Das Gedächtnis ist keine
verlässliche Größe im Leben,
aus dem einfachen Grund, dass
für das Gedächtnis nicht die
Wahrheit am wichtigsten ist.
Niemals ist der Wahrheitsanspruch
entscheidend dafür, ob das
Gedächtnis ein Ereignis richtig
oder falsch wiedergibt. Entscheidend
ist der Eigennutz.
Karl Ove Knausgard,
Und am Anfang war das Wort...
Obwohl, wenn ich so drüber nachdenke, war das gar nicht unsere erste Wohnung in Kessenich. Denn wir zogen gar nicht von Mondorf auf der anderen Rheinseite, der sogenannten "Schäl Sick", in die Straße in, in der meine Eltern bis vor kurzem noch wohnten. Zuerst zogen wir in den Maarweg, auch in Kessenich, aber näher an den Bahngleisen, näher am Regierungsviertel, das es damals dort noch gab, da Bonn noch Hauptstadt war. An diese erinnere ich mich jedoch nur noch schemenhaft. Zum Beispiel daran, dass ich einmal in einen Kaktus fiel/gestoßen wurde, der bei den Nachbarn vor dem Haus stand (obwohl das ja irgendwie gar nicht sein kann, denn wäre besagter Kaktus dann nicht im Winter eingegangen?!). Aber auch das überlebte ich, nachdem meine Mutter die Stacheln einzeln rausgepuhlt hatte. Schlimmer war da schon die Nachbarin von über uns, Frau Schaufel, eine alte und sehr einsame Frau, die, wie so viele "Menschen" in diesem Land, Kinder nicht mochte. Deshalb fühlte sie sich genötigt, jedes Mal, wenn wir uns auch nur einen Zentimeter bewegten, mit einem Besen von unten gegen die Decke zu hauen (zum Glück wurde sie ihrem Namen nicht hundertprozentig gerecht und nahm wenigstens keine Schaufel). Aber man kann Kinder nicht anbinden. Zumindest sagte mein Vater das immer. Ob auch zu ihr direkt weiß ich nicht. Auf jeden Fall ärgerten sich meine Eltern so sehr über Frau Schaufel, dass sie da bald wegzogen. Aber da war ich noch so klein, dass ich mich kaum an irgendetwas Konkretes erinnere und das eher Hörensagen ist. Hier verschwimmt also ganz klar Fakt und Fiktion...
Genau wie bei der Zeit davor in Mondorf, aus der ich nur eine Narbe auf der Stirn als bleibende Erinnerung zurückbehielt. Denn laut den Erzählungen meiner Mutter soll ich hier, in dieser Wohnung, die direkt an der Hauptstraße lag, einmal mit neuen Schuhe so schnell gerannt sein, dass ich stolperte und so hart gegen die Tür fiel, dass die hieraus resultierende Platzwunde sogar genäht werden musste.
"Mit vier Stichen!", sagte meine Mutter später immer.
Oder waren es mehr? Oder weniger? Mit wie viel Stichen wird man eigentlich in der Regel genäht? In Mondorf soll ich auch zum ersten Mal "auffällig" geworden sein, indem ich mich – laut meiner Mutter – auf der Straße mit einem Motorradfahrer anlegte. Was sagte sie immer? Dass ich ihn so provoziert hatte, dass er von seinem Motorrad abgestiegen war und auf mich zugekommen war? Was konnte ich denn gesagt haben, das ihn so in Rage gebracht hatte? Arschloch? Keine Ahnung. Wichser? Auf keinen Fall. Aber auch "Arschloch" kommt mir reichlich frühreif vor, für mein Alter von damals. Denn wie alt mochte ich da gewesen sein? Noch keine sechs, soviel ist sicher, denn ich war in Kessenich auf der Grundschule und nicht in Mondorf. Was sagte ich also zu dem Typen, was ihn veranlasste, so wütend auf mich zu sein? Und überhaupt: Was bringt schon einen erwachsenen Mann dazu, so was zu machen? Was muss das für ein Verrückter gewesen sein? Wenn das überhaupt stimmt, überhaupt so war, wie meine Mutter es immer behauptete. Warum stellte sie sich damals (wie heute) eigentlich nicht vor ihr Kind, wenn es so angegangen wird? Wir wissen es nicht. Denn aus dieser Zeit in Mondorf und in der Maarstraße ist nicht viel geblieben. Aber eins ist sicher: Meine Mutter hatte schon immer ein (fast schon) unnatürliches Interesse daran, meine aggressiven, männlichen Impulse zu unterdrücken, kleinzuhalten. Es gab da immer wieder Gerüchte, Andeutungen, Unausgesprochenes, dass sie in ihrer Kindheit oder Jugend selbst Gewalterfahrungen (welcher Art auch immer) gemacht hatte. Gerüchte, die von meinem Vater noch weiter befeuert wurden, als er kürzlich sagte: "Du warst doch damals mit dem...zusammen, der Probleme mit dem Gesetz hatte..." (Den genauen Namen habe ich leider vergessen, irgendwas typisch Deutsches). Oder sagte er etwa...
...nein, lassen wir das.
Aber gerade dann hätte sie anders reagieren sollen, statt ihrem Sohn jahrelang seine angebliche Neigung zur Gewalt, seine Aggression vorzuhalten.
Genau wie bei dem einen Mal, wo er, wo ich angeblich von diesen Brüdern in Kessenich (die sich nicht nur, weil sie aus einer Großfamilie stammten, bereits einen Ruf erarbeitet hatten) verprügelt worden war. Die hatten mich damals laut meiner Mutter sogar in die Eier getreten. Woran ich mich allerdings beim besten Willen nicht mehr erinnere, obwohl es bestimmt eine ziemlich schmerzhafte Erfahrung gewesen sein muss. Aber warum hat sie nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit die dafür bestraft würden, damit sie zur Rechenschaft gezogen würden? Weil ich sie etwa vorher so provoziert hatte, dass ich das verdiente, diese kleine Abreibung? Ich persönlich, wenn jemand meinem Kind etwas tun würde...ich würde durchdrehen. Der oder die würde mich nie wieder loswerden, bis ich nicht Genugtuung, Sühne, Rache erfahren hätte. Ich würde alle Hebel in Bewegung setzen. Der oder die würde den Tag verfluchen, an dem er oder sie sich mit meiner kleinen Familie angelegt hätte. Ich hab da schon so meine Fantasie und da kommt ganz viel Gewalt drinnen vor, das können Sie mir glauben. Ganz viel sinnlose oder vielleicht gar nicht so sinnfreie Gewalt. Aber sie, meine "Mutter", tat das nicht, weder bei dem komischen Motorradfahrer aus Mondorf noch bei diesen großen, kräftigen, fast schon fetten Brüdern aus dieser Großfamilie in Kessenich, an deren Namen ich mich nicht erinnere und die ich später, Jahre später wiedertraf. Oder zumindest einen von ihnen. Auf der Kirchenfahrt. Da trieben die sich rum, auf der Kirchenfahrt, diese gewaltbereiten Arschlöcher. Womöglich noch als Gruppenleiter. Aber egal... So war das halt bei mir zu Hause... Aber es ist mir trotzdem bis heute unverständlich, warum meine Mutter bereits damals schon Angst vor mir gehabt haben soll...vor ihrem Sohn, der irgendwann zu einem Mann werden würde, einem ausgewachsenen Mann. Der irgendwann in die Pubertät kommen würde. Damit konnte sie nicht umgehen, dass ich erwachsen wurde. Aber war das wirklich mein Problem? Nope. Ich glaube nicht. Darüber habe ich letztens – als ich noch Kontakt zu meinen ihnen hatte, meine ich – mit meinen Eltern diskutiert. Das heißt, ein richtiges Diskutieren war das eigentlich gar nicht. Das hätten meine Eltern gar nicht zugelassen. Und so brachte ich munter Argumente vor, nur damit meine Eltern sie vom Tisch wischen konnten, sie für nichtig erklären konnten. Wie früher eben... Was noch lange nicht heißen soll, dass ich nicht (auch) recht hatte. Oder lag das ganze Theater von damals wirklich nur an meinem schwierigen, impulsiven, "aufbrausenden" männlichen Naturell? Wohl kaum. Aber das werden die nie begreifen, da habe ich die Hoffnung schon lange aufgegeben – deswegen auch der Kontaktabbruch.
Meine Eltern wohnten also in Bonn-Kessenich, kloppten sich mit Frau Schaufel rum, die Kinder und wahrscheinlich auch die Welt selbst hasste, ich fiel in den Kaktus, sie zogen um, ich wurde von diesen Brüdern aus der Großfamilie verprügelt, die mir in die Eier traten oder schlugen oder was auch immer, und irgendwann kam ich dann auf die Grundschule, die Erich-Kästner-Grundschule, direkt gegenüber von Haribo, und traf dort José, den Sohn dieser Familie aus Andalusien, dessen Vater mir ein Kaninchen verkaufen wollte, das meine Mutter aber nicht wollte und der mir das Playmobil unter der Nase wegstahl (wenn man meiner Mutter Glauben schenken will).
Es ist nicht viel, was einem die Zeit lässt. Die frühe Kindheit ist für immer weg, war wahrscheinlich nie da, denn als Kind schafft man keine bleibenden Erinnerungen, zumindest in diesem Alter noch nicht. Da lebt man einfach. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ist einfach nur da, lebt einfach nur, einfach so vor sich hin, vielleicht zum letzten Mal in diesem Leben.
Viel mehr weiß ich nicht mehr. Es ist alles weg, so wie ich auch irgendwann einmal komplett weg sein werde. Sogar die Erinnerung an mich wird irgendwann komplett ausgelöscht sein. Was ist das bloß für eine Scheiße, in die wir da reingeraten sind, in die wir durch die Geburt hineinrutschen, ob wir nun wollen oder nicht?!
Aber egal: Ich ging also auf die Erich-Kästner-Grundschule in Bonn-Kessenich, gegenüber von dem Haribo-Werk, in die Klasse von Frau Rau. Die war da Lehrerin und die erste Frau (außer meiner Mutter vielleicht), der ich in den Ausschnitt guckte. Frau Rau hatte braune, strähnige Haare, die hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, und wohnte, glaube ich, auch in Kessenich. In der Tat war der Ausschnitt das Einzige, an das ich mich bei Frau Rau erinnere.
Männer...
Oder der deutsche Grundschulunterricht...
Oder einfach nur ich...
Dabei passte Frau Rau eigentlich gar nicht in mein (späteres) Beuteschema. Sie war zwar nicht groß, aber auch nicht so klein wie meine späteren petit femmes fatales. Und obwohl sie nicht wirklich typisch deutsch aussah, war sie auch nicht so südländisch oder gar exotisch wie Sara, Conchita oder Nadine. Aber ich hatte es mir ja auch nicht bewusst ausgesucht, ihr in den Auschnitt zu gucken, wurde quasi von diesem Anblick kalt erwischt. Sie beugte sich über den Tisch, an dem ich nichts ahnend und natürlich komplett unschuldig einen Aufsatz über deutsche Heilige am Schreiben war und zack! - ich musste ja hochgucken, sie war ja schließlich meine Lehrerin, das wäre ja unhöflich gewesen - war da ihr Ausschnitt. Und ihr BH darunter. Oder hatte sie gar keinen an. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, nach all diesen Jahren, kommen mir echt Zweifel an dem BH. Denn wie alle Frauen in meinem Beuteschema war sie obenrum nicht so gut bestückt, das weiß ich noch ganz genau, hatte nicht so viel Holz vor der Hütte - Sie wissen schon, was ich meine -, und da hätte es ja durchaus sein können, dass sie gar keinen BH anhatte. Sah ich etwa in meinem zarten Grundschulalter schon ihre...Brüste? Ihre...Brust? Ich weiß es nicht mehr, es ist für immer in den endlosen Weiten der Vergangenheit verschwunden; nur an die braune Farbe ihrer Haut erinnere ich mich, der Haut über ihren Brüsten, die sehr braun - für eine Deutsche - und ein bisschen schrumpelig, faltig war, wie soll ich das sagen? Das weiß ich noch. Mehr nicht. Im Endeffekt sah ich also gar nicht ihre Brust beziehungsweise ihre Brustwarze. Die Brust meiner Mutter war also weiterhin der einzige weibliche Busen, den ich zu Gesicht bekam, wenn diese mal wieder nach dem Duschen nackig durch die Wohnung spazierte.
Jahre später, als ich schon aus dem Haus war, berichtete meine Mutter mir, sie habe Frau Rau bei Stüssgen gesehen, meine alte Grundschullehrerin, sie sei alt geworden. Und ich dachte nur an diesen Ausschnitt.
Ansonsten war die Grundschulzeit eigentlich gar nicht so schlimm. Da meine Mutter nachmittags noch auf Davor aufpasste, einen jugoslawischen Jungen, dessen Vater bei Haribo arbeitete, war ich nie allein zu Hause, hatte immer jemand zum Spielen (aber vielleicht verkläre ich das auch). Bis er irgendwann zu meiner Mutter sagte, dass sie ihm gar nichts zu sagen habe, sie sei ja schließlich nicht seine Mutter. Und danach irgendwann nicht mehr kam, wobei ich natürlich nicht weiß, ob sie keine Lust mehr auf ihn hatte oder er nicht mehr auf sie oder einfach beide sich nicht mehr riechen konnten.
Aber das konnte er ja auch nicht zu meiner Mutter sagen. Zu jedem, aber doch nicht zu ihr, die auch noch nach Jahren ohne Kontakt anonym bei meinem Onkel anrief, um zu sehen, zu hören, ob er noch lebte. Oder was auch immer sie sonst damit bezweckte. Vielleicht stand sie ja auf ihn, was weiß ich, keine Ahnung, aber davon später mehr.
Im Allgemeinen jedoch war die Grundschulzeit, anders als vielleicht später meine Zeit auf dem Gymnasium, eigentlich noch ganz okay. Zwar kam Davor nicht mehr zu uns nach Hause, und José irgendwann, nach der Episode mit dem angeblich geklauten Playmobil, auch nicht mehr, aber dafür sah ich die beiden ja noch in der Schule. Sie waren ja schließlich in meiner Klasse. Und in den Pausen spielten wir Fußball, denn auf dem Schulhof waren die Linien eines kleinen Fußballfeldes eingezeichnet und Tore gab es auch. Zwar ohne Netz, aber egal. Es gab sogar eine richtige Torwand, wie im Fernsehen, aber mit der hatte ich mit meinen zwei linken Beinen nicht viel zu tun. Und obwohl ich natürlich nicht so gut Fußball spielen konnte wie Davor (der immer und gerne im Tor stand), José oder die anderen - eigentlich konnte ich gar kein Fußball spielen -, war ich in der Pause trotzdem immer beschäftigt. Dann spielte ich eben "Eierlappen" mit Frank, der genauso schlecht im Fußball war wie ich (meine Liebe zum Basketball sollte ich erst später entdecken), immer den Ball gegen diese kleine Mauer aus Holzblöcken am Rande des Schulhofes tretend. Was damals überhaupt nicht monoton war, sondern richtig Spaß machte, den Ball immer wieder zurückzuschießen, egal aus welcher Lage, auch von ganz hinten versuchte ich es, selbst wenn es aussichtslos erschien, dass er wieder zurück an die kleine Mauer prallte.
Auch später noch, im Urlaub in Jugoslawien, konnte ich mich stundenlang alleine mit einem Ball beschäftigen, so dass meine Eltern immer leicht genervt sagten: "Jetzt mach doch mal ne Pause!" "Du musst lernen, deine Kräfte richtig einzuschätzen!" "Du holst dir noch einen Sonnenstich!" Was wussten die schon von meinen Kräften, den Kräften eines 13-Jährigen?! Und welcher 13-Jährige weiß schon seine Kräfte richtig einzuschätzen?! Aber irgendwann hatte ich dann auch Angst vor einem Sonnenstich (ohne, dass es dafür irgendwelche konkreten Anzeichen gegeben hätte) und hörte mit dem Spiel auf. Aber ich war doch jung, verstanden sie das etwa nicht?! Anscheinend nicht, zumindest nicht wirklich.
Es ist nicht viel, was aus dieser Zeit bleibt. Es bleibt ohnehin nie viel von der Vergangenheit. Nur Fetzen, Bruchstücke, Fragmente. Tschernobyl vielleicht. Daran erinnere ich mich, an den Sandkasten und Tschernobyl. Damals durften wir nicht raus, zumindest bei Regen nicht. so hieß es zumindest immer, im Fernsehen. Und wenn wir doch mal in den Regen gekommen waren (wir waren ja schließlich
Neben dem Sandkasten und dem Fußballfeld war da auch noch so ein komisches Klettergerüst. Das stand auf vier Holzstützen, so dick wie Stämme, die etwa zwei Meter hoch waren. Oder vielleicht sogar höher. Diese wiederum standen in einem Rechteck auf diesem Gummiboden, diesen Gummiplatten, die man häufig auf Spielplätzen findet. Damit sich keins der armen Kinder verletzen würde, sollte es doch einmal von da oben runterfallen. Wenn es dann hoch käme, oben auf diese Balken, die wie ein überdimensioniertes Lattenrost auf den vier Holzstützen lagen. So runde Balken, mit Abständen zwischen ihnen, die groß genug waren, dass man zwischen ihnen hochklettern konnte, wenn man sich nur geschickt genug anstellte. Wenn man sich irgendwie - da musste irgendein Trick sein, oder wie machten das sonst die anderen - da hochschwang. Was ich aber nicht schaffte, denn ich war zu ungelenk, vielleicht auch zu langsam, hatte zu wenig Schwung oder das falsche Timing, was weiß ich. Und dann saßen die da oben, auf den Holzbalken, und guckten auf mich herab, der ich nicht hochkam, egal, wie sehr ich es versuchte. Was für ein Scheiß-Gerüst! Die hätten mir ja auch mal helfen können, tolle Freunde. Denn egal, wie sehr ich es auch versuchte, ich kam da nicht hoch. Es war nicht so weit, dass ich gesagt hätte, ich komme da jetzt nachmittags hin und übe das, aber frustrierend war es schon. Da unten zu stehen, während die anderen da oben, in luftiger Höhe, lachten und redeten und man selbst wie ein begossener Pudel dastand und sehnsüchtig nach oben guckte. Wie bestellt und nicht abgeholt. Aber einmal, einmal schaffte ich es, keine Ahnung wie. Einmal schaffte ich es, da hochzukommen, ich glaube sogar mit der Hilfe von denen. Denen, die mich sonst unten stehen ließen. Sie drückten, schoben und hoben mich an, und plötzlich saß ich da oben, auf den Balken, mit ihnen. Das war vielleicht ein Hängen und Würgen, aber am Ende war ich oben. Einmal, nur einmal hatte ich es geschafft, genoss den Ausblick, obwohl mir ein bisschen schwindelig war (ich hatte schon immer Höhenangst), war da oben, gehörte dazu, zu den Coolen, wenn auch nur einmal. Einmal und nie wieder. Denn besonders gelenkig war ich noch nie. Ich war sogar bei Frau Rau bei der Motorik-Förderung oder wie das auch immer hieß. Im Motorik-Sonderkurs, für die motorisch nicht ganz so Begabten. Gebracht hat das natürlich alles nichts. Null Komma nichts. Denn die Extraeinheiten für die Ungelenkigen bewirkten eher das Gegenteil. Das ist wie so oft, wenn man es gut meint, ne, Frau?! Dann erreicht man genau das Gegenteil: Nämlich, dass man sich ausgegrenzt fühlte, noch ausgegrenzter als man vielleicht ohnehin schon war. So als wäre irgendetwas mit einem nicht in Ordnung. So als wäre man ein Spasti, ein Spastiker, wie wir das damals nannten (obwohl wir natürlich gar nicht wussten, was das eigentlich war, ein Spastiker). Etwa so: "Halt die Klappe, du Spasti!"Oder: "Der ist voll der Spasti!"
Gab es damals noch mehr solcher Situationen, wo ich nicht oben auf dem Gerüst saß, sondern nur von unten sehnsüchtig hochschaute, während die anderen oben Spaß hatten? Wenn ich mich das frage, fällt mir spontan der Schwimmunterricht ein. Denn da ich erst sehr spät zu schwimmen anfing, fand mein Schwimmunterricht nicht wie der der anderen im großen Becken statt, sondern bei den "Sonderschwimmern" im kleinen Becken, das düster und versteckt hinter dem großen lag. Fing das also damals schon an? Das mit den Gedanken, mit den Sorgen, das Gefühl nicht richtig, nicht wirklich dazuzugehören? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Aber auch nicht ausschließen. Denn ich war schon in der Grundschule ein eher ängstliches, zurückhaltendes Kind. Das kaum etwas sagte, von alleine zumindest nicht. Das war auch später auf dem Gymnasium noch so, vielleicht sogar noch ausgeprägter. War ich einfach so oder wurde meine Schüchternheit durch irgendetwas hervorgerufen? Durch irgendein einschneidendes Ereignis. Ich kann mich an keins erinnern...was nicht unbedingt heißen muss, dass es keins gab... Das war so schlimm mit mir, mit meiner Schüchternheit, die von den anderen gern als "Stille" entschärft wurde, dass ich mich noch genau an das eine Mal erinnere, wo ich mich getraut habe, die Lehrerin direkt anzusprechen. Da gab es irgendeinen Konflikt, einen Krieg, eine Krise, was weiß ich. Auf jeden Fall ging es um Lybien, ja, Lybien war definitiv involviert. In was für einer Weise auch immer. Das war eine ziemlich heikle Situation damals. Die Amerikaner waren - wie immer - auch beteiligt und es ging um das Mittelmeer, glaube ich. Und mein Vater, der immer schon Angst vor dieser Art von Konflikten gehabt hatte (neben seiner Angst vor Gewittern), vielleicht auch wegen seinem Vater, der im Zweiten Weltkrieg bei der U-Boot-Waffe gewesen war, saß abends gebannt vor dem Fernseher und kommentierte etwas, was wiederum ich aufschnappte und meiner Lehrerin erzählte. Irgendwas mit Schnellbooten, dass die mit denen ganz schnell da wären - wie gesagt, ich hatte wirklich keine Ahnung, wovon ich sprach, ich wusste noch nicht mal, wo "da" überhaupt war. Und Frau Rau war überrascht. Guckte mich verdutzt an und sagte irgendwas, weil sie nicht wusste, was ich meinte. Weil sie das nicht von mir erwartet hatte und weil es wahrscheinlich komplett aus dem Zusammenhang gerissen war. Fragte aber auch nicht genau nach, was ich meinte. Oder doch? Doch, ich glaube doch...aber wie gesagt, so richtig erklären konnte ich das dann doch nicht. Stattdessen faselte ich nervös irgendetwas von Schnellboot, dass die schnell da sein könnten, wenn die wollten. Und sie guckte mich einen Moment erstaunt an und ging dann wieder zum Business as usual über. Was mich enttäuschte und verunsicherte. Ich habe wirklich keine Ahnung, warum ich das hier erzähle. Aus irgendeinem Grund ist es hängengeblieben. aus irgendeinem Grund hat es den "Test of Time" überstanden. Sagen Sie es mir. Ich habe keine Ahnung. Vielleicht, weil ich zeigte, dass ich anders war. Vielleicht, weil ich in diesem Moment aus mir herausging, weil es einer der wenigen Momente gewesen war, wo ich im Unterricht aus mir herausgegangen war.
Ich glaube, das fing damals schon an, das mit den Sorgen. Aber daran erinnere ich mich nur noch sehr verschwommen. Da war irgendein Schulfest. Im Sommer. Soviel ist sicher, denn ein Portugiese, der Vater von irgendeinem Schüler, machte Fisch, so Stockfisch, glaube ich, Makrelen, keine Ahnung. Ich weiß noch nicht mal mehr, worüber ich mir damals genau Sorgen machte. Nur dass ich mir Sorgen machte, das weiß ich. Wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben sogar fast einen ganzen Tag lang. Und das als Kind. Ich meine später, okay, aber fing das damals schon an, in der Grundschule? Wahrscheinlich. Vor irgendetwas hatte ich Angst...weil meine Eltern da auch hingingen. Dass die irgendetwas über mich herausfanden oder hörten. Ich weiß noch nicht mal mehr, was das war. Das war vollkommen irrational. Und am Ende passierte wie immer nichts. Das war schon immer so in meinem Leben. Ich mache mich bekloppt und bekloppt, stunden- und manchmal sogar tagelang, denke immer wieder über irgendetwas nach, und dann passiert am Ende nichts. Und damals fing es an...aber warum? War da die Unschuld schon verloren? Die Unschuld, nach der ich hier suche.
Das war wie bei dem anderen Mal, an das ich mich noch erinnere. Das war wieder auf einem Sommerfest, ich glaube dem letzten im 4. Schuljahr. Diesmal machte zwar keiner portugiesische Sardinen auf dem Grill, aber dafür fand ein Fußballspiel statt. Ich weiß nicht, gegen wen wir spielten. Gegen eine andere Schule oder gegen die Parallelklasse, keine Ahnung. Wahrscheinlich war es nur meine Parallelklasse. Aber war Jan wirklich in meiner Klasse? Auf jeden Fall spielte er im Tor. Und der war gut, der Jan, verdammt gut. Der hielt einfach alles. Und ich glaube sogar ohne Handschuhe. Der war einfach nur geil im Tor. Und er hielt, glaube ich, sogar den Kasten sauber, zumindest in der ersten Halbzeit. Und dann kam Ivan. Und der hatte Handschuhe. Zog sich demonstrativ diese Riesendinger über, die eigentlich viel zu groß für ihn waren. Trat mit breiter Brust auf das Spielfeld und löste Jan im Tor ab. Zupfte sich noch einmal die viel zu großen Handschuhe zurecht. Woher hatte der in dem Alter eigentlich schon das Selbstbewusstsein? Ganz anders als du. Aber Selbstbewusstsein ist eben nicht alles. Denn Ivan war im Tor deutlich schwächer als Jan zuvor. Trotz der Handschuhe. Und anders als Jan zuvor muss er auch Tore reingelassen haben. Denn am Ende verloren wir. Und irgendwie muss das schon an Ivan gelegen haben. Und warum erzähle ich das alles? Obwohl ich noch nicht mal mitspielte. Zumindest nicht richtig, glaube ich. Vielleicht hatte ich ja sogar einen Kurzeinsatz. Vielleicht habe ich dabei ja sogar den Ball berührt. Wenn es hoch kommt. Im Vorbeilaufen. Durch Zufall. Weil ich angeschossen wurde. Aber das war nicht das Problem. Das Problem war, gaube ich, dass mein Vater den Pokal gestellt hatte. Das war zwar nur ein kleiner Pokal. Er hatte auch keine besondere Form, keine besonderen Ornamente, nichts. Einfach einer dieser ganz normalen zylinderförmigen Pokale. Aber für mich, mit meine neun oder zehn Jahren, muss er etwas ganz Besonderes gewesen sein. Denn direkt nach der Niederlage, fing ich an zu heulen. Ich weiß auch nicht genau warum. Eigentlich interessierte mich Fußball gar nicht. Aber auf einmal brach alles aus mir heraus. Auf einmal, fast aus heiterem Himmel, brachen alle Dämme. Und ich begann zu weinen, zu heulen. Vor allen Leuten. Wie ein Schlosshund. Und wie immer konnte ich nicht so schnell wieder aufhören. Das war schon immer so. Das hat mein Vater auch immer gesagt, später. Das hat den schon immer gestört. Tierisch gestört. Okay, vielleicht versuchte er ja sogar, mich zu trösten. Aber bestimmt mehr, weil ihm das peinlich war. Dass ausgerechnet sein Sohn da plötzlich anfing zu heulen. Weil die Leute anfingen zu gucken. Weil die Leute guckten. Was sollen die Leute denn denken?!
Oder hatte er vielleicht doch echte Gefühle? Und wollte dich trösten? Du willst ja daran glauben. Besonders heute, am Karfreitag. Vielleicht war es ja auch andersrum. Und das lag alles irgendwie an dir. Äh, an mir. An deinem Naturell, deiner Persönlichkeit. Vielleicht nicht unbedingt damals, als Kind, aber jetzt bestimmt. Weil du schon immer zu aufbrausend warst, zu impulsiv, zu emotional, zu...du selbst! Aber schon als Kind? Ja, siehst du ja! Oder heulte außer dir noch jemand wegen dem verlorenen Spiel?! Das war ein Fehler, da zu heulen. Es gibt bestimmt Kinder, die das auch wissen; auch schon in dem Alter. Und die dann dementsprechend nicht heulen. Ist es vielleicht besser sich zu kontrollieren, sich immer zu kontrollieren, auch schon als Kind, als Junge? Besonders als Junge? Als Mann? "Indianer fühlen keinen Schmerz", hat mein Vater immer gesagt. Das war einer seiner Glanzsprüche. "Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl", sagte er auch gerne. Und heute weiß ich auch, wo dieser Spruch herkommt - und bin schockiert! Aber das müsst ihr schon selber herausfinden.
Währenddessen heulte ich weiter wie ein Schlosshund, weil wir im Fußball verloren hatten. Weil ich so frustriert war. Aber kann man bei einem 10-Jährigen wirklich schon von Frustration sprechen? Selbst bei deinem Elternhaus. Vielleicht ja schon. Ich weiß es nicht, wie so vieles in diesem Leben. Ich meine, so schlimm war es ja auch gar nicht. Ich hatte ja alles, was ich wollte. Immer das neuste Spielzeug, ein eigenes Zimmer, eine Tischtennisplatte. Playmobil ohne Ende, Brettspiele, gute Klamotten, eine Raiders- und später eine Lakers-Jacke. Aber irgendwas fehlte. Selbst heute weiß ich nicht, was es genau war. Zuneigung, Liebe, Verständnis.
Ich war ein stilles Kind, immer schon...unsichtbar, fast unsichtbar..."schüchtern". Wie bei meiner Tochter später, weiß ich bei mir selbst auch nicht, warum ich so war. Aber es musste schon viel zusammenpassen, damit ich mich in der Schule freiwillig meldete oder überhaupt was sagte. Das war wirklich schrecklich, aber so war ich halt. Nature or nurture, that's the question. Oder anders ausgedrückt: War das etwas in mir, in meiner Natur. Oder lang es an meinem Umfeld, an meiner Erziehung? Wahrscheinlich werde ich darauf nie eine befriedigende Antwort bekommen. Vielleicht war es ja eine Mischung aus beidem, wie so oft im Leben. Warum hatte meine Mutter eigentlich immer so viel Angst, dass mir was passieren könnte? Vielleicht war ihr ja irgendwann auch was passiert. Es gab da schon Hinweise, komische, zweideutige Anspielungen. Die las ja auch immer diese Magazine, die es damals noch gab. Mit diesen seltsamen Berichten auf der letzten Seite. Die ich dann später auch heimlich lesen sollte. Wahrscheinlich mit einem leicht anderen Fokus als meine Mutter. Oder doch nicht so anders? Vielleicht verschafften diese Berichte auf der letzten Seite ihr ja eine ähnliche Befriedigung wie mir. Sorgten für dieses eigentümliche Kribbeln im Unterleib, das sie bei mir hervorriefen. Aber das war erst später, also lassen wir das...
Dann ging Iwan weg, und José auch, und ich kam aufs Gymnasium. Das heißt, eigentlich sollte ich ja gar nicht aufs Gymnasium, weil ich nicht die Empfehlung hatte, oder nur eine eingeschränkte Empfehlung, aber mein Vater ging dann da hin und sprach mit denen. Und da diese Empfehlungen damals noch nicht bindend waren, kam ich aufs Gymnasium. Oder wie er es sagte: "Dann bin ich da hingegangen und hab mit denen geredet..." Ja, so war er, mein Vater. So ist er. Ich habe mich oft gefragt, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich damals nicht aufs Gymnasium, sondern auf eine Realschule gekommen wäre. Wäre ich dann glücklicher geworden, als Handwerker. Hätte ich dann weniger über meine Kindheit und Jugend nachgedacht? Ich weiß es nicht, aber das kann man eh nicht ändern. Und mein Vater wollte, dass es sein Sohn, sein Junge einmal besser haben sollte als er. Wo verlor er dieses Ziel aus den Augen? Irgendwo zwischen meiner Kindheit und Jugend, glaube ich.
Es ist nicht viel geblieben aus dieser Zeit. Mein Vater rauchte und schickte mich Zigaretten holen. Zu diesem Büdchen in K. Das auf der Ecke, neben der Apotheke. Unter der Zeder, von der ich nicht weiß, ob es sie überhaupt noch gibt. Da saß dann immer so eine alte Frau mit so einem dicken Rock. An die erinnere ich mich noch. Oder glaube mich zu erinnern. Die sah irgendwie so aus wie so eine Russin. Oder zumindest wie man sich eine Russin gemeinhin so vorstellt. Und gab und nahm die Scheine und Münzen mit ihren dicken, schwieligen, vom Geld ganz braunen Händen. Hatte ich etwa damals schon dieses unglaubliche Mitleid mit den Menschen, mit dieser armen, alten Frau, die noch Süßigkeiten, Zeitungen und Zigaretten in einem Büdchen in Kessenich verkaufte? Süßigkeiten, Zeitungen und Zigaretten, die vielleicht später jemand einfach so wegschmiss, die lieblos irgendwo landeten, in irgendeiner Ecke. Ohne zu wissen, ohne sich nur im Geringsten dafür zu interessieren, was sie den Menschen bedeuteten, die sie herstellten, um die Ecke bei Haribo. Oder bedeuteten sie ihr auch nichts, machte sie das nur, um zu überleben? Oder weil ihr langweilig war, alleine zu Hause? Ich weiß nicht, aber bestimmt hatte sie den Krieg erlebt; das waren damals die 80er, und sie war alt, auf jeden Fall schon über sechzig und vielleicht auch schon über siebzig - damals konnte ich das noch nicht so richtig einschätzen, das kann man als Kind nicht. Das lernt man erst später, wenn das Alter für einen selbst einen Wert bekommt.
Immer ein bisschen nervös und ganz formal sagte ich:
"Ich hätte gerne eine Packung..." (Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, welche Marke mein Vater damals rauchte. Camel dürfte es bei seiner Einstellung eigentlich nicht gewesen sein, aber ich glaube, es war Camel...)
Den Satz hatte ich mir vorher schon im Kopf zurechtgelegt und ein paarmal mental durchgespielt. So ging das damals. Ich war da irgendwie gehemmt. Im Umgang mit Erwachsenen. Mit Gleichaltrigen nicht so sehr, aber auch ein bisschen. Und später mit Mädchen. Das war am schlimmsten, aber dazu später.
Mein Vater rauchte also, wogegen ich mich durch Luftanhalten im Auto zu schützen versuchte. Und meine Mutter trank. Wogegen ich...
Damals hatte sie auch geraucht, vor meiner Geburt, aber dann hatte sie damit aufgehört, wie sie immer sagte. Auch mit den harten Sachen hatte sie irgendwann aufgehört. Keine Ahnung, wie alt ich da war und was das für harte Sachen gewesen waren. Keine Ahnung, ob das überhaupt stimmte. Auf jeden Fall trank sie nur noch Bier und Wein ab dem Punkt, wo mir ihr Alkoholkonsum bewusst wurde. Aber das war erst später.
Gerne wäre ich als stiller Beobachter dabei gewesen und hätte gesehen, wie sie sich verhielten, wie sie sich mir gegenüber verhielten, wie sie mich behandelten,
wie sie miteinander schliefen
aber das geht natürlich nicht...
Ich erinnere mich an nichts mehr. Wie nennt man noch mal diese Zeit, diese Entwicklungsstufe der menschlichen Psyche? Selbst das weiß ich nicht. Aber dafür war ich damals eh noch zu klein. Ich interessierte mich mehr für das Fernsehprogramm: Tom und Jerry, immer weiter...
Vielen Dank, wie lieb von dir
Manchmal spielt das Leben mit dir gern Katz und Maus
Immer wird's das geben einer der trickst dich aus
Vielen Dank für die Blumen
Vielen Dank, wie lieb von dir
Die Fabienne und die andere, deren Namen ich nicht mehr weiß, waren mit diesen Typen zusammen. Mit diesen Einheimischen, die locker schon Mitte 20 waren und gut aussahen. Die sahen wir dann die ganze Woche fast nicht mehr. Die haben die bestimmt gebumst, wenn diese zwei Typen die nicht gebumst haben, dann weiß ich es auch nicht. Das war noch bevor ich Nadine kennenlernte, am Anfang der 13. Klasse. Wie jung ich damals war. Alles lag noch vor mir. Barcelona 1995. Ja, es muss 1995 gewesen sein.
Mit Lars in einem Zimmer. einem Zweibettzimmer mit dusche. En suite. Lars aus Bonn-Tannenbusch, der immer "Husch, husch, in den Busch!" sagte und dreckig lachte. Lars mit der Gaspistole. die ich so spannend fand, dass ich sie gleich am ersten Tag, bei der ersten Gelegenheit, wo Lars nicht da war, aus einer Tasche nahm und in der Hand hielt. Was ist es mit Jugendlichen und Pistolen? Aber die Sicherung kannte ich natürlich nicht, weshalb ich prompt alle Kugeln einzeln aus dem Lauf friemeln musste. Das war eine Arbeit. Und so peinlich! Aber Lars sagte nichts. auch wenn er es vielleicht gemerkt hatte, sagte er nichts ...
Mein Vater erzählte damals immer davon, dass irgendein Familienmitglied - natürlich aus seiner Familie - beim Hitler vor der Tür gestanden hatte. "Als Leibwächter! Der gehörte zu der Leibstandarte! Beim Führer! Bei unserem Führer!" Das erfüllte ihn mit Stolz. Genau wie wenn er immer "Heim ins Reich" sagte, wenn wir aus dem Urlaub zurück nach Hause fuhren ...
