An meinem Geburtstag, einem
kalten Tag im Februar, werde ich von meiner Tochter geweckt, die sich in der
Küche Buttergemüse von Aldi für die Schule macht. Und einen Bagel, im Ofen. Meine
Tochter, die irgendwas sagt, nuschelt, das ich nicht richtig verstehe.
Ein Blog über das Leben, die Liebe, Beziehungen, Verlust, Angst, Spaß, die Lust, die Lust am Schreiben,Südamerika, Musik, südamerikanische Frauen, die Liebe, Spanisch, Englisch, Schottland, Spanien, Deutschland, dat Rheinland, Kinder, Literatur, Vergänglichkeit, Arbeit, Politik, die Mafia, Urlaub, Gewalt, Verbrechen, Sex, große und kleine Gefühle und vieles, vieles, vieles mehr ...
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Donnerstag, 8. Februar 2018
Herzlichen Glückwunsch!
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Vater-Tochter-Beziehung,
Vatersein,
Wechselmodell,
Weihnachten
Sonntag, 14. Januar 2018
Samstagnachts halb zwei in Deutschland
„Ich glaube, du würdest da
genauso reagieren…“
„Das war aber am Anfang, da
warst du generell eifersüchtig.“
„Mmh, auf jeden Fall!“
„Nein.“
„Ohne dass du dich wieder
angegriffen fühlst…“
Freitag, 12. Januar 2018
Der Knoblauch fällt nicht weit...
Auf dem Weg zur
Arbeit muss ich darüber nachdenken, wie ähnlich wir uns doch sind, ich und
meine Tochter. Letzte Woche war sie ein bisschen krank und da hat sie sich doch
tatsächlich eine Knoblauchbrühe mit Ingwer gemacht. Wie der Papa!
Letztens hast du
ihr das sogar gesagt: „Wir kriegen uns nur so oft in die Wolle, weil du mir so
ähnlich bist!“
Donnerstag, 14. Dezember 2017
Luis Garavito, Karl Denke und ich
Ich komme nach Hause,
telefoniere mit der Sparkasse (ich habe meine verfickte Karte verloren, mal
wieder…oder zumindest im Dialog-Automaten vergessen, was weiß ich denn, mein
Leben ist ein einziges Chaos…), danke Gott, dass nichts abgehoben wurde…puh…seit
letzte Woche Donnerstag. Da kann ich ja eine Pause machen, nur eine kleine,
eine kurze Pause. Vom Leben. Von meinem derzeitigen und natürlich auch
vergangenen Leben. Also lege ich mich ins Bett, stelle das spanische Fernsehen
wieder laut (schon wieder Trump-Bashing, selbst in Spanien…wenn jemand so viel
Haue bekommt, dann muss er ja etwas richtig machen…).
Samstag, 9. Dezember 2017
Auf Linie bringen/Dann stirb doch!
Es ist nie zu spät für eine Diät!
(meine Mutter)
Heute mache ich Diät! Heute
will ich es diesem Körper zeigen! Es kann ja nicht sein, dass mein Körper mich
kontrolliert. Die Kontrolle über meine Gedanken übernimmt. Mir sagt, dass ich
immer mehr essen soll. Nein, heute breche ich den Willen meines Körpers! Fange
schon um 14 Uhr damit an, nicht mehr zu essen. Heute werde ich den absoluten
Weltrekord an Stunden ohne Essen brechen! 17 Stunden 42 Minuten. Wenn ich ab
14:00 nichts mehr esse, erreiche ich das schon morgen um 8 Uhr Morgen früh! Und
wenn ich dann weitermache…
Donnerstag, 23. November 2017
Mein Ernährungstagebuch (Teil 30930)
Heute starte ich mein Ernährungstagebuch wieder! Vielleicht verliere ich ja auf diesem Weg Gewicht.
Wenn ich alles, was ich in mich hineinstopfe, konsequent blogge. Gott weiß,
dass ich schon auf so viele Arten versucht habe, Gewicht zu verlieren…
Also, lasset die Spiele
beginnen!
Freitag, 17. November 2017
Döner zum Abendessen
Ich gucke Australia. Mit Nicole Kidman. Und denke
daran, wie ich das früher mit ihr geguckt hätte. Wie sie immer eingeschlafen
ist, neben mir, in meinen Armen. Wäre sie bei Australia auch eingeschlafen. Weil es so langweilig war neben mir.
Oder weil sie einfach nur müde war. Den ganzen Tag putzen ist hart…
Du wirst es nie erfahren…
Freitag, 10. November 2017
Selbstbefriedigung und Stiefschwestern am Morgen vertreiben Kummer und Sorgen
Morgens, kurz nach dem
Aufstehen, kurz nach 07:14, denke ich: All dieses Gejammer bringt doch nichts.
Du musst tun, machen! Nicht jammern! Also lege ich mich wieder ins Bett und
schlafe weiter…
Aber dann kann ich irgendwie doch nicht
schlafen, kann doch nicht wieder einschlafen…
Sonntag, 29. Oktober 2017
Müllentsorgung nach der Scheidung
Heute muss ich echt mal wieder ein bisschen
aufräumen. Zuerst bringe ich den Müll raus, dann gucke ich im Keller nach, wie
die Wäscheleinensituation aussieht (das muss man in einem Mehrfamilienhaus, in
dem nur sechs Leinen vorhanden sind, immer tun). Aber heute ist fast alles leer
(oh, Wunder!). Also wird heute auch noch gewaschen. Keine Minute Pause.
Samstag, 28. Oktober 2017
Visionen
"Wer Visionen hat,
soll zum Arzt gehen."
Helmut Schmidt
Am Maritim steigt eine Frau
in die Bahn ein, die von hinten voll aussieht wie Nadine. Wie Nadine früher
aussah, als sie noch Locken und einen Pferdeschwanz hatte, vor Jahren…
Hey, nicht dass das Nadine
ist!, denkt er.
Donnerstag, 26. Oktober 2017
Mein Ernährungstagebuch: reiner Selbstmord!
Versuche mich seit letzter
Woche totzufressen. Bisher war ich noch nicht erfolgreich, aber ich arbeite dran...
Habe schon 500g Aldi-Frikadellen, 2 Lidl-Geflügelrollen,
eine Backwerk-Geflügelrolle mit Käse überbacken, eine Laugen- Pizzazunge der
gleichen Großbäckerei (ich liebe die), mindestens 6 Eier (boah, hab ich Eier,
ey)…, Linguine mit Pesto und Knoblauch, viel Knoblauch (bis mein Chef mich am
Wochenende darauf hinwies…), ein Fladenbrot mit Butter (die kosten in Bad
Godesberg nur70 Cent!), 4 Bananen, eine Paprika, die restlichen Cherry-Tomaten,
6 Liter Cola-Light (bringt nichts, ich weiß, aber vor richtiger Cola habe ich
mittlerweile richtig Angst)…mindestens, 4 Maultaschen, eine
Tüte gerollter Fritten (Loops heißen
die glaub ich) von Aldi, eine Packung Lidl-Schokolade (Michriegel für Kinder in
der 200-GRAMM-ACKUNG), eine Packung Chips (oder war das die Woche davor?), ein
Broccoli (um den Selbstmord wenigstens noch ein bisschen länger genießen zu
können), eine Lidl-Kühlpizza (nicht der Tiefkühlscheiß, sondern die aus der
Kühltheke mit viel Pepperoni, die scharfe, das scharfe Stück, das…), 6
Rostbratwürstchen, 2 Packungen Wraps à 6 Stück (zum Einrollen der Wüstchen!), den
restlichen Magerquark und Joghurt von ihr (selbst den, Obacht, Respekt!),6
orientalische Wraps (wir sind ja multikulti, zumindest beim Essen…), eine
Packung komisches orientalisches Brot…
…und was aus dem Automaten
auf der Arbeit…nein, diese Woche glaube ich nicht…dafür aber tonnenweise Café
Latte mit tonnenweise Kaffeesahne (auch auf der Arbeit)…imma wigga, bis ich
fast nicht mehr gehen konnte…
Das alles habe ich gegessen
(und ich weiß, dass es in Wahrheit noch mehr war, ich habe es nur vergessen)…
Und
das alles nur, weil ich dich liebe, und ich nicht weiß, wie ich’s dir sagen
soll
Und
deshalb bringe mich für dich um…
Montag, 28. August 2017
Montag und die Tür zu einer anderen Welt
In der Unterführung steht
„Ihr Fotzen“ an der Wand. In kleinen, fiesen Buchstaben. Und direkt daneben „Kurdistan“. Der Typ, der aus der Bahn
aussteigt trägt ein T-Shirt, auf dem „The Good Die Young“ steht. In
silberner Glitzerschrift! Kaum ist er
ausgestiegen, da zündet er sich auch schon eine Zigarette an. So jung ist er ja
schließlich auch nicht mehr… Du auch nicht. Und du hast es schließlich auch
noch nicht hinter dir, genau wie er. Dieses Leben, diese Hölle, dieser Ritt auf
dem…ach, leckt mich doch! Dafür, dass er jung sterben will, verschwindet der
aber noch relativ schnell in der Gasse. Mit seinem Lederarmband und seinem
Drei-Tage-Bart. Er geht an der Polizei vorbei. Polizeiwache Rheinbach. Ich werd
das denen nie verzeihen denkt er. Die sind für mich gestorben. Die Staatsmacht.
Seit damals… Was für Arschlöcher. Aber es gibt keinen anderen Weg als an der
Wache vorbei. Durch den Raiffeisen-Tunnel hindurch zum Bücherschrank, vor dem
ein Buch auf dem Boden liegt. Er hebt es auf, aber keine zehn Sekunden später
fällt es fast wieder runter. Was für eine Scheiße!
Donnerstag, 17. August 2017
Sevilla, in einem anderen Leben
In einer anderen Welt, in
der ich mich nicht mehr befinde, öffne ich abends um acht auf der Arbeit Google
Earth Pro und suche nach diesem Hotel in Sevilla. Davor habe ich eine Stunde
Antonio Orozco gehört, aber das – anders als gestern mit María im Nebenzimmer –
hat nichts gebracht. (Jetzt, wo ich das sage, fällt mir auf: Hey, Antonio Orozco ist ja auch aus Sevilla! Zufälle gibt’s!)
Donnerstag, 10. August 2017
Kinder und Eltern in der Pubertät
„Halt mal auf!“
Ich stehe mit der Mülltüte
neben ihr, während sie sich eine Schale mit Joghurt, Apfel und Nüssen macht.
Wie schön!
In der Hand habe ich die
Schüssel mit ihrem Salat, mit Tomaten, Thunfisch und Gurke, die sie nicht mehr
will:
Freitag, 12. Mai 2017
Wärme
Es ist dieses Gefühl der
Wärme, dass ich so vermisse, denkt er auf dem Weg nach Hause. Schon allein das
Wort "nach Hause" ist nicht das richtige Wort. Das ist nämlich nicht sein
„Zuhause“. Sein Zuhause ist immer noch in Duisdorf mit ihr, all die ganzen
Jahre. Du kommst „nach Hause“, ins Nichts deiner Wohnung, schließt die Tür
hinter dir ab und da ist niemand. Keine Menschenseele. Nichts kann dieses
Gefühl der Wärme ersetzen, dass sie – trotz allem, trotz allen Streitigkeiten,
trotz aller Unzufriedenheit – in dein Leben gebracht hat. Es war nicht perfekt
mit ihr, aber es war besser als das hier.
Freitag, 17. März 2017
Bis morgen...
Morgens wache ich auf, als
meine Tochter ins Bad geht. Um ungefähr zwanzig nach sechs. Obwohl ich gestern
erst um zwei Uhr nach Hause gekommen bin. Sie setzt sich vor den Fernseher auf
dem alten Esszimmertisch und erzählt mir, dass ihre Lehrerin gestern nicht zu
dem Termin mit ihr gekommen ist. Wegen der Facharbeit. Dass die nicht gekommen
ist, weil die auf irgendeiner Veranstaltung war. Angeblich. Was für eine Scheiße,
sage ich. Das ist so typisch. Erst den Termin machen und dann nicht kommen.
Viel verlangen, aber nichts geben. Ist ja egal. Das was du schreibst, ist ja
gut so. Das brauchst du ja nicht noch extra von der zu hören, oder?! Mach
einfach so weiter, wie bisher. Bau vielleicht noch ein paar Zahlen ein… Sie
geht wieder ins Bad, kommt dann wieder. Erzählt dir, mir, dass sie gestern in
der Stadt war mit Jacqueline, ihrer besten Freundin. Dass sie da die Würstchen
gekauft hat, die Mettwürstchen. Die Mettwürstchen, die sie mir in die Nudeln
gemacht hat Mit Pesto. Die Nudeln, die mir immer noch schwer im Magen liegen.
Aber die Würstchen waren lecker. Richtig lecker. Das waren echt Mettwürstchen.
Zuerst wolltest du es gar nicht glauben und dachtest, sie hätte sich da vertan.
Sonntag, 12. März 2017
Nudeln
Erst mal keine Nudeln mehr,
lache ich laut mit mir selbst, auf der Toilette sitzend, mir den Arsch abwischend.
Erst mal keine Nudeln. Wieder muss ich über mich selbst lachen. Was hab ich
letztens gelesen? Muslime hätten keinen Alltagshumor? Dafür hab ich umso mehr
davon… Näh, aber echt. Nach zwei Tagen ungebremsten Nudelbeschuss reicht es
langsam auch mal. Eigentlich wollte ich ja heute schon Reis machen, aber…
Samstag, 4. März 2017
Trump und die deutsche Lebenserwartung
“Ninety-nine per cent of traditional English literature
concerns people who never have to worry about money
at all. We always seem to be watching or reading about
emotional crises among folk who live in a world of
great fortune both in matters of luck and money; stories
and fantasies about rock stars and film stars, sporting
millionaires and models; jet-setting members of the
aristocracy and international financiers.”
― James Kelman
Morgens wacht er auf und hat
Kopfschmerzen. Richtige Kopfschmerzen. Hatte er schon öfters in letzter Zeit.
Ist ja auch kein Wunder. Bei dieser ganzen Scheiße. Lief ja diese Woche sogar
im Fernsehen. Ärmer Menschen sterben früher. Dass die das überhaupt gebracht
haben, im Ersten wundert mich, denkt er. Im deutschen Lügenfernsehen. Das sich
mehr um Trump schert als um die eigenen Leute. Trump ist dies, Trump ist das,
Trump macht dies, Trump macht das, nur um nicht sagen zu müssen: Was macht denn
Merkel oder Schulz. Oder keine Ahnung, welche der anderen Witzfiguren. Was
machen die denn für die Leute. Die normalen Leute. Die arm sind. Und früher
sterben. Nichts. Nichts außer Gelaber und dumme Sprüche. Nichts. Wir müssen uns
ja um Trump kümmern. Das ein Trump auch hier Erfolg hätte, schert die nicht.
Das sehen die nicht. Das wollen die
nicht sehen. Genau wie die Wohnungsnot, die Flüchtlingskrise, die
Dumping-Löhne. Solange Trump noch in Amerika regiert, ist das ja wichtiger.
Aber das Trump genau aus dieser Unruhe entstanden ist…das hat doch alles nichts
mit nichts zu tun. Hauptsache von eigenen Problemen ablenken, denkt er, während
er wieder mal an einem Obdachlosen in der Tannenbuscher "City" vorbeikommt. Der vom
Wachdienst, der sieht das. Der hat recht. Der ist ein guter Mann. Wie er so
todmüde nachts durch Tannenbusch schlendert. Und versucht, dem Chaos Einhalt zu
gebieten. Der sagt das auch, das mit dem Obdachlosen an der Ecke. Mitte 30.
„…da kümmert sich keiner
drum.“
Während er an seiner Theke
steht und keinen Kaffee will, weil er sonst gar nicht mehr schlafen kann. Mit
seinem immer länger werdenden Bart sieht er fast aus wie ein Philosoph. Noch
ein Beruf, der obsolet geworden ist: der des Philosophen. Die Deutschen wollen
keine Philosophen mehr. Nachdem wir mal führend waren, in diesem Bereich. Wie
in vielen anderen. Ein Deutscher hat gesagt: „Gott ist tot!“ Ein Deutscher hat
vom Sein und Seinsverlust gesprochen. Aber das will ja keiner mehr hören. Davon
will ja keiner mehr wissen.
Er hört sich das an, das
Arme früher sterben und rechnet sich die Jahre aus, die er noch hat. So viele sind
es dann doch nicht mehr, denkt er. Lieber nicht drüber nachdenken. Denken ist
sowieso nicht mehr angesagt. Nachdenken noch weniger. Das wird bald bestimmt
abgeschafft. Das Fühlen haben die schon lange abgeschafft oder an die Soaps
delegiert. Wenn im Fernsehen einer stirbt, werden wir traurig, heulen sogar, an
den Obdachlosen in der U-Bahn fahren wir vorbei. Und wenn sie sterben, umso
besser: Dann müssen wir sie nicht mehr jeden Tag auf dem Weg von und zur Arbeit
ertragen. Das ist dann doch zu nah an „zu Hause“, too close to the bone, das ist nicht so weit weg wie Putin oder
Trump. Bei denen erwartet man das ja. Aber doch nicht hier, im (schlechten)
Gewissen der Welt. Also fragt er sich – während der Bericht über den Typen mit
den kaputten Knien, der raucht und trinkt, und mit seiner Einschätzung, dass er
nur ungefähr 70 Jahre alt war, wahrscheinlich goldrichtig liegt – im Fernsehen
läuft: Warum zeigen die das überhaupt? Die Journalisten, die von
Enthüllungsjournalisten der Wahrheit zu Sprachrohren der Politik geworden zu
sein scheinen. Warum bringen die noch solchen Berichte? Wollen die etwa doch etwas
ändern? Wollen die etwa doch eine Revolution? Oder – immerhin ist "Schadenfreude"
ein deutsches Wort, das sogar seinen Weg ins Englische gefunden hat – wollen die
noch Salz in die Wunde streuen. Die fühlen diese Armut nämlich nicht. Die
verdienen 10.000 im Monat und werden über 90 oder gar 100 Jahre alt. Wollen die
die Armen noch weiter ausgrenzen, mit dem medialen Finger auf sie zeigen, die
Armen, die die AfD wählen und sich noch nicht mal, nicht mehr, von Schulz täuschen
lassen? Wollen die sagen: Seid ihr wirklich so? Wollt ihr wirklich so sein? Wie
diese Shows bei RTL, mit der Polizei und so weiter, die immer wieder Recht und
Ordnung herstellt? Hartz-IV-TV? Ist das Armuts-Voyeurismus? Beim Ersten? Oder
Angstmache? Damit sich die Leute weiter nur um sich selbst kümmern, um ihr eigenes
Überleben? Und nicht die anderen sehen? Sind das etwa die letzten Züge der
medialen 68er-Bewegung, die postuliert, dass wir uns nur alle schön um uns
selbst, um unseren eigenen Arsch kümmern müssen, dann wird schon alles gut?
Unsere Individualität ausleben müssen: Zwischen Apple und Samsung, Pepsi und
Coca Cola, Nike und Adidas, Aldi und Lidl?
Aber egal: Er selbst ist ja
auch nicht besser. Er macht ja auch nichts für „die Armen“. Für andere. Er leidet
ja auch nur für sich selbst. Und außerdem ist er ja in gut 30 Jahren eh weg,
wenn er so bleibt, wie er ist. So arm, so ausgegrenzt, so sich nur um sich
selbst drehend. Dann ist das Problem auch gelöst. Und bei den Kopfschmerzen,
die er heute hat, löst sich das Problem vielleicht sogar wesentlich früher…
Und außerdem: Wer will schon
ewig leben?
Oder wie Herr Baden, der ein
Haus in einem ruhigen Vorort hat und früher bei der Telekom groß im Geschäft
war, ihm das einmal gesagt hat, als er nach der Trennung total am Boden zerstört
war und sich bei ihm ausgeheult hat: „Willst du wirklich SO noch 30 Jahre
weiterleben? SO WIE JETZT?“ So kaputt? So leidend? So arm? So perspektivlos?
Das ist die Frage
Sein oder Nichtsein.
Heidegger oder Shakespeare
Merkel oder Trump
Oder gibt es vielleicht doch
eine Alternative?
Wahrscheinlich sagen die
auch noch (oder denken es zumindest): Wer früher stirbt, ist länger tot!
Er kriecht aus seinem alten
Doppelbett, dessen andere Seite schon lange leer ist, trinkt einen Schluck Cola
Zero aus der Plastikflasche, geht in die Küche und macht sich einen
Käse-Salami-Mayonnaise-Wrap mit Butter, dann noch einen…
Er ist ja selbst dran
schuld, ich weiß.
„Du bist ja selbst dran
schuld!“
„Jeder ist seines eigenen
Glückes Schmied!“
„Dann lass doch mal diesen
Scheiß aus dem Leib. Die Cola und so…“
...würde sein Vater sagen. Sein
Vater, der 50 Jahre als Kfz-Mechaniker geschuftet hat, geraucht hat, flaschenweise
Cola gesoffen hat und dann für 1600€ in Rente gegangen ist, einer Rente, von
der er sich noch nicht mal eine vernünftige Wohnung leisten werden kann, wenn
er irgendwann mal aus seiner Wohnung raus muss. „Eigenbedarf“ nennt sich so
was. Aber vielleicht wird er die nächste Wohnung ja gar nicht mehr brauchen.
Nach seinem zweifachen Bypass…
Obwohl seine Lebenserwartung
etwas über dem arbeitslosen Möbelpacker beim Morgenmagazin liegen dürfte…
Donnerstag, 23. Februar 2017
Karneval
Morgens
wache ich, ich!, auf. María ist schon
wach. Sie will trainieren gehen. Früh, weil heute Weiberfastnacht ist und das
Fitnessstudio nicht ewig aufhat. Also ist sie schon wach. Ich auch, ich tue
aber so, als wär ich es nicht, während sie durch die Wohnung geistert. Ich
rieche etwas Leckeres, aus der Küche. Riecht wie…etwas Gebratenes. Ei…oder
Wurst…oder so…
Ich
gebe mich als wach zu verstehen. Sie sitzt auf dem Stuhl neben dem Fernseher.
Der aus ist. Ich mache ihn an. Die reden über den Orkan, der heute über
Deutschland zieht.
„Bei
Nicholas Sparks stehen Stürme immer für Veränderungen. Immer, wenn es stürmt,
passiert was. Irgendwas. Ein Unglück, die Erlösung, was weiß ich…“, hast du vor
Tagen zu María gesagt. Weil sie ja Deutsch-Leistungskurs hat. Oder nicht nur
deswegen…?
„Boah,
hoffentlich weht der Sturm Karneval weg. Weiberfastnacht… Hoffentlich weht der
alles weg…“, sind meine ersten Worte an diesem Worte an diesem Tag. Meine ersten
Worte. Am Anfang war das Wort…
Hoffentlich,
echt. Und deine Mutter gleich mit. Wenn sie wieder als Insekt verkleidet ist.
Wie im Trennungsjahr. Wo sie dich belogen hat. Oder noch schlimmer: Wo sie
geschwiegen hat. Nicht gesagt, dass sie fröhlich Karneval feiert, während sie
zu Hause dich anschweigt. Dir das silent
treatment angedeihen lässt. So tut als ob sie böse wär. Und dann auf dem
Foto als fröhliche Scheißhausfliege verkleidet ist. Richtig aufwendig. Während
du auf der Arbeit die „Ham-Sie-mal-10-Euro-Kunden“ bedienst. Unahnend. Nichts
ahnend.
Etwa 40% aller Bürger und Bürgerinnen
hätten einen Anspruch auf eine Sozialwohnung…
Geil,
ich bin grade erst fünf Minuten wach. Habe grade den Scheiß-Fernseher angemacht.
Und dann sagt diese Tante so was. Unglaublich! Was für ein Land! Ein Land in
dem 40%.der.Bürger.und.Bürgerinnen.einen.Anspruch.auf.eine.Sozial-Wohnung.hätten…
Gut, dass es uns doch (noch) ach so gut geht…
Überraschende Zahl…,
kommentiert die Moderatorin, …40% der
Bevölkerung haben einen Anspruch auf eine Sozialwohnung, die es nicht gibt…
„Was
hast du gemacht? In der Küche?“
„Porridge“,
sagt sie fröhlich, fast sogar ein bisschen belustigt.
„Scheiße.
Das riecht viel besser als Porridge.“
Später,
als sie weg ist, trainieren, und ich aus dem Bad komme, sehe ich die
zusammengelegten Geschirrhandtücher neben dem Wäscheberg. Ich habe die Wäsche
kaum reingeholt und schon hat sie begonnen, sie zusammenzulegen. Unglaublich!
Sie ist so ein gutes Kind. Und ich… Noch bevor sie zum Fitnessstudio gegangen
ist. Und ich…und ich denke: Du hast sie nicht verdient. Du hast nichts von
alledem verdient. Und das, obwohl du fast alles verloren hast. Selbst das hast
du nicht verdient. Sie ist so ein gutes Kind. Sie hat das nicht verdient. Einen
Vater wie dich. Eine Mutter wie deine Ex-Frau. Deine Frau. Sie hat keine Eltern
verdient, die ihr nichts geben können. Keine Eltern, die getrennt sind.
Manchmal denkst du das.
Aber
manchmal denkst du auch: Du gibst ihr auch etwas. Trotz allem. Trotz allem hast
du ihr auch etwas zu geben. Du hilfst ihr ja mit der Schule. Und obwohl sie
schon fast 18 ist, nimmt sie deine Hilfe noch an. Vielleicht kannst du ihr auch
etwas geben. Etwas, dass ihr ein reicher Vater, der den ganzen Tag nicht da
ist, nicht geben kann. Also kriegt sie etwas nicht, kriegt aber dafür was
anderes. Was auch wichtig ist. Genauso wichtig? Du willst es nicht glauben…
Kannst es nicht glauben…
Aber
du liebst sie. Es war richtig, in Deutschland zu bleiben. Trotz allem. Wenn
auch nur für sie. Nicht mehr für deine Frau. Deine Ex-Frau
Familie
ist wichtig
Besonders
in unserer Gesellschaft
Was
haben wir ohne Familie
Außerdem
hast du ja da diese wilde Theorie. Nach der, wenn eine Generation verkorkst
ist, so richtig verkorkst ist, so wie du verkorkst ist, dass dann die nächste
Generation besser wird. Dass sich also die vorherige Generation, deine also,
sozusagen unbewusst aufopfert, damit es der nächsten besser geht. Aber das ist
nur eine Theorie. Nur so eine Theorie
Vielleicht
wird ja etwas Besseres aus diesem Scheiß. Diesem ganzen Scheiß. Du verlierst
eine Frau, aber gewinnst eine Tochter.
Wie
sie letztens das mit Freud gesagt hat. Das hat dich umgehauen. Weil du Freud
liebst. Und hasst. Weil er ein visionärer Langweiler ist. Das mit dem Sohn, der
sich in die Mutter verliebt. Und der Tochter, die sich in den Vater verliebt. Sie
meinte, ab einem bestimmten Alter, du meintest immer. Prinzipiell. Generell.
Immer.
„Nein.
Das ist nur eine Phase. So eine bestimmte Phase…“
„Ja?“
Du
hast mich in einer komischen Phase meines Lebens kennengelernt…
Sie
wird erwachsen langsam. Auf die harte Tour. Härter als du. Und trotzdem ist sie
so gut. S ein guter Mensch. Ich hoffe, dass sie das irgendwann liest. Und
heult. Sich einen ganzen Abend die Augen ausheult, so wie ich, wenn ich Exogenesis III von Muse gucke. Immer wieder. Aber
ich hoffe auch, dass sie das nicht zu schnell liest. Hoffentlich. Erst in 10,
20 Jahren. Nicht jetzt. Auf keinen Fall jetzt. Weil ich nicht weiß, ob sie das
verarbeiten kann, das schon verarbeiten kann. Ich hätte das auch nicht gekonnt.
Aber diese Woche war was Besonderes. Du hast zu ihr gefunden. Irgendwie. Hast
sie entdeckt. Und was du sahst war gut. Richtig gut. Aber du würdest ihr das
nie direkt sagen. Du könntest ihr das nie direkt sagen. Du liebst ihre Mutter
immer noch. Sie ist ein richtig guter Mensch. Ein gutes Kind.
„Du
bist fast schon zu gut. Du musst mehr von deiner Mutter in deinen Charakter
aufnehmen. Du musst mehr wie deine Mutter.“
Obwohl
die ja auch gut ist.
Aber
jetzt musst du die Curry-Paste und die Zahnbürste für sie holen. Sonst ist es
zu spät. Heute ist ja Karneval. Weiberfastnacht.
Und
das erste Mal seit Jahren kann ich sagen: Ich will noch nicht sterben.
Wahrscheinlich sterbe ich genau deshalb genau jetzt...
Ich
will noch nicht gehen. Das erste Mal seit Jahren. Vielleicht schon seit vor der
Trennung.
Als
ich rausgehe, um die Curry-Paste zu kaufen, die sie will – sie will heute etwas
ganz Besonderes kochen! –, denke ich: Heute gehe ich auch raus. Trotz Sturm.
Heute ist Weiberfastnacht. Scheiß doch drauf. Ich frage sie, ob sie irgendwas
hat, Schminke oder so, und dann gehe ich raus. Trinke mir Mut an. Trinke all
die Flasche Alkohol, die sich seit eineinhalb Jahren auf dem Tisch angesammelt
haben (zweimal Wein, einmal Sekt) und gehe raus. Scheiß drauf. Heut hab ich
Bock! Nur weil ich geschieden bin, muss ich ja nicht wie ein Mönch leben. Sie
hat mir das zurückgegeben. Diese Woche.
Die Lust aufs Leben. Danke, María! Dankeschön!
Danke,
dass du mir das zurückgegeben hast.
Ohne
es zu wissen
Ganz
ohne es zu wissen
Danke,
obwohl ich dir nicht Danke sagen kann. Nicht im Moment. Es nicht in Worte
fassen kann, was du mir zurückgegeben hast
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