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Donnerstag, 8. Februar 2018

Herzlichen Glückwunsch!




 
An meinem Geburtstag, einem kalten Tag im Februar, werde ich von meiner Tochter geweckt, die sich in der Küche Buttergemüse von Aldi für die Schule macht. Und einen Bagel, im Ofen. Meine Tochter, die irgendwas sagt, nuschelt, das ich nicht richtig verstehe.

Sonntag, 14. Januar 2018

Samstagnachts halb zwei in Deutschland













Ich glaube, du würdest da genauso reagieren…“

„Das war aber am Anfang, da warst du generell eifersüchtig.“

„Mmh, auf jeden Fall!“

„Nein.“

„Ohne dass du dich wieder angegriffen fühlst…“

Freitag, 12. Januar 2018

Der Knoblauch fällt nicht weit...






Auf dem Weg zur Arbeit muss ich darüber nachdenken, wie ähnlich wir uns doch sind, ich und meine Tochter. Letzte Woche war sie ein bisschen krank und da hat sie sich doch tatsächlich eine Knoblauchbrühe mit Ingwer gemacht. Wie der Papa!


Letztens hast du ihr das sogar gesagt: „Wir kriegen uns nur so oft in die Wolle, weil du mir so ähnlich bist!“

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Luis Garavito, Karl Denke und ich





Ich komme nach Hause, telefoniere mit der Sparkasse (ich habe meine verfickte Karte verloren, mal wieder…oder zumindest im Dialog-Automaten vergessen, was weiß ich denn, mein Leben ist ein einziges Chaos…), danke Gott, dass nichts abgehoben wurde…puh…seit letzte Woche Donnerstag. Da kann ich ja eine Pause machen, nur eine kleine, eine kurze Pause. Vom Leben. Von meinem derzeitigen und natürlich auch vergangenen Leben. Also lege ich mich ins Bett, stelle das spanische Fernsehen wieder laut (schon wieder Trump-Bashing, selbst in Spanien…wenn jemand so viel Haue bekommt, dann muss er ja etwas richtig machen…). 

Samstag, 9. Dezember 2017

Auf Linie bringen/Dann stirb doch!




Es ist nie zu spät für eine Diät!
(meine Mutter)
  






Heute mache ich Diät! Heute will ich es diesem Körper zeigen! Es kann ja nicht sein, dass mein Körper mich kontrolliert. Die Kontrolle über meine Gedanken übernimmt. Mir sagt, dass ich immer mehr essen soll. Nein, heute breche ich den Willen meines Körpers! Fange schon um 14 Uhr damit an, nicht mehr zu essen. Heute werde ich den absoluten Weltrekord an Stunden ohne Essen brechen! 17 Stunden 42 Minuten. Wenn ich ab 14:00 nichts mehr esse, erreiche ich das schon morgen um 8 Uhr Morgen früh! Und wenn ich dann weitermache… 

Donnerstag, 23. November 2017

Mein Ernährungstagebuch (Teil 30930)





Heute starte ich mein Ernährungstagebuch wieder! Vielleicht verliere ich ja auf diesem Weg Gewicht. Wenn ich alles, was ich in mich hineinstopfe, konsequent blogge. Gott weiß, dass ich schon auf so viele Arten versucht habe, Gewicht zu verlieren…

Also, lasset die Spiele beginnen!


Freitag, 17. November 2017

Döner zum Abendessen















Ich gucke Australia. Mit Nicole Kidman. Und denke daran, wie ich das früher mit ihr geguckt hätte. Wie sie immer eingeschlafen ist, neben mir, in meinen Armen. Wäre sie bei Australia auch eingeschlafen. Weil es so langweilig war neben mir. Oder weil sie einfach nur müde war. Den ganzen Tag putzen ist hart…
Du wirst es nie erfahren…

Freitag, 10. November 2017

Selbstbefriedigung und Stiefschwestern am Morgen vertreiben Kummer und Sorgen












Morgens, kurz nach dem Aufstehen, kurz nach 07:14, denke ich: All dieses Gejammer bringt doch nichts. Du musst tun, machen! Nicht jammern! Also lege ich mich wieder ins Bett und schlafe weiter…

Aber dann kann ich irgendwie doch nicht schlafen, kann doch nicht wieder einschlafen…

Sonntag, 29. Oktober 2017

Müllentsorgung nach der Scheidung












Heute muss ich echt mal wieder ein bisschen aufräumen. Zuerst bringe ich den Müll raus, dann gucke ich im Keller nach, wie die Wäscheleinensituation aussieht (das muss man in einem Mehrfamilienhaus, in dem nur sechs Leinen vorhanden sind, immer tun). Aber heute ist fast alles leer (oh, Wunder!). Also wird heute auch noch gewaschen. Keine Minute Pause. 

Samstag, 28. Oktober 2017

Visionen



"Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." Helmut Schmidt






   
Am Maritim steigt eine Frau in die Bahn ein, die von hinten voll aussieht wie Nadine. Wie Nadine früher aussah, als sie noch Locken und einen Pferdeschwanz hatte, vor Jahren…

Hey, nicht dass das Nadine ist!, denkt er.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Mein Ernährungstagebuch: reiner Selbstmord!














Versuche mich seit letzter Woche totzufressen. Bisher war ich noch nicht erfolgreich, aber ich arbeite dran... 

Habe schon 500g Aldi-Frikadellen, 2 Lidl-Geflügelrollen, eine Backwerk-Geflügelrolle mit Käse überbacken, eine Laugen- Pizzazunge der gleichen Großbäckerei (ich liebe die), mindestens 6 Eier (boah, hab ich Eier, ey)…, Linguine mit Pesto und Knoblauch, viel Knoblauch (bis mein Chef mich am Wochenende darauf hinwies…), ein Fladenbrot mit Butter (die kosten in Bad Godesberg nur70 Cent!), 4 Bananen, eine Paprika, die restlichen Cherry-Tomaten, 6 Liter Cola-Light (bringt nichts, ich weiß, aber vor richtiger Cola habe ich mittlerweile richtig Angst)…mindestens, 4 Maultaschen, eine Tüte gerollter Fritten (Loops heißen die glaub ich) von Aldi, eine Packung Lidl-Schokolade (Michriegel für Kinder in der 200-GRAMM-ACKUNG), eine Packung Chips (oder war das die Woche davor?), ein Broccoli (um den Selbstmord wenigstens noch ein bisschen länger genießen zu können), eine Lidl-Kühlpizza (nicht der Tiefkühlscheiß, sondern die aus der Kühltheke mit viel Pepperoni, die scharfe, das scharfe Stück, das…), 6 Rostbratwürstchen, 2 Packungen Wraps à 6 Stück (zum Einrollen der Wüstchen!), den restlichen Magerquark und Joghurt von ihr (selbst den, Obacht, Respekt!),6 orientalische Wraps (wir sind ja multikulti, zumindest beim Essen…), eine Packung komisches orientalisches Brot…

…und was aus dem Automaten auf der Arbeit…nein, diese Woche glaube ich nicht…dafür aber tonnenweise Café Latte mit tonnenweise Kaffeesahne (auch auf der Arbeit)…imma wigga, bis ich fast nicht mehr gehen konnte…

Das alles habe ich gegessen (und ich weiß, dass es in Wahrheit noch mehr war, ich habe es nur vergessen)…



Und das alles nur, weil ich dich liebe, und ich nicht weiß, wie ich’s dir sagen soll

Und deshalb bringe mich für dich um…












Montag, 28. August 2017

Montag und die Tür zu einer anderen Welt






In der Unterführung steht „Ihr Fotzen“ an der Wand. In kleinen, fiesen Buchstaben. Und direkt daneben „Kurdistan“. Der Typ, der aus der Bahn aussteigt trägt ein T-Shirt, auf dem „The Good Die Young“ steht. In silberner  Glitzerschrift! Kaum ist er ausgestiegen, da zündet er sich auch schon eine Zigarette an. So jung ist er ja schließlich auch nicht mehr… Du auch nicht. Und du hast es schließlich auch noch nicht hinter dir, genau wie er. Dieses Leben, diese Hölle, dieser Ritt auf dem…ach, leckt mich doch! Dafür, dass er jung sterben will, verschwindet der aber noch relativ schnell in der Gasse. Mit seinem Lederarmband und seinem Drei-Tage-Bart. Er geht an der Polizei vorbei. Polizeiwache Rheinbach. Ich werd das denen nie verzeihen denkt er. Die sind für mich gestorben. Die Staatsmacht. Seit damals… Was für Arschlöcher. Aber es gibt keinen anderen Weg als an der Wache vorbei. Durch den Raiffeisen-Tunnel hindurch zum Bücherschrank, vor dem ein Buch auf dem Boden liegt. Er hebt es auf, aber keine zehn Sekunden später fällt es fast wieder runter. Was für eine Scheiße!

Donnerstag, 17. August 2017

Sevilla, in einem anderen Leben



In einer anderen Welt, in der ich mich nicht mehr befinde, öffne ich abends um acht auf der Arbeit Google Earth Pro und suche nach diesem Hotel in Sevilla. Davor habe ich eine Stunde Antonio Orozco gehört, aber das – anders als gestern mit María im Nebenzimmer – hat nichts gebracht. (Jetzt, wo ich das sage, fällt mir auf: Hey, Antonio Orozco ist ja auch aus Sevilla! Zufälle gibt’s!)

Donnerstag, 10. August 2017

Kinder und Eltern in der Pubertät










Halt mal auf!“

Ich stehe mit der Mülltüte neben ihr, während sie sich eine Schale mit Joghurt, Apfel und Nüssen macht. Wie schön!
In der Hand habe ich die Schüssel mit ihrem Salat, mit Tomaten, Thunfisch und Gurke, die sie nicht mehr will:

Freitag, 12. Mai 2017

Wärme





Es ist dieses Gefühl der Wärme, dass ich so vermisse, denkt er auf dem Weg nach Hause. Schon allein das Wort "nach Hause" ist nicht das richtige Wort. Das ist nämlich nicht sein „Zuhause“. Sein Zuhause ist immer noch in Duisdorf mit ihr, all die ganzen Jahre. Du kommst „nach Hause“, ins Nichts deiner Wohnung, schließt die Tür hinter dir ab und da ist niemand. Keine Menschenseele. Nichts kann dieses Gefühl der Wärme ersetzen, dass sie – trotz allem, trotz allen Streitigkeiten, trotz aller Unzufriedenheit – in dein Leben gebracht hat. Es war nicht perfekt mit ihr, aber es war besser als das hier.

Freitag, 17. März 2017

Bis morgen...















Morgens wache ich auf, als meine Tochter ins Bad geht. Um ungefähr zwanzig nach sechs. Obwohl ich gestern erst um zwei Uhr nach Hause gekommen bin. Sie setzt sich vor den Fernseher auf dem alten Esszimmertisch und erzählt mir, dass ihre Lehrerin gestern nicht zu dem Termin mit ihr gekommen ist. Wegen der Facharbeit. Dass die nicht gekommen ist, weil die auf irgendeiner Veranstaltung war. Angeblich. Was für eine Scheiße, sage ich. Das ist so typisch. Erst den Termin machen und dann nicht kommen. Viel verlangen, aber nichts geben. Ist ja egal. Das was du schreibst, ist ja gut so. Das brauchst du ja nicht noch extra von der zu hören, oder?! Mach einfach so weiter, wie bisher. Bau vielleicht noch ein paar Zahlen ein… Sie geht wieder ins Bad, kommt dann wieder. Erzählt dir, mir, dass sie gestern in der Stadt war mit Jacqueline, ihrer besten Freundin. Dass sie da die Würstchen gekauft hat, die Mettwürstchen. Die Mettwürstchen, die sie mir in die Nudeln gemacht hat Mit Pesto. Die Nudeln, die mir immer noch schwer im Magen liegen. Aber die Würstchen waren lecker. Richtig lecker. Das waren echt Mettwürstchen. Zuerst wolltest du es gar nicht glauben und dachtest, sie hätte sich da vertan.

Sonntag, 12. März 2017

Nudeln




Erst mal keine Nudeln mehr, lache ich laut mit mir selbst, auf der Toilette sitzend, mir den Arsch abwischend. Erst mal keine Nudeln. Wieder muss ich über mich selbst lachen. Was hab ich letztens gelesen? Muslime hätten keinen Alltagshumor? Dafür hab ich umso mehr davon… Näh, aber echt. Nach zwei Tagen ungebremsten Nudelbeschuss reicht es langsam auch mal. Eigentlich wollte ich ja heute schon Reis machen, aber…

Samstag, 4. März 2017

Trump und die deutsche Lebenserwartung





 
“Ninety-nine per cent of traditional English literature
concerns people who never have to worry about money
 at all. We always seem to be watching or reading about
 emotional crises among folk who live in a world of
great fortune both in matters of luck and money; stories
 and fantasies about rock stars and film stars, sporting
 millionaires and models; jet-setting members of the
 aristocracy and international financiers.”
James Kelman









Morgens wacht er auf und hat Kopfschmerzen. Richtige Kopfschmerzen. Hatte er schon öfters in letzter Zeit. Ist ja auch kein Wunder. Bei dieser ganzen Scheiße. Lief ja diese Woche sogar im Fernsehen. Ärmer Menschen sterben früher. Dass die das überhaupt gebracht haben, im Ersten wundert mich, denkt er. Im deutschen Lügenfernsehen. Das sich mehr um Trump schert als um die eigenen Leute. Trump ist dies, Trump ist das, Trump macht dies, Trump macht das, nur um nicht sagen zu müssen: Was macht denn Merkel oder Schulz. Oder keine Ahnung, welche der anderen Witzfiguren. Was machen die denn für die Leute. Die normalen Leute. Die arm sind. Und früher sterben. Nichts. Nichts außer Gelaber und dumme Sprüche. Nichts. Wir müssen uns ja um Trump kümmern. Das ein Trump auch hier Erfolg hätte, schert die nicht. Das sehen die nicht. Das wollen die nicht sehen. Genau wie die Wohnungsnot, die Flüchtlingskrise, die Dumping-Löhne. Solange Trump noch in Amerika regiert, ist das ja wichtiger. Aber das Trump genau aus dieser Unruhe entstanden ist…das hat doch alles nichts mit nichts zu tun. Hauptsache von eigenen Problemen ablenken, denkt er, während er wieder mal an einem Obdachlosen in der Tannenbuscher "City" vorbeikommt. Der vom Wachdienst, der sieht das. Der hat recht. Der ist ein guter Mann. Wie er so todmüde nachts durch Tannenbusch schlendert. Und versucht, dem Chaos Einhalt zu gebieten. Der sagt das auch, das mit dem Obdachlosen an der Ecke. Mitte 30.

„…da kümmert sich keiner drum.“

Während er an seiner Theke steht und keinen Kaffee will, weil er sonst gar nicht mehr schlafen kann. Mit seinem immer länger werdenden Bart sieht er fast aus wie ein Philosoph. Noch ein Beruf, der obsolet geworden ist: der des Philosophen. Die Deutschen wollen keine Philosophen mehr. Nachdem wir mal führend waren, in diesem Bereich. Wie in vielen anderen. Ein Deutscher hat gesagt: „Gott ist tot!“ Ein Deutscher hat vom Sein und Seinsverlust gesprochen. Aber das will ja keiner mehr hören. Davon will ja keiner mehr wissen.

Er hört sich das an, das Arme früher sterben und rechnet sich die Jahre aus, die er noch hat. So viele sind es dann doch nicht mehr, denkt er. Lieber nicht drüber nachdenken. Denken ist sowieso nicht mehr angesagt. Nachdenken noch weniger. Das wird bald bestimmt abgeschafft. Das Fühlen haben die schon lange abgeschafft oder an die Soaps delegiert. Wenn im Fernsehen einer stirbt, werden wir traurig, heulen sogar, an den Obdachlosen in der U-Bahn fahren wir vorbei. Und wenn sie sterben, umso besser: Dann müssen wir sie nicht mehr jeden Tag auf dem Weg von und zur Arbeit ertragen. Das ist dann doch zu nah an „zu Hause“, too close to the bone, das ist nicht so weit weg wie Putin oder Trump. Bei denen erwartet man das ja. Aber doch nicht hier, im (schlechten) Gewissen der Welt. Also fragt er sich – während der Bericht über den Typen mit den kaputten Knien, der raucht und trinkt, und mit seiner Einschätzung, dass er nur ungefähr 70 Jahre alt war, wahrscheinlich goldrichtig liegt – im Fernsehen läuft: Warum zeigen die das überhaupt? Die Journalisten, die von Enthüllungsjournalisten der Wahrheit zu Sprachrohren der Politik geworden zu sein scheinen. Warum bringen die noch solchen Berichte? Wollen die etwa doch etwas ändern? Wollen die etwa doch eine Revolution? Oder – immerhin ist "Schadenfreude" ein deutsches Wort, das sogar seinen Weg ins Englische gefunden hat – wollen die noch Salz in die Wunde streuen. Die fühlen diese Armut nämlich nicht. Die verdienen 10.000 im Monat und werden über 90 oder gar 100 Jahre alt. Wollen die die Armen noch weiter ausgrenzen, mit dem medialen Finger auf sie zeigen, die Armen, die die AfD wählen und sich noch nicht mal, nicht mehr, von Schulz täuschen lassen? Wollen die sagen: Seid ihr wirklich so? Wollt ihr wirklich so sein? Wie diese Shows bei RTL, mit der Polizei und so weiter, die immer wieder Recht und Ordnung herstellt? Hartz-IV-TV? Ist das Armuts-Voyeurismus? Beim Ersten? Oder Angstmache? Damit sich die Leute weiter nur um sich selbst kümmern, um ihr eigenes Überleben? Und nicht die anderen sehen? Sind das etwa die letzten Züge der medialen 68er-Bewegung, die postuliert, dass wir uns nur alle schön um uns selbst, um unseren eigenen Arsch kümmern müssen, dann wird schon alles gut? Unsere Individualität ausleben müssen: Zwischen Apple und Samsung, Pepsi und Coca Cola, Nike und Adidas, Aldi und Lidl?

Aber egal: Er selbst ist ja auch nicht besser. Er macht ja auch nichts für „die Armen“. Für andere. Er leidet ja auch nur für sich selbst. Und außerdem ist er ja in gut 30 Jahren eh weg, wenn er so bleibt, wie er ist. So arm, so ausgegrenzt, so sich nur um sich selbst drehend. Dann ist das Problem auch gelöst. Und bei den Kopfschmerzen, die er heute hat, löst sich das Problem vielleicht sogar wesentlich früher…

Und außerdem: Wer will schon ewig leben?

Oder wie Herr Baden, der ein Haus in einem ruhigen Vorort hat und früher bei der Telekom groß im Geschäft war, ihm das einmal gesagt hat, als er nach der Trennung total am Boden zerstört war und sich bei ihm ausgeheult hat: „Willst du wirklich SO noch 30 Jahre weiterleben? SO WIE JETZT?“ So kaputt? So leidend? So arm? So perspektivlos?



Das ist die Frage

Sein oder Nichtsein. Heidegger oder Shakespeare

Merkel oder Trump


Oder gibt es vielleicht doch eine Alternative?



Wahrscheinlich sagen die auch noch (oder denken es zumindest): Wer früher stirbt, ist länger tot!

Er kriecht aus seinem alten Doppelbett, dessen andere Seite schon lange leer ist, trinkt einen Schluck Cola Zero aus der Plastikflasche, geht in die Küche und macht sich einen Käse-Salami-Mayonnaise-Wrap mit Butter, dann noch einen…
Er ist ja selbst dran schuld, ich weiß.

„Du bist ja selbst dran schuld!“

„Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!“

„Dann lass doch mal diesen Scheiß aus dem Leib. Die Cola und so…“

...würde sein Vater sagen. Sein Vater, der 50 Jahre als Kfz-Mechaniker geschuftet hat, geraucht hat, flaschenweise Cola gesoffen hat und dann für 1600€ in Rente gegangen ist, einer Rente, von der er sich noch nicht mal eine vernünftige Wohnung leisten werden kann, wenn er irgendwann mal aus seiner Wohnung raus muss. „Eigenbedarf“ nennt sich so was. Aber vielleicht wird er die nächste Wohnung ja gar nicht mehr brauchen. Nach seinem zweifachen Bypass…

Obwohl seine Lebenserwartung etwas über dem arbeitslosen Möbelpacker beim Morgenmagazin liegen dürfte…






Donnerstag, 23. Februar 2017

Karneval













Morgens wache ich, ich!, auf. María ist schon wach. Sie will trainieren gehen. Früh, weil heute Weiberfastnacht ist und das Fitnessstudio nicht ewig aufhat. Also ist sie schon wach. Ich auch, ich tue aber so, als wär ich es nicht, während sie durch die Wohnung geistert. Ich rieche etwas Leckeres, aus der Küche. Riecht wie…etwas Gebratenes. Ei…oder Wurst…oder so…


Ich gebe mich als wach zu verstehen. Sie sitzt auf dem Stuhl neben dem Fernseher. Der aus ist. Ich mache ihn an. Die reden über den Orkan, der heute über Deutschland zieht.

„Bei Nicholas Sparks stehen Stürme immer für Veränderungen. Immer, wenn es stürmt, passiert was. Irgendwas. Ein Unglück, die Erlösung, was weiß ich…“, hast du vor Tagen zu María gesagt. Weil sie ja Deutsch-Leistungskurs hat. Oder nicht nur deswegen…?

„Boah, hoffentlich weht der Sturm Karneval weg. Weiberfastnacht… Hoffentlich weht der alles weg…“, sind meine ersten Worte an diesem Worte an diesem Tag. Meine ersten Worte. Am Anfang war das Wort…

Hoffentlich, echt. Und deine Mutter gleich mit. Wenn sie wieder als Insekt verkleidet ist. Wie im Trennungsjahr. Wo sie dich belogen hat. Oder noch schlimmer: Wo sie geschwiegen hat. Nicht gesagt, dass sie fröhlich Karneval feiert, während sie zu Hause dich anschweigt. Dir das silent treatment angedeihen lässt. So tut als ob sie böse wär. Und dann auf dem Foto als fröhliche Scheißhausfliege verkleidet ist. Richtig aufwendig. Während du auf der Arbeit die „Ham-Sie-mal-10-Euro-Kunden“ bedienst. Unahnend. Nichts ahnend.

Etwa 40% aller Bürger und Bürgerinnen hätten einen Anspruch auf eine Sozialwohnung…

Geil, ich bin grade erst fünf Minuten wach. Habe grade den Scheiß-Fernseher angemacht. Und dann sagt diese Tante so was. Unglaublich! Was für ein Land! Ein Land in dem 40%.der.Bürger.und.Bürgerinnen.einen.Anspruch.auf.eine.Sozial-Wohnung.hätten… Gut, dass es uns doch (noch) ach so gut geht…

Überraschende Zahl…, kommentiert die Moderatorin, …40% der Bevölkerung haben einen Anspruch auf eine Sozialwohnung, die es nicht gibt…

„Was hast du gemacht? In der Küche?“

„Porridge“, sagt sie fröhlich, fast sogar ein bisschen belustigt.

„Scheiße. Das riecht viel besser als Porridge.“



Später, als sie weg ist, trainieren, und ich aus dem Bad komme, sehe ich die zusammengelegten Geschirrhandtücher neben dem Wäscheberg. Ich habe die Wäsche kaum reingeholt und schon hat sie begonnen, sie zusammenzulegen. Unglaublich! Sie ist so ein gutes Kind. Und ich… Noch bevor sie zum Fitnessstudio gegangen ist. Und ich…und ich denke: Du hast sie nicht verdient. Du hast nichts von alledem verdient. Und das, obwohl du fast alles verloren hast. Selbst das hast du nicht verdient. Sie ist so ein gutes Kind. Sie hat das nicht verdient. Einen Vater wie dich. Eine Mutter wie deine Ex-Frau. Deine Frau. Sie hat keine Eltern verdient, die ihr nichts geben können. Keine Eltern, die getrennt sind. Manchmal denkst du das.

Aber manchmal denkst du auch: Du gibst ihr auch etwas. Trotz allem. Trotz allem hast du ihr auch etwas zu geben. Du hilfst ihr ja mit der Schule. Und obwohl sie schon fast 18 ist, nimmt sie deine Hilfe noch an. Vielleicht kannst du ihr auch etwas geben. Etwas, dass ihr ein reicher Vater, der den ganzen Tag nicht da ist, nicht geben kann. Also kriegt sie etwas nicht, kriegt aber dafür was anderes. Was auch wichtig ist. Genauso wichtig? Du willst es nicht glauben… Kannst es nicht glauben…

Aber du liebst sie. Es war richtig, in Deutschland zu bleiben. Trotz allem. Wenn auch nur für sie. Nicht mehr für deine Frau. Deine Ex-Frau

Familie ist wichtig

Besonders in unserer Gesellschaft

Was haben wir ohne Familie

Außerdem hast du ja da diese wilde Theorie. Nach der, wenn eine Generation verkorkst ist, so richtig verkorkst ist, so wie du verkorkst ist, dass dann die nächste Generation besser wird. Dass sich also die vorherige Generation, deine also, sozusagen unbewusst aufopfert, damit es der nächsten besser geht. Aber das ist nur eine Theorie. Nur so eine Theorie

Vielleicht wird ja etwas Besseres aus diesem Scheiß. Diesem ganzen Scheiß. Du verlierst eine Frau, aber gewinnst eine Tochter.

Wie sie letztens das mit Freud gesagt hat. Das hat dich umgehauen. Weil du Freud liebst. Und hasst. Weil er ein visionärer Langweiler ist. Das mit dem Sohn, der sich in die Mutter verliebt. Und der Tochter, die sich in den Vater verliebt. Sie meinte, ab einem bestimmten Alter, du meintest immer. Prinzipiell. Generell. Immer.

„Nein. Das ist nur eine Phase. So eine bestimmte Phase…“

„Ja?“

Du hast mich in einer komischen Phase meines Lebens kennengelernt…


Sie wird erwachsen langsam. Auf die harte Tour. Härter als du. Und trotzdem ist sie so gut. S ein guter Mensch. Ich hoffe, dass sie das irgendwann liest. Und heult. Sich einen ganzen Abend die Augen ausheult, so wie ich, wenn ich Exogenesis III von Muse gucke. Immer wieder. Aber ich hoffe auch, dass sie das nicht zu schnell liest. Hoffentlich. Erst in 10, 20 Jahren. Nicht jetzt. Auf keinen Fall jetzt. Weil ich nicht weiß, ob sie das verarbeiten kann, das schon verarbeiten kann. Ich hätte das auch nicht gekonnt. Aber diese Woche war was Besonderes. Du hast zu ihr gefunden. Irgendwie. Hast sie entdeckt. Und was du sahst war gut. Richtig gut. Aber du würdest ihr das nie direkt sagen. Du könntest ihr das nie direkt sagen. Du liebst ihre Mutter immer noch. Sie ist ein richtig guter Mensch. Ein gutes Kind.

„Du bist fast schon zu gut. Du musst mehr von deiner Mutter in deinen Charakter aufnehmen. Du musst mehr wie deine Mutter.“

Obwohl die ja auch gut ist.

Aber jetzt musst du die Curry-Paste und die Zahnbürste für sie holen. Sonst ist es zu spät. Heute ist ja Karneval. Weiberfastnacht.

Und das erste Mal seit Jahren kann ich sagen: Ich will noch nicht sterben. Wahrscheinlich sterbe ich genau deshalb genau jetzt...

Ich will noch nicht gehen. Das erste Mal seit Jahren. Vielleicht schon seit vor der Trennung.

Als ich rausgehe, um die Curry-Paste zu kaufen, die sie will – sie will heute etwas ganz Besonderes kochen! –, denke ich: Heute gehe ich auch raus. Trotz Sturm. Heute ist Weiberfastnacht. Scheiß doch drauf. Ich frage sie, ob sie irgendwas hat, Schminke oder so, und dann gehe ich raus. Trinke mir Mut an. Trinke all die Flasche Alkohol, die sich seit eineinhalb Jahren auf dem Tisch angesammelt haben (zweimal Wein, einmal Sekt) und gehe raus. Scheiß drauf. Heut hab ich Bock! Nur weil ich geschieden bin, muss ich ja nicht wie ein Mönch leben. Sie hat mir das zurückgegeben.  Diese Woche. Die Lust aufs Leben. Danke, María! Dankeschön!

Danke, dass du mir das zurückgegeben hast.

Ohne es zu wissen

Ganz ohne es zu wissen

Danke, obwohl ich dir nicht Danke sagen kann. Nicht im Moment. Es nicht in Worte fassen kann, was du mir zurückgegeben hast