Donnerstag, 30. März 2017

Geile Fotos















Das war bestimmt die Sonne, die mir damals zu Kopf gestiegen ist. Bestimmt. Ein blauer Himmel bis zu den Sternen. Keine Wolke. Nur Wind. Viel Wind. Aber ohne jegliche Wolken. Fast magisch. Ein blauer Himmel, der einen bis zu den Sternen hätte hinauf schauen lassen, hätte ich auch nur einen Moment meinen Blick von ihrem Dekolleté lösen können. Auch María regte sich schon auf. War eifersüchtig. Aber ich war einfach nur…glücklich (warum merkt man das eigentlich immer erst hinterher? Warum ist das Leben so kompliziert, so beschissen kompliziert, kostet so viel Arbeit, wenn es auch einfach ginge…[vielleicht, weil wir sterben, weil wir sterben müssen – eine andere Erklärung fällt mir auch nicht ein, aber ich habe ja eh keine Ahnung]). Und fotografierte ahnungslos weiter.

Mittwoch, 29. März 2017

Begegnung der dritten Art











Er steigt in den Bus ein, setzt sich, weil alle anderen Sitze besetzt sind, auf einen dieser drei seitlich angebrachten Sitze ganz hinten im Bus, vor der Rückbank. Im 90-Grad-Winkel beziehungsweise quer zur Fahrtrichtung. Will gerade sein Buch rausholen oder sein Hörbuch anmachen, als er von der Seite angequatscht wird.

Hola.

Samstag, 25. März 2017

Nett böse



Um halb zwölf kommt der Koch zu ihm in die Halle. Der aus dem brasilianischen Restaurant nebenan. Der Koch und Philosoph. Er mag ihn, aber manchmal ist er ihm zu negativ, zu…keine Ahnung. Er hat Feierabend und will noch Geld wechseln. Für Zigaretten (traue nie einem Raucher).

Donnerstag, 23. März 2017

Bah, Liebe!




Und, was bekommt deine Tochter zum Geburtstag? Hast du dir schon was Besonderes überlegt?“, fragt dich Victorija, deine Schülerin.

Im ersten Moment weißt du gar nicht, wie du reagieren sollst. Stimmt, sie hat recht. Der ist ja am Sonntag, der Geburtstag deiner Tochter. Hatte ich ja fast schon vergessen, bei all dem Stress. Der 18. (!) Geburtstag deiner Tochter. Dann ist sie erwachsen, denkst du, und greifst auf eine Standard-Antwort zurück:

Das Herz eines Boxers















Auf dem Weg zum Lidl sagt er sich: Es kann noch schlimmer kommen. Es kann immer schlimmer kommen. Du könntest zum Beispiel sterben…

…am Ende kommt es immer noch schlimmer.

Es wird immer noch schlimmer kommen

Es kann immer noch schlimmer kommen.

Am Ende kommt immer das Schlimmste…

Mittwoch, 22. März 2017

Das erste Mal von hinten




Ich weiß noch, wie ich sie – das muss ganz am Anfang unserer Beziehung gewesen sein – zum ersten Mal von hinten genommen habe. Das war sogar noch bei meinen Eltern. Ob das immer noch in meinem alten Kinderbettchen, äh, Jugendbett meine ich natürlich, gewesen ist, weiß ich nicht mehr. Passend wär es auf jeden Fall gewesen, aber ich glaube, da hatte ich schon mein schwarzes Futon, dass ich danach, als wir schon lange verheiratet waren, von Wohnung zu Wohnung geschleppt habe, bis es schließlich (das war bestimmt erst in Duisdorf) unter meiner immer größer werdenden Last den Geist aufgab. Und wir uns dieses vornehm aussehende, schwarze Bett mit den Füßen kauften, aber das ist eine andere Geschichte…

Samstag, 18. März 2017

Traumdeutung: Traum-Fragmente










"These fragments I have shored against my ruins"
T.S. Eliot, The Waste Land





Um mich zu beruhigen. Oder weil sie mich immer noch liebt. Wie dem auch sei, ich sehe sie unter mir. Nackt. Sie ist komisch rasiert, ihre Muschi, wie die aus dem Video. Ich dringe in sie ein, sie ist voll feucht. So wie sie es früher manchmal war. Manchmal. Nicht immer. Ich liebe sie. Doch dann habe ich keinen Bock mehr, obwohl sie deutlich erregt ist. Sie ist richtig feucht, aber ich gehe wieder raus aus ihr

Freitag, 17. März 2017

Bis morgen...















Morgens wache ich auf, als meine Tochter ins Bad geht. Um ungefähr zwanzig nach sechs. Obwohl ich gestern erst um zwei Uhr nach Hause gekommen bin. Sie setzt sich vor den Fernseher auf dem alten Esszimmertisch und erzählt mir, dass ihre Lehrerin gestern nicht zu dem Termin mit ihr gekommen ist. Wegen der Facharbeit. Dass die nicht gekommen ist, weil die auf irgendeiner Veranstaltung war. Angeblich. Was für eine Scheiße, sage ich. Das ist so typisch. Erst den Termin machen und dann nicht kommen. Viel verlangen, aber nichts geben. Ist ja egal. Das was du schreibst, ist ja gut so. Das brauchst du ja nicht noch extra von der zu hören, oder?! Mach einfach so weiter, wie bisher. Bau vielleicht noch ein paar Zahlen ein… Sie geht wieder ins Bad, kommt dann wieder. Erzählt dir, mir, dass sie gestern in der Stadt war mit Jacqueline, ihrer besten Freundin. Dass sie da die Würstchen gekauft hat, die Mettwürstchen. Die Mettwürstchen, die sie mir in die Nudeln gemacht hat Mit Pesto. Die Nudeln, die mir immer noch schwer im Magen liegen. Aber die Würstchen waren lecker. Richtig lecker. Das waren echt Mettwürstchen. Zuerst wolltest du es gar nicht glauben und dachtest, sie hätte sich da vertan.

Montag, 13. März 2017

Nicholas Sparks - Two by Two







"Someone once told me that the power in all relationships lies with whoever cares less, and he was right..."



 











Als er durch den Wald zur Arbeit läuft (er muss endlich wieder fit werden, er ist in den letzten Wochen echt fett geworden), hört er Two by Two von Nicholas Sparks. Als Hörbuch. Und plötzlich, als Emily, eine der Hauptfiguren in dem Roman,  über ihren Ex-Mann spricht, fällt dieser Satz. Den er heute extra gesucht hat, für den er sich extra noch mal alle Gespräche zwischen Emily und Russ, Emilys Ex-Freund, der seinerseits von seiner Frau Vivian für ihren Chef verlassen wurde. Auf Englisch lautet der Satz: …evidence of ending the marriage and losing me mattered not at all to him…

Sonntag, 12. März 2017

Nudeln




Erst mal keine Nudeln mehr, lache ich laut mit mir selbst, auf der Toilette sitzend, mir den Arsch abwischend. Erst mal keine Nudeln. Wieder muss ich über mich selbst lachen. Was hab ich letztens gelesen? Muslime hätten keinen Alltagshumor? Dafür hab ich umso mehr davon… Näh, aber echt. Nach zwei Tagen ungebremsten Nudelbeschuss reicht es langsam auch mal. Eigentlich wollte ich ja heute schon Reis machen, aber…

Freitag, 10. März 2017

Schönes Wochenende






Be yourself. That's all you need 
tae dae in life. Just be yourself.

Far from being an easy option, it
was the most difficult, challenging 
thing anybody ever asked of me.

(Irvine Welsh, Glue)












Seine Tochter kommt rein, geht wie ein Geist, wie ferngesteuert auf Klo.

Er sagt: „Pass auf: Das Fenster ist auf! Mach das Fenster wieder zu!“

Sie sagt nichts. Und als sie keine Minute später wieder aus dem Bad kommt, ist das Fenster wahrscheinlich immer noch auf. Das Fenster, das in die dunkle Nacht hinausführt. Die dunkle Venusberger Nacht. Die selbst hier, in dieser VIP-Gegend, pechschwarz ist. So als wäre sie ein Wurmloch in eine andere Galaxie, in eine andere Dimension.

Sie seufzt auf dem Weg zur Tür, auf dem Weg in ihr Zimmer. Es ist dieses typische Seufzen, das ihn immer so aufregt. Aber ist es das überhaupt? Oder ist es ein Seufzen, weil sie weiß, dass heute Freitag ist? Und dass sie an einem Freitag zu ihrer Mutter zurück muss? Gestern hat er noch ganz lange mit ihr Topmodel geguckt. Da hat sie gesagt: „Besser wäre es, wenn wir gar keinen Fernseher hätten. Dann müssten wir Brettspiele spielen...“ Oder: „Dann würden wir Brettspiele spielen...“ Ich glaube Letzteres. Wie an Weiberfastnacht. Wo es draußen so stürmte und sie tatsächlich am Abend Brettspiele gespielt haben

Das war schön

Das war tatsächlich richtig schön

Aber dies ist keine Welt für Schönes


Vielleicht seufzt sie ja gar nicht, weil – wie er das immer denkt – er ihr auf die Eier geht, ihr Vater, sondern weil sie weg muss, weil es ihr hier gefällt, bei ihm

schon mal drüber nachgedacht

Letztens hat er ihr gesagt: „Das Einzige, was du wissen musst, ist, dass wir gar nichts wissen. Wir wissen nichts…“ (wir sind in ein Universum geworfen, werden alt und sterben, verschwinden wieder; und egal, wie viele Illusionen wir uns machen, wir wissen nichts) „…keiner hat eine Ahnung, glaub mir das! Auch wenn die das sagen, wenn die so tun als ob…die haben alle keine Ahnung“ (your  guess is as good as mine). Ich weiß nicht, warum er das gemacht hat, warum er das gesagt hat. Um ihr etwas mitzugeben? Auf ihrem langen Weg durchs Leben? Ihrem langen, einsamen Weg durchs Leben

Eine komische Lektion...

Um sie aufzubauen, ihr Selbstvertrauen zu geben, für den Fall, dass sich mal wieder irgendein Arschloch über sie stellt und ihr was erzählen will? Von Tuten und Blasen. Irgendein Arschloch, von denen es so viele gibt, in diesem Land, in dieser Stadt, in diesem Leben… Arschlöcher, die alles zu wissen scheinen…die alles besser zu wissen scheinen…die alles zu wissen scheinen…aber im Endeffekt auch nur raten. Auch nur wie die Kuh vorm Berg stehen.

Eine komische Lektion...

Wie die, die Carl Ewarts Vater seinem Sohn in Irvine Welshs Roman Glue erteilt. Wo er einfach nur sagt: „Be yourself. That’s all ye need tae dae in life. Just be yourself…“

Und Carl Ewart, auf dem Weg von Australien zurück nach Schottland, wo sein Vater im Sterben liegt, denkt: Far from being an easy option, it was the most difficult, challenging thing anybody ever asked of me.


Sie kommt wieder rein, wieder zurück aus ihrem Zimmer. Auf dem Weg ins Bad. Und sagt: „Was ist los?“ Mit dieser kleinen, schwachen, unsicheren Stimme...


Keine Ahnung. Ich hab doch keine Ahnung, das weißt du doch.


Als sie wieder rauskommt, aus dem Bad, seufzt sie noch mal, geht zum Schrank.

„Brauchst du was?“


„Soll ich dir helfen…bei irgendwas…?“

„Nö.“

Sie geht an den Wäschekorb mit den Socken, nimmt sich ein Paar.

„Das sind meine Socken!“, sage ich lachend.

„Nein…“, sagt sie, ebenfalls mit einem Lächeln.


Ich werde dich vermissen, denkt er einen Moment später, als sie wieder in ihrem Zimmer ist. Ich werde dich vermissen. Wenn du am Wochenende bei deiner Mutter bist. Du mich auch, vielleicht. Das Wechselmodell ist auch nicht das Wahre. Aber immerhin besser, als sich nur am Wochenende zu sehen. Als Wochenend-Daddy zu sein. Und dann irgendwann Einmal-im-Monat-Daddy. Und dann irgendwann nur noch jedes halbe Jahr. Und irgendwann gar nicht mehr

So läuft das doch, in der Regel. Da bevorzuge ich echt das Wechselmodell. Und erzählen Sie mir jetzt nicht, dass es nur um das Kindeswohl geht…


„Hast du das Fenster zugemacht, Schatzi?“, frage ich sie.

„Ja,“ antwortet sie.

„Dankeschön.“


„Die waren voll lecker gestern…deine Wraps,“ sage ich.

„Mö…“

Ne?



„Ich seh die Doreen immer in Poppelsdorf…“, sagt sie.

„Echt? Fährt die da auch mit dem Bus?“, fragst du zurück.

„Ja, aber der ist immer so voll. Ich glaub, die steigt da nie ein...“

„Wo wohnt die denn in Poppelsdorf?“

„Weiß ich nicht. Ich war noch nie bei der…“



„Ich geh jetzt, ne…“

„Ok. Schönes Wochenende.“

„Tschüss.“

„Tschö.“

Schönes Wochenende bei deiner Mutter. Obwohl: Du willst ja, dass sie ein schönes Wochenende hat. Du willst es ja. Wirklich






Traumdeutung: Du Hurensohn!







Nachts träume ich davon, wie ich Nadine zur Rede stelle. Wir sind in einem Raum, der aussieht als befände er sich in der Bonner Südstadt, denn er hat diese Stuckornamente und diese hohen Decken, die so scheiße zu beheizen sind. Nadine sitzt auf dem Sofa, er steht. Steht vor ihr und sagt immer wieder, wie von Sinnen: „Der Stefan?! Dieser Hurensohn!

Dieser Hurensohn

Dieser Hurensohn

Schreit es raus, all seine Wut

seine unbändige Wut

Donnerstag, 9. März 2017

Ein hübsches Kind...











Nach der Arbeit trinkt er noch einen Kaffee und kramt sein Handy aus der Innentasche der Jacke. Um Two by Two zu hören. Nicholas Sparks hat ihn immer noch in seinem Bann, mit seinen gefühlvollen, immer ein bisschen schnulzigen Romanen, die aber einfach die Seite runter zu fließen scheinen. Wie Butter. Diese Woche hat er auch endlich The Notebook bekommen, das vermeintlich beste Buch von Sparks, wenn man dem Internet-Ranking glaubt. Was er nicht so wirklich tut, aber dann doch irgendwie wieder… Wie immer.

Auf einmal hat er neben dem Handy noch etwas anderes zwischen den Fingern. Da ist noch was in dieser engen Innentasche, die glaub ich extra für Handys gemacht ist. Es fühlt sich glatt an. Er zieht es raus und guckt es sich an. Eine Karte… Der Kalender! Ja, das ist der Kalender. Von María. Von früher. Als sie noch im Kindergarten war... Oder schon in der Schule?

Ja; der war ja in der Jacke. In der Lederjacke. Und da man die nicht waschen kann, nur reinigen (was du auch nie machst), ist er immer noch da. Den trage ich jetzt schon ewig mit mir rum. Ein paar Jahre bestimmt schon. Du guckst ihn dir genauer an. Da steht 2005/2006. Unter dem Bild. Auf dem sie ein bisschen schüchtern, ein bisschen keck in die Kamera lächelt. Mit leicht geöffnetem Mund. Fast schwarze, rund geschnittene halblange Haare und große braune Augen. Sie war schon immer total fotogen. Er weiß noch, damals in Aberdeen, in Schottland, als er abends draußen vor dem Englischen Seminar vor der Telefonstelle stand, mit seiner Frau und seiner Tochter, und da tatsächlich Lucía Etxebarria vorbeikam. Mit einer Freundin. Die spanische Schriftstellerin! Kein Witz! Die war das echt, das kann man auch in den Büchern von der nachlesen, dass die damals in Aberdeen war. Die hat da sogar Vorlesungen gehalten und alles. Aber damals wusste er noch gar nicht richtig, wer das eigentlich war. Dass das eine Schriftstellerin war, ok, das wusste er, aber nicht, dass ihre Bücher irgendwann mal so einen wichtigen Platz in seinem Leben einnehmen würden, dass sie einmal die Bücher seiner Trennung sein würden, davon hatte er keine Ahnung. Dass er Raquel einmal so lieben würde. Also interessierte er sich nicht weiter für sie, als er sie aus der Tür des Englischen Seminars kommen sah. Im Regent Building. Ich glaub, da war das. Er interessierte sich nicht für sie, bis sie María sah und sagte: „¡Qué niña más maja!“ „Was für ein hübsches Kind!“ Die sagen nicht bella oder linda, wie die Latinos, sondern maja. Das war so geil, das hat er bis heute nicht vergessen. Lucía Etxebarria! Das war echt Lucía Etxebarria! Die seine Tochter hübsch fand! Unglaublich, ey!

Er guckt sich das Foto an. 2005/2006. Boah, wie lange das her ist. So viel Zeit. Da war sie fünf? Oder sechs? Nein, wenn das 2005/2006 war, dann war sie da schon sechs. Bestimmt. Wenn nicht sogar sieben. 1999 geboren, im März. Sie lächelt ihn an. Schüchtern, aber auch ein bisschen kokett. Mit diesen großen Augen. Ein hübsches Kind. Ein so hübsches Kind. Das würde der Lena gefallen. Seiner Schülerin. María mit ihren schwarzen Haaren. Ihrem leicht braunen Teint. Unglaublich

Das einzig Vernünftige, was ich je in meinem Leben zustande gebracht habe

Deine Tochter

so süß           so schön       so klein         
so verletzlich            so unschuldig

sie wird immer deine Tochter sein

she has taught you what love means

She has taught you the meaning of love

Sie hat dir beigebracht, was Liebe ist

Sie hat dich gelehrt, was Liebe ist

dich, den Unbelehrbaren

She’s taught you love

du sagst es immer wieder, innerlich, denkst es immer wieder

Deine kleine Tochter…

…die jetzt gar nicht mehr so klein ist. Aber immer noch süß. Die fast schon 18 Jahre alt ist. Diesen Monat, diesen Monat wird sie 18…

(wie die Zeit vergeht)

Sie hat dir gezeigt, was es heißt zu lieben

Sie und ihre Mutter


Jetzt ist nur noch sie da

Aber die Liebe ist immer noch da

dieses Gefühl

diese süßsaure Traurigkeit

dieses Leben

Warum hast du nicht schon damals mehr Zeit mit ihr verbracht? Dich mehr um sie gekümmert? Sie stärker beachtet? Wie schön sie ist…denkt er, als er über den Parkplatz am Rheinbacher Bahnhof geht. Zur Bäckerei.

Aber egal: Ich kann die Vergangenheit ändern, aber sie ist noch da. Das Jetzt kann ich ändern, beeinflussen

Jetzt kann ich ein guter Vater sein. Jetzt muss ich ein guter Vater sein. Der Rest ist egal. Vorbei. Aus und vorbei. Für immer.

Aber sie ist noch da






Montag, 6. März 2017

ORIGINAL Salsa Tanznacht





Es ist Samstagnacht. Er steht an der Bushaltestelle für den Nachtbus. Am Bonner Busbahnhof. Heute ist der erste Samstag im Monat. Das heißt, dass im Sofa, der kleinen Disko keine 20 Meter von wo er steht. So nah, dass er die Musik hören könnte. Wenn es nicht regnen würde. Nachts um halb zwei. Anders als sonst bleibt er ganz vorne an der Haltestelle stehen. Nur nicht zu nah an die Disko ran. Heute ist „Die ORIGINAL Salsa Tanznacht“. Bestimmt ist Nadine da. Hoffentlich steht sie nicht gerade draußen. Sonst könnte sie ihn nachher noch sehen. Und er weiß nicht, ob er das will. Ob er das wirklich will…

Samstag, 4. März 2017

Trump und die deutsche Lebenserwartung





 
“Ninety-nine per cent of traditional English literature
concerns people who never have to worry about money
 at all. We always seem to be watching or reading about
 emotional crises among folk who live in a world of
great fortune both in matters of luck and money; stories
 and fantasies about rock stars and film stars, sporting
 millionaires and models; jet-setting members of the
 aristocracy and international financiers.”
James Kelman









Morgens wacht er auf und hat Kopfschmerzen. Richtige Kopfschmerzen. Hatte er schon öfters in letzter Zeit. Ist ja auch kein Wunder. Bei dieser ganzen Scheiße. Lief ja diese Woche sogar im Fernsehen. Ärmer Menschen sterben früher. Dass die das überhaupt gebracht haben, im Ersten wundert mich, denkt er. Im deutschen Lügenfernsehen. Das sich mehr um Trump schert als um die eigenen Leute. Trump ist dies, Trump ist das, Trump macht dies, Trump macht das, nur um nicht sagen zu müssen: Was macht denn Merkel oder Schulz. Oder keine Ahnung, welche der anderen Witzfiguren. Was machen die denn für die Leute. Die normalen Leute. Die arm sind. Und früher sterben. Nichts. Nichts außer Gelaber und dumme Sprüche. Nichts. Wir müssen uns ja um Trump kümmern. Das ein Trump auch hier Erfolg hätte, schert die nicht. Das sehen die nicht. Das wollen die nicht sehen. Genau wie die Wohnungsnot, die Flüchtlingskrise, die Dumping-Löhne. Solange Trump noch in Amerika regiert, ist das ja wichtiger. Aber das Trump genau aus dieser Unruhe entstanden ist…das hat doch alles nichts mit nichts zu tun. Hauptsache von eigenen Problemen ablenken, denkt er, während er wieder mal an einem Obdachlosen in der Tannenbuscher "City" vorbeikommt. Der vom Wachdienst, der sieht das. Der hat recht. Der ist ein guter Mann. Wie er so todmüde nachts durch Tannenbusch schlendert. Und versucht, dem Chaos Einhalt zu gebieten. Der sagt das auch, das mit dem Obdachlosen an der Ecke. Mitte 30.

„…da kümmert sich keiner drum.“

Während er an seiner Theke steht und keinen Kaffee will, weil er sonst gar nicht mehr schlafen kann. Mit seinem immer länger werdenden Bart sieht er fast aus wie ein Philosoph. Noch ein Beruf, der obsolet geworden ist: der des Philosophen. Die Deutschen wollen keine Philosophen mehr. Nachdem wir mal führend waren, in diesem Bereich. Wie in vielen anderen. Ein Deutscher hat gesagt: „Gott ist tot!“ Ein Deutscher hat vom Sein und Seinsverlust gesprochen. Aber das will ja keiner mehr hören. Davon will ja keiner mehr wissen.

Er hört sich das an, das Arme früher sterben und rechnet sich die Jahre aus, die er noch hat. So viele sind es dann doch nicht mehr, denkt er. Lieber nicht drüber nachdenken. Denken ist sowieso nicht mehr angesagt. Nachdenken noch weniger. Das wird bald bestimmt abgeschafft. Das Fühlen haben die schon lange abgeschafft oder an die Soaps delegiert. Wenn im Fernsehen einer stirbt, werden wir traurig, heulen sogar, an den Obdachlosen in der U-Bahn fahren wir vorbei. Und wenn sie sterben, umso besser: Dann müssen wir sie nicht mehr jeden Tag auf dem Weg von und zur Arbeit ertragen. Das ist dann doch zu nah an „zu Hause“, too close to the bone, das ist nicht so weit weg wie Putin oder Trump. Bei denen erwartet man das ja. Aber doch nicht hier, im (schlechten) Gewissen der Welt. Also fragt er sich – während der Bericht über den Typen mit den kaputten Knien, der raucht und trinkt, und mit seiner Einschätzung, dass er nur ungefähr 70 Jahre alt war, wahrscheinlich goldrichtig liegt – im Fernsehen läuft: Warum zeigen die das überhaupt? Die Journalisten, die von Enthüllungsjournalisten der Wahrheit zu Sprachrohren der Politik geworden zu sein scheinen. Warum bringen die noch solchen Berichte? Wollen die etwa doch etwas ändern? Wollen die etwa doch eine Revolution? Oder – immerhin ist "Schadenfreude" ein deutsches Wort, das sogar seinen Weg ins Englische gefunden hat – wollen die noch Salz in die Wunde streuen. Die fühlen diese Armut nämlich nicht. Die verdienen 10.000 im Monat und werden über 90 oder gar 100 Jahre alt. Wollen die die Armen noch weiter ausgrenzen, mit dem medialen Finger auf sie zeigen, die Armen, die die AfD wählen und sich noch nicht mal, nicht mehr, von Schulz täuschen lassen? Wollen die sagen: Seid ihr wirklich so? Wollt ihr wirklich so sein? Wie diese Shows bei RTL, mit der Polizei und so weiter, die immer wieder Recht und Ordnung herstellt? Hartz-IV-TV? Ist das Armuts-Voyeurismus? Beim Ersten? Oder Angstmache? Damit sich die Leute weiter nur um sich selbst kümmern, um ihr eigenes Überleben? Und nicht die anderen sehen? Sind das etwa die letzten Züge der medialen 68er-Bewegung, die postuliert, dass wir uns nur alle schön um uns selbst, um unseren eigenen Arsch kümmern müssen, dann wird schon alles gut? Unsere Individualität ausleben müssen: Zwischen Apple und Samsung, Pepsi und Coca Cola, Nike und Adidas, Aldi und Lidl?

Aber egal: Er selbst ist ja auch nicht besser. Er macht ja auch nichts für „die Armen“. Für andere. Er leidet ja auch nur für sich selbst. Und außerdem ist er ja in gut 30 Jahren eh weg, wenn er so bleibt, wie er ist. So arm, so ausgegrenzt, so sich nur um sich selbst drehend. Dann ist das Problem auch gelöst. Und bei den Kopfschmerzen, die er heute hat, löst sich das Problem vielleicht sogar wesentlich früher…

Und außerdem: Wer will schon ewig leben?

Oder wie Herr Baden, der ein Haus in einem ruhigen Vorort hat und früher bei der Telekom groß im Geschäft war, ihm das einmal gesagt hat, als er nach der Trennung total am Boden zerstört war und sich bei ihm ausgeheult hat: „Willst du wirklich SO noch 30 Jahre weiterleben? SO WIE JETZT?“ So kaputt? So leidend? So arm? So perspektivlos?



Das ist die Frage

Sein oder Nichtsein. Heidegger oder Shakespeare

Merkel oder Trump


Oder gibt es vielleicht doch eine Alternative?



Wahrscheinlich sagen die auch noch (oder denken es zumindest): Wer früher stirbt, ist länger tot!

Er kriecht aus seinem alten Doppelbett, dessen andere Seite schon lange leer ist, trinkt einen Schluck Cola Zero aus der Plastikflasche, geht in die Küche und macht sich einen Käse-Salami-Mayonnaise-Wrap mit Butter, dann noch einen…
Er ist ja selbst dran schuld, ich weiß.

„Du bist ja selbst dran schuld!“

„Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!“

„Dann lass doch mal diesen Scheiß aus dem Leib. Die Cola und so…“

...würde sein Vater sagen. Sein Vater, der 50 Jahre als Kfz-Mechaniker geschuftet hat, geraucht hat, flaschenweise Cola gesoffen hat und dann für 1600€ in Rente gegangen ist, einer Rente, von der er sich noch nicht mal eine vernünftige Wohnung leisten werden kann, wenn er irgendwann mal aus seiner Wohnung raus muss. „Eigenbedarf“ nennt sich so was. Aber vielleicht wird er die nächste Wohnung ja gar nicht mehr brauchen. Nach seinem zweifachen Bypass…

Obwohl seine Lebenserwartung etwas über dem arbeitslosen Möbelpacker beim Morgenmagazin liegen dürfte…