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Donnerstag, 1. Februar 2018

In guten wie in schlechten Zeiten





"Den späten Zustand der Zivilisation charakterisiere:
  • das Greisenhafte statt des Jugendlichen, Geschichtslosigkeit,
  • Künstlichkeit und Erstarrung aller Lebensbereiche,
  • Herrschaft der anorganischen Weltstadt anstelle des lebensvollen bäuerlich geprägten Landes,
  • kühler Tatsachensinn anstelle der Ehrfurcht vor dem Überlieferten,
  • Materialismus und Irreligiosität,
  • anarchische Sinnlichkeit, panem et circenses, Unterhaltungsindustrien,
  • Zusammenbruch der Moral und Tod der Kunst,
  • Zivilisationskriege und Vernichtungskämpfe,
  • Imperialismus und die Heraufkunft formloser Gewalten."
(Quelle: Der Untergang des Abendlandes – Wikipedia-Eintrag)








Im Morgenmagazin läuft ein Bericht über Pflegekräfte in Deutschland.

Den Alltag bewältigt seine 75-jährige Frau alleinI

„Wir haben das gemacht, mit guten und schlechten Zeiten und es bleibt dabei. Wenn ich mal nicht gar nicht mehr kann, dann ist das was anderes, dann muss man das sehen, aber solange ich noch kann…“, sagt die selbst fast blinde alten Dame, die ihren lungenkrebskranken Mann pflegt, der beide Beine verloren hat…

Sonntag, 28. Januar 2018

Atomkrieg, Bob Dylan und Selbstmord














Nachts fährt mich mein Kollege Sascha zum Bahnhof. Ich mag Sascha und Sascha mich glaub ich auch. Wir unterhalten uns, wie immer:

„Hast du das von Hawaii gehört. Mit den falschen Alarmmeldungen… Wo die dachten, die werden mit Atomwaffen angegriffen…“

„Ja, krass, ne?!“

„Nur weil da einer aus Versehen auf den Knopf gekommen ist… Dass so was überhaupt möglich ist… Dass so was überhaupt von nur einer Person ausgelöst werden kann… Boah, ich wär so ausgetickt…“

Samstag, 13. Januar 2018

Sogar die Mona Lisa zerfällt















Es gibt Sachen, die gehen kaputt und die bleiben kaputt. Die bleiben dann auch kaputt. Als ich daran denke, werde ich traurig. So ist das Leben nun mal: Man kann nicht alles kitten. So sehr du es auch versuchst, es geht nicht. Da kannst du machen, was du willst. Man kann sie wieder zusammenkleben, die Vase, aber die Risse bleiben sichtbar.

Dienstag, 26. Dezember 2017

Zahltag: Eine Rachegeschichte



Warnung: Die folgenden Zeilen sind natürlich - wie im Übrigen alles hier - rein ficktiv und geben nicht die Meinung des Autors wieder. Jegliche Ähnlichkeiten mit (noch) lebenden Personen ist ebenfalls rein ficktiv und purer Zufall!









Ihr kann ich nichts tun. Sie bedeutet mir zu viel. Noch immer. Aber du, du bist etwas ganz anderes. Du bedeutest mir NICHTS. Du bist nur Scheiße.

Für das Arschloch von Vermieter, für die zwei Umzüge, für das ganze Geld, das ich verloren habe.

Du wirst leiden. Für all die Scheiße, die du mir angetan hast, die andere mir jemals angetan haben. Für alles. Für meine Eltern, für Ivan, José, Christoph, für all die Leute, die mich ignoriert haben, mich hinter meinem Rücken beleidigt haben, die mich geschnitten haben, mein ganzes Leben. So ist das Leben: Wir bezahlen immer für die Sünden anderer… Musste ich auch, amigo. Enemigo…

Ich weiß, du bist nicht an allem schuld, was in meinem Leben schiefgelaufen ist, aber…

…dich habe ich erwischt. Du stehst für SIE. Für sie, für sie alle. Alle, die mich jemals verarscht haben, alle, die mich jemals betrogen haben, mich abgezogen haben. An dir werde ich ein Exempel statuieren. Das ist Pech für dich. Aber so ist das Leben. Nicht immer gerecht.

Zuerst sagt er nichts, aber dann fängt er an, irgendwas zu murmeln, das ich nicht verstehe. Oder nur halb. Muss wohl an dem Klebeband liegen. Das ich noch vom letzten UMZUG übrig habe. Oder noch von früher, wo ich noch mit IHR zusammen war. Ich verstehe ihn nicht. Will ihn nicht verstehen. Was für einen Unterschied würde das jetzt noch machen, jetzt, wo er hier auf dem Boden liegt. Und weg muss. Keinen! Also ist es egal. Er ist jetzt nicht mehr der große Mann, der er einst war… Der er einst dachte zu sein…

…heute bezahlst du für alle Leute, die dir jemals selbstgefällig ins Gesicht gelacht haben (for all the fucking smug smiles I’ve had to endure), das ganze Leid, die ganze Scheiße, die ganze Beziehungsscheiße (all the relationshit), Jetzt bist du nicht mehr so groß. Für all die Tränen, die nicht gekommen sind, nicht mehr gekommen sind, all die Wochenenden, an denen ich meine Tochter nicht gesehen habe, die ganzen Streitigkeiten mit IHR, die ganze Scheiße. Du musst das auch verstehen. Es ist bestimmt nicht schwer zu verstehen, mit all dem Blut im Mund. Ist doch verständlich?! Sonst müssen wir immer alles verstehen. Was ihr macht. Aber jetzt nicht mehr. Ich will endlich mal nicht verstehen, nur handeln, einfach nur handeln.

Er macht komische Geräusche. Keine Ahnung, was er mir damit sagen will. Aber ich muss das auch nicht verstehen, nicht mehr, jetzt nicht mehr…

Sage leise, aber bestimmt: „¡Te callas! ¡Hijo de puta, hijo de la gran puta! ¡Hijo de mierda! ¡Háblame en español, en castellano, no esta mierda de longos!“, sage ich mit einem spanischen Akzent, den ich mir angewöhnt habe, damit ich nicht mehr rede wie SIE, nicht mehr reden muss, wie sie…

Ich gebe ihm einen Tritt und er hört auf zu reden. Winselt nur noch irgendwie rum. Jetzt hör schon auf, du Lutscher. Das war noch nicht mal richtig! Ich will mir ja nicht an dir noch den Fuß brechen. Außerdem tut es mir immer noch weh. Ich mag keine Gewalt. Aber irgendwann kommt jeder an einen Punkt…an dem er nicht mehr kann, an der er die Schnauze voll hat, an dem das Fass überläuft…an dem er sich nicht mehr alles gefallen lassen will…

Das ist so wie deine Kollegin das sagt. Deine Kollegin, deren Lieblingsfilm dieser eine Film mit Michael Douglas ist. Wo der ausflippt, dieser ganz normale Typ. Mit gutem Anzug, gutem Job, gutem Auto. Weil die Frau den verlassen hat. Und wie viele Frauen das nun mal machen, die Kinder gleich mitgenommen hat. Das ist der Trigger bei dem. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und im Laufe des Films sogar mit der Panzerfaust rumballert. Das ist der Lieblingsfilm meiner Kollegin. Aber die hat das nie in die Tat umgesetzt. Ihre geheimsten Wünsche und Triebe. Ich schon. Heute… die meinten ja auch, die könnten mich für immer verarschen, jeden Tag zum Essen kommen und zum Dank noch meiner Frau nachstellen. Klar… Normal… Mit ihr Fahrrad fahren wollen. ¿Quieres hacer bicicleta? Wie oft hast du das damals gefragt?! Viermal?! Heute fahre ich Fahrrad. Mit dir! Aber ohne Sattel! Hoy voy a hacer bicicleta contigo… Yo…contigo…no ella…

Manche Sachen gehen eben nur mit Gewalt… Hörst du?! „Manche Sachen gehen nur mit Gewalt!“

Das gilt für die kleinen wie für die großen Dinge des Lebens…

Sogar ein Wassermann kommt irgendwann an diesen Punkt…

Die Friedfertigkeit ist vielleicht gut für Gandhi, aber nicht für dich…

Vielleicht bin ich ja auch im Aszendenten etwas anderes…Böseres…

¡Ya te digo qué te calles, hijo de puta!

Du hast alles bekommen, immer schon, und ich hab alles verloren! Du kannst SIE sehen, sogar meine Tochter, du kannst sie schmierig anlächeln, am Wochenende, wenn sie bei ihrer Mutter ist.

Was soll ich jetzt mit dir machen?

Ich beuge mich zu ihm runter: „Was soll ich mit dir machen? Sag mir…, sag mir das…“

Er sagt nichts, guckt mich nur mit diesen großen Rehaugen an. Tieraugen.

Und dann wache ich aus dem Traum auf und es ist immer noch Weihnachten. Dieses Jahr ist Weihnachten aber auch scheißlang… Zieht sich wie Kaugummi. Geht immer wigga. Imma wigga… Mannomann, du hast echt zu viel Eminem gehört... In den letzten Tagen. Viel zu viel. Das ist nicht gut für dich. Wie hat das deine Mutter (und dein Vater) damals immer gesagt?! „Du weißt nie, wann du aufhören, wann es Zeit ist aufzuhören…“ Bis heute nicht. Ist das jetzt gut oder schlecht? Das weißt du auch nicht. Du weißt, dass du nicht viel weißt…

Oder ist er es, der aus dem Traum aufwacht. Den Traum von seiner Schwägerin (welcher?), von den Töchtern seiner Schwägerinnen (welcher?), geht mein (und sein) Alptraum etwa weiter und ich bin wirklich hier, in dieser Wohnung, mit ihm auf dem Boden, sauber getaped, eine Platzwunde an der Stirn. Wer soll das denn putzen, du machst meinen ganzen Boden dreckig. Soll ich etwa deine Schwägerin anrufen, damit sie putzen kommt, oder was?!

Scheiße, was mach ich denn jetzt mit dir…

Ich reibe mir die Augen, richte mich mühsam auf. Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Jetzt damit anfangen. Mit Gewalt muss man früh anfangen. Erfahrung sammeln. Sonst ist es zu spät. Aber man hat nicht immer eine Wahl im Leben. Manchmal geht es einfach nicht anders, im Leben.










Donnerstag, 21. Dezember 2017

Drei Tage vor Weihnachten


  
Er hat sich direkt unterm Fenster
An einem Balken aufgehängt,
Man kann die Kirchenglocken von hier hören,
Wenn man ganz leise ist 
Ein Tagebuch liegt auf dem Tisch,
Der letzte Eintrag ist noch frisch
Nur einen Satz schrieb er groß und breit
 
„Ich bin hier und Bethlehem ist weit
Frohe Weihnacht, ich hoffe es geht euch gut,
Seid nicht böse über meine Flucht
Ich schau' euch trotzdem von hier oben beim Feiern zu“
(Die Toten Hosen - "Weihnachstmann vom Dach")

  







Hast du Geld?“

Sie steht am Kühlschrank, holt die Knusper-Gockelchen raus, die du so liebst. Die von Aldi. Deine Knusper-Gockelchen. Um sie sich zu machen. Ok, sie hat gefragt, aber… Zwei Stück! Dann ist gleich keiner mehr übrig für dich. Oder nur einer. Da lohnt sich ja fast nicht, den überhaupt zu machen. Um eins, nachdem du die 16 Stunden Intervall-Fasten hinter dich gebracht hast, um die Kilos zu verlieren, die du dir in der letzten Zeit angefressen hast. Bestimmt bist du wieder über hundert Kilo. Hundertpro. Vielleicht sogar über 110.


Montag, 18. Dezember 2017

German Beauty (Respektabilität, Ordnung und Uniformität)













Du willst das, du willst dieses Leben. Mit dem Reihenhaus, ordentlich eingereiht (eins wie das andere) und eingerichtet, die Schuhe ordentlich in einer Reihe vor der Tür, nachts in der Kälte (brrrh…), die Fahrräder links davon, hinter diesem kleinen Holzgeländer,  der 500-Zoll-Fernseher (so einen großen hast du fast noch nie gesehen, außer vielleicht bei Media-Markt, die Designer-Stühle (oder zumindest sehen sie für dich danach aus, und sogar die bunt bemalten Latten, die die Treppe nach oben vom Wohnzimmer abschirmen sollen und dem ganzen eine raue Authentizität verleihen sollen, sehen in dieser Umgebung perfekt aus. Alles ist ordentlich, immer ein bisschen abgedunkelt (was du hasst wie die Pest, was aber bei all diesen Leuten so ist, diesen Leuten, die Geld haben), so als hätte man sogar die Dunkelheit befriedet. Das einzige Lebendige die Katze, bei der gefragt wird, ob sie dich stört (nein, tut sie nicht, definitiv nicht, das arme Tier). Du willst das: Respektabilität, versinken in der Konformität und Uniformität dieses Lebens. Du bist zu alt, um den Rock & Roll zu leben, den du ohnehin nie richtig gelebt hast.

Donnerstag, 9. November 2017

The time of our lives - Die Zeit unseres Lebens




IV. DEATH BY WATER
 
Phlebas the Phoenician, a fortnight dead,

Forgot the cry of gulls, and the deep seas swell

And the profit and loss.

                          A current under sea
Picked his bones in whispers. As he rose and fell

He passed the stages of his age and youth

Entering the whirlpool.

                          Gentile or Jew

O you who turn the wheel and look to windward,
 320
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as you.


T.S. Eliot, The Waste Land 















Vanity of vanities, says the Preacher,
    vanity of vanities! All is vanity.
What does man gain by all the toil
    at which he toils under the sun?
A generation goes, and a generation comes,
    but the earth remains forever.

Ecclesiastes 1, 1-3
 









Als ich so abends, an diesem dunklen, kalten, nassen Novemberabend, durch Bonn-Duisdorf haste, um meinen Zug nach Meckenheim noch zu bekommen, vorbei an der Videothek an der Haltestelle am Rathaus, vorbei an Domino’s Pizza, vorbei am Ärztehaus (und vor allen Dingen vorbei an unserer alten Wohnung), muss ich plötzlich denken: All diese Zeit, die weg ist, einfach so weg ist. Nicht nur unsere gemeinsame Zeit hier, sondern all Die Zeit. Die Zeit in Großbuchstaben. Kapitälchen, die ihr zusätzliches Gewicht verleihen, das sie gar nicht braucht, so schnell, wie sie verfliegt, wie sie an einem vorbeifliegt, einem durch die Finger rinnt.


Dienstag, 24. Oktober 2017

Adler-Olsen, Chigurh und das Schwarze Buch






Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, 
blickt der Abgrund auch in dich hinein
Friedrich Nietzsche 







Ich gucke Adler-Olsen im Zweiten. Habe ich letzte Woche auch schon gemacht. War auch letzte Woche schon geil. Keine Ahnung, welche Folge besser war. Die heutige hieß Erlösung. War wieder krass. Und ich frage mich: Wie kriegen die das hin? Wie kriegen die das nur hin, die Skandinavier. Immer so nah an den menschlichen Abgrund zu gehen…

Montag, 23. Oktober 2017

Gott einen guten Mann sein lassen...














Er steht in der Sonne am Meckenheimer Busbahnhof und wartet auf den Bus nach Bad Godesberg, als ihm plötzlich dieser Gedanke kommt: Vielleicht hast du ja jetzt, heute die Gelassenheit, die dir damals abgegangen ist. Als du noch jung warst und Angst hattest, für immer eine Jungfrau zu bleiben. Der Himmel außerhalb des düsteren Haltestellenhäuschens aus Backstein mit seinem Holzdach und seinen dunklen Balken im Inneren ist so blau, dass er schon fast unheimlich anmutet, zumindest für Deutschland, wo er ganz sicher nicht dem klassischen Herbstwetter entspricht. Es ist wirklich keine einzige Wolke zu sehen. Noch nicht mal am Horizont. Nirgends. Fast schon symbolisch, denkt er: So als hätte Gott…

Montag, 11. September 2017

Hintergrundbilder











Montag-Vormittag, vor dem Computer, fange ich auf einmal wieder an, auf Google Earth Spanien-Bilder für meinen Bildschirm-Hintergrund zu suchen. Keine Ahnung warum, eigentlich habe ich ja schon eine veritable Sammlung in der Dia-Show, die ich mir so eingerichtet habe, dass das Bild alle fünf Minuten wechselt. Im Zufallsmodus.

Obwohl die Bilder eigentlich alle ziemlich ähnlich sind: Das sind alles große, weite Aufnahmen, entweder von spanischen Stränden, vom Meer selbst oder von Straßen in spanischen Städte. Die nicht immer weit sind, aber doch die Weite irgendwie in sich tragen. Unbewusst. Meistens handelt es sich bei den Städten um Cádiz und Barcelona, die wie zwei Pole meiner Seele sind: die eine Stadt überschaubar, winklig, aber mit Europas bestem Wetter und schönsten Sandstränden gesegnet, die andere groß, wuselig und international. Aber auch Madrid, Valencia und sogar Pamplona kommen in meiner Sammlung vor.
 

Montag, 28. August 2017

Montag und die Tür zu einer anderen Welt














In der Unterführung steht „Ihr Fotzen“ an der Wand. In kleinen, fiesen Buchstaben. Und direkt daneben „Kurdistan“. Der Typ, der aus der Bahn aussteigt trägt ein T-Shirt, auf dem „The Good Die Young“ steht. In silberner  Glitzerschrift! Kaum ist er ausgestiegen, da zündet er sich auch schon eine Zigarette an. So jung ist er ja schließlich auch nicht mehr… Du auch nicht. Und du hast es schließlich auch noch nicht hinter dir, genau wie er. Dieses Leben, diese Hölle, dieser Ritt auf dem…ach, leckt mich doch! Dafür, dass er jung sterben will, verschwindet der aber noch relativ schnell in der Gasse. Mit seinem Lederarmband und seinem Drei-Tage-Bart. Er geht an der Polizei vorbei. Polizeiwache Rheinbach. Ich werd das denen nie verzeihen denkt er. Die sind für mich gestorben. Die Staatsmacht. Seit damals… Was für Arschlöcher. Aber es gibt keinen anderen Weg als an der Wache vorbei. Durch den Raiffeisen-Tunnel hindurch zum Bücherschrank, vor dem ein Buch auf dem Boden liegt. Er hebt es auf, aber keine zehn Sekunden später fällt es fast wieder runter. Was für eine Scheiße!

Sonntag, 27. August 2017

Angst vor dem Tod












Nach der Arbeit, als er an der Bushaltestelle auf den Bus wartet, der ihn nach Hause bringen wird, denkt er plötzlich, wie aus heiterem Himmel: Das ist schon komisch. Seit ich getrennt/geschieden bin, muss ich gar nicht mehr an den Tod denken. Das heißt, ich denke immer noch an den Tod, aber…

…aber ich habe nicht mehr diese Panikattacken, die ich – als ich noch verheiratet war – dauernd hatte. Das ist schon komisch, aber es stimmt. Die habe ich tatsächlich nicht mehr…diese plötzlichen Angstattacken, die ich damals (trotz Nadine) dauernd hatte: beim Laufen, abends allein im Bett neben ihr und auf der Arbeit. Das war schlimm! Plötzlich ergriff mich diese vage, diffuse Angst oder Panik, dass ich irgendwann sterben würde, nicht mehr da sein würde. Einmal nachdem ich nachts nach der Arbeit im Wohnzimmer allein im Wohnzimmer diese Sendung, diesen Bericht über Mumien in den peruanischen Anden geguckt habe. Aber es waren nicht nur die Mumien, sondern auch andere Geschichtsreportagen, die dieses Gefühl hervorriefen. Und ihre schlafende Anwesenheit neben mir im Bett half bei deren Beseitigung. Denn dieses plötzliche Gefühl, diese plötzliche Gewissheit, dass ich irgendwann einmal nicht mehr da sein würde, gar nicht mehr, nie mehr, dass ich für immer tot sein würde, nie wieder zurückkehren würde, dieses Gefühl war stärker als alles andere. Man konnte nur hoffen, schnell einzuschlafen (aber selbst das war zutiefst ironisch) und wenn es einen draußen erwischte (wie einmal beim Walken in der Nähe der Universität), musste man hoffen, schnell auf andere Gedanken zu kommen. Das war ein schlimmes Gefühl. Man fühlte sich irgendwie schwerelos (so als wäre der Körper zu leicht, um auf dieser Erde zu verbleiben) und gleichzeitig wurde der Körper auf einmal so schwer wie ein Gefängnis auf Erden, wie das Gefängnis auf Erden, das er im Endeffekt ja auch war. Fast wurde ihm davon sogar schwindelig und er spürte immer diese Schwere, diesen Druck in der Brust. Das waren zwar wahrscheinlich keine Panikattacken im klassischen Sinn (was auch immer das ist), aber es waren doch im gewissen Sinne Angstattacken, eine Angststörung, diese pure, reine, kondensierte Angst, die man bekommt, wenn man merkt, dass der geliebte und zugleich verhasste Körper, das gelebte Ich irgendwann nicht mehr da sein würde, einfach weg sein würde, dass das Leben, an das man sich so klammerte, nie wieder da sein würde, einfach von einem Moment auf den anderen ausgehen würde, ausgelöscht wurde. Nicht mit einem Knall, sondern still. Dass man nicht mehr da war, nie wieder. Ich weiß, das ist der Lauf der Dinge, ich weiß, aber trotzdem machte ihm das eine Heidenangst. Immer und immer wieder. In regelmäßigen Abständen. Wie aus dem Nichts. Oft versuchte er in diesen Momenten, diesen Augenblicken des Lebens auszurechnen, wie viel Leben ihm wohl noch blieb: Er war jetzt 34, 35, 36, 37… Die Hälfte war also um, so gut wie um, ohne, dass er es gemerkt hätte. Und es würde mit fortschreitendem Alter bestimmt nicht besser werden… Man würde immer mehr Lebensqualität verlieren…Jahr für Jahr…man würde unmerklich älter werden, bis es irgendwann zu spät war…


Und heute, das hat er diese Attacken irgendwie nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Seltsam.

Einen Vorteil muss diese ganze Scheiße ja haben, denkt er. Wenigstens ist die Angst vor dem langsamen, aber sicheren Älterwerden und sterben all den Problemen gewichen, die jetzt sein Leben beherrschen, im Würgegriff haben: den Geldsorgen, den Formularen, den Sorgen um María und last but not least all dem Liebeskummer, dem Schmerz, dem unendlichen Schmerz

Einen Vorteil muss dieser ganze Scheiß, der mir passiert, ja haben! Ich denke nicht mehr (so viel) über das Älterwerden nach

über den Tod


aber ist das überhaupt ein Vorteil? Oder ist das so, weil ich innerlich schon tot bin? Hat sie mich etwa schon getötet, ohne dass ich es bemerkt hätte. Ist mein Leben schon so schlimm, dass selbst der Tod mich nicht mehr schocken kann, dass mir alles egal ist.

Oder ist es so, dass ich jetzt, trotz allem, mich nicht mehr so eingeengt fühle, nicht mehr so eingeengt bin, in einer Ehe mit einer Frau, die ich nie zu hundert Prozent geliebt habe. In einem sozialen Umfeld, in dem es um Dinge ging, die ihm letzten Endes nichts bedeuteten: Häuser, Autos, Möbel

(er weiß noch ganz genau, wie viel Ärger er an diesem Samstag hatte, an dem er mit ihrer Freundin im Auto, dass er und Nadine nicht hatte, nach Köln gefahren war, um sich Sofas anzugucken, die er nicht wollte, die eh zu teuer waren oder nur billige Notlösungen aus grobem Stoff und nicht aus schwarzem Leder wie sie ihm gefielen…als er plötzlich zu Nadine und ihrer Freundin sagte, wie aus heiterem Himmel: „Dann brauch ich mir ja nur noch einen Sarg kaufen, wenn ich das Sofa nehme, dann kann ich mir ja gleich einen Sarg kaufen…“ Was natürlich nicht gut ankam, mal ganz abgesehen, von seinem schlechten Gewissen, dem Sofa gegenüber und den Leuten, die sich Mühe gemacht hatten, es herzustellen…ja, er hatte damals tatsächlich ein schlechtes Gewissen dem Sofa gegenüber…das größer war als sein schlechtes Gewissen seiner Ehefrau oder ihrer besten Freundin gegenüber, die sich extra die Mühe gemacht hatte, sie nach Köln zu fahren


Ach, was weiß ich denn, ich weiß nicht, ob das so besser ist oder nur einfach anders, denkt er, keine Minute bevor der Bus kommt, der ihn in sein neues Zuhause, sein neues Leben zurückbringt…