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Mittwoch, 31. Januar 2018

Paranoia















Er wusste nicht, wer oder was es war, aber es war komisch. Das wusste er. Kaum war er in die Hauptstraße eingebogen, da sah er es. Die Scheinwerfer, die ihn anzustarren schienen, die direkt auf ihn gerichtet zu sein schienen, obwohl das Auto auf der anderen Straßenseite stand und nicht auf seiner. Was hätte er gemacht, wenn es auf seiner Seite gestanden hätte? Er wusste es nicht, aber dass es komisch war, das wusste er. Und kaum war er näher gekommen, da fuhr das Auto auch schon los. Setzte sich in Bewegung, in seine Richtung. Trotzdem sah er keinen Fahrer. Oder eine Fahrerin? Warum habe ich nicht darauf geachtet, sagte er sich hinterher. Aber in dem Moment…da achtete er nur auf die Farbe und Marke des Autos. Ein silberfarbener VW Golf. So ein alter. Wie ihn seine Frau, äh, seine Ex-Frau gehabt hatte. Aber in rot. Nicht silbern. Kein gutes Auto.

Aber als er die Tür war es eh schon wieder weg. Im Hausflur machte er das Licht an. Hier hatte er auch letztens so ein komisches Gefühl gehabt. Als wär da was. Samstagabend. Eine Präsenz? Eine Person? Als würde da jemand atmen, im Flur, unten oder oben, was weiß ich. Aber da war was. Hastig hatte er die Tür zu seiner Wohnung im ersten Stock aufgeschlossen und sie ebenso schnell wieder hinter sich verschlossen. Hier in seiner Wohnung fühlte er sich sicher. Aber war er es auch? Stimmte das tatsächlich. Er horchte in das dunkle Haus hinein, konnte aber nichts hören. Keine Schritten, kein Atmen, nichts. Aber trotzdem war das komisch, ein komisches Gefühl…











Samstag, 17. Juni 2017

Grüne Lämpchen am Ende des Tunnels













In M. steigt er extra ganz hinten aus der Bahn aus. Dann brauch er nicht so weit zu laufen. Nur diesen langen Weg an den Gleisen entlang und dann über die Schranke. Die um diese Zeit sowieso nicht mehr zu geht. Neben ihm, hinter ihm steigen auch diese zwei Typen aus der Bahn. Ausländer, Araber glaub ich, keine Ahnung, ob das Flüchtlinge sind. So zwei junge Typen Anfang zwanzig, wenn überhaupt, mit Muskelshirts, aber ohne die dazugehörigen Muskeln. Aber das ist ja egal, in diesem Alter. Am Anfang will er sogar extra hinten rum gehen, durch die Unterführung, nur um denen aus dem Weg zu gehen, weil die ihm komisch vorkommen. Aber dann entscheidet er sich doch dafür, an ihnen vorbeizugehen. Die Faulheit siegt also am Ende. Oder die Dummheit?

Die beiden bleiben an den Gleisen, unter dem Pfeiler der geschlossenen Fußgängerbrücke stehen. Als er an ihnen vorbeigeht, macht der eine so Affengeräusche. Wie ein Tier. Scheiße. Wenn die ihm jetzt nachgehen…

Bis zum Bahnübergang sind es ungefähr 200 Meter. Kein anderer nimmt diesen Weg. Nur er. Scheiße. Wenn die mir jetzt hinterherkommen. Hier hört dich keiner schreien. Wenn du überhaupt dazu kommst zu schreien. Mit deinem Laptop und deinem dicken Portemonnaie, dass du auch noch dummerweise in der Gesäßtasche deiner Hose hast. Dafür sterbe ich, für den Laptop… Hast du letztens auf der Arbeit gesagt. Zu Yasir. Ganz großspurig. Aber auf der Arbeit hast du auch einen Alarmknopf. Und ein funktionierendes Telefon. Bist du auf dem alten Telefon deiner Tochter (das du bis auf weiteres mit dir führen musst, weil du blank wie der Arsch von Kim Kardashian bist) die Nummer der Polizei gewählt hast, bist du schon lange tot – es sei denn, du kannst sie zum Warten überreden. Hold on a sec, mate… Hier nicht, hier in freier Wildbahn, wo diese beiden menschlichen Tiere deine Angst förmlich riechen können. Dann musst du eben kämpfen, dich verteidigen. Du guckst du der leeren Bierflasche in der Seitentasche deines Rucksacks. 8 Cent sind 8 Cent. Vielleicht könntest du dich ja damit verteidigen. Vielleicht hat Gott dich die ja extra mitnehmen lassen. Vielleicht hat Gott ja einen Plan mit dir. Oder ist alles nur Zufall, nur ein einziger, brutaler Zufall? Du gehst schnell, extra schneller, damit du einen Vorsprung hast, sollten sie doch noch hinter dir herkommen. Im Moment tut sich zwar nichts, aber du weißt, dass sie dich im Ernstfall einholen würden. Du bist nicht dünn und wendig wie sie, du bist ein Brecher; der am Ende seinen Mann stehen und sich verteidigen muss. Du bist jetzt fast an der Schranke, fast am Bahnübergang und traust dich gar nicht, dich umzudrehen, um nachzugucken, ob die noch immer da stehen, unter den Stahlpfeilern, in sicherer Distanz? Das Einzige, was du machen kannst, ist, in die Nacht hineinzuhorchen. Wie ein Hase, mit seinen langen Ohren. Du gehst über die Schranke, über die breite Landstraße und, auf der anderen Seite angekommen, denkst du: Wenn die jetzt kommen und Ärger wollen, dann kriegen sie den ganzen Frust der letzten zwei Jahre, was sag ich, der letzten zehn Jahre, ab. Aber es ist leichter, das auf der Arbeit zu sagen, wo du gut behütet bist, da ist es leichter zu sagen: „Der soll ruhig kommen. Dann kriegt er die ganze Wut, die ganze Frustration ab, die sich in mir aufgestaut hat. Soll er ruhig kommen!“ Wahrscheinlich denkst du das eh nur, weil du jetzt ziemlich sicher sein kannst, dass sie dir nicht gefolgt sind. Kannst du das? Du bist mittlerweile beim Penny-Markt angekommen, gehst an dem Parkplatz entlang, denkst: Hier sind überall Häuser. Wenn die dir jetzt doch noch hinterherkommen, dann schreist du einfach wie bekloppt. Darin hast du ja Übung: Das hast du schließlich deine gesamte Jugend Zuhause gemacht. (Was sollen denn die Nachbarn denken – mir doch scheißegal! Ahhhhhhhh…) Dann gehst du irgendwo rein, in einen dieser Hauseingänge und klingelst an allen Klingen Sturm – solange, bis dir jemand aufmacht. Oder schreist mitten auf der Straße wie am Spieß. Aber meinst du, dass dir wirklich jemand aufmachen würde, hier, in dieser Seitenstraße, mitten in der Nacht in M.? Vielleicht würdest du gar nicht dazu kommen, hier Sturm zu klingeln… Du gehst an einer Toreinfahrt vorbei und denkst: Scheiße, hier könnte ich gar nicht klingeln. Wenn die jetzt kommen würden müsste ich erst mal zum nächsten Haus laufen. Mitsamt Laptop und Rucksack. Oder eben…kämpfen… Komm schon, du könntest das, nachdem du eben diesen feurigen Hähnchen-Döner vom Türken. Den Griechen gibt es ja nicht mehr. Der hatte richtig Feuer dahinter. Da fingst du an zu schwitzen wie ein Tier, in der Bahn. Das war dir schon peinlich, obwohl keiner bei dir auf/im Sechser saß. Wie ein Tier! Sollen sie doch kommen! Trotzdem gehst du zügig über die Hauptstraße unterhalb des Kreisels. Guckst dich noch ein letztes Mal um, siehst aber niemanden. Selbst im Schein der Straßenlaterne auf der Ecke nicht. Puh, das wäre geschafft!, denkst du, als du am Netto vorbeikommst. Die Jugendlichen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Hier in M. Keine KKM! KK-Mafia, mein fetter Arsch!

Fast bist du sogar ein bisschen enttäuscht, haha. Dass du keine Chance hattest, deine angeschlagene Männlichkeit in dieser lauen Sommernacht endlich mal unter Beweis zu stellen. Ihnen den Kopf abzureißen und in ihren Hals zu pissen, diesen…

Um etwa zehn nach zwei schließt er endlich die Wohnungstüre auf und ist Zuhause. Endlich! Doch kaum ist er zur Tür rein, da fängt es in seinem Körper auch schon heftig an zu drücken. Das hat er öfters. Kaum ist er da, muss er auch schon auf Klo. Aber vorher noch schnell die Computertasche in Reichweite bringen, den Stuhl vor der Kloschüssel in Stellung bringen und…das Internet einstöpseln – und das alles mit zusammengekniffenen Arschbacken. Schließlich muss er ja noch nach seinem Blog gucken. Doch dann sieht er plötzlich, dass das mit dem Internet gar nicht mehr nötig ist. Denn alle grünen Lämpchen am Router leuchten bereits. Komisch…ich könnte schwören…

…dass ich das heute Nachmittag, als ich gegangen bin, ausgemacht hab. Um Strom zu sparen. Definitiv. Da hab ich sogar noch daran gedacht, dass sich die Uhr am Herd nicht ausstellen lässt und dadurch Tag und Nacht Strom frisst. Zwar nur kleine Mengen, aber das läppert sich. Er ist sich fast 100%ig sicher, dass er den Internet-Stecker rausgezogen hat. Oder war jemand hier? In seiner Abwesenheit? Werde ich langsam etwa bekloppt? Er guckt sich um, bemerkt aber nichts Auffälliges. Außer das Internet. Das hat er doch ausgemacht. Aber María hat doch gar keinen Schlüssel – zumindest nicht für die Wohnungstür. Oder? Und wenn sie ihn nachgemacht hat? Nein, das ist doch ein Sicherheitsschlüssel, den kann man doch gar nicht so einfach, gar nicht so ohne Weiteres nachmachen lassen. Dazu brauch man doch die Erlaubnis des Eigentümers. Oder nicht? Keine Ahnung.

…und wenn ihre Mutter den nachgemacht hat. Und hier extra das Internet angelassen hat, um ihn in den Wahnsinn zu treiben… Wie nennt man das noch mal in der Psychologie…? Gaslighting. Ja, Gaslighting, das ist es! Das kommt von irgendeinem Film, in dem ein Verbrecher tatsächlich seine Ehefrau in den Wahnsinn treiben will oder treibt, indem er permanent an ihrer Wahrnehmung zweifelt, Dinge verstellt beziehungsweise absichtlich verlegt, ein ausgeschaltetes Router in der Abwesenheit des Ex-Mannes wieder einschaltet etc… Oder eben die Existenz des Gaslichtes, das Bella (was für ein schöner Name!) in dem Theaterstück sieht, bezweifelt. Gaslighting eben. So nennt man das in der Psychologie. Indem man dem Opfer, das wie er eh schon ein bisschen labil ist, langsam den Glauben an die Dinge, so wie sie sind, an die Realität selbst, nimmt.

Oder ist das doch nur ParanoiaParanoia hervorgerufen durch die Realität seiner Trennung, die sich nicht mit seinem Wunschdenken, seinen Sehnsüchten in Einklang bringen lässt Es kann ja auch sein, dass er tatsächlich vergessen hat, das Router auszuschalten, obwohl er sich felsenfest sicher war, es ausgeschaltet zu haben. Um Strom zu sparen. Weil er Strom sparen will. Weil er Strom sparen muss. Vergisst man dann so etwas? So etwas Wichtiges? Wenn man die ganze Zeit daran denkt? Wenn man sogar noch an die ständig tickende Uhr im Herd denkt?

Ich werd bekloppt, ich werd langsam echt bekloppt, denkt er als er die grünen Lämpchen des Routers im Dunkeln leuchten sieht.

Das ist ja hier fast schon wie im großen Gatsby, wie das grüne Licht, das Gatsby meint auf der anderen Seite des Sundes wahrzunehmen und das er mit seiner Geliebten, aber für immer verlorenen Daisy assoziiert. Genau wie mit den beiden Typen eben. War das etwa auch nur die Sehnsucht nach Gewalt, nach einem Befreiungsschlag – im wahrsten Sinne des Wortes –, der Licht in das Dunkel seines Leben bringt…


…Morgen laufen wir schneller, strecken die Arme weiter aus und einen schönen Tages, so kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom. Und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit…






Sie ist noch geblieben, während ‒‒‒‒‒‒‒ schon weg ist.












Freitag, 30. Dezember 2016

Der dunkle Wald deiner Seele










Abends komme ich um ungefähr Viertel vor zehn nach Hause. Ich komme aus dem Wald, wo ich Laufen war. In Dunkeln. „Im Dunkeln“ ist eigentlich noch untertrieben. In kompletter Dunkelheit wäre wohl passender. Der kompletten Dunkelheit meiner Seele, haha. Voller Angst, aber immer weitergehend. Immer tiefer hinein in den stockdunklen Wald. Was für ein Hobby. Letztes Jahr hat mich eine Frau gesehen, wie ich gerade dabei war in diese dunkle Röhre, die in den Wald hineinführt, einzutauchen  und hat zu ihrer Kollegin gesagt: "Also, ich würd da nicht reingehen. Freiwillig." Würdest du schon, habe ich nur gedacht: Wenn du keine Hobbys, keine Freunde und heute 2 Eier, 2 Hähnchenschnitzel, 2 Hühnergockelchen von Aldi, jede Menge Salat und 1 Tüte Frit-Sticks gegessen hättest. Dann würdest du da reingehen. Um den Kopf und den Bauch freizukriegen. Obwohl das am Ende, hinter dem Tannenwald, in den ich mich heute Abend nicht begeben habe (weil man da am Tag schon wenig seht und ich Angst hatte, Angst habe vor den dichten Tannen), obwohl das am Ende schon irgendwie komisch war. Denn da waren irgendwelche Tiere oder irgendwas in den Büschen neben dem Weg, das sich bewegt hat und das mich dann doch zum Zurückgehen bewegt hat. Einem Wolf oder Fuchs oder Wildschwein wollt ich dann doch nicht begegnen. Das ist dann doch zu viel des Abenteuers. Also machte ich kehrt und watschelte langsam in Richtung Zuhause, in Richtung I. zurück.

Wobei ich, wie immer, über alles nachdachte. Dass ich ein komisches Gefühl habe. Dass da irgendwas nicht stimmen konnte. Mit María, mit Nadine.

Irgendwas stimmt da nicht, ich spüre das. Im Moment sogar besonders stark.

Aber willst du wirklich dein ganzes restliches Leben darüber nachdenken, darüber rätseln, was da nicht stimmt? Irgendwann muss es auch mal gut sein. Du kannst nicht alles kontrollieren. Es ist normal, dass María dir nichts erzählt. Sie ist eben ein typischer Teenager. Du hättest dir damals auch lieber die Zunge rausgeschnitten als deinen Eltern irgendwas zu erzählen. Obwohl, das mit Nadine hast du ihnen direkt erzählt. In der gleichen Nacht noch, in der du sie Silvester 1995 kennengelernt hast.

Warum eigentlich?

Weil du stolz warst, dass du auch mal Glück gehabt hattest, dass du auch mal eine Frau kennengelernt hattest. Ein Mädchen.

Wahrscheinlich.

Aber jetzt musst du auch abschließen können. Noch nicht einmal mehr in einem Monat bist du geschieden (auf einmal geht das so schnell) und dann siehst du sie – außer durch Zufall – nie wieder.

All das denkst du immer noch vage, als du in die Straße einbiegst, die nach einer Kurve zu deiner Straße führt. Komisch. Da steht ein Wagen mit Blaulicht oder einem gelben Licht. Ne, das ist keine Polizei, das ist der ADAC, wie du dem Schrift an der Seite des Wagens entnehmen kannst. Komisch. Hier oben. Du gehst an dem Wagen vorbei, hinter dem ein Mechaniker sich um einen roten Golf kümmert. Einen roten Golf?

Einen roten Golf…

Dann guckst du hoch, siehst die Person, die Frau, die an der anderen Seite des Motors steht, an der der Mechaniker am Arbeiten ist. Eine kleine Frau, eine sehr kleine Frau. Ausländisch…

Scheiße

Scheiße

Schon bist du vorbei, siehst im Vorbeigehen noch den Aufkleber, der hinten an dem roten Golf klebt. Einer dieser typischen Aufkleber. Du guckst zurück, siehst sie nicht mehr richtig, im Dunkeln. Die kleine Frau, die da an der Seite des Motors steht, dich mitleidig anguckt. Oder bildest du dir das nur ein?

Sie? Sie! Sie?

Quatsch, du wirst langsam bekloppt. Du wirst langsam echt bekloppt. Was sollte sie schon hier machen? Außer ihre Tochter mit dem Auto zurückbringen. Nach Hause zurück. In der einen Hälfte ihres neuen Zuhauses. In ihrem Zuhause 2.0, sozusagen. Und dann ist ihr das Auto hier auf der Ecke liegen geblieben. Genau hier, wo du jetzt langkommst. Haha

Du willst zurückgehen, gehst aber weiter.

Kann das Zufall sein? Zweimal, so kurz hintereinander. Wenn sie das überhaupt war

Wenn du jetzt deinem Gefühl folgen solltest, deinem Bauchgefühl, wie die das immer sagen, dann…

…ist die Sache eindeutig…

Und als du bei dir Zuhause vor dem Tor stehst, fällt dir noch was auf. Denn das Licht ist an. Das Licht draußen und im Flur. Ohne dass du den Knopf über den Klingeln gedrückt hast. Und da du im Moment alleine hier wohnst, kann das nur María gewese…

…oder sie?

Oder bildest du dir das nur ein, hast selber den Knopf gedrückt…

…ohne es zu merken…

Oder ist sie gerade gegangen?

Nein, das hieße ja…

…das sie hier ist, wenn du nicht da bist.

(das glaube ich nicht)

Ja, klar…, hörst du María abfällig sagen. Aber was verbirgt sich hinter dieser Verachtung…?

Warum hat sie dich auch heute gefragt, ob du arbeiten gehst?! Zweimal sogar.

Und wenn sie nicht mit ihrer Freundin Jacqueline ausgegangen ist – die eh einen „strengen“ Vater hat –, sondern…

…mit ihrer Mutter

Skandalös!


Sie ist schon in ihrem Zimmer, als du die Haustür aufschließt, hat schon abgeschlossen. Du klopfst trotzdem, unter dem Vorwand, noch eine Cola zu wollen. Nachdem du noch ein paarmal geklopft hast, tut sich endlich was und sie macht auf. Sie hat sich einen Morgenmantel über ihre Straßenkleidung gezogen.

„Hi. Ich brauche noch eine Cola…“


„Und sonst? Alles klar?“

„Ja.“

„Das ist komisch…“, sagst du am Ende.


„Bist du gerade erst gekommen?“

„Ne, ich bin schon länger hier. Ich war im Bett…“

„Ach so. I could have sworn that the woman whose car broke down just around the corner looked vaguely familiar…Keine Ahnung, warum du das auf Englisch sagst. Etwa damit sie es nicht versteht?

Aber sie versteht – glaub ich – alles, sagt nichts, guckt nur komisch.

Sagt aber auch nicht: „Was redest du da?!“ Wie sie es sonst immer tut.

„Ok, gute Nacht.“

Du gehst in dein Schlafzimmer und plötzlich geht dir ein Licht auf: Wenn sie das war, dann geht es ihr auch nicht gut. Genau wie dir.










Dienstag, 25. Oktober 2016

Tatort










Montag. Deine Tochter ist wieder da.

Lange nicht gesehen, sagst du. Direkt nachdem du „Und, alles klar?!“ gesagt hast. Eine Frage, auf die es natürlich keine ehrliche Antwort gibt.

Sie tippt ein bisschen auf dem Handy rum, spricht in es hinein, als wär es eine lebendige Person, hört sich ein paar Voice-Messages an, geht in ihr Zimmer, kommt wieder, guckt GZSZ, dann Wer wird Millionär, dann Hart aber fair und sagt dann „Ich bin müde“, putzt sich die Zähne und geht ins Bett. Oder nur in ihr Zimmer?

Du hast auch keinen Bock mehr, bist auch müde und schläfst irgendwann um kurz vor zehn ein. Dieses Leben, es ist dieses Leben






und dann wachst du wieder auf. Im Fernsehen läuft das Nachtmagazin. Endet gerade. Dann kommt der Tatort. Der München-Tatort. Geil. Würdest du normalerweise sagen, aber diesmal ist der wirklich geil. Mit diesen zwei alten Knackern, noch nicht mal mehr mit grauen, sondern schon mit schneeweißen Haaren. Wo du normalerweise gar nicht mehr denken würdest, dass das Polizisten sind, so alt, wie die aussehen (übrigens durchaus auch im übertragenen Sinn). Der eine kann noch nicht mal mehr schlafen, was ihn dir direkt sympathisch macht. Denn du kannst ja irgendwie auch nicht schlafen, sonst wärst du ja nicht hier, würdest nicht um halb eins den Tatort gucken, wie einer dieser Psychopathen, die die suchen. Die Shorts und Unterhose ausgezogen (die hat dich irgendwie eingeengt, deine dicken Eier, haha), von der Hüfte abwärts nackisch. Aber der Tatort, der hat was. Echt! Manchmal ham die was. Wie dieser Scharfschütze damals, aus der Schweiz, der Typen erschossen hat, weil seine Freundin/Frau vergewaltigt worden war. Dieser bärtige, urwüchsige, urige… 

Im aktuellen Fall wird ein junger, mittelaltriger Vater vor den Augen seiner japanischen Frau und seines Sohnes in München niedergestochen, als er versucht, einem Typen, der auf der Straße liegt zu helfen. Das hat man von Hilfsbereitschaft und Gutmenschentun. Deutschland, nimm dir ein Beispiel an diesem Tatort! Dafür wird man nur hinterrücks erstochen. Du hast es da eher mit dem „Last Don“, dessen Motto ist: „Let them all swim at the bottom of the ocean!“ Auf jeden Fall fangen die an, den Mörder zu suchen. Verdächtigen erst einen Obdachlosen, dann einen leicht oder schwer durchgeknallten Türken, der  sein Jura-Studium abgebrochen hat, sich aber trotzdem für oberschlau hält. Während die Frau des Opfers, die Japanerin, weiter leidet (eigentlich unrealistisch…ja, ich hör ja schon auf, ich halt ja schon die Klappe!!!). München nicht verlassen kann, bis der Täter gefunden ist. Was sich nicht so leicht gestaltet, da auch der durchgeknallte, türkische Ex-Jura-Student ermordet wird und am Ende sogar die Frau in ihrem Haus von einem Trittbrettfahrer (einem Trittbrettpsychopathen sozusagen) überfallen, mit der Original-Tatwaffe, die der Psycho an dem Tag des Mordes an ihrem Mann gefunden hat, als er den Täter beobachtet hat, wie er sie wegwarf. Aber auch der Psycho, der sich selbst ewigen Frieden verschafft, in dem er aus dem Fenster seines Hochhauses springt ist nicht der Täter, obwohl einer der Ermittler die Frau des Opfers, die die Messerattacke überlebt hat, belügt, damit wenigstens sie nach Japan zurückgehen und ihren Frieden finden kann.

Und dann ist der Fall zu Ende. Und du denkst: Scheiße. Dürfen die das? Einen Fall einfach ungeklärt enden lassen. Dann können die ganzen Omis und alten Knacker, die das gucken, doch bestimmt die ganze Nacht nicht schlafen…das geht doch gar nicht. Oder doch? Siehst du doch, dass es geht.

Du guckst dir das an, bei Twitter, twitterst ein bisschen und siehst, dass das sogar ein wahrer Fall ist. Deswegen ist er also ungelöst. Geil! Weil die Polizei in echt auch keinen Mörder gefunden hat. Krass!

Und dann hast du einen Flash. Diesen Flash, den du öfter hattest in letzter Zeit. Diesen Paranoia-Flash. Du denkst an Nuri von der Arbeit. Keinen Ahnung, wo das jetzt herkommt. Du denkst daran, dass da irgendwas nicht stimmen kann. Und genau in diesem Moment sagt eine Frauenstimme im Fernsehen: „Wenn du das Gefühl hast, dass etwas nicht stimmt, dann musst du dem auf den Grund gehen…“ Oder sagt die das vorher und du wirst deswegen leicht para? Keine Ahnung. Auf jeden Fall bist du jetzt leicht para und schiebst den Film, den du seit der Trennung immer wieder geschoben hast. Das mit Nuri und deiner Frau und Rudi und allem und jedem. Deinem Chef. Sie war da, hat den Schlüssel für dich zurückgebracht. Wenn der da…warum hört der Spanisch, südamerikanisches Spanisch, gesprochen von südamerikanischen Frauen auf seinem Handy?? Wenn der das doch nicht versteht?? Ich hör doch auch keine japanischen minutenlang, ohne die zu verstehen. Der hat doch eh Dreck am Stecken, der Typ. Mit seinen fünf Fünfhunderten, die er vor deinen Augen rausholt. Fünfhunderter in Umschlägen. Verdächtig. Aber jetzt echt: Du hast da ganz stark dieses Gefühl, dass da was nicht stimmt. Mit dem, mit deiner Frau, mit deiner Trennung, mit allem. Bist du jetzt para oder ist da was dran? Oder beides? Wie kann das denn sein?! Du hast da so deinen Verdacht. Er hat einen Verdacht. Das ist schon komisch, da gibt es schon so einige Verdachtsmomente. Auch dieser Araber, den du damals rausgeschmissen hast. Dreimal hintereinander. Der will dir nicht aus dem Kopf. Wo du alleine in Barcelona warst und deine Frau mit deiner Tochter nach einer Woche nachgekommen ist. Eine Woche noch alleine in Bonn war. Der dir gedroht hat, dich gefragt hat: Hast du Familie? Dessen Freund ist wieder aufgetaucht auf deiner Arbeit, hat jedes Mal, als du kamst, um nach dem Rechten zu sehen, irgendwie komisch gelacht, mit diesem Schmierer, der neben ihm saß. Der ihn geküsst hat, zur Begrüßung. Wie schwul ist das denn?! Der auch damals den Typen verteidigt hat, den du dreimal rausgeschmissen hast. Das ist schon irgendwie komisch alles.

Aber bestimmt bist du nur para…

Wie immer…

Du guckst aus dem Fenster nach draußen, als könntest du da was sehen. Aber es ist nur dunkel, draußen. Stockdunkel.