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Montag, 29. Januar 2018

Yin und Yang













Der Wunsch zu heulen, einfach loszuheulen ist so stark, so ausgeprägt, so drängend, dass du nicht weißt, ob du es schaffst, ihm zu widerstehen. Du willst einfach nur losheulen, aber du tust es nicht. Nicht hier, nicht jetzt, obwohl du so gerne würdest…

Sonntag, 28. Januar 2018

Atomkrieg, Bob Dylan und Selbstmord














Nachts fährt mich mein Kollege Sascha zum Bahnhof. Ich mag Sascha und Sascha mich glaub ich auch. Wir unterhalten uns, wie immer:

„Hast du das von Hawaii gehört. Mit den falschen Alarmmeldungen… Wo die dachten, die werden mit Atomwaffen angegriffen…“

„Ja, krass, ne?!“

„Nur weil da einer aus Versehen auf den Knopf gekommen ist… Dass so was überhaupt möglich ist… Dass so was überhaupt von nur einer Person ausgelöst werden kann… Boah, ich wär so ausgetickt…“

Sonntag, 24. Dezember 2017

Einen Tag vor Heiligabend: Na dann Prost!



Last Christmas, I gave you my heart
But the very next day you gave it away
This year, to save me from tears
I'll give it to someone special…
(Wham! - Last Christmas)
  







Ich hätte richtig Bock an Heiligabend ein bisschen Alkohol zu trinken. Um zu vergessen. Vergessen, dass meine Frau nicht mehr da ist (Tschuldigung, meine Ex-Frau meine ich natürlich). Um zu vergessen, dass sie, meine Tochter, nur den halben oder noch nicht mal den halben Tag da ist, an Heiligabend! Dass sie später den Leuten ins Gesicht lächeln wird, die deine Ehe auf dem Gewissen haben, die dich kaputtgemacht haben und jetzt alles haben, während du nichts hast. Nur eine Tochter, und auch die nur die Hälfte des Tages (wenn überhaupt). Dass die ihr schmierig, kokett ins Gesicht lächeln werden, der Schwager zum Beispiel und wer weiß wer sich sonst noch bei denen rumtreibt, an Heiligabend. Heiligabend. Ihre Familie war ihr nicht heilig, soviel ist sicher. Obwohl: ihre Familie schon. Meine, unsere nicht… Und María liegt dazwischen. Ich hätte echt Bock, aber ich kann nicht. Das kannst du nicht bringen! Dir vor ihr an Heiligabend, diesem heiligsten Abend im Jahr, einen anzuzwitschern. Obwohl du noch Alkohol da hast. Zwei Flaschen, die du seit anderthalb Jahren nicht angerührt hast. Du bist also kein Alkoholiker. Du magst die Scheiße noch nicht mal richtig. Alkohol schmeckt dir nicht. Du könntest nie ein Alkoholiker sein, werden. Aber trotzdem wäre das ein Tabubruch…und würde auch von deiner Tochter als solcher aufgenommen. Also wirst du nüchtern alles ertragen und danach – wie jedes Jahr seit der Trennung – in den Wald gehen, alleine, ganz alleine, der letzte Mensch auf der Welt…

Freitag, 27. Oktober 2017

Fast-Begegnung der dritten Art II




“Sometimes memory can be real bitch.” 

Lourd Ernest H. de Veyra, The Best of This Is A Crazy Planets

 






In der Bahn von Rheinbach höre ich auf einmal eine spanische Stimme. Zuerst denke ich, das ist eine Spanierin, aber dann muss ich feststellen, dass das definitiv eine südamerikanische Stimme ist. Aus Kolumbien oder so. Sie redet ziemlich laut und ich verstehe alles. Obwohl ich nur mit einem halben Ohr hinhöre und eh nur die eine Hälfte des Gesprächs mitbekomme. Aber es zieht mich immer mehr in den Bann, je weiter wir fahren. 

Dienstag, 24. Oktober 2017

Armutsrisiko in Deutschland




Epi·pha·ni̱e̱
Substantiv [die]
Religion
  1.  die Erscheinung (eines) Gottes unter den Menschen.
    2. Alltagsoffenbarung








Armutsrisiko für Kinder ist, wenn Eltern sich trennen…“, sagt der Typ im Fernsehen.



Er steht auf, hievt sich mit Mühe hoch du geht auf Klo. Schleppt sich schon fast auf Klo. Sagt zu sich selbst, laut: „Dann soll sie doch um zwölf kommen. Mir doch egal. Ich bin dann nicht mehr da. Dann bin ich auf der Arbeit. Ist doch auch egal: Ich werd doch eh nicht mehr gebraucht. Nicht von ihr, nicht von ihrer Mutter, vom niemandem mehr…ich bin abgeschafft…

Keiner Sau…






Dienstag, 8. August 2017

Shakespeare und Deutschland





Nerv nicht!“


Ich stand vor ihr, in der Tür ihres Zimmers, guckte sie an, ihr Blick war auf den Bildschirm ihres Handys gerichtet und ich versuchte, ihre Worte hinter einem Lachen verschwinden zu lassen, schaffte es aber nicht

Nerv nicht.

Freitag, 30. Juni 2017

H wie Hoffnungslosigkeit, Heulen und...













Du liegst im Bett, willst traurig sein, es macht doch alles keinen Sinn mehr, willst heulen, nichts mehr sagen, nie wieder was sagen…

…aber dann kommt María an dir vorbei…

Und du fühlst dich wieder besser. Nur minimal, aber das reicht schon, um weiter zu leben, um wieder Hoffnung zu schöpfen. Dieses Leben ist so Scheiße. Es zieht dich ganz tief runter und gibt dir dann einen Funken Hoffnung.

Mittwoch, 26. April 2017

Strand, Mädchen und Latin Lovers
















Meine Hose ist immer noch voll nass.

 „Müssen wir noch ein bisschen warten. So kann ich mich ja nicht in den Bus setzen. Mach ich ja alles nass. Nachher muss ich noch den Bus sauber machen. Warum gehen wir eigentlich überhaupt schon.“                         Ich möchte den Strand hinausschieben

Wir sind an diesem Strand in der Nähe von Puerto de Santa María. In der Nähe von Cádiz. Dieser Strand, der ein bisschen abgelegen ist, aber auch nicht zu weit weg von der Zivilisation. Mit dem Bus gut zu erreichen. Es ist heiß, aber hier am Atlantik, an der Atlantikküste Andalusiens, an der Costa de Luz, geht immer ein leichter Wind. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Schon seit Tagen nicht. Wahnsinn. Im Hintergrund das stete Rauschen der Wellen. Es ist ungefähr drei Uhr nachmittags und Nadine will gehen. Schon lange

Sonntag, 26. Februar 2017

Otto, mein Wellensittich
















Nachts im Bett, kurz vor dem Schlafengehen, denkt er an den Wellensittich, den er damals als Kind hatte. Der hieß Otto (ich weiß, ich weiß…) und war blau. Königsblau, mit einem weißen Köpfchen. Ein eleganter, stolzer, schöner Vogel.

Und irgendwann war er weg. Keine Ahnung, wie alt er damals war. Vierzehn? Dreizehn? Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall hatte seine Mutter vergessen, ein Fenster zuzumachen, als sie ihn für seinem täglichen Ausflug durch den Wintergarten aus seinem Käfig ließ. Und Otto nutzte seine Chance auf ein Leben in Freiheit. Tiere denken da ja nicht groß drüber nach. Nicht wie Menschen. Nicht wie du.

Otto war weg und er hatte nachts geheult. Jede Nacht. War untröstlich. Wie schön es wäre, ich könnte sagen, das war, als er erst zwölf oder dreizehn war, aber ich bin mir da nicht sicher. Nachts im Bett heulte er sich die Augen aus und betete. Das ist wohl das, was die in den Büchern als "Vulnerabilität" beschreiben. Vulnerabilität in einem frühen Stadion. In diesen ganzen Büchern über Depressionen.

Jede Nacht betete er. Immer wieder. Immer wieder das Vaterunser, das einzige Gebet, das er kannte. Kennt. Bis heute. Betete dafür, dass Otto zurückkam. Durch irgendeinen Zufall. Betete, dass er einfach wieder von draußen hineinfliegen würde, zurück in seinen Käfig. Aber schon damals wusste er, obwohl er noch jung war, dass das nicht sehr wahrscheinlich war. Also heulte er noch mehr. Heulte und betete. Er war schon damals nicht sehr gut auf das Leben auf diesem Planeten vorbereitet. Wie soll man sich denn auch darauf vorbereiten?! Er wusste nur, dass sein Vogel, sein geliebtes Vögelchen, sein pájarito weg war. Für immer weg war. Er schluchzte und betete, während seine Mutter beim Schuster unten in der Straße einen Zettel ins Schaufenster hängte. Tat ihr der Abschied von Otto etwa auch weh?! Tat er ihr leid?! Ein Zettel, dass uns ein Wellensittich entflogen war. Mit Telefonnummer. Ein blauer Wellensittich. Namens Otto. Oder schrieb sie das da nicht rein...?

Und dann passierte das Wunder! Das Wunder von Bonn. Ein kleines, alltägliches Wunder. Kein großes. Denn es ging ja damals noch nicht um Leben und Tod. Dann passierte das Unerwartete. Denn da rief tatsächlich jemand an. Ein Nachbar. Der ein paar Häuser weiter unten wohnte. Ein alter Mann, glaub ich. Der auch einen Wellensittich hatte. Ein Weibchen. Ein Weibchen? Keine Ahnung. Oder er hatte sogar mehrere. Ich weiß es nicht mehr. Und Otto, der Schlawiner, war gar nicht so weit gekommen, auf seiner Flucht vor Käfig und Gefangenschaft. Auf seiner Flucht vor der Einsamkeit eines Junggesellen (heute weiß ich natürlich, dass man die nicht allein halten sollte, Wellensittiche, weil die sonst einsam werden...und verhaltensgestört...). Nein, Otto war geradewegs ein paar Fenster weiter schon wieder reingeflogen. Da, wo die anderen Wellensittiche waren. Vielleicht hatte er ja sogar die fremde Sittichdame schon mal gehört. So weit war das gar nicht. Keine zwanzig Meter Luftlinie. Hatte sich vielleicht mit ihr schon „unterhalten“, seine Flucht geplant. Auf jeden Fall war er da gelandet und der Mann hatte ihn zu sich genommen. Vielleicht hatte er ja sogar Spaß auf seiner Flucht. Mehr Spaß als alleine in dem immer leicht düsteren Wintergarten im Haus meiner Eltern. Vergnügte sich mit der Sittichin. Und als der Mann das dann las, beim Schuster im Schaufenster, musste er nur noch eins und eins zusammenzählen und ich hatte meinen Wellensittich wieder. Meinen Otto. Musste nicht mehr nachts heulen und nur noch einmal abends vor dem Schlafengehen beten. Wie vorher. Und war wieder glücklich

Otto war doch auch zurückgekommen. Und Conchita auch, am Ende. Als sie an meine Tür im Wohnheim klopfte und plötzlich da stand, ganz allein. Warum konnte dann nicht

Warum kann dann nicht

Wenn du schon mal Glück gehabt hast

Schon zweimal Glück gehabt hast

Warum kann dann nicht

wieder ein Wunder geschehen. Ein kleines, alltägliches Wunder. Mehr will ich in meinem kleinen, alltäglichen Leben ja gar nicht

Aber es braucht schon ein Wunder, denkt er. An dem Tag, an dem Hamburg von den Bayern brutalst vermöbelt wurde, woran man sieht, dass Wunder eher selten passieren


„Bitte Gott, bitte, gib mir Nadine zurück!“, sagt er halblaut, bevor er sich hinlegt. „Bitte.“

„Bitte Gott, bitte!“

„Otto ist doch auch zurückgekommen. Und Conchita.“

„Bitte…“


Dann hat er plötzlich eine neue Idee: Vielleicht kommt sie ja zurück, wenn er genug gelitten hat. Lange genug gelitten hat, um die Fehler in seiner Ehe ausgeglichen zu haben. Den Kosmos wieder ins Gleichgewicht gebracht hat. Vielleicht












Sonntag, 16. Oktober 2016

Depression oder Angststörung








Der Kunde steht neben ihm und sagt wie aus heiterem Himmel:

„Bist du sehr freundlich und netter Mann…“

Echt?

Das schockt mich jetzt aber wirklich, denkt er. Er weiß gar nicht, was er sagen soll.

Am Ende bringt er nur ein schüchternes „Danke“ hervor.

Donnerstag, 15. September 2016

Wie kannst du nur so sein?!










Wie kannst du nur so verbittert sein? denkst du manchmal. So zärtlich, so ängstlich, so sorgenvoll? So bitter? So erbittert, wie das korrekt heißt. So wütend, so sauer, so aufbrausend, so jähzornig? So sensibel, so emotional, so hochemotional, so impulsiv, so gefühlvoll, so empfindlich? Empfindsam? So nachtragend, so voller Groll und Wut und Zorn und anger? So hasserfüllt, so irrational, so wenig reflektierend, reflektiert, inflektiert? So wenig flexibel, so temperamentvoll, so gefühlvoll? So verknöchert? So stur, bockig, dickköpfig, trotzig und unnachgiebig? So heißblütig? So verbissen, so zäh, so traurig, so melancholisch, so depressiv, so naiv, so gutgläubig, leichtgläubig, dumm, unschuldig? So stolz? So überheblich, so distanziert, so arrogant, so kühl berechnend, so böse, so gut, so anständig? So emotional involviert? So sanft? So liebevoll, so einfühlsam, so empathisch, so duldsam, so tolerant, so geduldig? So „nett“?

Wie kannst du nur?

Wie kannst du nur

so

sein

So wie du bist

Wie kannst du nur






Freitag, 29. Juli 2016

Marina Joyce Mystery










Heute hast du frei – obwohl: von deinem Kopf hast du ja nie frei. Also stehst du um 9 Uhr auf und gehst auf Klo. Et drückt. Wenn et drückt, dann musst du…kacken (und das ist nicht witzig). Das heißt: Erst mal musst du pissen, denn Pissen kommt immer vor dem Kacken. In letzter Zeit bleibt dazwischen auch irgendwie immer weniger Zeit, denn…et drückt. Also streifst du dir die Unterhose runter, kneifst die Arschbacken zusammen, holst schnell in kleinen Trippelschritten den Laptop, und dann den Hocker, den du auf den Küchenstuhl vor der Kloschüssel stellen musst, damit der Laptop ungefähr auf Augenhöhe steht. Ich weiß, das klingt nicht so, aber das hat System! Schaffst es gerade so noch, bevor es losgeht. Ach ja, Pipi hast du übrigens schon gemacht – trotz Morgenlatte. Und noch bevor du den Computer angeschaltet hast, geht’s los (die Details erspare ich Ihnen jetzt…). Danach wischst du dir den Arsch ab und willst dich eigentlich anziehen, um Laufen zu gehen. Aber als du wieder in deine Unterhose und die dazugehörige Blümchenshorts schlüpfst, hörst du schon das Plätschern draußen. Scheiße, es pisst. Scheiße! Und das tut es wirklich…und wie… In Strömen. Das ist echt voll der Dschungel hier, in Deutschland. Also wartest du und gehst dann Laufen. Mit Regenschirm. Durch den Wald. Durch den deutschen Psychoregen (nicht genug, um den Schirm aufzumachen und zu viel um den Schirm zuzumachen). Das ist echt, als würde da oben jemand sitzen, der exklusiv dich ärgern wollte…

Nach dem Laufen jib et Frühstück. Kalte Hühnerbrühe von gestern (die kühlt ab und du schwitzt nicht so viel in die Pfanne mit den Rösti-Ecken und den restlichen Knusper Gockelchen rein. Obwohl das voll geil ist: Denn jedes Mal, wenn ein Schweißtropfen von deiner Stirn in die Pfanne fällt, zischt das Hammer…

Nach dem Essen schläfst du ein bisschen (so ungefähr zwei Stunden), wachst dann langsam auf und liest die Bild. Stößt auf diesen Artikel über Marina Joyce, diese Mode- und Schmink-YouTuberin, die in letzter Zeit so seltsam sein soll. In ihren Videos. Das musst du natürlich gleich recherchieren. Also auf zu YouTube. Und das stimmt irgendwie. Die ist schon komisch, obwohl die eigentlich voll geil aussieht. Für eine Engländerin zumindest. Wie hat das dein Kumpel Miro damals in Schottland so gewählt ausgedrückt: „Die Frauen sehen hier alle aus wie Schnitzel.“ Also, wie ein Schnitzel auf Beinen sieht die nicht so richtig aus, mit ihren riesigen, blauen Augen. Aber glücklich auch nicht, wie sie dieses Kleid im Garten dieses typisch englischen Backsteinhauses in der Vorstadt von London präsentiert. In dem Video Date Outfit Ideas. Manchmal bekommt ihr Blick so etwas Abwesendes, etwas Ängstliches, was irgendwie voll krass wirkt. So als wär sie nur halb da. Die Diskussionen um diese Videos schossen tatsächlich so ins Kraut, dass die sogar die Polizei gerufen haben. Die war dann wirklich bei der (mehrmals!), um sich zu vergewissern, dass es der wirklich gut geht. Die Polizei hat auch nichts Besseres zu tun, denkt er! Vielleicht sollte er die mal seiner Tochter empfehlen, die ist wirklich nicht schlecht. Aber schon krass, wie die guckt. Augen riesig und diesen vagen Ausdruck von Angst, Unsicherheit im Blick. Spannend! Er liest: Manche spekulieren, dass sie Drogen nimmt, weil sie auf verschiedenen Raves gesehen wurde. Andere sagen, sie sei schizophren (Hammer, auf was die Leute kommen, ohne jemanden wirklich zu kennen oder irgendwelche gesicherten Diagnosen zu haben. Krass, ne!? Dass sie misshandelt wird…von ihrem Freund, ihrer Familie, ihrer toten Großmutter, suchen Sie sich was aus. Da ham sogar welche behauptet, die sei von dem IS entführt worden und solle möglichst viele Follower an einen Anschlagsort locken. Geil, ne?! Und das Geilste ist: Wenn du das so liest, denkst du: Boah, da bin ich ja sogar noch relativ normal… Relativ. Alles ist relativ. Oder um deinen Vater zu zitieren: „Pervers ist eine Abweichung von der Norm, aber wer kann die Norm schon bestimmen?!“ Da war er immer ganz stolz drauf, auf diesen Spruch, obwohl der heute, jetzt im Nachhinein schon ziemlich gruselig daherkommt (nur so am Rande…). Du guckst dir einen fetten Typen mit undefinierbarem Akzent (ist der jetzt Engländer oder nicht?) an, der über alles Mögliche spekuliert (dass er nicht noch den Geist der toten Großmutter aus der Truhe holt, ist schon fast ein Wunder!). Aber irgendwie überzeugt dich das alles noch nicht – ist aber spannend genug, um nicht wieder einzuschlafen. Boah, früher hatte ich ein Leben! (Nein, hattest du nicht, da hast du genau das Gleiche gemacht, an deinem freien Tag! Okay…). Also guckst du dir noch ein Video von ihr selbst an (nicht von irgendwelchen fetten, undefinierbaren Kommentatoren, die sowieso nur Scheiß labern). Und dieses Video hat es in der Tat in sich. Du weißt nicht, was du davon halten würdest, wenn sich deine Tochter diese YouTuberin angucken würde – obwohl der britische Akzent so geil ist und die Alte auch nicht schlecht (Anfang 20, kleine Tittchen, tiefblaue Psychoaugen, ein hübsches Gesicht…). In dem Video, das den für Schmink- und Modetipps eher untypischen Namen Near Death Experience trägt, sitzt Marina Joyce in ihrem (?) Schlafzimmer, auf ihrem Bett (nein, das ist kein Porno-Video, eher genaue Gegenteil davon!), neben sich den Laptop. Auf dem Bett liegt eine violette Decke, die perfekt zu dem etwas helleren, aber ebenfalls violetten Wollpulli, den Marina trägt, passt. Im Hintergrund ist ein Katzenkissen, das einen mit großen Augen anzustarren scheint (ich mag Katzenmenschen, auf jeden Fall besser als Hunde!). Marina trägt eine rote Rosa hinter dem Ohr, ihre Haare sind wie immer perfekt frisiert und ihre blauen Augen werden durch die schwarze Umrandung noch blauer. Aber das ist kein Schminkvideo. Das wird dir schnell klar! Sie scheint echt aufgewühlt zu sein, redet von seltsamen, verrückten Erfahrungen, die sie vor kurzem gemacht hat, ihrem „geheimen Leben“, der Absurdität…ja, von was eigentlich! Und das ist der Trick: Das sagt sie nämlich in 9:23 nicht! Stattdessen sagt sie, dass sie im Februar geboren ist. Wassermann, wie du! Dat sinn die schlimmsten. Aber irgendwie kannst du dich auch mit dem identifizieren, was sie sagt. Marina Joyce, die Schminktante aus London! Aber wenn sie davon redet, dass sie stärker dadurch geworden ist, was sie durchgemacht hat, aber was sie nicht genau sagen will. Und zu heulen anfängt. Also: Entweder sie ist eine gute Schauspielerin oder… Das willst du dir gar nicht ausmalen, daran willst du gar nicht denken. Sie fühlt sich so alleine (genau!), da nur sie alleine weiß, wie hart diese Erfahrungen waren (I’m feeling you, Marina, I really do!). Mich versteht auch keine Sau, wie sehr ich unter der Trennung von meiner Frau gelitten habe, keine Sau, echt, so als hätten die alle keine Gefühle oder ich zu viele oder keine Ahnung. Wie hart ich kämpfe, um eine stärkere Person zu werden…wem sagst du das, Schnucki?! Ne, aber echt, ernsthaft… Du warst zwar nie, wie Marina Joyce sagt, the happiest person in the world, auch früher nicht, wo du noch halbwegs ganz warst, halbwegs whole. Wild mit den Armen gestikulierend, sagt sie mit dramatischer, tränenreicher, ja fast schon hysterischer Stimme: …das Gefühl, dass ich nicht mehr am Leben wäre... Und dich beschleicht auch so ein Gefühl: Nämlich, dass sie über den Tod redet. Und darüber, wie man sich fühlt, wenn man weiß, wenn man sich bewusst wird, dass man sterben muss, dass das Leben endlich ist. Dass man einfach irgendwann nicht mehr da ist. Das kannst du schon verstehen, selbst, wenn das nicht echt ist, wie manche Kommentatoren behaupten. Selbst dann, dann ist das schon eins der echtesten Gefühle, die es gibt, Im Leben. Also, warum sollte das nicht echt sein, warum sollte die das nicht fühlen dürfen?! Nur, weil sie Schmink-, Dating- und Modetipps gibt?! The meaning of life, sagt sie, die Bedeutung des Lebens…es ist die Kunst, die dich möglicherweise retten kann…Leute können über Depressionen, über PTSD, über Angststörungen oder Panikattacken hinwegkommen…wenn sie sehen, wie schön das Leben ist… Die Kunst kann Leute retten… Weiß nicht…aber...

Du guckst dir die Kommentare an und findest einen, der sagt, dass sie weiß, worüber Marina redet. Nämlich, dass sie ANGST VOR DEM TOD hat (und die Großbuchstaben sind nicht von mir, sondern von der Autorin des Kommentars!). Und du denkst: Hey, stimmt! Das hast du auch gedacht, als du das gehört hast! Hey, du bist nicht der Einzige, obwohl du das immer denkst. Du bist nicht der campeón del sufrimiento, wie das letztens dieser Typ, der Leiter des „Zeitministeriums“ in der gleichnamigen spanischen Serie gesagt hat. Du bist nicht der Weltmeister im Leiden. Alle leiden. Wir alle leiden. Ihr alle leidet! Unter dem Tod, unter der Liebe, unter den Gefühlen oder dem Ausbleiben derselben. Darunter, dass wir sterblich sind, dass wir irgendwann gar nicht mehr da sind, überhaupt nicht mehr, nie wieder




Ach ja, irgendwo dazwischen, irgendwo zwischen schlafen, auf den Klo gehen, essen, laufen hast du auch noch die Mail deiner Tochter gelesen: Komme erst am Samstag, spät. Auf Deutsch: Sonntag ist auch nicht drin. Also erst Montag, wie das Wechselmodell das vorsieht. Bin begeistert. Ne, aber echt: Ich liebe es von meiner Frau und Tochter getrennt zu sein…!

Aber wenigstens hat das einen Vorteil. Du musst keine Antwort mehr schreiben…






Wenn das jetzt deine Tochter wär, Marina Joyce meine ich, dann würdest du dir echt Sorgen machen…warum machen sich die ihren Eltern eigentlich nicht?! Oder machst du dir zu viele...

Obwohl: Fürsorge ist ein klares Zeichen, das man kein Narzisst ist. Zumindest kein hoffnungsloser, haha...