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Mittwoch, 3. Januar 2018

Verzeihen, vergeben, vergessen und verstehen
















Im Fernsehen läuft dieser Film mit Edward Norton, der seit seiner Hauptrolle in Fight Club für dich als Schauspieler unfehlbar ist. Egal, in wie vielen Scheiß-Filmen er seitdem mitgespielt hat (wie zum Beispiel American History X). Einen Film wie Fight Club kann man eben nicht toppen, das weiß bestimmt auch Edward Norton. 

Auf jeden Fall spielt er in diesem Film den Kriminellen Stone, der einsitzt, weil er seine Mutter getötet hat, indem er das Haus, in dem sie lebte, angezündet hat. Weil es Gott ihm angeblich befohlen hat und er sich nur als Werkzeug Gottes gesehen hat. Oder irgend so ein Scheiß. Er hörte Stimmen, ein seltsames Rauschen, das nicht aufhören wollte, was weiß ich…  Im Laufe des Films schläft Stones Frau mit dem Bewährungsgutachter ihres Mannes, der von Robert de Niro wie immer meisterhaft gespielt wird, damit er Stone ein gutes Zeugnis ausstellt – aber das nur am Rande.

Dienstag, 28. November 2017

James Bond 007 - Goldeneye














Abends läuft im Zweiten Goldeneye. Das ist doch…ist das nicht…?!, denke ich und checke das Erscheinungsjahr. Tatsächlich, da steht’s: 1995. Ja, genau, das ist der Film, den wir damals geguckt haben. Nach der Nacht in der Disko. Silvester 1995/96. Geguckt ist gut, denn ich weiß echt nicht, wie viele Minuten wir damals wirklich auf die Leinstand gestarrt haben und nicht übereinander hergefallen sind, im alten Metropol Bonn. 

Trotzdem oder gerade deswegen schaltest du pünktlich um Viertel nach zehn von Hart aber fair, wo sie wieder mal über Deutschlands politische Zukunft diskutieren (was für ein Scheiß!), aufs Zweite um, wo tatsächlich James Bond 007 – Goldeneye läuft. Vielleicht wird der Film ja im Internet geblockt (aus rechtlichen Gründen, blablabla…) und du kannst/musst ihn dir gar nicht angucken, denke ich, als die das heute-journal endet. Gleichzeitig verspürst du einen seltsamen Wunsch, ein seltsames Gefühl der Neugier, ihn dir nach all den Jahren endlich einmal anzugucken, zu sehen, was du damals verpasst hast, als du bei deinem ersten Date, deinem ersten richtigen Date überhaupt, im Kino über sie hergefallen bist wie ein ausgehungerter Löwe. Der schon viel zu lange „keine Freundin hatte“, der schon viel zu lange „noch Jungfrau“ war. Das ist doch die perfekte Gelegenheit. Und wenn der jetzt nicht kommt…, denkst du. Aber dann siehst du schon den Löwen, der früher noch immer vor Filmen kam, den brüllenden Löwen, den es heute irgendwie nicht mehr gibt. Und dann kommt, obwohl du jede Minute damit rechnest, dass das ZDF das Programm mit einem Hinweis auf die Rechtelage unterbricht, tatsächlich dieser typische Anfang der alten James-Bond-Filme. Den es jetzt auch nicht mehr gibt. Mit diesen Silhouetten, den Schattenspielen mit den Frauen und Pistolen und James Bond, die so ein bisschen an die 70er Jahren erinnern (sollen). Also läuft der tatsächlich, denke ich mit Erstaunen. Ist der etwa zu alt für rechtliche Gründe? Wahrscheinlich. Genau wie du: zu alt für rechtliche Gründe…

Samstag, 25. November 2017

Anruf seines Vaters














Auf einmal, im Bus, hat er ein komisches Gefühl. Er greift sich an die Hose. Ja, das ist sein Handy: Da ruft ihn jemand an… Er guckt auf das Display und kann seinen Augen kaum glauben. Da steht Bert. Scheiße, was ist das denn? Warum ruft der denn an? Er guckt noch mal auf das Display, um sich ganz sicher zu sein, aber natürlich ist er es. Scheiße. Es klingelt noch ein paar Mal (das heißt, es klingelt ja gar nicht, sondern vibriert nur) und dann ist Ruhe. Tatsache! Das war sein Vater! Was will der denn?! Keine Ahnung, aber da geh ich ganz sicher nicht dran. Vor allen Dingen nicht hier, im Bus. Eigentlich nirgendwo, nicht nach dem letzten Mal. Ich bin doch nicht blöd. 

Donnerstag, 9. November 2017

The time of our lives - Die Zeit unseres Lebens




IV. DEATH BY WATER
 
Phlebas the Phoenician, a fortnight dead,

Forgot the cry of gulls, and the deep seas swell

And the profit and loss.

                          A current under sea
Picked his bones in whispers. As he rose and fell

He passed the stages of his age and youth

Entering the whirlpool.

                          Gentile or Jew

O you who turn the wheel and look to windward,
 320
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as you.


T.S. Eliot, The Waste Land 
















Vanity of vanities, says the Preacher,
    vanity of vanities! All is vanity.
What does man gain by all the toil
    at which he toils under the sun?
A generation goes, and a generation comes,
    but the earth remains forever.

Ecclesiastes 1, 1-3
 









Als ich so abends, an diesem dunklen, kalten, nassen Novemberabend, durch Bonn-Duisdorf haste, um meinen Zug nach Meckenheim noch zu bekommen, vorbei an der Videothek an der Haltestelle am Rathaus, vorbei an Domino’s Pizza, vorbei am Ärztehaus (und vor allen Dingen vorbei an unserer alten Wohnung), muss ich plötzlich denken: All diese Zeit, die weg ist, einfach so weg ist. Nicht nur unsere gemeinsame Zeit hier, sondern all Die Zeit. Die Zeit in Großbuchstaben. Kapitälchen, die ihr zusätzliches Gewicht verleihen, das sie gar nicht braucht, so schnell, wie sie verfliegt, wie sie an einem vorbeifliegt, einem durch die Finger rinnt.


Freitag, 27. Oktober 2017

Fast-Begegnung der dritten Art II




“Sometimes memory can be real bitch.” 

Lourd Ernest H. de Veyra, The Best of This Is A Crazy Planets

 






In der Bahn von Rheinbach höre ich auf einmal eine spanische Stimme. Zuerst denke ich, das ist eine Spanierin, aber dann muss ich feststellen, dass das definitiv eine südamerikanische Stimme ist. Aus Kolumbien oder so. Sie redet ziemlich laut und ich verstehe alles. Obwohl ich nur mit einem halben Ohr hinhöre und eh nur die eine Hälfte des Gesprächs mitbekomme. Aber es zieht mich immer mehr in den Bann, je weiter wir fahren. 

Montag, 11. September 2017

Hintergrundbilder




Montag-Vormittag, vor dem Computer, fange ich auf einmal wieder an, auf Google Earth Spanien-Bilder für meinen Bildschirm-Hintergrund zu suchen. Keine Ahnung warum, eigentlich habe ich ja schon eine veritable Sammlung in der Dia-Show, die ich mir so eingerichtet habe, dass das Bild alle fünf Minuten wechselt. Im Zufallsmodus.

Obwohl die Bilder eigentlich alle ziemlich ähnlich sind: Das sind alles große, weite Aufnahmen, entweder von spanischen Stränden, vom Meer selbst oder von Straßen in spanischen Städte. Die nicht immer weit sind, aber doch die Weite irgendwie in sich tragen. Unbewusst. Meistens handelt es sich bei den Städten um Cádiz und Barcelona, die wie zwei Pole meiner Seele sind: die eine Stadt überschaubar, winklig, aber mit Europas bestem Wetter und schönsten Sandstränden gesegnet, die andere groß, wuselig und international. Aber auch Madrid, Valencia und sogar Pamplona kommen in meiner Sammlung vor.
 


Dienstag, 30. Mai 2017

Te acuerdas













Eines Tages Ende Mai, die Sonne scheint, die Sonne brennt, gestern waren es 35 Grad, viel zu viel, wie immer viel zu extrem alles in Deutschland, viel zu deutsch…
Eines Vormittages Ende Mai, die Steuererklärung ist fast fertig, er ist fast fertig…
Eines Tages Ende Mai…

Mittwoch, 26. April 2017

Strand, Mädchen und Latin Lovers
















Meine Hose ist immer noch voll nass.

 „Müssen wir noch ein bisschen warten. So kann ich mich ja nicht in den Bus setzen. Mach ich ja alles nass. Nachher muss ich noch den Bus sauber machen. Warum gehen wir eigentlich überhaupt schon.“                         Ich möchte den Strand hinausschieben

Wir sind an diesem Strand in der Nähe von Puerto de Santa María. In der Nähe von Cádiz. Dieser Strand, der ein bisschen abgelegen ist, aber auch nicht zu weit weg von der Zivilisation. Mit dem Bus gut zu erreichen. Es ist heiß, aber hier am Atlantik, an der Atlantikküste Andalusiens, an der Costa de Luz, geht immer ein leichter Wind. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Schon seit Tagen nicht. Wahnsinn. Im Hintergrund das stete Rauschen der Wellen. Es ist ungefähr drei Uhr nachmittags und Nadine will gehen. Schon lange

Donnerstag, 30. März 2017

Geile Fotos















Das war bestimmt die Sonne, die mir damals zu Kopf gestiegen ist. Bestimmt. Ein blauer Himmel bis zu den Sternen. Keine Wolke. Nur Wind. Viel Wind. Aber ohne jegliche Wolken. Fast magisch. Ein blauer Himmel, der einen bis zu den Sternen hätte hinauf schauen lassen, hätte ich auch nur einen Moment meinen Blick von ihrem Dekolleté lösen können. Auch María regte sich schon auf. War eifersüchtig. Aber ich war einfach nur…glücklich (warum merkt man das eigentlich immer erst hinterher? Warum ist das Leben so kompliziert, so beschissen kompliziert, kostet so viel Arbeit, wenn es auch einfach ginge…[vielleicht, weil wir sterben, weil wir sterben müssen – eine andere Erklärung fällt mir auch nicht ein, aber ich habe ja eh keine Ahnung]). Und fotografierte ahnungslos weiter.

Sonntag, 26. Februar 2017

Otto, mein Wellensittich
















Nachts im Bett, kurz vor dem Schlafengehen, denkt er an den Wellensittich, den er damals als Kind hatte. Der hieß Otto (ich weiß, ich weiß…) und war blau. Königsblau, mit einem weißen Köpfchen. Ein eleganter, stolzer, schöner Vogel.

Und irgendwann war er weg. Keine Ahnung, wie alt er damals war. Vierzehn? Dreizehn? Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall hatte seine Mutter vergessen, ein Fenster zuzumachen, als sie ihn für seinem täglichen Ausflug durch den Wintergarten aus seinem Käfig ließ. Und Otto nutzte seine Chance auf ein Leben in Freiheit. Tiere denken da ja nicht groß drüber nach. Nicht wie Menschen. Nicht wie du.

Otto war weg und er hatte nachts geheult. Jede Nacht. War untröstlich. Wie schön es wäre, ich könnte sagen, das war, als er erst zwölf oder dreizehn war, aber ich bin mir da nicht sicher. Nachts im Bett heulte er sich die Augen aus und betete. Das ist wohl das, was die in den Büchern als "Vulnerabilität" beschreiben. Vulnerabilität in einem frühen Stadion. In diesen ganzen Büchern über Depressionen.

Jede Nacht betete er. Immer wieder. Immer wieder das Vaterunser, das einzige Gebet, das er kannte. Kennt. Bis heute. Betete dafür, dass Otto zurückkam. Durch irgendeinen Zufall. Betete, dass er einfach wieder von draußen hineinfliegen würde, zurück in seinen Käfig. Aber schon damals wusste er, obwohl er noch jung war, dass das nicht sehr wahrscheinlich war. Also heulte er noch mehr. Heulte und betete. Er war schon damals nicht sehr gut auf das Leben auf diesem Planeten vorbereitet. Wie soll man sich denn auch darauf vorbereiten?! Er wusste nur, dass sein Vogel, sein geliebtes Vögelchen, sein pájarito weg war. Für immer weg war. Er schluchzte und betete, während seine Mutter beim Schuster unten in der Straße einen Zettel ins Schaufenster hängte. Tat ihr der Abschied von Otto etwa auch weh?! Tat er ihr leid?! Ein Zettel, dass uns ein Wellensittich entflogen war. Mit Telefonnummer. Ein blauer Wellensittich. Namens Otto. Oder schrieb sie das da nicht rein...?

Und dann passierte das Wunder! Das Wunder von Bonn. Ein kleines, alltägliches Wunder. Kein großes. Denn es ging ja damals noch nicht um Leben und Tod. Dann passierte das Unerwartete. Denn da rief tatsächlich jemand an. Ein Nachbar. Der ein paar Häuser weiter unten wohnte. Ein alter Mann, glaub ich. Der auch einen Wellensittich hatte. Ein Weibchen. Ein Weibchen? Keine Ahnung. Oder er hatte sogar mehrere. Ich weiß es nicht mehr. Und Otto, der Schlawiner, war gar nicht so weit gekommen, auf seiner Flucht vor Käfig und Gefangenschaft. Auf seiner Flucht vor der Einsamkeit eines Junggesellen (heute weiß ich natürlich, dass man die nicht allein halten sollte, Wellensittiche, weil die sonst einsam werden...und verhaltensgestört...). Nein, Otto war geradewegs ein paar Fenster weiter schon wieder reingeflogen. Da, wo die anderen Wellensittiche waren. Vielleicht hatte er ja sogar die fremde Sittichdame schon mal gehört. So weit war das gar nicht. Keine zwanzig Meter Luftlinie. Hatte sich vielleicht mit ihr schon „unterhalten“, seine Flucht geplant. Auf jeden Fall war er da gelandet und der Mann hatte ihn zu sich genommen. Vielleicht hatte er ja sogar Spaß auf seiner Flucht. Mehr Spaß als alleine in dem immer leicht düsteren Wintergarten im Haus meiner Eltern. Vergnügte sich mit der Sittichin. Und als der Mann das dann las, beim Schuster im Schaufenster, musste er nur noch eins und eins zusammenzählen und ich hatte meinen Wellensittich wieder. Meinen Otto. Musste nicht mehr nachts heulen und nur noch einmal abends vor dem Schlafengehen beten. Wie vorher. Und war wieder glücklich

Otto war doch auch zurückgekommen. Und Conchita auch, am Ende. Als sie an meine Tür im Wohnheim klopfte und plötzlich da stand, ganz allein. Warum konnte dann nicht

Warum kann dann nicht

Wenn du schon mal Glück gehabt hast

Schon zweimal Glück gehabt hast

Warum kann dann nicht

wieder ein Wunder geschehen. Ein kleines, alltägliches Wunder. Mehr will ich in meinem kleinen, alltäglichen Leben ja gar nicht

Aber es braucht schon ein Wunder, denkt er. An dem Tag, an dem Hamburg von den Bayern brutalst vermöbelt wurde, woran man sieht, dass Wunder eher selten passieren


„Bitte Gott, bitte, gib mir Nadine zurück!“, sagt er halblaut, bevor er sich hinlegt. „Bitte.“

„Bitte Gott, bitte!“

„Otto ist doch auch zurückgekommen. Und Conchita.“

„Bitte…“


Dann hat er plötzlich eine neue Idee: Vielleicht kommt sie ja zurück, wenn er genug gelitten hat. Lange genug gelitten hat, um die Fehler in seiner Ehe ausgeglichen zu haben. Den Kosmos wieder ins Gleichgewicht gebracht hat. Vielleicht












Mittwoch, 8. Februar 2017

Roma 2012




Wir wohnten damals in so einer „Pension“. Keine Ahnung, wie die genaue Bezeichnung war. Aber ein Hotel war das auf gar keinen Fall. Die hatten wir schon von Deutschland angerufen. Wie wir das immer gemacht haben. Jedes Jahr. Jedes Jahr das Gleiche. Wir suchten uns einen günstigen Flug im Internet (meistens Ryan Air), bezahlten den mit der Kreditkarte von Marías ehemaliger bester Freundin, zu der sie eigentlich schon lange keinen Kontakt mehr hatte, die wir aber immer noch anriefen (immer wenn wir in Urlaub wollten und mit der Kreditkarte bezahlen mussten). Und erst dann, nachdem all das erledigt war, fingen wir an, nach einem günstigen Hotel zu suchen. Nach dem günstigsten, um genau zu sein. Das ging auch immer relativ gut (vorbei waren die Zeiten, wo wir mit María im Kinderwagen in Alicante gelandet waren und erst dann, nach der Ankunft am Flughafen, nach einem Hotel für die Nacht suchten (ich kann mich immer noch an das Gesicht des Taxifahrers erinnern, der wirklich nicht amused war!).

Dienstag, 31. Januar 2017

Telefonieren nach Hause










Ich weiß noch, wie wir damals beim Bund immer miteinander telefoniert haben. Meistens hab ich sie angerufen, aber manchmal hat auch sie mich angerufen, in der Telefonzelle in der Kaserne. Da muss so ungefähr im September 1996 gewesen sein, wo ich in der Grundausbildung war und noch in Koblenz stationiert war. In der Gneisenau-Kaserne war das glaub ich. Bei den Panzergrenadieren. Ich weiß noch den Spruch, den die damals hatten: Du bist kein Mensch, du bist kein Tier, du bist ein Panzergrenadier. Manche meinten das natürlich ironisch oder als Witz, aber ich glaube manche von den Leuten da meinten das durchaus ernst. Waren stolz darauf. Da war so ein türkischer, das heißt ein deutsch-türkischer Feldwebel, der immer mit den Rekruten singend durch die Kaserne rannte. Wie in Amerika. Wie in diesen Filmen. Keine Ahnung, was der sang, aber das machte natürlich Eindruck.

Eigentlich hätte ich ja auch gar nicht dahin gemusst, denn ich war eigentlich für Hamburg vorgesehen gewesen. Für die Marine. Und zwar nicht nur für die Grundausbildung, sondern für meine gesamte Bundeswehrzeit. Womöglich noch auf einem Schiff, keine Ahnung. Aber mein Vater, der einen 2-Sterne-General kannte, dem er das Auto reparierte, hatte das so eingerichtet, dass ich in Bonn bleiben konnte. As heißt, zuerst musste ich, wie gesagt, nach Koblenz, denn in Bonn gab es keine Grundausbildung. Nur das Verteidigungsministerium und die machten keine Grundausbildung. Worin auch? Nur eine Wachausbildung. Und in Siegburg war das Wachbataillon. Was laut des Generals, der mich sogar in meinem Aushilfsjob bei Deichmann extra anrief, nicht zu empfehlen war, weil die Grundausbildung da um einiges härter wär als in Koblenz. Und man später noch ohne Ende Wache schieben musste, was im Verteidigungsministerium nicht der Fall war, denn – Sie ahnen es – da übernahm das Wachbataillon freundlicherweise die Wache für uns. Also war die nächstgelegenere Lösung Koblenz für die Grundausbildung und Bonn danach. Der wahre Grund, warum ich meinen Wehdienst in Bonn ableisten wollte, war nicht etwa, weil ich so nah wie möglich an meiner Heimatstadt oder an meinem Elternhaus sein wollte, sondern ein anderer: Denn ich wollte nicht von Nadine getrennt sein, die ich ja erst Anfang des Jahres kennengelernt hatte und mit der ich jede frei Minute verbrachte und mittlerweile auch schon Spanisch sprach wie ein Südamerikaner. Warum mein Vater dann trotzdem, obwohl er ganz genau gewusst haben muss warum, das so gedreht hat, dass ich nach der Grundausbildung nach Bonn komme, weiß ich nicht, denn eigentlich mochte er meine Freundin, meine erste Freundin nicht besonders (ich kann mich immer noch an den Whiskey erinnern, den er trank, nachdem ich sie ihm vorgestellt hatte – etwas, dass er sonst nie tat). Ich weiß nicht, was er in ihr sah, was ich nicht sah und selbst letztes Jahr, als wir uns schon getrennt hatten, drückte er sich nur sehr vage aus, als ich ihn einmal darauf ansprach, was ihn denn an Nadine so gestört hatte.

„Die war doch sowas von falsch…“

Bis heute weiß ich nicht, was er mit diesem „falsch“ gemeint hat, aber ich glaube immer noch, dass er damals schon mehr wusste oder ahnte als ich… Trotzdem ärgerte mich das irgendwie immer noch, denn ich habe bis heute nicht begriffen, wie jemand „echt“ sein kann, der in seinem ganzen Leben keine 10 Worte mit mir gewechselt hat und nicht einmal ein ernsthaftes Gespräch über irgendetwas mit mir geführt hat. Keine Ahnung, aber irgendwas war da – sonst hätte er den Whiskey nämlich im Schrank gelassen (bei den anderen 20-30 Flaschen Hochprozentiges, die ihm Kunden geschenkt hatten und die da schon seit Jahren vor sich hingammelten; meine Mutter war dem Alkohol zwar nicht ganz so abgeneigt, trank aber nur Bier, Wein und Sekt, den sie immer dezent hinter dem Sofa versteckte).

Auf jedem Fall war ich aus Liebe zu meiner Frau in Koblenz gelandet, von wo aus ich sie Tag für Tag von der einzigen in der Kaserne vorhandenen Telefonzelle aus anrief. Wo ich jeden Tag, direkt nach Dienstschluss, in einer langen Schlange von Soldaten wartete, um für ein paar Minuten mit ihr sprechen zu können. Ihre Stimmt hören zu können. Natürlich auf Spanisch, denn so verstand mich auch keiner. Nach einer Weile fingen die anderen sogar an, mich den Spanier zu nennen, weil ich am Telefon mit meiner Freundin immer nur Spanisch redete. Darauf war ich irgendwie stolz. Einer – ich glaube, es war der Rechte aus Düsseldorf – glaubte mir sogar noch nicht einmal, dass ich Deutscher bin und ich versuchte ihn mit einem Lächeln auf dem Gesicht davon zu überzeugen, dass ich kein Spanier bin. In Bonn geboren bin (leider) und da auch mein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte (leider). Ich fand das cool, weil es mich anders machte. Besonders. Heute – wo ich sicher geschieden bin – und das Ganze mittlerweile über zwanzig Jahre her ist, kann ich mir kaum noch vorstellen, über was wir damals so alles geredet haben. Keine Ahnung. Haben wir uns etwa für Minuten nur te quiero oder te amo gesagt?! Oder te quiero mucho, mucho, mucho… Kann ja wohl kaum sein. Selbst wenn man noch ein paar te extraños dazu nimmt. Ich vermisse dich wirklich. Denn Männer sind treuer als Frauen und ich war nicht einmal in Koblenz abends allein weg (obwohl ich das wegen dem Zapfenstreich auch nicht gekonnt hätte). Über was haben wir so viel und so lang geredet? All die Jahre? Ich weiß es nicht. Es ist wie verflogen, wie weg, hat keine Spuren hinterlassen.

Te amo

Te quiero

Te extraño

¿Qué estás haciendo?

¿Estás pensando en mí?

El fin de semana vengo…

Ciao


Aber Inhalte? Wo sind die Inhalte hin? Ich finde sie nicht mehr in den Bruchstücken meines Lebens, meiner Vergangenheit

sie sind weg

wie sie



für immer verloren

in der Zeit