ihr Team spielt (ob gut oder schlecht ist dabei oft sogar egal). Aber in Deutschland, da darf man nur geordnet gut tanzen (am besten noch in einem Tanzkurs gelernt). Selbst das Trinken verläuft, bis auf bei ein paar Jugendlichen, in geregelten Bahnen.

Aber was man nicht darf, was man auf keinem Fall darf, ist seiner Frau in volltrunkenem Zustand mitten auf der Tanzfläche den Refrain eines Liedes in die Ohren zu grölen

QUE YO NO TENGO LA CULPA…

SI YO NO TENGO LA CULPA…

Selbst wenn dieses Lied, wie bei „Entre dos tierras“ definitiv der Fall, durchaus eine persönliche Note für dich hatte. Denn – wie gesagt – heißt Yo no tengo la culpa auf Deutsch: Ich bin es nicht schuld. Ich hab keine Schuld. Und Si yo no tengo la culpa heißt soviel wie: Wenn ich dir doch sage, dass ich nicht daran schuld bin. Dass mich keine Schuld trifft.

Am Ende, selbst nachdem der Refrain schon lange vorbei war, schrie ich nur noch das:

SI YO NO TENGO LA CULPA

So als wollte ich ihr etwas sagen damit. So als hätte das eine tiefere Bedeutung. Hatte es ja auch. Denn ich fühlte mich zutiefst schuldig. An den Streiten, dem ganzen Ärger, den wir hatten. Das konnte Nadine schon immer gut: Mir Schuldgefühle einreden. Denn am Ende unserer Beziehung war ich quasi alleine an allem schuld. Daran, dass ihre Schwester sie nicht besuchte, dass keine ihrer Freunde bei uns vorbeikamen, dass ich immer das Falsche sagte, immer zu ehrlich war und natürlich, dass ich nicht tanzen und nur singen konnte (und selbst das nur im betrunkenen Zustand). Sie war komplett, saß – wie du damals immer sagtest auf ihrem hohen Ross – verteilte die Schuld, schleuderte die Schuld förmlich auf dich herab. So wie du ihr ins Ohr schriest, als gäbe es kein Morgen.

Immer wieder. Bis ihr das Grapschen und Geschreie schließlich zu viel wurde und sie sie die Tanzfläche verließ und wieder an unseren Platz auf dem Sofa zurückging. Aber was solltest du auch machen. Du hast es wenigstens versucht…

…du hast nicht die Schuld…

Zumindest nicht die alleinige Schuld. Das ist wie in diesem Buch, das du gerade liest. Toxic Parents von Susan Forward. Wo die schreibt, dass du nicht schuld bist, weil du noch ein Kind warst, dass du nichts für das Verhalten deiner Eltern kannst. Dass das ihre Schuld war…

…und nicht deine…

Ok, du bist jetzt selber erwachsen, du bist jetzt selber Vater. Du bist jetzt selber schuld. Aber trotzdem: Das, was Susan Forward schreibt, hat dir irgendwie die Augen geöffnet.

Du bist nicht an allem schuld.

Du bist auch nicht an allem schuld!

Du bist auch nicht alleine an allem schuld!

Die anderen haben auch eine Verantwortung!

¡Tú no tienes la culpa!

¡No tienes la culpa de todo!

¡YO NO TENGO LA CULPA!

No de todo

No del todo





Jetzt, wo du so drüber nachdenkst: Vielleicht wusste sie da sogar schon, dass es keine Zukunft gibt. Dass es aus ist.

Vielleicht ist es besser so…

…aber warum tut es dann so weh.











Donnerstag, 22. September 2016

Nichts ist unmöglich - Deutschland









Wenn ich einmal sterbe, möchte ich eingeäschert werden, hörst du. Du bist jetzt für mich verantwortlich. Ich habe niemanden außer dir. Keine Ahnung, ob deine schmalen Schultern das tragen können, die Verantwortung, diese schwere Last, mein Gewicht, aber so ist es eben…



Ich möchte im Höllenfeuer schmoren. Für immer und ewig. Amen. Er lächelt.



Sie stehen an der Haltestelle und warten auf den Bus. Ihren Bus. Er hat sie noch zum Bus gebracht. Weil er eh zur Bank muss…

…und weil er das früher, bei Nadine, auch immer so gemacht.

Merke: Die Tochter ist kein Partnerersatz.

Ich weiß, du Muthafucka!

Muthafucka ist in diesem Zusammenhang auch nicht gerade angebracht. Das ist viel zu eindeutig zweideutig.

Ok, ist gut. Ist ja gut.



Plötzlich sagt sie: Was soll ich machen, in Kunst?

Einen Gesichtsausdruck musst du machen, ne?!

Ja. Der will uns fotografieren. Wir sollen etwas einstudieren. Der Päd…

Keine Ahnung, sagt er müde. Schrei einfach. Ich würde einfach schreien…

wenn ich könnte

würde ich einfach schreien

Oder guck böse. Oder mach das. Er greift sich mit dem Zeigefinger an die Tränensäcke und zieht sie nach unten. Dann sieht das so schwarz aus, dadrunter. Das ist geil, das haben wir früher als Kinder immer gemacht.

Irgendwie sieht sie voll nicht begeistert aus. Von seinem Vorschlag.

Plötzlich hat sie eine Idee, sagt: Ich decke einfach die eine Hälfte ab. Sie tut sich die Hand über die eine Hälfte des Gesichts. So. Die mach ich schwarz. Das ist es. Und die andere lasse ich offen.

Hey, ja genau! Das ist geil! Das ist doch mal ne gute Idee! Das ist sogar tiefgründig. Geil

Das hat sie bestimmt aus dem Internet…

Wie bei einer gespaltenen Persönlichkeit. Eine Seite in Dunkelheit gehüllt, die andere im Licht. Welche ist seine, welche die ihrer Mutter? Die in der Dunkelheit oder die im Licht

Das ist gut. Echt!

Und schon kommen ihr Zweifel. Kaum hat er gesagt, dass er die Idee gut findet, da kommen ihr auch schon wieder Zweifel. Oder bildet er sich das nur (wieder) ein.



Wann musst du morgen in die Schule?

Normal.

Scheiße, dann sehe ich dich ja gar nicht…




In Deutschland kann man nicht leben. Die lassen dich nicht. Keine Chance. Die lassen dich nicht in Ruhe. Dabei wollte er doch immer nur eins: Dass sie ihn in Ruhe lassen. Das hat er jetzt davon. Wenn man in Ruhe gelassen werden will, wird man noch härter. Mit Eselpenis, wie sein kurdischer Kunde sagen würde. Sein Kollege

Sind wir nicht alle Kollegen in Deutschland

Ich sag dir das. Auch nicht in Berlin. Geh nach Valencia. Oder nach Cádiz. Oder nach Madrid. Oder irgendwohin. Aber bleib nicht in Deutschland. die lassen dich nicht


leben


Das ist ja schließlich deine Rolle als Vater, ihr etwas fürs Leben mitzugeben.



Und schon kommt ihr Bus und sie ist weg. Er auch. Ich bin wieder weg…





Er macht sich leicht schwankend und müde auf den Weg zur Bank. Die Sonne scheint und trotzdem ist die Luft frisch, klar, hier oben. Er war noch nie so nah daran, Alki zu werden, denkt er. Noch nie so nah dran, seine Sorgen im Alkohol zu ertränken wie jetzt. Er hat sogar noch eine Flasche Wein Zuhause… Die hat er schon über ein Jahr. Das letzte Mal hat er an Neujahr getrunken. Wie ein Loch. An ihrem Jahrestag. Dem zwanzigsten.

Manchmal ist es zu hart, das Leben so zu ertragen. Pur. Ohne alles

Ein Leben pur bitte… Nein, ohne Cola, nur pur.

Wie in Schottland damals. Da hat er gelebt. Da ist er in Bars gegangen, hat gesoffen, geheult, gelebt. Warum macht er das hier eigentlich nicht? Weil das mehr als fünfzehn Jahre her ist und jetzt schon fast 40 ist. 40 sind keine 24 mehr. Im Kopf schon. Im Kopf bleibt man jung. Nur der Körper...

…wie er diesem Mädchen, dieser Schottin, einfach so den Whisky weggetrunken hat. Im Waterhole. Dem Wasserloch. So hieß die Studentenkneipe da. Die war immer voll, jeden Abend. Bis zwölf Uhr. Oder hat er den Whiskey Paulina weggetrunken? Oder beiden. Auf jeden Fall hat er diese blonde Schottin bequatscht, dass sie zu der Spanierin, ja, der mit den kurzen Haaren, rübergeht und der sagt, dass er sie liebt. Dass er sie immer noch liebt. Und die hat das echt gemacht. Die hat das für einen Witz gehalten. Diese Festlandeuropäer, und besonders diese Deutschen, die sind doch eh alle ein bisschen seltsam. Am Ende hat ihn Paulina dann weggezogen von der Schottin. Weil er peinlich war? Oder weil sie gemerkt hat, dass er ziemlich gut bei der ankam, mit seinem schwarzen, britischen Humor und seinem südländischen Aussehen. Vielleicht stand die ja auch insgeheim auf ihn…

Damals ist er auch einer Frau hinterhergelaufen. Wie heute. Aber wenigstens hatte er Spaß dabei. Wenn er nicht gerade die Wände hochgegangen ist…

Dieses eine Jahr in Schottland; das war vielleicht echt das einzige Jahr in seinem Leben, wo er gelebt hat, wo er richtig gelebt hat. 

Nur heute ist er gute 15 Jahre älter, nur ein paar Monate von40 entfernt.

Man ist nie zu alt.

Man ist so alt wie man sich fühlt.

Ach, fick dich doch!

150-160, aber rüstig.



Morgens lief das mit Brangelina im Fernsehen. Die haben sich getrennt, Brad Pitt und Angelina Jolie. Mit sechs Kindern! Wenn die sich schon trennen, diese Stars, die alles haben, scheinbar, was für eine Chance habe ich dann? Wenn sogar denen ihre Ehe nicht hält? Der Westen schafft sich ab und die Scheidungsanwälte bringen vorher noch ihr Vermögen in Sicherheit. Vor ihren Frauen. Oder Männern. Er hatte immer gedacht, die Ehe der beiden würde ewig dauern. Obwohl es Gerüchte gab…

Er hatte immer gedacht, seine Ehe würde ewig dauern, er könne ewig so weiterleben. Arm, aber glücklich. Pobre pero feliz. Wie die Indios das in Ecuador das auf die Autos schreiben.

Aber die Realität sieht anders aus. Die Realität sieht immer anders aus

So wie bei diesem Typen aus Bonn, von dem er heute gelesen hat. Dem „Tattoo-Killer“, der eher aussah wie ein tätowierter Freddie Mercury. Mit seinem Clone-Schnäuzer und der runden Sonnenbrille (bestimmt ein Foto aus besseren Zeiten).Der angeblich seine Ex und seinen Sohn ermordet haben soll. In einem ganz normalen Block in Duisdorf, wo er früher mit Nadine gewohnt hat. Den haben sie erwischt. In einem Puff in Duisdorf. 15,000 € hatte er mitgehen lassen. Angeblich soll er spielsüchtig sein und die Hälfte schon wieder verspielt haben. Ein „Familiendrama“ hieß es. Heißt es immer, in der Presse, wenn der Vater mordet. Fast nie die Mutter. Oder wenn, dann gibt sie nur ihr Einverständnis.

Nadine steht auf Familiendramen.




Später, vor dem Spiegel, als er sich rasiert, denkt er: Du musst das alles nicht immer so negativ sehen. Es gibt immer eine Lösung, im Leben. Es gibt immer eine Lösung. Solange man lebt

Nichts ist unmöglich