Er wusste nicht,
wer oder was es war, aber es war komisch. Das wusste er. Kaum war er in die
Hauptstraße eingebogen, da sah er es. Die Scheinwerfer, die ihn anzustarren
schienen, die direkt auf ihn gerichtet zu sein schienen, obwohl das Auto auf
der anderen Straßenseite stand und nicht auf seiner. Was hätte er gemacht, wenn
es auf seiner Seite gestanden hätte? Er wusste es nicht, aber dass es komisch
war, das wusste er. Und kaum war er näher gekommen, da fuhr das Auto auch schon
los. Setzte sich in Bewegung, in seine Richtung. Trotzdem sah er keinen Fahrer.
Oder eine Fahrerin? Warum habe ich nicht darauf geachtet, sagte er sich
hinterher. Aber in dem Moment…da achtete er nur auf die Farbe und Marke des
Autos. Ein silberfarbener VW Golf. So ein alter. Wie ihn seine Frau, äh, seine
Ex-Frau gehabt hatte. Aber in rot. Nicht silbern. Kein gutes Auto.
Ein Blog über das Leben, die Liebe, Beziehungen, Verlust, Angst, Spaß, die Lust, die Lust am Schreiben,Südamerika, Musik, südamerikanische Frauen, die Liebe, Spanisch, Englisch, Schottland, Spanien, Deutschland, dat Rheinland, Kinder, Literatur, Vergänglichkeit, Arbeit, Politik, die Mafia, Urlaub, Gewalt, Verbrechen, Sex, große und kleine Gefühle und vieles, vieles, vieles mehr ...
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Mittwoch, 31. Januar 2018
Montag, 29. Januar 2018
Yin und Yang
Der Wunsch zu
heulen, einfach loszuheulen ist so stark, so ausgeprägt, so drängend, dass du
nicht weißt, ob du es schaffst, ihm zu widerstehen. Du willst einfach nur
losheulen, aber du tust es nicht. Nicht hier, nicht jetzt, obwohl du so gerne
würdest…
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Depression,
Dunkelheit,
Einsamkeit,
Familie,
Leere,
Leiden,
Liebe,
Schwarze Löcher,
Trennung,
Vater-Tochter-Beziehung,
Vatersein,
Wahnsinn,
Wald,
Wetter,
Wut
Dienstag, 26. Dezember 2017
Zahltag: Eine Rachegeschichte
Warnung: Die folgenden Zeilen sind natürlich - wie im Übrigen alles hier - rein ficktiv und geben nicht die Meinung des Autors wieder. Jegliche Ähnlichkeiten mit (noch) lebenden Personen ist ebenfalls rein ficktiv und purer Zufall!
Ihr kann ich nichts tun. Sie
bedeutet mir zu viel. Noch immer. Aber du, du bist etwas ganz anderes. Du
bedeutest mir NICHTS. Du bist nur Scheiße.
Für das Arschloch von Vermieter,
für die zwei Umzüge, für das ganze Geld, das ich verloren habe.
Du wirst leiden. Für all die
Scheiße, die du mir angetan hast, die andere mir jemals angetan haben. Für
alles. Für meine Eltern, für Ivan, José, Christoph, für all die Leute, die mich
ignoriert haben, mich hinter meinem Rücken beleidigt haben, die mich
geschnitten haben, mein ganzes Leben. So ist das Leben: Wir bezahlen immer für
die Sünden anderer… Musste ich auch, amigo.
Enemigo…
Ich weiß, du bist nicht an
allem schuld, was in meinem Leben schiefgelaufen ist, aber…
…dich habe ich erwischt. Du
stehst für SIE. Für sie, für sie alle. Alle, die mich jemals verarscht haben,
alle, die mich jemals betrogen haben, mich abgezogen haben. An dir werde ich
ein Exempel statuieren. Das ist Pech für dich. Aber so ist das Leben. Nicht
immer gerecht.
Zuerst sagt er nichts, aber
dann fängt er an, irgendwas zu murmeln, das ich nicht verstehe. Oder nur halb. Muss
wohl an dem Klebeband liegen. Das ich noch vom letzten UMZUG übrig habe. Oder
noch von früher, wo ich noch mit IHR zusammen war. Ich verstehe ihn nicht. Will
ihn nicht verstehen. Was für einen Unterschied würde das jetzt noch machen,
jetzt, wo er hier auf dem Boden liegt. Und weg muss. Keinen! Also ist es egal. Er
ist jetzt nicht mehr der große Mann, der er einst war… Der er einst dachte zu
sein…
…heute bezahlst du für alle
Leute, die dir jemals selbstgefällig ins Gesicht gelacht haben (for all the fucking smug smiles I’ve had to
endure), das ganze Leid, die ganze Scheiße, die ganze Beziehungsscheiße (all the relationshit), Jetzt bist du
nicht mehr so groß. Für all die Tränen, die nicht gekommen sind, nicht mehr
gekommen sind, all die Wochenenden, an denen ich meine Tochter nicht gesehen
habe, die ganzen Streitigkeiten mit IHR, die ganze Scheiße. Du musst das auch
verstehen. Es ist bestimmt nicht schwer zu verstehen, mit all dem Blut im Mund.
Ist doch verständlich?! Sonst müssen wir immer alles verstehen. Was ihr macht.
Aber jetzt nicht mehr. Ich will endlich mal nicht verstehen, nur handeln,
einfach nur handeln.
Er macht komische Geräusche.
Keine Ahnung, was er mir damit sagen will. Aber ich muss das auch nicht
verstehen, nicht mehr, jetzt nicht mehr…
Sage leise, aber bestimmt: „¡Te callas! ¡Hijo de puta, hijo de la gran puta!
¡Hijo de mierda! ¡Háblame en
español, en castellano, no esta mierda de longos!“,
sage ich mit einem spanischen Akzent, den ich mir angewöhnt habe, damit ich
nicht mehr rede wie SIE, nicht mehr reden muss, wie sie…
Ich gebe ihm einen Tritt und
er hört auf zu reden. Winselt nur noch irgendwie rum. Jetzt hör schon auf, du
Lutscher. Das war noch nicht mal richtig! Ich will mir ja nicht an dir noch den Fuß
brechen. Außerdem tut es mir immer noch weh. Ich mag keine Gewalt. Aber irgendwann
kommt jeder an einen Punkt…an dem er nicht mehr kann, an der er die Schnauze
voll hat, an dem das Fass überläuft…an dem er sich nicht mehr alles gefallen
lassen will…
Das ist so wie deine
Kollegin das sagt. Deine Kollegin, deren Lieblingsfilm dieser eine Film mit Michael Douglas ist. Wo der ausflippt, dieser ganz normale Typ. Mit gutem Anzug,
gutem Job, gutem Auto. Weil die Frau den verlassen hat. Und wie viele Frauen
das nun mal machen, die Kinder gleich mitgenommen hat. Das ist der Trigger bei dem. Im wahrsten Sinne des
Wortes. Und im Laufe des Films sogar mit der Panzerfaust rumballert. Das ist
der Lieblingsfilm meiner Kollegin. Aber die hat das nie in die Tat umgesetzt.
Ihre geheimsten Wünsche und Triebe. Ich schon. Heute… die meinten ja auch, die
könnten mich für immer verarschen, jeden Tag zum Essen kommen und zum Dank noch
meiner Frau nachstellen. Klar… Normal… Mit ihr Fahrrad fahren wollen. ¿Quieres hacer bicicleta? Wie oft hast
du das damals gefragt?! Viermal?! Heute fahre ich Fahrrad. Mit dir! Aber ohne Sattel! Hoy voy a hacer bicicleta contigo… Yo…contigo…no ella…
Manche Sachen gehen eben nur
mit Gewalt… Hörst du?! „Manche Sachen gehen nur mit Gewalt!“
Das gilt für die kleinen wie
für die großen Dinge des Lebens…
Sogar ein Wassermann kommt
irgendwann an diesen Punkt…
Die Friedfertigkeit ist
vielleicht gut für Gandhi, aber nicht für dich…
Vielleicht bin ich ja auch
im Aszendenten etwas anderes…Böseres…
¡Ya
te digo qué te calles, hijo de puta!
Du hast alles bekommen,
immer schon, und ich hab alles verloren! Du kannst SIE sehen, sogar meine
Tochter, du kannst sie schmierig anlächeln, am Wochenende, wenn sie bei ihrer
Mutter ist.
Was soll ich jetzt mit dir
machen?
Ich beuge mich zu ihm
runter: „Was soll ich mit dir machen? Sag mir…, sag mir das…“
Er sagt nichts, guckt mich
nur mit diesen großen Rehaugen an. Tieraugen.
Und dann wache ich aus dem
Traum auf und es ist immer noch Weihnachten. Dieses Jahr ist Weihnachten aber
auch scheißlang… Zieht sich wie Kaugummi. Geht immer wigga. Imma wigga… Mannomann, du hast echt zu viel
Eminem gehört... In den letzten Tagen. Viel zu viel. Das ist nicht gut für
dich. Wie hat das deine Mutter (und dein Vater) damals immer gesagt?! „Du weißt
nie, wann du aufhören, wann es Zeit ist aufzuhören…“ Bis heute nicht. Ist das
jetzt gut oder schlecht? Das weißt du
auch nicht. Du weißt, dass du nicht viel weißt…
Oder ist er es, der aus dem
Traum aufwacht. Den Traum von seiner Schwägerin (welcher?), von den Töchtern
seiner Schwägerinnen (welcher?), geht mein (und sein) Alptraum etwa weiter und
ich bin wirklich hier, in dieser Wohnung, mit ihm auf dem Boden, sauber getaped,
eine Platzwunde an der Stirn. Wer soll das denn putzen, du machst meinen ganzen
Boden dreckig. Soll ich etwa deine Schwägerin anrufen, damit sie putzen kommt,
oder was?!
Scheiße, was mach ich denn
jetzt mit dir…
Ich reibe mir die Augen,
richte mich mühsam auf. Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Jetzt damit anfangen.
Mit Gewalt muss man früh anfangen. Erfahrung sammeln. Sonst ist es zu spät.
Aber man hat nicht immer eine Wahl im Leben. Manchmal geht es einfach nicht
anders, im Leben.
Donnerstag, 14. Dezember 2017
Luis Garavito, Karl Denke und ich
Ich komme nach Hause,
telefoniere mit der Sparkasse (ich habe meine verfickte Karte verloren, mal
wieder…oder zumindest im Dialog-Automaten vergessen, was weiß ich denn, mein
Leben ist ein einziges Chaos…), danke Gott, dass nichts abgehoben wurde…puh…seit
letzte Woche Donnerstag. Da kann ich ja eine Pause machen, nur eine kleine,
eine kurze Pause. Vom Leben. Von meinem derzeitigen und natürlich auch
vergangenen Leben. Also lege ich mich ins Bett, stelle das spanische Fernsehen
wieder laut (schon wieder Trump-Bashing, selbst in Spanien…wenn jemand so viel
Haue bekommt, dann muss er ja etwas richtig machen…).
Sonntag, 10. Dezember 2017
Schnee
--And what did he die of so young, Gretta? Consumption, was it?
--I think he died for me, she answered.
"The Dead" - James Joyce
Und dann irgendwann fängt es
an zu schneien. Feiner, weißer Neuschnee. Du läufst die Hauptstraße entlang, an
der Kirche vorbei, und der weiße Schnee hat irgendwie doch etwas von Unschuld,
von Neubeginn, wie er sich so auf alles legt, alles bedeckt: Die Gehwege, die
Tannenbäume am Straßenrand, die Menschen. Die Vergangenheit.
Donnerstag, 9. November 2017
The time of our lives - Die Zeit unseres Lebens
IV. DEATH
BY WATER
Phlebas the Phoenician, a fortnight dead, |
|
Forgot the
cry of gulls, and the deep seas swell
|
|
And the
profit and loss.
|
|
A current under sea
|
|
Picked his
bones in whispers. As he rose and fell
|
|
He passed
the stages of his age and youth
|
|
Entering the whirlpool.
|
|
Gentile
or Jew
|
|
O you who
turn the wheel and look to windward,
|
|
Consider
Phlebas, who was once handsome and tall as you.
|
|
T.S.
Eliot, The Waste Land |
Vanity
of vanities, says the Preacher,
vanity of vanities! All is vanity.
3 What does man gain by all the toil
at which he toils under the sun?
4 A generation goes, and a generation comes,
but the earth remains forever.
vanity of vanities! All is vanity.
3 What does man gain by all the toil
at which he toils under the sun?
4 A generation goes, and a generation comes,
but the earth remains forever.
Ecclesiastes 1, 1-3
Als ich so abends, an diesem
dunklen, kalten, nassen Novemberabend, durch Bonn-Duisdorf haste, um meinen Zug
nach Meckenheim noch zu bekommen, vorbei an der Videothek an der Haltestelle am
Rathaus, vorbei an Domino’s Pizza, vorbei am Ärztehaus (und vor allen Dingen vorbei
an unserer alten Wohnung), muss ich plötzlich denken: All diese Zeit, die weg
ist, einfach so weg ist. Nicht nur unsere gemeinsame Zeit hier, sondern all Die Zeit. Die Zeit in Großbuchstaben.
Kapitälchen, die ihr zusätzliches Gewicht verleihen, das sie gar nicht braucht,
so schnell, wie sie verfliegt, wie sie an einem vorbeifliegt, einem durch die
Finger rinnt.
Dienstag, 24. Oktober 2017
Adler-Olsen, Chigurh und das Schwarze Buch
Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in dich hinein
Friedrich Nietzsche
Ich gucke Adler-Olsen im
Zweiten. Habe ich letzte Woche auch schon gemacht. War auch letzte Woche schon
geil. Keine Ahnung, welche Folge besser war. Die heutige hieß Erlösung. War
wieder krass. Und ich frage mich: Wie kriegen die das hin? Wie kriegen die das
nur hin, die Skandinavier. Immer so nah an den menschlichen Abgrund zu gehen…
Samstag, 17. Juni 2017
Wie es ist
Auf dem Weg zur Arbeit liest
er Kämpfen von Karl Ove Knausgard und
denkt: Manchmal muss man das Leben einfach so beschreiben, wie es ist. So wie
das auch Knausgard in seinen Romanen macht. In Min Kamp. Und obwohl das auf Deutsch „Mein Kampf“ heißt und der sechste
und letzte Roman des Romanzyklus den Titel Kämpfen
trägt, geht es Knausgard nicht so sehr um den großen politischen oder
historischen Kampf, sondern mehr um den kleinen, alltäglichen „Überlebenskampf“.
Sonntag, 19. Februar 2017
Die Wahrheit, guapa
Ich will jetzt die Wahrheit
wissen, denkt er, als er das Buch von Nicholas Sparks liest. At First Sight. Ich muss sie einfach
wissen, um weiterzumachen. Damit mein Leben weitergeht. Nicht das hier. Dieser Schwebe-Zustand. Ich
muss endlich abschließen können. Mit allem. Mit all dem Scheiß. Mit Nadine, mit
Bonn, mit Deutschland. Die ganze Scheiße hinter mich bringen.
Ich komme nach Hause, aber
bleibe nicht lange. Das ist eh nicht mehr mein Zuhause. Nicht mehr so richtig.
Zumindest fühlt es sich nicht mehr so an. Ich ziehe mir die Tarnjacke an,
stecke die schwarze Wollmütze in die rechte Seitentasche. Wie gut, dass es
Winter ist. Da fällt das nicht so auf, das mit der Mütze. Im Sommer ist das,
was ich vorhabe wesentlich schwerer.
Es ist schon dunkel, als ich
aus der Tür nach draußen trete. Leise das Tor hinter mir schließe. Draußen ist
es am Pissen. Wie passend, denkt er, als er sich auf den Weg zur Bushaltestelle
macht, die Mütze in der Jackentasche…
Er will jetzt endlich
wissen, was los ist. Warum sie ihn wirklich
verlassen hat. Nicht diesen Scheiß von wegen „wenn unsere Liebe einmal zerbrochen ist, wie ein Zweig, dann kann man die nicht mehr kitten“ hören. Fast mit einem Lächeln auf der Lippe. Genervt.
Gleichgültig. Immer gleichgültig. Das ist niemals die ganze Geschichte. Aber es
gibt nur einen Weg herauszufinden, was wirklich los ist. Los war.
Warum hat María auch ihren
Schlüssel hier vergessen? Diesen Schlüssel, den er gefunden hat. Auf dem
Glastisch. Auf ihrem alten Glastisch. Sie hat auch nicht mehr danach gefragt.
Komisch... Von ihm war der Schlüssel auf jeden Fall nicht. Also muss er ja von ihr gewesen
sein. Und warum will sie ihn dann nicht zurückhaben? Von wem denn sonst? Vielleicht passt er ja, der Schlüssel den er jetzt in
der Hosentasche hat. Schon seit mehr als einer Woche mit sich rumträgt.
Befingert, während er in der Dunkelheit auf den Bus wartet. Den Bus in die
Stadt. Er will ja nur Klarheit, will endlich Klarheit.
Nicht diesen Scheiß von
wegen „Kann dir doch egal sein“ (ob die einen Neuen hat). „Was macht das für
einen Unterschied, jetzt noch?“
Für mich einen großen, denkt
er, auf sein Handy schauend. An diesem kalten, dunklen Sonntagabend.
Ya
no hay guapos, denkt er, kurz bevor der Bus endlich um die
Ecke kommt. Ya no hay guapos…
Dienstag, 30. August 2016
Goya in Deutschland
Er
steht in der Bahn und wartet darauf, dass die Türen sich endlich öffnen und er
aussteigen kann. Er blickt in die nach oben, nach vorne gereckten Gesichter der
Leute, die an der Tür stehen und wissen wollen, warum der Fahrer die Tür noch
nicht freigegeben hat. Unfreiwillig erinnert ihn die Szene an Goya.
Keine
Ahnung warum.
Oder
doch, vielleicht: Es sind die Gesichter. Die kleinen, zusammengekniffenen
Augen, die Knollennasen, die gelblich-graue Haut, die die Leute fast schon
verzerrt wirken lassen. Braune Gesichter, die schon fast wie gegerbt aussehen.
Wie altes Leder.
Wie
die Gesichter bei Goya. Auf den Bildern seiner „schwarzen Periode“. Die er gegen
Ende seines Lebens gemalt hat. Als er fast schon taub war. Oder blind. Oder was
auch immer. Die er für niemanden außer sich selbst an die Wände seines Hauses gemalt
hat. An die Wände der „Quinta del sordo“, des „Landhauses des Tauben“, mit dem
– was für eine Ironie des Schicksals – noch nicht mal er selbst gemeint war, sondern
der vorherige Besitzer. Die letzten Bilder, die für kein Publikum bestimmt
waren, die keiner sehen sollte, keiner sehen durfte, außer er selbst, in den
dunklen Nächten seiner letzten Jahre. Die erst lange nach seinem Tod in
mühevoller Kleinstarbeit von den Wänden des Hauses abgetragen und auf Leinwand
übertragen worden. Auch die Quinta del
sordo selbst gibt es schon lange nicht mehr. Wollte er nicht, dass irgendjemand
sie sieht, weil sie zu ehrlich waren? Nicht nur für seine Zeit, sondern für
alle Zeiten? Weil sie das Leben so darstellten wie es ist, wenn man es all
seiner Illusionen beraubt?
Einmal
hat er sie sogar schon selbst gesehen, in echt, diese düsteren, monumentalen
und eigentümlich kraftvollen Bilder. In Madrid, im Prado. Wo er mit seiner Frau
und seiner Tochter Urlaub machte. In besseren Zeiten, in denen ihn die Leute, die
er in der Bahn, an der Haltestelle, im Supermarkt traf, noch nicht an so Goya
erinnerten. Oder zumindest noch nicht so stark wie heute, in diesen dunklen
Zeiten. Die hatten sogar das Licht leicht abgedunkelt, in dem Raum, in dem
Goyas „schwarze“ Gemälde ausgestellt waren. Damit sie besser zur Geltung kamen,
damit sie authentischer wirkten, neben all diesen halbnackten Darstellungen Christus-Figuren
und Engeln, die sonst so den Prado bevölkern. Kennt man eine, kennt man sie
alle. Aber all diese dunklen Goyas, die dem sonst so sonnigen, so
lebenslustigen Spanien diametral zu widersprechen schienen, die waren schon
beeindruckend. All diese verzerrten Gesichter, diese offene oder nur
oberflächliche verhohlene Grausamkeit, Gehässigkeit, Angst, diese Verzweiflung,
diese tiefen, dunklen Gefühle.
Aber
irgendwie war er gleichzeitig auch ein bisschen enttäuscht – er hatte sich so
lang schon darauf gefreut, Goya endlich einmal in natura zu sehen. Irgendwie
gaben die Bilder ihm „in echt“ nicht so viel. Das lag bestimmt nicht an Goya
und seinen Gemälden selbst – obwohl er die Hexe, die einen angeblich direkt
anstarrt, einem angeblich direkt in die Augen, in die Seele guckt, nicht
gefunden hat, auf dem Gemälde mit dem schaurig-schönen Titel „Hexensabbat“.
Nein, deswegen war er nicht enttäuscht, sondern vielleicht war er einfach nicht
in der Stimmung für Goya, in seinem hart erarbeiteten und wohl verdienten
Urlaub, bei 35-40 Grad im sommerlichen Madrid.
In
Deutschland, im Alltag seines kleinen, grauen Lebens, wäre das sicherlich etwas
ganz anderes gewesen; Goya zu sehen. Der Hexe direkt in die Augen zu gucken…
Was, wie gesagt, in echt gar nicht so toll ist.
Die
hatten sogar das Lieblingsbild seiner Frau, der er noch immer hinterhertrauert,
obwohl er sich das natürlich nicht eingestehen will. Das – passend zum Naturell
seiner Frau – nicht ganz so dunkel, nicht ganz so düster ist wie die Bilder, die
er immer so anziehend fand. Das Lieblingsbild seiner Frau ist…war…das, wo
dieser kleine Hund im Treibsand versinkt. Unter einem Himmel, der auch
eher an einen grau-braunen Sandsturm erinnert als an einen typisch spanischen
Himmel. Der kleine, quirlige Hund, der nichtsahnend in den Treibsand gekommen
ist und jetzt ums Überleben kämpft, obwohl er weiß, dass der Kampf aussichtslos
ist.
Obwohl:
Weiß der Hund das überhaupt?! Spürt er das? Oder denkt er gar rational darüber
nach?
Man
weiß es nicht, würde Alexander jetzt mit diesem ihm eigenen, geheimnisvollen
Gesichtsausdruck sagen. Alexander, sein ehemals bester Freund.
Du
selbst hast dich immer mehr mit dem Hexensabbat identifiziert. Wo der Teufel in
Pferdegestalt inmitten all dieser sich um ihn herum kauernden, von Dunkelheit
und Leben verzerrten Gestalten sitzt, die sich ängstlich nach allen Seiten
umschauen; so als erwarteten sie das Jüngste Gericht. Oder nichts mehr vom
Leben.
Oder
nichts mehr vom Leben?
Oder
mit dem Gemälde, auf dem dieser Vater seinem Sohn voller Verzweiflung den Kopf
abbeißt. Oder abreißt? Das mochtest du insgeheim immer, obwohl man es kaum angucken
kann, ohne nicht irgendeine Art des Ekels, des Horrors, des Horrors, des Grauens,
des Grauens zu empfinden. Du mochtest sie schon immer, diese schwarzen Bilder.
Aber
im Endeffekt kann man sich natürlich auch fragen, was düsterer ist? Zu wissen,
dass man aus dem Treibsand nicht mehr rauskommt oder das Wissen um die dunklen,
unbewussten Seiten des Lebens.
„Was
hätte Goya wohl in Deutschland gemalt?“ hat er Nadine damals gefragt. Immer
wieder. Fast schon penetrant.
„…wenn
er in Deutschland gelebt hätte…? Hätte er da auch diese Bilder gemalt? Hätte er
da auch gemalt?“ fragte er sie direkt nach der Ausstellung, im Freien, in der
Sonne Madrids, während sie langsam über diesen kleinen Touristenmarkt im Park
vor dem Museum schlenderten, sich T-Shirts anguckten. Damals hat er das noch im
Spaß gefragt. Aber heute hat die Frage schon einen ernsteren Hintergrund, wenn
er so darüber nachdenkt.
Selbst
nach seiner Rückkehr nach Deutschland hat er das manchmal noch gefragt: „Was
hätte Goya wohl gemalt, wenn er in Deutschland gelebt hätte? Das Gleiche? Oder
wär er hier gar nicht zum Malen gekommen? Hätte direkt aufgegeben. Seine
brotlose Kunst.“
(Schwarze
Perioden will doch eh keiner sehen, mein Sohn. Die Leute wollen fröhliche
Geschichten, die gut ausgehen…)
Er
hat nie eine Antwort bekommen. Eine nur halbwegs zufriedenstellende Antwort.
Nur Schweigen; und später vielleicht sogar verdrehte Augen
Aber
das hat in nicht gestört. Er hat einfach weitergeredet: „In Deutschland wäre
Goya wahrscheinlich schon vor dem ersten Pinselstrich verzweifelt. Oder
verrückt geworden. Oder er hätte die Leinwand komplett schwarz bemalt, komplett
in schwarze Farbe getaucht und das war’s dann. Danach wäre er in seinen Bürojob
zurückgekehrt und wäre immer frustriert immer älter geworden…“ (und
wahrscheinlich hätte sich seine Frau auch noch irgendwann von ihm getrennt…und
einen Neuen, nicht ganz so philosophischen, nicht ganz so künstlerischen
Sachbearbeiter oder Kaufmann geheiratet)
Aber
vielleicht kann man das ja auch gar nicht miteinander vergleichen. Vielleicht ist
das ja wie mit den Äpfeln und den Birnen. Vielleicht kann man ja Spanien im
angehenden 19 Jahrhundert und Deutschland im schon angebrochenen 21.
Jahrhundert gar nicht miteinander vergleichen.
Oder
vielleicht doch?
Vielleicht
hätte er seine Bilder ja auch haargenau so gemalt wie in Spanien, wäre genauso taub
geworden und fast sogar blind (die Höchststrafe für einen Maler – oder ein
Segen?), wäre am Ende genauso gestorben, in die Dunkelheit gegangen, die ihn
schon sein ganzes Leben nicht loslassen wollte, ihn umgeben hat wie ein treuer
Freund, eine Frau, eine Geliebte. Genau wie Beethoven – der größte Sohn dieser,
seiner schrecklichen Heimatstadt –, der am Ende seine Lebens in die akustische
Dunkelheit eintrat.
(irgendwo
habe ich einmal gelesen, dass der letzte Sinn, den man verliert, bevor man
stirbt, der Hörsinn ist)
So
kriegt jeder am Ende das, was er verdient und wahrscheinlich fällt mir
irgendwann die Hand ab, bei dem ganzen Scheiß, den ich hier schreibe. Genau wie
deine Mutter das damals schon prophezeit hat: „Wenn du die Hand gegen deine
Eltern erhebst, fällt sie dir irgendwann ab!“ Und du dachtest tatsächlich das
wär war. Oder die Zunge fällt dir aus, wenn du zu viel redest. Oder was auch
immer.
wahrscheinlich
kommt Nadine in eine Hölle, wo sie nicht mehr aufhören kann zu quasseln, so
viel wie sie schweigt, wo sie gezwungen ist, sich den ganzen Tag das Leid ihres
verflossenen von vielen kleinen und
großen Teufelchen einflüstern zu lassen
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