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Sonntag, 31. Dezember 2017

...sagt meine Tochter... (Silvester 2017)















Eigentlich wäre ich ja morgen in Urlaub geflogen.“

„Wohin?“

„Weiß nicht. Irgendwo anders hin. Wo es warm ist. Was Billiges. Einfach nur weg.“

„In Spanien ist jetzt auch kalt.“

„Nein, Türkei oder so. Alleine …“, sagt, nein, nicht er, sondern sie. Seine Tochter! An Silvester!


Sonntag, 30. Oktober 2016

Wut und Respekt










Er redet mit seiner Kollegin in der Halle. Sie ist ein bisschen krank, hat eine Erkältung. Oder gar eine Grippe?

Sagt: „Am Freitag war das ja ganz schlimm. Da dachte ich, ich steh nicht mehr auf…“

„Schon dich“, sagt er, als sie geht.

„Du auch. Sonst merkst du das auch irgendwann. Wenn der Körper nicht mehr will, dann kippt man irgendwann um.“

Dann will er eben nicht mehr. Der ist eh schon kaputt. Jahrelanges fettiges Essen, Depressionen, Ängste, Süßes, Alkohol (nicht so viel, aber wenn, dann richtig…) und noch einmal fettiges Essen.

„Dann kipp ich eben um…wir müssen alle sterben.“ Er guckt sie an, guckt ihr direkt in die Augen… „Irgendwann ist für jeden Schluss…“, fügt er hinzu. „Irgendwann müssen wir alle sterben. Wir können alle nicht ewig leben…“ Ob ich jetzt sterbe oder in 10, 20 oder gar 30 Jahren…

„Ist aber noch zu früh!“ sagt sie.

Echt, denkt er. Ich dachte, das wär genau der richtige Zeitpunkt. Ein guter Tag zum Sterben. Zwar nicht unbedingt heute, aber… Siehst du, du willst es ja doch nicht.

„So weit war ich auch schon. Ich war auch schon so weit, mich vor den Zug zu schmeißen…

Er registriert das nur, fragt nicht nach, wann oder wie. Will gar keine Details wissen, sagt nur kurz: „Echt?“ Und sagt dann: „Im Moment würde ich eher andere gerne vor den Zug schmeißen, wenn ich könnte. Es gäbe da so ein paar Leute…“

Sie sagt nichts, also redet er weiter: "Eigentlich gehe ich im Moment in die Phase der Wut über. Davor war die Trauer…und jetzt kommt so langsam die Wut.“ Er macht eine Fratze, um ihr seine Wut zu verdeutlichen. Schiebt den Unterkiefer nach vorne und fletscht die Zähne fletscht. Was ihm natürlich nicht ganz gelingt.

„Das ist ja beim Tod genauso….“ Oder hat sie „vor dem Tod“ gesagt?? Echt? Jetzt hat sie ihn geschockt, kalt erwischt.

„Echt?“

„Ja.“

Woher weiß sie das denn jetzt? Von ihrem Vater? Man sollte die Leute nicht unterschätzen. Man weiß nie, was die durchgemacht haben. Wo die „herkommen“, wie Brad Pitt alias Tyler Durden das zu diesem Typen sagt, der dem Fight Club den Keller wegnehmen will. Kurz bevor er ihm das Blut ins Gesicht spritzt, für das der Typ selbst verantwortlich ist. Denn er hat ihn ja vorher mehrmals ins Gesicht geschlagen. Was Tyler alias Brad einfach so über sich hat ergehen lassen. Bis er den Spieß umgedreht hat. Und dann schreit, während er ihm sein Blut ins Gesicht spritzt:

„IHR WISST NICHT, WO ICH HERKOMME.“

Womit er am Ende gewinnt und der Besitzer der Bar ihn in Ruhe lässt. Die Kämpfenden. Die gegen das Leben und später gegen die Gesellschaft kämpfen. Die fast komplett sinnentleerte Konsumgesellschaft.

Krass, denkt er immer noch. Echt? Ist das wirklich vor dem Tod genauso?

Und sagt dann: „Ja, das sind ja die typischen Phasen. Und da komme ich jetzt in die Wutphase. Du müsstest mich manchmal sehen, im Bus…

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„Das kann die doch nicht machen… Ich weiß gar nicht, was die sich denkt. Will die, dass ich die auf den Mond schieße…?“

„Hat sie denn noch mal mit dir geredet?“

„Nein, nur über den Anwalt.“ Das ist ihre Devise…


„Und irgendwann hört man auf, SMS zu schicken. Irgendwann begreife sogar ich es. Nach ein paar Monaten… Wenn man sowieso keine Antwort bekommt… Immer weiter SMS ins Nichts schicken…“

„Ne, das stimmt. Das würd ich dann auch nicht mehr machen.“

„Ich versteh es nicht…“

„Ich auch nicht.“




Ein paar Minuten nachdem sie gegangen ist, kommen die alten Leutchen rein. Das alte Ehepaar. Obwohl: Bei genauerem Hinsehen sind die noch gar nicht so alt. Aber verbraucht.

Die sind nicht so beliebt. Letztens hat ihm der Kurde gefragt, warum er Rassisten rein ließe, als die unten spielte, die Frau. Er wusste nicht, was er antworten sollte.

Ich lass dich ja auch rein, wäre gut gewesen…

Und außerdem gibt es nur eine Kategorie für einen „guten“, „netten“ Kunden. Nämlich wie viel Trinkgeld der gibt (ich weiß, aber das Leben ist hart…).

Obwohl er ein bisschen Respekt, wenn nicht sogar Angst vor der hat. Weil die manchmal nach Alkohol riecht. Und Frauen, die trinken, davon hat er bei seiner Mutter schon genug von mitbekommen. Um bedient zu sein. Für den Rest seines Lebens. –bis in alle –Ewigkeit. Until the cows come home…

Aber so schlimm, wie der Kurde sagt, ist die auch nicht. Also… Zwar ein bisschen pingelig, aber du wirst die nicht mehr ändern. Nicht in diesem Leben. Und auch der Kurde nicht. Vielleicht wird den ja auch niemand mehr ändern. Außer vielleicht das Leben selbst…das verändert uns alle… Er glaubt ja, die will nur ein bisschen mehr Respekt von den Leuten. Jetzt ist sie schon so alt geworden und keiner hat mehr Respekt…

Letztens hat er die nicht gegrüßt, als die da waren. Weil die ihn einen Tag davor nicht gegrüßt haben. Weil er keinen Bock hatte, die immer nur zu grüßen, ohne dass die zurückgrüßen. Bei manchen Leuten ist das so. Bei ihm noch mehr.

Und so nimmt das Leben seinen Lauf. Die grüßen nicht und er grüßt nicht…und nur, weil beide eigentlich nur mit ein bisschen mehr Respekt behandelt werden wollen…

Die Alte kommt um die Ecke.

Er sagt: „Hallo.“

Sie antwortet: „Hallo.“

Geht doch. Wenn sie mich beim nächsten Mal wieder nicht grüßt, grüße uch eben auch nicht mehr zurück…

Geht doch. Wenn der mich beim nächsten Mal wieder nicht grüßt, dann grüße ich eben auch nicht mehr…

Und so nimmt das Leben seinen Lauf.


Im Radio singt ein Mann, einer dieser jungen deutschen Sänger, die zwar gut sind, aber sich auch irgendwie alle gleich anhören, über Liebe. Von allen Themen. Die Männer singen über die Liebe und die Frauen schaffen Tatsachen.

Und ich schreib eine SMS
und ich schick sie nicht weg…












Sonntag, 2. Oktober 2016

Weltverbesserer, Wutbürger und das arme Deutschland










Es ist kurz vor neun. An einem Sonntag-Morgen. Draußen scheint die immer noch erstaunlich starke September-Sonne, obwohl die Unberechenbarkeit des Herbsts und die Kälte des Winters schon deutlich zu spüren sind. Besonders nachts. Wenn es dunkel wird…

Im Radio reden sie über Syrien. Wieder einmal. Die Medien sind förmlich besessen von Syrien und dem Nahen Osten (woran das wohl liegt?).

Irgendeinen Scheiß reden die. Wie immer. Ist ja auch egal, was die sagen, es ist ja eh immer das Gleiche. Und er denkt, wie er so in seinem 8,50€-Job sitzt (der streng genommen noch nicht mal begonnen hat – denn es ist ja noch nicht neun!); das heißt, er denkt es nicht nur, er sagt es sogar zu sich selbst (nicht laut, das darf man ja nicht), aber deutlich: Diese ganze Kacke von diesen Weltverbesserer-Arschfickern. Die Gutmenschen. Diesen verfickten Gutmenschen. Immer die gleiche Scheiße. Diese Wichser! Du kannst es nicht mehr hören. Das. Das kannst du nicht mehr hören, echt nicht mehr. Wahrscheinlich glauben die echt noch daran, dass man die Welt verbessern kann, während sie ihren Kaffee trinken, der von kolumbianischen Drogen-Rebellen gefördert wird, ihre Autos fahren, deren Benzin den Krieg in Syrien befeuert, ihren Fisch (wir essen fast nur noch Fisch, kein Fleisch!), wegen dem die Weltmeere überfischt sind… Diese ganze Scheiße, die die labern. Diese Leute. Die Gabriel García Marquez kurz vor dem Original lesen (100 Jahre Einsamkeit natürlich nur bis zum Ende des ersten Kapitels), die im Che Guevara am Samstagabend gepflegt ihren Mojito oder irgendeinen anderen viel zu teuren Cocktail schlürfen, die in ihrem WG-Zimmer ein Poster mit einem fallenden Soldaten und der ebenso simplen und effektiven wie naiven Aufschrift Why? hängen haben (Why? Because we fucking die, that’s why?) und in ihrer Freizeit Haschisch rauchen, das natürlich ganz ohne Ausbeutung, Gewalt und Terror in Pakistan von Biobauern nach europäischen Standards angebaut wurde. Wie dieser Tilo von damals, der bei ihm in der WG in der Altstadt (dem SZENEviertel in Bonn, leckt mich am Arsch!) gewohnt hat. Was für ein Arschloch! Der wollte auch die Welt verbessern, mit seinen langen, filzigen Haaren und seinen Drogen und seinem Scheiß.

Obwohl, angesichts der Leute, die hier rumlaufen, die man tagtäglich in Bus und Bahn sieht, muss man sich natürlich fragen: Gibt es solche Leute überhaupt noch, in Deutschland, oder sind sie eine Erfindung der Medien, der Lügenpresse und existieren gar nicht mehr??

Doch, es gibt sie noch! Spontan fällt ihm Herr Baden ein, von damals. Der war auch einer von denen, obwohl er es noch nicht wusste: „Dir geht es zu gut. Das ist das Problem.“ Sagt der Mann, der ein komplett neues, riesiges Smartphone auf dem Tisch dieser langweiligen, schwulen Weinbar in der teuren, noblen Bonner Südstadt liegen hat, in der er mit mir sitzt, um sich meine Probleme anzuhören. Der finanziell abgesichert ist. Der ein Haus in Oberdollendorf, einen Porsche, eine nette (treue) Ehefrau und nette Töchter hat, die allesamt gute Jobs haben… Der das hier nur als Hobby macht – nicht weil er muss.

Fangt doch erst mal an, die Probleme vor eurer Haustür zu lösen, ihr Arschlöcher! Oder ist das zu nah an euch?! Too close to the bone?! Zu real?! Nicht exotisch genug?!

Hier gibt es Leute, die nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen, jeden Monat wieder aufs Neue. Leute, die sich nicht nur abgehängt fühlen, sondern es auch sind, die zu alt, zu unqualifiziert, zu wenig verdienen, zu viele Abgaben zahlen müssen, zu arm sind, die zu viele (arme) Kinder haben (obwohl eins ja manchmal schon reicht…), zu alleinerziehend sind, die keine „bezahlbare“ Wohnung finden, obwohl sie doch so viele verschiedene Jobs haben (also  quasi multi-employed sind), die zu wenig Rente bekommen (obwohl sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet oder Kinder erzogen haben), die kein Auto haben, kein Boot, kein Ferienhaus am Meer (noch nicht mal am beschissenen See!), die jeden Cent dreimal umdrehen, wenn mal wieder der Strom, die Heizkosten, die Krankenversicherung oder gleich alle drei zusammen ansteigen, die sich überlegen müssen, ob sie heute nicht mal auf den Latte verzichten sollten, weil ihr Konto schon wieder überzogen ist, weil sie Angst vor der Zukunft haben, die Schulden haben, die depressiv sind, einsam, verbittert, verknöchert, die keinen Spaß haben…und die vor allem keinen Bock mehr haben, sonntags morgens im Radio zu hören wie schlecht es der Welt geht. Und wie gut uns hier in Deutschland.

Und dann morgens unser Weltverbesserungs-Frühstücksfernsehen gucken und denken: Leck mich am Arsch, die reden mal wieder nur über…

Und sprechen es noch nicht mal laut aus, das was sie viel zu laut denken…obwohl sie alleine sind, ganz alleine, obwohl niemand sie hört, ihnen zuhört an diesem Sonntagmorgen. Weil man so etwas ja nicht sagen darf, in diesem Land. Nur hinter vorgehaltener Hand und in letzter Zeit gefühlt noch nicht mal das mehr. Seit die Öffentlich-Rechtlichen uns täglich sagen, was wir zu denken haben. Aber das russische Staatsfernsehen kritisieren... Donald Trump kritisieren… Die Bedingungen der Wanderarbeiter in China oder Minenarbeiter in Kolumbien kritisieren… Die bösen Ungarn kritisieren… Die Rechtspopulisten kritisieren… Ungesunde, fettige und süße Lebensmittel kritisieren… Dabei haben viele noch nicht mal eine Essstörung. Sie sind einfach nur arm und der Scheiß ist billig und füllt zumindest vorübergehend die Löcher in ihrer Seele.


Wie lange noch?!

Die kriegen ja auch davon nichts mit, die in Berlin, hat er letztens zu seinem Kollegen David aus dem Senegal gesagt. Der Christ ist und sagt, dass Deutschland ein Problem mit den Moslems hat. Dass Deutschland, ja sogar ganz Europa untergeht beziehungsweise sowieso schon so gut wie tot ist. Weil er das darf. Er ist ja schwarz. Da darf man das. Als Deutscher nicht. Also sind wir weiter arm. Weiter wütend. Und tun so als wären sie es nicht. Weil arm darf man nicht sein in diesem Deutschland. Unglücklich auch nicht. Wütend sowieso nicht. Rassistisch. Nein, denn…

Man darf noch nicht mal deutsch sein in diesem Deutschland. Muss sich für seine Nationalität immer noch schämen. Mehr als 70 Jahre nach dem Krieg. Man darf eigentlich gar nichts in Deutschland. Gar nichts sein. Am besten gar nicht erst (da)sein. Sonst kommt einen die Schwesig holen.


Armes Deutschland


Und wie auf Kommando läuft im Radio: Hör auf die Stimme! Hör, was sie sagt! Sie war immer da!

Und wenn du dann auf die Stimme hörst…







Samstag, 16. Juli 2016

Nizza und du














Im Fernsehen reden sie über den Nizza-Attentäter.

„…dass er ein Kleinkrimineller war, vorbestraft, aber dass die Terrorüberwachung ihn nicht auf dem Schirm hatte…“

Sie sagen, dass „es scheint, dass sich der Mann sehr schnell radikalisiert hat…“

Sie reden von einem „psychisch schwer gestörten Menschen“, der sich „vor kurzem von seiner Frau getrennt hat“, mit ihr „drei Kinder hat“ (die bei ihr leben, nehme ich mal schwer an)…

…dass er „depressiv“ war, so sagen es zumindest die Nachbarn, aber man muss da immer vorsichtig sein…

„…dass er immer komisch geguckt hat und nie gegrüßt hat…“

„Wenn er cholerisch wurde, schrie er und schlug um sich…“

„Vielleicht war der Täter einfach ein ganz kaputter Mensch…“


Ein Freund soll kurz vor dem Attentat zu ihm gesagt haben: „Aus dir wird nie was!“


Irgendwie ist ihm bei solchen Aussagen immer ein bisschen mulmig zumute. Das kommt ihm schon irgendwie bekannt vor… Vielleicht ist er ja auch ein bisschen depressiv, cholerisch, guckt böse und nach der Trennung radikalisiert. Irgendwie, in gewisser Weise, kann er das schon verstehen.  Dass er sich von seiner Frau getrennt hat und dann sozusagen eine Mordswut auf diese Gesellschaft hatte. Dass er seine Kinder vielleicht nicht mehr sieht, nicht mehr sehen darf, weil sie bei seiner Frau leben und er ausfällig, cholerisch und gewalttätig war. Natürlich ganz ohne vorher provoziert worden zu sein. Das würde manchen Frauen ja nie in den Sinn kommen. Steht ja auch nicht so im Internet.

Notieren Sie sich jede Art von Ausfälligkeit. Rufen Sie die Polizei! Dann muss er bestimmt Unterhalt zahlen und belästigt Sie auch nie wieder!

Dass er depressiv wird, nach der Trennung von seiner Frau, seinen Kindern. Ich meine, mal ganz davon abgesehen, dass es natürlich ein Verbrechen ist depressiv zu sein, heutzutage, in der Spaßgesellschaft, man wird doch nicht depressiv, nur weil man alles verliert, seine Frau und seine Kinder??!! Das wär ja noch schöner. Und das man die nervigen, allzu bereitwillig der Polizei Auskunft erteilenden Nachbarn, mit denen man sich vielleicht vorher schon wegen dem Waschkeller, wegen der Katzen oder wegen oder wegen dem Leben an sich schon angelegt hat, mit dem Arsch nicht mehr anguckt, weil man sich vielleicht nach der Trennung schämt, weil die blöden Kühe und Arschlöcher schon vorher sich bei jedem Scheiß beschwert haben (viele Grüße an dieser Stelle!), das ist auch schwer zu verstehen. In Frankreich wahrscheinlich echt mehr als in Deutschland, aber trotzdem… Dass er komisch geguckt hat (das tut er auch, oh Gott)…und was ist, wenn er mit einem „komischen“ Blick geboren wurde, den er selbst gar nicht als so komisch empfindet beziehungsweise empfand, bis ihn die Nachbarn, die Frau im Supermarkt, „liebe“ Familienmitglieder, die eigene Frau, die eigenen Kinder vielleicht einmal darauf hingewiesen haben…was ist dann? Ist das dann immer noch ein komischer Blick.

Er sieht die Tweets zum Thema: Wenn sich Donald Trump besorgt zeigt, ist das ja wohl der blankeste Hohn, den es gibt. Heuchlerisch bis zum Gehtnichtmehr. Er will jetzt nicht den islamischen Terrorismus verteidigen, aber…

Aber Moment mal… So einfach ist das auch wieder nicht: Ist nicht er selbst auch besorgt, angesichts dieser Entwicklungen, angesichts Köln an Silvester, angesichts immer mehr Flüchtlingen, angesichts des Terrors in Paris und anderswo? Und gleichzeitig wütend auf eine Gesellschaft, die seine christlichen oder ganz einfach menschlichen Werte nicht mehr teilt, in der die Familie nichts mehr wert ist, in der die Eltern nichts mehr mit ihren Kindern zu tun haben wollen und die Kinder nichts mehr mit ihren Eltern. In der bei einer Trennung die Kinder meistens noch immer vom Vater oder auch gelegentlich von der Mutter, aber auf jeden Fall vom anderen Elternteil allzu leichtfertig entfremdet werden, nur weil er nicht mehr in die allzu liberale, doch ach so schöne Patchwork-Realität der Alt-68er passt. Obwohl er (meistens er) oder sie seine/ihre Kinder immer noch liebt. Zum Wochenend-Daddy degradiert wird, weil die Frau (meistens immer noch die Frau!) fröhlich Unterhalt kassieren will. In der irgendwelche Patchwork-Flickschusterei (denn das heißt das Wort nun einmal im englischen Original!) zum Idealbild erhoben wird, mit Stiefvätern, die neidisch auf nicht eigene Kinder sind, die ihren richtigen Vater (oh Gott!) immer noch sehen wollen…und sogar noch an Heiligabend, die einem das harmonische Patchwork-Dasein versauen, mit ihrer chronischen Hin und Hergerissenheit, ihren Schulproblemen, ihren depressiven Stimmungsschwankungen. Oder sie feiern das Patchwork alle zusammen, so als hätten sie nie Freud gelesen, so als hätten sie nicht alle ein Messer unter dem Stich, bereit sich gegenseitig an die Kehle zu gehen.

Das ist doch alles schön! Das ist doch alles wunderbar! Und er zahlt sogar Unterhalt für meine Kinder! Ein Hoch auf das Rechtssystem!

Das kann ja echt alles wunderbar, wunderschön und alles Mögliche sein, das kann ja auch funktionieren…das sagt er ja auch nicht…und wo wären wir ohne die 68er… noch bei den alten Deutschen (den alten deutschen Werten?)…aber…

…wenn…

…wenn es dann mal…

…nicht  glatt läuft, nicht funktioniert, nicht gepatcht werden kann…

… dann kommt es wieder hoch…

…dieses mulmige Gefühl…

…dieses Unbehagen in der Kultur (ganz egal, ob der westlichen oder östlichen oder nördlichen oder südlichen)…



…dann ist das Geschrei groß!

Aber vielleicht bezieht er das einfach alles viel zu sehr auf mich selbst.

Ja, genau: Das ist es! Das ist die Lösung!


Und überhaupt: Warum identifizierst du dich so mit dem? Das an sich ist ja fast schon pathologisch. Der ist ein „Frauen-Schläger“, ein „Terrorist“, ein „Massenmörder“. Und tot. Du nicht. Du würdest dir ja auch nie einen Laster leihen und 80 Leute plattfahren, oder?! (Schon allein deswegen, weil du gar keinen Führerschein hast!) Also, warum geht dir das so nahe? Du konntest noch nicht mal deine Frau schlagen, haha. Und die hätte das manchmal… NEIN: Das ist ja auch richtig so. Das löst man ganz ohne Gewalt, wenn man aus Europa kommt und 68er-Eltern hat. Und wenn, dann nur psychische Gewalt. Darin sind Frauen schließlich mindestens genauso gut!

Du bist nicht wie der! Da musst du dir gar keine Sorgen machen… Du nimmst dir das viel zu sehr zu Herzen, das, was die sagen. Das sagen die jedes Mal, die Medien.


Obwohl: Sagt nicht dieser Ratgeber den du kürzlich gelesen hast, das wir alles in uns haben. Alles verstehen können, weil wir es auch in uns haben…

Nach einer Trennung kann so einiges passieren, das weißt du…

Aber nein: Du beziehst das einfach immer alles zu sehr auf dich. Schon immer. Weil du zu sensibel bist. Das ist dein einziges Problem: Das du alles immer auf dich selbst zurückspiegelst. Immerhin hast du keinerlei Wunsch mit einem LKW durch eine Menschenmenge zu fahren und selbst wenn die Menschenmenge aus Nadines Familie bestehen würde, würdest du zweimal darüber nachdenken müssen. Ob es Nadines Schwester oder Schwager oder anderer, älterer Schwester genauso ginge?


Obwohl: Auf Erschießen hätte er schon Bock! Manchmal…