Das
war bestimmt die Sonne, die mir damals zu Kopf gestiegen ist. Bestimmt. Ein
blauer Himmel bis zu den Sternen. Keine Wolke. Nur Wind. Viel Wind. Aber ohne
jegliche Wolken. Fast magisch. Ein blauer Himmel, der einen bis zu den Sternen
hätte hinauf schauen lassen, hätte ich auch nur einen Moment meinen Blick von ihrem
Dekolleté lösen können. Auch María regte sich schon auf. War eifersüchtig. Aber
ich war einfach nur…glücklich (warum merkt man das eigentlich immer erst
hinterher? Warum ist das Leben so kompliziert, so beschissen kompliziert,
kostet so viel Arbeit, wenn es auch einfach ginge…[vielleicht, weil wir
sterben, weil wir sterben müssen – eine andere Erklärung fällt mir auch nicht
ein, aber ich habe ja eh keine Ahnung]). Und fotografierte ahnungslos weiter.
Ein Blog über das Leben, die Liebe, Beziehungen, Verlust, Angst, Spaß, die Lust, die Lust am Schreiben,Südamerika, Musik, südamerikanische Frauen, die Liebe, Spanisch, Englisch, Schottland, Spanien, Deutschland, dat Rheinland, Kinder, Literatur, Vergänglichkeit, Arbeit, Politik, die Mafia, Urlaub, Gewalt, Verbrechen, Sex, große und kleine Gefühle und vieles, vieles, vieles mehr ...
Donnerstag, 30. März 2017
Mittwoch, 29. März 2017
Begegnung der dritten Art
Er steigt in
den Bus ein, setzt sich, weil alle anderen Sitze
besetzt sind, auf einen dieser drei seitlich angebrachten Sitze ganz hinten im
Bus, vor der Rückbank. Im 90-Grad-Winkel beziehungsweise quer zur Fahrtrichtung.
Will gerade sein Buch rausholen oder sein Hörbuch anmachen, als er von
der Seite angequatscht wird.
„Hola.“
Samstag, 25. März 2017
Nett böse
Um halb zwölf kommt der Koch
zu ihm in die Halle. Der aus dem brasilianischen Restaurant nebenan. Der Koch und Philosoph. Er mag ihn, aber manchmal
ist er ihm zu negativ, zu…keine Ahnung. Er hat Feierabend und will noch Geld
wechseln. Für Zigaretten (traue nie einem Raucher).
Donnerstag, 23. März 2017
Bah, Liebe!
„Und, was bekommt deine
Tochter zum Geburtstag? Hast du dir schon was Besonderes überlegt?“, fragt dich
Victorija, deine Schülerin.
Im ersten Moment weißt du
gar nicht, wie du reagieren sollst. Stimmt, sie hat recht. Der ist ja am
Sonntag, der Geburtstag deiner Tochter. Hatte ich ja fast schon vergessen, bei
all dem Stress. Der 18. (!) Geburtstag deiner Tochter. Dann ist sie erwachsen,
denkst du, und greifst auf eine Standard-Antwort zurück:
Das Herz eines Boxers
Auf dem Weg zum Lidl sagt er
sich: Es kann noch schlimmer kommen. Es kann immer schlimmer kommen. Du
könntest zum Beispiel sterben…
…am Ende kommt es immer noch
schlimmer.
Es wird immer noch schlimmer
kommen
Es kann immer noch schlimmer
kommen.
Am Ende kommt immer das
Schlimmste…
Mittwoch, 22. März 2017
Das erste Mal von hinten
Ich weiß noch, wie ich sie –
das muss ganz am Anfang unserer Beziehung gewesen sein – zum ersten Mal von
hinten genommen habe. Das war sogar noch bei meinen Eltern. Ob das immer noch in meinem alten Kinderbettchen,
äh, Jugendbett meine ich natürlich, gewesen ist, weiß ich nicht mehr. Passend
wär es auf jeden Fall gewesen, aber ich glaube, da hatte ich schon mein
schwarzes Futon, dass ich danach, als wir schon lange verheiratet waren, von
Wohnung zu Wohnung geschleppt habe, bis es schließlich (das war bestimmt erst
in Duisdorf) unter meiner immer größer werdenden Last den Geist aufgab. Und wir
uns dieses vornehm aussehende, schwarze Bett mit den Füßen kauften, aber das
ist eine andere Geschichte…
Samstag, 18. März 2017
Traumdeutung: Traum-Fragmente
"These fragments I have shored against my ruins"
T.S. Eliot, The Waste Land
Um mich zu beruhigen. Oder
weil sie mich immer noch liebt. Wie dem auch sei, ich sehe sie unter mir. Nackt.
Sie ist komisch rasiert, ihre Muschi, wie die aus dem Video. Ich dringe in sie
ein, sie ist voll feucht. So wie sie es früher manchmal war. Manchmal. Nicht
immer. Ich liebe sie. Doch dann habe ich keinen Bock mehr, obwohl sie deutlich
erregt ist. Sie ist richtig feucht, aber ich gehe wieder raus aus ihr
Freitag, 17. März 2017
Bis morgen...
Morgens wache ich auf, als
meine Tochter ins Bad geht. Um ungefähr zwanzig nach sechs. Obwohl ich gestern
erst um zwei Uhr nach Hause gekommen bin. Sie setzt sich vor den Fernseher auf
dem alten Esszimmertisch und erzählt mir, dass ihre Lehrerin gestern nicht zu
dem Termin mit ihr gekommen ist. Wegen der Facharbeit. Dass die nicht gekommen
ist, weil die auf irgendeiner Veranstaltung war. Angeblich. Was für eine Scheiße,
sage ich. Das ist so typisch. Erst den Termin machen und dann nicht kommen.
Viel verlangen, aber nichts geben. Ist ja egal. Das was du schreibst, ist ja
gut so. Das brauchst du ja nicht noch extra von der zu hören, oder?! Mach
einfach so weiter, wie bisher. Bau vielleicht noch ein paar Zahlen ein… Sie
geht wieder ins Bad, kommt dann wieder. Erzählt dir, mir, dass sie gestern in
der Stadt war mit Jacqueline, ihrer besten Freundin. Dass sie da die Würstchen
gekauft hat, die Mettwürstchen. Die Mettwürstchen, die sie mir in die Nudeln
gemacht hat Mit Pesto. Die Nudeln, die mir immer noch schwer im Magen liegen.
Aber die Würstchen waren lecker. Richtig lecker. Das waren echt Mettwürstchen.
Zuerst wolltest du es gar nicht glauben und dachtest, sie hätte sich da vertan.
Montag, 13. März 2017
Nicholas Sparks - Two by Two
Als er durch den
Wald zur Arbeit läuft (er muss endlich wieder fit werden, er ist in den letzten
Wochen echt fett geworden), hört er Two
by Two von Nicholas Sparks. Als Hörbuch. Und plötzlich, als Emily, eine der
Hauptfiguren in dem Roman, über ihren Ex-Mann
spricht, fällt dieser Satz. Den er heute extra gesucht hat, für den er sich
extra noch mal alle Gespräche zwischen Emily und Russ, Emilys Ex-Freund, der
seinerseits von seiner Frau Vivian für ihren Chef verlassen wurde. Auf Englisch lautet der Satz: …evidence of ending the marriage and losing
me mattered not at all to him…
Sonntag, 12. März 2017
Nudeln
Erst mal keine Nudeln mehr,
lache ich laut mit mir selbst, auf der Toilette sitzend, mir den Arsch abwischend.
Erst mal keine Nudeln. Wieder muss ich über mich selbst lachen. Was hab ich
letztens gelesen? Muslime hätten keinen Alltagshumor? Dafür hab ich umso mehr
davon… Näh, aber echt. Nach zwei Tagen ungebremsten Nudelbeschuss reicht es
langsam auch mal. Eigentlich wollte ich ja heute schon Reis machen, aber…
Freitag, 10. März 2017
Schönes Wochenende
Be yourself. That's all you need
tae dae in life. Just be yourself.
Far from being an easy option, it
was the most difficult, challenging
thing anybody ever asked of me.
(Irvine Welsh, Glue)
Seine Tochter kommt rein,
geht wie ein Geist, wie ferngesteuert auf Klo.
Er sagt: „Pass auf: Das
Fenster ist auf! Mach das Fenster wieder zu!“
Sie sagt nichts. Und als sie
keine Minute später wieder aus dem Bad kommt, ist das Fenster wahrscheinlich
immer noch auf. Das Fenster, das in die dunkle Nacht hinausführt. Die dunkle
Venusberger Nacht. Die selbst hier, in dieser VIP-Gegend, pechschwarz ist. So
als wäre sie ein Wurmloch in eine andere Galaxie, in eine andere Dimension.
Sie seufzt auf dem Weg zur
Tür, auf dem Weg in ihr Zimmer. Es ist dieses typische Seufzen, das ihn immer so aufregt. Aber ist es das überhaupt?
Oder ist es ein Seufzen, weil sie weiß, dass heute Freitag ist? Und dass sie an
einem Freitag zu ihrer Mutter zurück muss? Gestern hat er noch ganz lange mit
ihr Topmodel geguckt. Da hat sie gesagt: „Besser wäre es, wenn wir gar keinen
Fernseher hätten. Dann müssten wir Brettspiele spielen...“ Oder: „Dann würden wir
Brettspiele spielen...“ Ich glaube Letzteres. Wie an Weiberfastnacht. Wo es
draußen so stürmte und sie tatsächlich am Abend Brettspiele gespielt haben
Das war schön
Das war tatsächlich richtig
schön
Aber dies ist keine Welt für
Schönes
Vielleicht seufzt sie ja gar
nicht, weil – wie er das immer denkt – er ihr auf die Eier geht, ihr Vater,
sondern weil sie weg muss, weil es ihr hier gefällt, bei ihm
schon mal drüber nachgedacht
Letztens hat er ihr gesagt:
„Das Einzige, was du wissen musst, ist, dass wir gar nichts wissen. Wir wissen
nichts…“ (wir sind in ein Universum geworfen, werden alt und sterben,
verschwinden wieder; und egal, wie viele Illusionen wir uns machen, wir wissen
nichts) „…keiner hat eine Ahnung, glaub mir das! Auch wenn die das sagen, wenn
die so tun als ob…die haben alle keine Ahnung“ (your guess is as good as mine).
Ich weiß nicht, warum er das gemacht hat, warum er das gesagt hat. Um ihr etwas
mitzugeben? Auf ihrem langen Weg durchs Leben? Ihrem langen, einsamen Weg
durchs Leben
Eine komische Lektion...
Um sie aufzubauen, ihr
Selbstvertrauen zu geben, für den Fall, dass sich mal wieder irgendein
Arschloch über sie stellt und ihr was erzählen will? Von Tuten und Blasen. Irgendein
Arschloch, von denen es so viele gibt, in diesem Land, in dieser Stadt, in
diesem Leben… Arschlöcher, die alles zu wissen scheinen…die alles besser zu
wissen scheinen…die alles zu wissen scheinen…aber im Endeffekt auch nur raten.
Auch nur wie die Kuh vorm Berg stehen.
Eine komische Lektion...
Wie die, die Carl Ewarts
Vater seinem Sohn in Irvine Welshs Roman Glue
erteilt. Wo er einfach nur sagt: „Be
yourself. That’s all ye need tae dae in life. Just be yourself…“
Und Carl Ewart, auf dem Weg
von Australien zurück nach Schottland, wo sein Vater im Sterben liegt, denkt: Far from being an easy option, it was the
most difficult, challenging thing anybody ever asked of me.
Sie kommt wieder rein,
wieder zurück aus ihrem Zimmer. Auf dem Weg ins Bad. Und sagt: „Was ist los?“
Mit dieser kleinen, schwachen, unsicheren Stimme...
Keine Ahnung. Ich hab doch
keine Ahnung, das weißt du doch.
Als sie wieder rauskommt,
aus dem Bad, seufzt sie noch mal, geht zum Schrank.
„Brauchst du was?“
…
„Soll ich dir helfen…bei
irgendwas…?“
„Nö.“
Sie geht an den Wäschekorb mit den Socken, nimmt sich ein Paar.
„Das sind meine Socken!“, sage ich lachend.
„Nein…“, sagt sie, ebenfalls mit einem Lächeln.
Ich werde dich vermissen,
denkt er einen Moment später, als sie wieder in ihrem Zimmer ist. Ich werde
dich vermissen. Wenn du am Wochenende bei deiner Mutter bist. Du mich auch,
vielleicht. Das Wechselmodell ist auch nicht das Wahre. Aber immerhin besser, als
sich nur am Wochenende zu sehen. Als Wochenend-Daddy zu sein. Und dann
irgendwann Einmal-im-Monat-Daddy. Und dann irgendwann nur noch jedes halbe
Jahr. Und irgendwann gar nicht mehr
So läuft das doch, in der
Regel. Da bevorzuge ich echt das Wechselmodell. Und erzählen Sie mir jetzt
nicht, dass es nur um das Kindeswohl geht…
„Hast du das Fenster
zugemacht, Schatzi?“, frage ich sie.
„Ja,“ antwortet sie.
„Dankeschön.“
„Die waren voll lecker
gestern…deine Wraps,“ sage ich.
„Mö…“
Ne?
„Ich seh die Doreen immer in
Poppelsdorf…“, sagt sie.
„Echt? Fährt die da auch mit
dem Bus?“, fragst du zurück.
„Ja, aber der ist immer so
voll. Ich glaub, die steigt da nie ein...“
„Wo wohnt die denn in
Poppelsdorf?“
„Weiß ich nicht. Ich war
noch nie bei der…“
„Ich geh jetzt, ne…“
„Ok. Schönes Wochenende.“
„Tschüss.“
„Tschö.“
Schönes Wochenende bei
deiner Mutter. Obwohl: Du willst ja, dass sie
ein schönes Wochenende hat. Du willst es ja. Wirklich
Traumdeutung: Du Hurensohn!
Nachts träume ich davon, wie
ich Nadine zur Rede stelle. Wir sind in
einem Raum, der aussieht als befände er sich in der Bonner Südstadt, denn er
hat diese Stuckornamente und diese hohen Decken, die so scheiße zu beheizen
sind. Nadine sitzt auf dem Sofa, er steht. Steht vor ihr und sagt immer wieder,
wie von Sinnen: „Der Stefan?! Dieser Hurensohn!
Dieser
Hurensohn
Dieser
Hurensohn
Schreit
es raus, all seine Wut
seine
unbändige Wut
Donnerstag, 9. März 2017
Ein hübsches Kind...
Nach der Arbeit trinkt er
noch einen Kaffee und kramt sein Handy aus der Innentasche der Jacke. Um Two by Two zu hören. Nicholas Sparks hat
ihn immer noch in seinem Bann, mit seinen gefühlvollen, immer ein bisschen
schnulzigen Romanen, die aber einfach die Seite runter zu fließen scheinen. Wie
Butter. Diese Woche hat er auch endlich The
Notebook bekommen, das vermeintlich beste Buch von Sparks, wenn man dem
Internet-Ranking glaubt. Was er nicht so wirklich tut, aber dann doch irgendwie
wieder… Wie immer.
Auf einmal hat er neben dem
Handy noch etwas anderes zwischen den Fingern. Da ist noch was in dieser engen
Innentasche, die glaub ich extra für Handys gemacht ist. Es fühlt sich glatt an. Er zieht es raus und
guckt es sich an. Eine Karte… Der Kalender! Ja, das ist der
Kalender. Von María. Von früher. Als sie noch im Kindergarten war... Oder schon
in der Schule?
Ja; der war ja in der Jacke.
In der Lederjacke. Und da man die nicht waschen kann, nur reinigen (was du auch
nie machst), ist er immer noch da. Den trage ich jetzt schon ewig mit mir rum. Ein
paar Jahre bestimmt schon. Du guckst ihn dir genauer an. Da steht 2005/2006.
Unter dem Bild. Auf dem sie ein bisschen schüchtern, ein bisschen keck in die
Kamera lächelt. Mit leicht geöffnetem Mund. Fast schwarze, rund geschnittene halblange
Haare und große braune Augen. Sie war schon immer total fotogen. Er weiß noch,
damals in Aberdeen, in Schottland, als er abends draußen vor dem Englischen
Seminar vor der Telefonstelle stand, mit seiner Frau und seiner Tochter, und da
tatsächlich Lucía Etxebarria vorbeikam. Mit einer Freundin. Die spanische
Schriftstellerin! Kein Witz! Die war das echt, das kann man auch in den Büchern
von der nachlesen, dass die damals in Aberdeen war. Die hat da sogar
Vorlesungen gehalten und alles. Aber damals wusste er noch gar nicht richtig,
wer das eigentlich war. Dass das eine Schriftstellerin war, ok, das wusste er,
aber nicht, dass ihre Bücher irgendwann mal so einen wichtigen Platz in seinem
Leben einnehmen würden, dass sie einmal die Bücher seiner Trennung sein würden,
davon hatte er keine Ahnung. Dass er Raquel einmal so lieben würde. Also
interessierte er sich nicht weiter für sie, als er sie aus der Tür des
Englischen Seminars kommen sah. Im Regent Building. Ich glaub, da war das. Er
interessierte sich nicht für sie, bis sie María sah und sagte: „¡Qué niña más maja!“ „Was für ein
hübsches Kind!“ Die sagen nicht bella oder
linda, wie die Latinos, sondern maja. Das war so geil, das hat er bis
heute nicht vergessen. Lucía Etxebarria! Das war echt Lucía Etxebarria! Die
seine Tochter hübsch fand! Unglaublich, ey!
Er guckt sich das Foto an.
2005/2006. Boah, wie lange das her ist. So viel Zeit. Da war sie fünf? Oder
sechs? Nein, wenn das 2005/2006 war, dann war sie da schon sechs. Bestimmt.
Wenn nicht sogar sieben. 1999 geboren, im März. Sie lächelt ihn an. Schüchtern,
aber auch ein bisschen kokett. Mit diesen großen Augen. Ein hübsches Kind. Ein
so hübsches Kind. Das würde der Lena gefallen. Seiner Schülerin. María mit
ihren schwarzen Haaren. Ihrem leicht braunen Teint. Unglaublich
Das einzig Vernünftige, was ich
je in meinem Leben zustande gebracht habe
Deine Tochter
so süß so schön so klein
so verletzlich so unschuldig
sie wird immer deine Tochter
sein
she has taught you what love means
She has taught you the meaning of love
Sie hat dir beigebracht, was
Liebe ist
Sie hat dich gelehrt, was
Liebe ist
dich, den Unbelehrbaren
She’s
taught you love
du sagst es immer wieder,
innerlich, denkst es immer wieder
Deine kleine Tochter…
…die jetzt gar nicht mehr so
klein ist. Aber immer noch süß. Die fast schon 18 Jahre alt ist. Diesen Monat,
diesen Monat wird sie 18…
(wie die Zeit vergeht)
Sie hat dir gezeigt, was es
heißt zu lieben
Sie und ihre Mutter
Jetzt ist nur noch sie da
Aber die Liebe ist immer
noch da
dieses Gefühl
diese süßsaure Traurigkeit
dieses Leben
Warum hast du nicht schon
damals mehr Zeit mit ihr verbracht? Dich mehr um sie gekümmert? Sie stärker
beachtet? Wie schön sie ist…denkt er, als er über den Parkplatz am Rheinbacher
Bahnhof geht. Zur Bäckerei.
Aber egal: Ich kann die
Vergangenheit ändern, aber sie ist noch da. Das Jetzt kann ich ändern,
beeinflussen
Jetzt kann ich ein guter
Vater sein. Jetzt muss ich ein guter Vater sein. Der Rest ist egal. Vorbei. Aus
und vorbei. Für immer.
Aber sie ist noch da
Montag, 6. März 2017
ORIGINAL Salsa Tanznacht
Es ist Samstagnacht. Er
steht an der Bushaltestelle für den Nachtbus. Am Bonner Busbahnhof. Heute ist
der erste Samstag im Monat. Das heißt, dass im Sofa, der kleinen Disko keine 20 Meter von wo er steht. So nah,
dass er die Musik hören könnte. Wenn es nicht regnen würde. Nachts um halb
zwei. Anders als sonst bleibt er ganz vorne an der Haltestelle stehen. Nur
nicht zu nah an die Disko ran. Heute ist „Die ORIGINAL Salsa Tanznacht“.
Bestimmt ist Nadine da. Hoffentlich steht sie nicht gerade draußen. Sonst
könnte sie ihn nachher noch sehen. Und er weiß nicht, ob er das will. Ob er das
wirklich will…
Samstag, 4. März 2017
Trump und die deutsche Lebenserwartung
“Ninety-nine per cent of traditional English literature
concerns people who never have to worry about money
at all. We always seem to be watching or reading about
emotional crises among folk who live in a world of
great fortune both in matters of luck and money; stories
and fantasies about rock stars and film stars, sporting
millionaires and models; jet-setting members of the
aristocracy and international financiers.”
― James Kelman
Morgens wacht er auf und hat
Kopfschmerzen. Richtige Kopfschmerzen. Hatte er schon öfters in letzter Zeit.
Ist ja auch kein Wunder. Bei dieser ganzen Scheiße. Lief ja diese Woche sogar
im Fernsehen. Ärmer Menschen sterben früher. Dass die das überhaupt gebracht
haben, im Ersten wundert mich, denkt er. Im deutschen Lügenfernsehen. Das sich
mehr um Trump schert als um die eigenen Leute. Trump ist dies, Trump ist das,
Trump macht dies, Trump macht das, nur um nicht sagen zu müssen: Was macht denn
Merkel oder Schulz. Oder keine Ahnung, welche der anderen Witzfiguren. Was
machen die denn für die Leute. Die normalen Leute. Die arm sind. Und früher
sterben. Nichts. Nichts außer Gelaber und dumme Sprüche. Nichts. Wir müssen uns
ja um Trump kümmern. Das ein Trump auch hier Erfolg hätte, schert die nicht.
Das sehen die nicht. Das wollen die
nicht sehen. Genau wie die Wohnungsnot, die Flüchtlingskrise, die
Dumping-Löhne. Solange Trump noch in Amerika regiert, ist das ja wichtiger.
Aber das Trump genau aus dieser Unruhe entstanden ist…das hat doch alles nichts
mit nichts zu tun. Hauptsache von eigenen Problemen ablenken, denkt er, während
er wieder mal an einem Obdachlosen in der Tannenbuscher "City" vorbeikommt. Der vom
Wachdienst, der sieht das. Der hat recht. Der ist ein guter Mann. Wie er so
todmüde nachts durch Tannenbusch schlendert. Und versucht, dem Chaos Einhalt zu
gebieten. Der sagt das auch, das mit dem Obdachlosen an der Ecke. Mitte 30.
„…da kümmert sich keiner
drum.“
Während er an seiner Theke
steht und keinen Kaffee will, weil er sonst gar nicht mehr schlafen kann. Mit
seinem immer länger werdenden Bart sieht er fast aus wie ein Philosoph. Noch
ein Beruf, der obsolet geworden ist: der des Philosophen. Die Deutschen wollen
keine Philosophen mehr. Nachdem wir mal führend waren, in diesem Bereich. Wie
in vielen anderen. Ein Deutscher hat gesagt: „Gott ist tot!“ Ein Deutscher hat
vom Sein und Seinsverlust gesprochen. Aber das will ja keiner mehr hören. Davon
will ja keiner mehr wissen.
Er hört sich das an, das
Arme früher sterben und rechnet sich die Jahre aus, die er noch hat. So viele sind
es dann doch nicht mehr, denkt er. Lieber nicht drüber nachdenken. Denken ist
sowieso nicht mehr angesagt. Nachdenken noch weniger. Das wird bald bestimmt
abgeschafft. Das Fühlen haben die schon lange abgeschafft oder an die Soaps
delegiert. Wenn im Fernsehen einer stirbt, werden wir traurig, heulen sogar, an
den Obdachlosen in der U-Bahn fahren wir vorbei. Und wenn sie sterben, umso
besser: Dann müssen wir sie nicht mehr jeden Tag auf dem Weg von und zur Arbeit
ertragen. Das ist dann doch zu nah an „zu Hause“, too close to the bone, das ist nicht so weit weg wie Putin oder
Trump. Bei denen erwartet man das ja. Aber doch nicht hier, im (schlechten)
Gewissen der Welt. Also fragt er sich – während der Bericht über den Typen mit
den kaputten Knien, der raucht und trinkt, und mit seiner Einschätzung, dass er
nur ungefähr 70 Jahre alt war, wahrscheinlich goldrichtig liegt – im Fernsehen
läuft: Warum zeigen die das überhaupt? Die Journalisten, die von
Enthüllungsjournalisten der Wahrheit zu Sprachrohren der Politik geworden zu
sein scheinen. Warum bringen die noch solchen Berichte? Wollen die etwa doch etwas
ändern? Wollen die etwa doch eine Revolution? Oder – immerhin ist "Schadenfreude"
ein deutsches Wort, das sogar seinen Weg ins Englische gefunden hat – wollen die
noch Salz in die Wunde streuen. Die fühlen diese Armut nämlich nicht. Die
verdienen 10.000 im Monat und werden über 90 oder gar 100 Jahre alt. Wollen die
die Armen noch weiter ausgrenzen, mit dem medialen Finger auf sie zeigen, die
Armen, die die AfD wählen und sich noch nicht mal, nicht mehr, von Schulz täuschen
lassen? Wollen die sagen: Seid ihr wirklich so? Wollt ihr wirklich so sein? Wie
diese Shows bei RTL, mit der Polizei und so weiter, die immer wieder Recht und
Ordnung herstellt? Hartz-IV-TV? Ist das Armuts-Voyeurismus? Beim Ersten? Oder
Angstmache? Damit sich die Leute weiter nur um sich selbst kümmern, um ihr eigenes
Überleben? Und nicht die anderen sehen? Sind das etwa die letzten Züge der
medialen 68er-Bewegung, die postuliert, dass wir uns nur alle schön um uns
selbst, um unseren eigenen Arsch kümmern müssen, dann wird schon alles gut?
Unsere Individualität ausleben müssen: Zwischen Apple und Samsung, Pepsi und
Coca Cola, Nike und Adidas, Aldi und Lidl?
Aber egal: Er selbst ist ja
auch nicht besser. Er macht ja auch nichts für „die Armen“. Für andere. Er leidet
ja auch nur für sich selbst. Und außerdem ist er ja in gut 30 Jahren eh weg,
wenn er so bleibt, wie er ist. So arm, so ausgegrenzt, so sich nur um sich
selbst drehend. Dann ist das Problem auch gelöst. Und bei den Kopfschmerzen,
die er heute hat, löst sich das Problem vielleicht sogar wesentlich früher…
Und außerdem: Wer will schon
ewig leben?
Oder wie Herr Baden, der ein
Haus in einem ruhigen Vorort hat und früher bei der Telekom groß im Geschäft
war, ihm das einmal gesagt hat, als er nach der Trennung total am Boden zerstört
war und sich bei ihm ausgeheult hat: „Willst du wirklich SO noch 30 Jahre
weiterleben? SO WIE JETZT?“ So kaputt? So leidend? So arm? So perspektivlos?
Das ist die Frage
Sein oder Nichtsein.
Heidegger oder Shakespeare
Merkel oder Trump
Oder gibt es vielleicht doch
eine Alternative?
Wahrscheinlich sagen die
auch noch (oder denken es zumindest): Wer früher stirbt, ist länger tot!
Er kriecht aus seinem alten
Doppelbett, dessen andere Seite schon lange leer ist, trinkt einen Schluck Cola
Zero aus der Plastikflasche, geht in die Küche und macht sich einen
Käse-Salami-Mayonnaise-Wrap mit Butter, dann noch einen…
Er ist ja selbst dran
schuld, ich weiß.
„Du bist ja selbst dran
schuld!“
„Jeder ist seines eigenen
Glückes Schmied!“
„Dann lass doch mal diesen
Scheiß aus dem Leib. Die Cola und so…“
...würde sein Vater sagen. Sein
Vater, der 50 Jahre als Kfz-Mechaniker geschuftet hat, geraucht hat, flaschenweise
Cola gesoffen hat und dann für 1600€ in Rente gegangen ist, einer Rente, von
der er sich noch nicht mal eine vernünftige Wohnung leisten werden kann, wenn
er irgendwann mal aus seiner Wohnung raus muss. „Eigenbedarf“ nennt sich so
was. Aber vielleicht wird er die nächste Wohnung ja gar nicht mehr brauchen.
Nach seinem zweifachen Bypass…
Obwohl seine Lebenserwartung
etwas über dem arbeitslosen Möbelpacker beim Morgenmagazin liegen dürfte…
Abonnieren
Posts (Atom)







