Er wusste nicht,
wer oder was es war, aber es war komisch. Das wusste er. Kaum war er in die
Hauptstraße eingebogen, da sah er es. Die Scheinwerfer, die ihn anzustarren
schienen, die direkt auf ihn gerichtet zu sein schienen, obwohl das Auto auf
der anderen Straßenseite stand und nicht auf seiner. Was hätte er gemacht, wenn
es auf seiner Seite gestanden hätte? Er wusste es nicht, aber dass es komisch
war, das wusste er. Und kaum war er näher gekommen, da fuhr das Auto auch schon
los. Setzte sich in Bewegung, in seine Richtung. Trotzdem sah er keinen Fahrer.
Oder eine Fahrerin? Warum habe ich nicht darauf geachtet, sagte er sich
hinterher. Aber in dem Moment…da achtete er nur auf die Farbe und Marke des
Autos. Ein silberfarbener VW Golf. So ein alter. Wie ihn seine Frau, äh, seine
Ex-Frau gehabt hatte. Aber in rot. Nicht silbern. Kein gutes Auto.
Ein Blog über das Leben, die Liebe, Beziehungen, Verlust, Angst, Spaß, die Lust, die Lust am Schreiben,Südamerika, Musik, südamerikanische Frauen, die Liebe, Spanisch, Englisch, Schottland, Spanien, Deutschland, dat Rheinland, Kinder, Literatur, Vergänglichkeit, Arbeit, Politik, die Mafia, Urlaub, Gewalt, Verbrechen, Sex, große und kleine Gefühle und vieles, vieles, vieles mehr ...
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Mittwoch, 31. Januar 2018
Montag, 29. Januar 2018
Yin und Yang
Der Wunsch zu
heulen, einfach loszuheulen ist so stark, so ausgeprägt, so drängend, dass du
nicht weißt, ob du es schaffst, ihm zu widerstehen. Du willst einfach nur
losheulen, aber du tust es nicht. Nicht hier, nicht jetzt, obwohl du so gerne
würdest…
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Trennung,
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Vatersein,
Wahnsinn,
Wald,
Wetter,
Wut
Dienstag, 26. Dezember 2017
Zahltag: Eine Rachegeschichte
Warnung: Die folgenden Zeilen sind natürlich - wie im Übrigen alles hier - rein ficktiv und geben nicht die Meinung des Autors wieder. Jegliche Ähnlichkeiten mit (noch) lebenden Personen ist ebenfalls rein ficktiv und purer Zufall!
Ihr kann ich nichts tun. Sie
bedeutet mir zu viel. Noch immer. Aber du, du bist etwas ganz anderes. Du
bedeutest mir NICHTS. Du bist nur Scheiße.
Für das Arschloch von Vermieter,
für die zwei Umzüge, für das ganze Geld, das ich verloren habe.
Du wirst leiden. Für all die
Scheiße, die du mir angetan hast, die andere mir jemals angetan haben. Für
alles. Für meine Eltern, für Ivan, José, Christoph, für all die Leute, die mich
ignoriert haben, mich hinter meinem Rücken beleidigt haben, die mich
geschnitten haben, mein ganzes Leben. So ist das Leben: Wir bezahlen immer für
die Sünden anderer… Musste ich auch, amigo.
Enemigo…
Ich weiß, du bist nicht an
allem schuld, was in meinem Leben schiefgelaufen ist, aber…
…dich habe ich erwischt. Du
stehst für SIE. Für sie, für sie alle. Alle, die mich jemals verarscht haben,
alle, die mich jemals betrogen haben, mich abgezogen haben. An dir werde ich
ein Exempel statuieren. Das ist Pech für dich. Aber so ist das Leben. Nicht
immer gerecht.
Zuerst sagt er nichts, aber
dann fängt er an, irgendwas zu murmeln, das ich nicht verstehe. Oder nur halb. Muss
wohl an dem Klebeband liegen. Das ich noch vom letzten UMZUG übrig habe. Oder
noch von früher, wo ich noch mit IHR zusammen war. Ich verstehe ihn nicht. Will
ihn nicht verstehen. Was für einen Unterschied würde das jetzt noch machen,
jetzt, wo er hier auf dem Boden liegt. Und weg muss. Keinen! Also ist es egal. Er
ist jetzt nicht mehr der große Mann, der er einst war… Der er einst dachte zu
sein…
…heute bezahlst du für alle
Leute, die dir jemals selbstgefällig ins Gesicht gelacht haben (for all the fucking smug smiles I’ve had to
endure), das ganze Leid, die ganze Scheiße, die ganze Beziehungsscheiße (all the relationshit), Jetzt bist du
nicht mehr so groß. Für all die Tränen, die nicht gekommen sind, nicht mehr
gekommen sind, all die Wochenenden, an denen ich meine Tochter nicht gesehen
habe, die ganzen Streitigkeiten mit IHR, die ganze Scheiße. Du musst das auch
verstehen. Es ist bestimmt nicht schwer zu verstehen, mit all dem Blut im Mund.
Ist doch verständlich?! Sonst müssen wir immer alles verstehen. Was ihr macht.
Aber jetzt nicht mehr. Ich will endlich mal nicht verstehen, nur handeln,
einfach nur handeln.
Er macht komische Geräusche.
Keine Ahnung, was er mir damit sagen will. Aber ich muss das auch nicht
verstehen, nicht mehr, jetzt nicht mehr…
Sage leise, aber bestimmt: „¡Te callas! ¡Hijo de puta, hijo de la gran puta!
¡Hijo de mierda! ¡Háblame en
español, en castellano, no esta mierda de longos!“,
sage ich mit einem spanischen Akzent, den ich mir angewöhnt habe, damit ich
nicht mehr rede wie SIE, nicht mehr reden muss, wie sie…
Ich gebe ihm einen Tritt und
er hört auf zu reden. Winselt nur noch irgendwie rum. Jetzt hör schon auf, du
Lutscher. Das war noch nicht mal richtig! Ich will mir ja nicht an dir noch den Fuß
brechen. Außerdem tut es mir immer noch weh. Ich mag keine Gewalt. Aber irgendwann
kommt jeder an einen Punkt…an dem er nicht mehr kann, an der er die Schnauze
voll hat, an dem das Fass überläuft…an dem er sich nicht mehr alles gefallen
lassen will…
Das ist so wie deine
Kollegin das sagt. Deine Kollegin, deren Lieblingsfilm dieser eine Film mit Michael Douglas ist. Wo der ausflippt, dieser ganz normale Typ. Mit gutem Anzug,
gutem Job, gutem Auto. Weil die Frau den verlassen hat. Und wie viele Frauen
das nun mal machen, die Kinder gleich mitgenommen hat. Das ist der Trigger bei dem. Im wahrsten Sinne des
Wortes. Und im Laufe des Films sogar mit der Panzerfaust rumballert. Das ist
der Lieblingsfilm meiner Kollegin. Aber die hat das nie in die Tat umgesetzt.
Ihre geheimsten Wünsche und Triebe. Ich schon. Heute… die meinten ja auch, die
könnten mich für immer verarschen, jeden Tag zum Essen kommen und zum Dank noch
meiner Frau nachstellen. Klar… Normal… Mit ihr Fahrrad fahren wollen. ¿Quieres hacer bicicleta? Wie oft hast
du das damals gefragt?! Viermal?! Heute fahre ich Fahrrad. Mit dir! Aber ohne Sattel! Hoy voy a hacer bicicleta contigo… Yo…contigo…no ella…
Manche Sachen gehen eben nur
mit Gewalt… Hörst du?! „Manche Sachen gehen nur mit Gewalt!“
Das gilt für die kleinen wie
für die großen Dinge des Lebens…
Sogar ein Wassermann kommt
irgendwann an diesen Punkt…
Die Friedfertigkeit ist
vielleicht gut für Gandhi, aber nicht für dich…
Vielleicht bin ich ja auch
im Aszendenten etwas anderes…Böseres…
¡Ya
te digo qué te calles, hijo de puta!
Du hast alles bekommen,
immer schon, und ich hab alles verloren! Du kannst SIE sehen, sogar meine
Tochter, du kannst sie schmierig anlächeln, am Wochenende, wenn sie bei ihrer
Mutter ist.
Was soll ich jetzt mit dir
machen?
Ich beuge mich zu ihm
runter: „Was soll ich mit dir machen? Sag mir…, sag mir das…“
Er sagt nichts, guckt mich
nur mit diesen großen Rehaugen an. Tieraugen.
Und dann wache ich aus dem
Traum auf und es ist immer noch Weihnachten. Dieses Jahr ist Weihnachten aber
auch scheißlang… Zieht sich wie Kaugummi. Geht immer wigga. Imma wigga… Mannomann, du hast echt zu viel
Eminem gehört... In den letzten Tagen. Viel zu viel. Das ist nicht gut für
dich. Wie hat das deine Mutter (und dein Vater) damals immer gesagt?! „Du weißt
nie, wann du aufhören, wann es Zeit ist aufzuhören…“ Bis heute nicht. Ist das
jetzt gut oder schlecht? Das weißt du
auch nicht. Du weißt, dass du nicht viel weißt…
Oder ist er es, der aus dem
Traum aufwacht. Den Traum von seiner Schwägerin (welcher?), von den Töchtern
seiner Schwägerinnen (welcher?), geht mein (und sein) Alptraum etwa weiter und
ich bin wirklich hier, in dieser Wohnung, mit ihm auf dem Boden, sauber getaped,
eine Platzwunde an der Stirn. Wer soll das denn putzen, du machst meinen ganzen
Boden dreckig. Soll ich etwa deine Schwägerin anrufen, damit sie putzen kommt,
oder was?!
Scheiße, was mach ich denn
jetzt mit dir…
Ich reibe mir die Augen,
richte mich mühsam auf. Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Jetzt damit anfangen.
Mit Gewalt muss man früh anfangen. Erfahrung sammeln. Sonst ist es zu spät.
Aber man hat nicht immer eine Wahl im Leben. Manchmal geht es einfach nicht
anders, im Leben.
Donnerstag, 14. Dezember 2017
Luis Garavito, Karl Denke und ich
Ich komme nach Hause,
telefoniere mit der Sparkasse (ich habe meine verfickte Karte verloren, mal
wieder…oder zumindest im Dialog-Automaten vergessen, was weiß ich denn, mein
Leben ist ein einziges Chaos…), danke Gott, dass nichts abgehoben wurde…puh…seit
letzte Woche Donnerstag. Da kann ich ja eine Pause machen, nur eine kleine,
eine kurze Pause. Vom Leben. Von meinem derzeitigen und natürlich auch
vergangenen Leben. Also lege ich mich ins Bett, stelle das spanische Fernsehen
wieder laut (schon wieder Trump-Bashing, selbst in Spanien…wenn jemand so viel
Haue bekommt, dann muss er ja etwas richtig machen…).
Sonntag, 10. Dezember 2017
Schnee
--And what did he die of so young, Gretta? Consumption, was it?
--I think he died for me, she answered.
"The Dead" - James Joyce
Und dann irgendwann fängt es
an zu schneien. Feiner, weißer Neuschnee. Du läufst die Hauptstraße entlang, an
der Kirche vorbei, und der weiße Schnee hat irgendwie doch etwas von Unschuld,
von Neubeginn, wie er sich so auf alles legt, alles bedeckt: Die Gehwege, die
Tannenbäume am Straßenrand, die Menschen. Die Vergangenheit.
Donnerstag, 9. November 2017
The time of our lives - Die Zeit unseres Lebens
IV. DEATH
BY WATER
Phlebas the Phoenician, a fortnight dead, |
|
Forgot the
cry of gulls, and the deep seas swell
|
|
And the
profit and loss.
|
|
A current under sea
|
|
Picked his
bones in whispers. As he rose and fell
|
|
He passed
the stages of his age and youth
|
|
Entering the whirlpool.
|
|
Gentile
or Jew
|
|
O you who
turn the wheel and look to windward,
|
|
Consider
Phlebas, who was once handsome and tall as you.
|
|
T.S.
Eliot, The Waste Land |
Vanity
of vanities, says the Preacher,
vanity of vanities! All is vanity.
3 What does man gain by all the toil
at which he toils under the sun?
4 A generation goes, and a generation comes,
but the earth remains forever.
vanity of vanities! All is vanity.
3 What does man gain by all the toil
at which he toils under the sun?
4 A generation goes, and a generation comes,
but the earth remains forever.
Ecclesiastes 1, 1-3
Als ich so abends, an diesem
dunklen, kalten, nassen Novemberabend, durch Bonn-Duisdorf haste, um meinen Zug
nach Meckenheim noch zu bekommen, vorbei an der Videothek an der Haltestelle am
Rathaus, vorbei an Domino’s Pizza, vorbei am Ärztehaus (und vor allen Dingen vorbei
an unserer alten Wohnung), muss ich plötzlich denken: All diese Zeit, die weg
ist, einfach so weg ist. Nicht nur unsere gemeinsame Zeit hier, sondern all Die Zeit. Die Zeit in Großbuchstaben.
Kapitälchen, die ihr zusätzliches Gewicht verleihen, das sie gar nicht braucht,
so schnell, wie sie verfliegt, wie sie an einem vorbeifliegt, einem durch die
Finger rinnt.
Dienstag, 24. Oktober 2017
Adler-Olsen, Chigurh und das Schwarze Buch
Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in dich hinein
Friedrich Nietzsche
Ich gucke Adler-Olsen im
Zweiten. Habe ich letzte Woche auch schon gemacht. War auch letzte Woche schon
geil. Keine Ahnung, welche Folge besser war. Die heutige hieß Erlösung. War
wieder krass. Und ich frage mich: Wie kriegen die das hin? Wie kriegen die das
nur hin, die Skandinavier. Immer so nah an den menschlichen Abgrund zu gehen…
Samstag, 17. Juni 2017
Wie es ist
Auf dem Weg zur Arbeit liest
er Kämpfen von Karl Ove Knausgard und
denkt: Manchmal muss man das Leben einfach so beschreiben, wie es ist. So wie
das auch Knausgard in seinen Romanen macht. In Min Kamp. Und obwohl das auf Deutsch „Mein Kampf“ heißt und der sechste
und letzte Roman des Romanzyklus den Titel Kämpfen
trägt, geht es Knausgard nicht so sehr um den großen politischen oder
historischen Kampf, sondern mehr um den kleinen, alltäglichen „Überlebenskampf“.
Sonntag, 19. Februar 2017
Die Wahrheit, guapa
Ich will jetzt die Wahrheit
wissen, denkt er, als er das Buch von Nicholas Sparks liest. At First Sight. Ich muss sie einfach
wissen, um weiterzumachen. Damit mein Leben weitergeht. Nicht das hier. Dieser Schwebe-Zustand. Ich
muss endlich abschließen können. Mit allem. Mit all dem Scheiß. Mit Nadine, mit
Bonn, mit Deutschland. Die ganze Scheiße hinter mich bringen.
Ich komme nach Hause, aber
bleibe nicht lange. Das ist eh nicht mehr mein Zuhause. Nicht mehr so richtig.
Zumindest fühlt es sich nicht mehr so an. Ich ziehe mir die Tarnjacke an,
stecke die schwarze Wollmütze in die rechte Seitentasche. Wie gut, dass es
Winter ist. Da fällt das nicht so auf, das mit der Mütze. Im Sommer ist das,
was ich vorhabe wesentlich schwerer.
Es ist schon dunkel, als ich
aus der Tür nach draußen trete. Leise das Tor hinter mir schließe. Draußen ist
es am Pissen. Wie passend, denkt er, als er sich auf den Weg zur Bushaltestelle
macht, die Mütze in der Jackentasche…
Er will jetzt endlich
wissen, was los ist. Warum sie ihn wirklich
verlassen hat. Nicht diesen Scheiß von wegen „wenn unsere Liebe einmal zerbrochen ist, wie ein Zweig, dann kann man die nicht mehr kitten“ hören. Fast mit einem Lächeln auf der Lippe. Genervt.
Gleichgültig. Immer gleichgültig. Das ist niemals die ganze Geschichte. Aber es
gibt nur einen Weg herauszufinden, was wirklich los ist. Los war.
Warum hat María auch ihren
Schlüssel hier vergessen? Diesen Schlüssel, den er gefunden hat. Auf dem
Glastisch. Auf ihrem alten Glastisch. Sie hat auch nicht mehr danach gefragt.
Komisch... Von ihm war der Schlüssel auf jeden Fall nicht. Also muss er ja von ihr gewesen
sein. Und warum will sie ihn dann nicht zurückhaben? Von wem denn sonst? Vielleicht passt er ja, der Schlüssel den er jetzt in
der Hosentasche hat. Schon seit mehr als einer Woche mit sich rumträgt.
Befingert, während er in der Dunkelheit auf den Bus wartet. Den Bus in die
Stadt. Er will ja nur Klarheit, will endlich Klarheit.
Nicht diesen Scheiß von
wegen „Kann dir doch egal sein“ (ob die einen Neuen hat). „Was macht das für
einen Unterschied, jetzt noch?“
Für mich einen großen, denkt
er, auf sein Handy schauend. An diesem kalten, dunklen Sonntagabend.
Ya
no hay guapos, denkt er, kurz bevor der Bus endlich um die
Ecke kommt. Ya no hay guapos…
Dienstag, 30. August 2016
Goya in Deutschland
Er
steht in der Bahn und wartet darauf, dass die Türen sich endlich öffnen und er
aussteigen kann. Er blickt in die nach oben, nach vorne gereckten Gesichter der
Leute, die an der Tür stehen und wissen wollen, warum der Fahrer die Tür noch
nicht freigegeben hat. Unfreiwillig erinnert ihn die Szene an Goya.
Keine
Ahnung warum.
Freitag, 29. Juli 2016
Marina Joyce Mystery
Heute hast du frei – obwohl:
von deinem Kopf hast du ja nie frei. Also stehst du um 9 Uhr auf und gehst auf
Klo. Et drückt. Wenn et drückt, dann musst du…kacken (und das ist nicht
witzig). Das heißt: Erst mal musst du pissen, denn Pissen kommt immer vor dem
Kacken. In letzter Zeit bleibt dazwischen auch irgendwie immer weniger Zeit,
denn…et drückt. Also streifst du dir die Unterhose runter, kneifst die
Arschbacken zusammen, holst schnell in kleinen Trippelschritten den Laptop, und
dann den Hocker, den du auf den Küchenstuhl vor der Kloschüssel stellen musst,
damit der Laptop ungefähr auf Augenhöhe steht. Ich weiß, das klingt nicht so,
aber das hat System! Schaffst es gerade so noch, bevor es losgeht. Ach ja, Pipi
hast du übrigens schon gemacht – trotz Morgenlatte. Und noch bevor du den
Computer angeschaltet hast, geht’s los (die Details erspare ich Ihnen jetzt…).
Danach wischst du dir den Arsch ab und willst dich eigentlich anziehen, um
Laufen zu gehen. Aber als du wieder in deine Unterhose und die dazugehörige
Blümchenshorts schlüpfst, hörst du schon das Plätschern draußen. Scheiße, es
pisst. Scheiße! Und das tut es wirklich…und wie… In Strömen. Das ist echt voll
der Dschungel hier, in Deutschland. Also wartest du und gehst dann Laufen. Mit
Regenschirm. Durch den Wald. Durch den deutschen Psychoregen (nicht genug, um
den Schirm aufzumachen und zu viel um den Schirm zuzumachen). Das ist echt, als
würde da oben jemand sitzen, der exklusiv dich ärgern wollte…
Nach dem Laufen jib et Frühstück.
Kalte Hühnerbrühe von gestern (die kühlt ab und du schwitzt nicht so viel in
die Pfanne mit den Rösti-Ecken und den restlichen Knusper Gockelchen rein.
Obwohl das voll geil ist: Denn jedes Mal, wenn ein Schweißtropfen von deiner
Stirn in die Pfanne fällt, zischt das Hammer…
Nach dem Essen schläfst du ein
bisschen (so ungefähr zwei Stunden), wachst dann langsam auf und liest die
Bild. Stößt auf diesen Artikel über Marina Joyce, diese Mode- und Schmink-YouTuberin,
die in letzter Zeit so seltsam sein soll. In ihren Videos. Das musst du
natürlich gleich recherchieren. Also auf zu YouTube. Und das stimmt irgendwie.
Die ist schon komisch, obwohl die eigentlich voll geil aussieht. Für eine
Engländerin zumindest. Wie hat das dein Kumpel Miro damals in Schottland so
gewählt ausgedrückt: „Die Frauen sehen hier alle aus wie Schnitzel.“ Also, wie
ein Schnitzel auf Beinen sieht die nicht so richtig aus, mit ihren riesigen,
blauen Augen. Aber glücklich auch nicht, wie sie dieses Kleid im Garten dieses
typisch englischen Backsteinhauses in der Vorstadt von London präsentiert.
In dem Video Date Outfit Ideas. Manchmal bekommt ihr Blick so etwas Abwesendes, etwas Ängstliches, was
irgendwie voll krass wirkt. So als wär sie nur halb da. Die Diskussionen um
diese Videos schossen tatsächlich so ins Kraut, dass die sogar die Polizei gerufen
haben. Die war dann wirklich bei der (mehrmals!), um sich zu vergewissern, dass
es der wirklich gut geht. Die Polizei hat auch nichts Besseres zu tun, denkt
er! Vielleicht sollte er die mal seiner Tochter empfehlen, die ist wirklich
nicht schlecht. Aber schon krass, wie die guckt. Augen riesig und diesen vagen
Ausdruck von Angst, Unsicherheit im Blick. Spannend! Er liest: Manche
spekulieren, dass sie Drogen nimmt, weil sie auf verschiedenen Raves gesehen
wurde. Andere sagen, sie sei schizophren (Hammer, auf was die Leute kommen,
ohne jemanden wirklich zu kennen oder irgendwelche gesicherten Diagnosen zu
haben. Krass, ne!? Dass sie misshandelt wird…von ihrem Freund, ihrer Familie,
ihrer toten Großmutter, suchen Sie sich was aus. Da ham sogar welche behauptet,
die sei von dem IS entführt worden und solle möglichst viele Follower an einen
Anschlagsort locken. Geil, ne?! Und das Geilste ist: Wenn du das so liest,
denkst du: Boah, da bin ich ja sogar noch relativ normal… Relativ. Alles ist relativ.
Oder um deinen Vater zu zitieren: „Pervers ist eine Abweichung von der Norm,
aber wer kann die Norm schon bestimmen…?!“ Da war er immer ganz stolz drauf, auf
diesen Spruch, obwohl der heute, jetzt im Nachhinein schon ziemlich gruselig
daherkommt (nur so am Rande…). Du guckst dir einen fetten Typen mit
undefinierbarem Akzent (ist der jetzt Engländer oder nicht?) an, der über alles
Mögliche spekuliert (dass er nicht noch den Geist der toten Großmutter aus der
Truhe holt, ist schon fast ein Wunder!). Aber irgendwie überzeugt dich das
alles noch nicht – ist aber spannend genug, um nicht wieder einzuschlafen.
Boah, früher hatte ich ein Leben! (Nein, hattest du nicht, da hast du genau das
Gleiche gemacht, an deinem freien Tag! Okay…). Also guckst du dir noch ein Video
von ihr selbst an (nicht von irgendwelchen fetten, undefinierbaren
Kommentatoren, die sowieso nur Scheiß labern). Und dieses Video hat es in der
Tat in sich. Du weißt nicht, was du davon halten würdest, wenn sich deine
Tochter diese YouTuberin angucken würde – obwohl der britische Akzent so geil
ist und die Alte auch nicht schlecht (Anfang 20, kleine Tittchen, tiefblaue
Psychoaugen, ein hübsches Gesicht…). In dem Video, das den für Schmink- und
Modetipps eher untypischen Namen Near Death Experience trägt, sitzt Marina Joyce in ihrem (?) Schlafzimmer, auf
ihrem Bett (nein, das ist kein Porno-Video, eher genaue Gegenteil davon!),
neben sich den Laptop. Auf dem Bett liegt eine violette Decke, die perfekt zu
dem etwas helleren, aber ebenfalls violetten Wollpulli, den Marina trägt,
passt. Im Hintergrund ist ein Katzenkissen, das einen mit großen Augen
anzustarren scheint (ich mag Katzenmenschen, auf jeden Fall besser als Hunde!).
Marina trägt eine rote Rosa hinter dem Ohr, ihre Haare sind wie immer perfekt
frisiert und ihre blauen Augen werden durch die schwarze Umrandung noch blauer.
Aber das ist kein Schminkvideo. Das wird dir schnell klar! Sie scheint echt
aufgewühlt zu sein, redet von seltsamen, verrückten Erfahrungen, die sie vor
kurzem gemacht hat, ihrem „geheimen Leben“, der Absurdität…ja, von was
eigentlich! Und das ist der Trick: Das sagt sie nämlich in 9:23 nicht!
Stattdessen sagt sie, dass sie im Februar geboren ist. Wassermann, wie du! Dat
sinn die schlimmsten. Aber irgendwie kannst du dich auch mit dem
identifizieren, was sie sagt. Marina Joyce, die Schminktante aus London! Aber
wenn sie davon redet, dass sie stärker dadurch geworden ist, was sie durchgemacht
hat, aber was sie nicht genau sagen will. Und zu heulen anfängt. Also: Entweder
sie ist eine gute Schauspielerin oder… Das willst du dir gar nicht ausmalen,
daran willst du gar nicht denken. Sie fühlt sich so alleine (genau!), da nur
sie alleine weiß, wie hart diese Erfahrungen waren (I’m feeling you, Marina, I really do!). Mich versteht auch keine Sau,
wie sehr ich unter der Trennung von meiner Frau gelitten habe, keine Sau, echt,
so als hätten die alle keine Gefühle oder ich zu viele oder keine Ahnung. Wie hart ich kämpfe, um eine stärkere Person
zu werden…wem sagst du das, Schnucki?! Ne, aber echt, ernsthaft… Du warst
zwar nie, wie Marina Joyce sagt, the happiest
person in the world, auch früher nicht, wo du noch halbwegs ganz warst,
halbwegs whole. Wild mit den Armen
gestikulierend, sagt sie mit dramatischer, tränenreicher, ja fast schon
hysterischer Stimme: …das Gefühl, dass
ich nicht mehr am Leben wäre... Und dich beschleicht auch so ein Gefühl:
Nämlich, dass sie über den Tod redet. Und darüber, wie man sich fühlt, wenn man
weiß, wenn man sich bewusst wird, dass man sterben muss, dass das Leben endlich
ist. Dass man einfach irgendwann nicht mehr da ist. Das kannst du schon
verstehen, selbst, wenn das nicht echt ist, wie manche Kommentatoren behaupten.
Selbst dann, dann ist das schon eins der echtesten Gefühle, die es gibt, Im
Leben. Also, warum sollte das nicht echt sein, warum sollte die das nicht
fühlen dürfen?! Nur, weil sie Schmink-, Dating- und Modetipps gibt?! The meaning of life, sagt sie, die Bedeutung des Lebens…es ist die Kunst,
die dich möglicherweise retten kann…Leute können über Depressionen, über PTSD, über Angststörungen oder Panikattacken hinwegkommen…wenn
sie sehen, wie schön das Leben ist… Die Kunst kann Leute retten… Weiß nicht…aber...
Du guckst dir die Kommentare
an und findest einen, der sagt, dass sie weiß, worüber Marina redet. Nämlich,
dass sie ANGST VOR DEM TOD hat (und die Großbuchstaben sind nicht von mir,
sondern von der Autorin des Kommentars!). Und du denkst: Hey, stimmt! Das hast
du auch gedacht, als du das gehört hast! Hey, du bist nicht der Einzige, obwohl
du das immer denkst. Du bist nicht der campeón
del sufrimiento, wie das letztens dieser Typ, der Leiter des „Zeitministeriums“
in der gleichnamigen spanischen Serie gesagt hat. Du bist nicht der Weltmeister
im Leiden. Alle leiden. Wir alle leiden. Ihr
alle leidet! Unter dem Tod, unter der Liebe, unter den Gefühlen oder dem
Ausbleiben derselben. Darunter, dass wir sterblich sind, dass wir irgendwann
gar nicht mehr da sind, überhaupt nicht mehr, nie wieder
Ach ja, irgendwo dazwischen,
irgendwo zwischen schlafen, auf den Klo gehen, essen, laufen hast du auch noch
die Mail deiner Tochter gelesen: Komme
erst am Samstag, spät. Auf Deutsch: Sonntag ist auch nicht drin. Also erst
Montag, wie das Wechselmodell das vorsieht. Bin begeistert. Ne, aber echt: Ich
liebe es von meiner Frau und Tochter getrennt zu sein…!
Aber wenigstens hat das
einen Vorteil. Du musst keine Antwort mehr schreiben…
Wenn das jetzt deine Tochter
wär, Marina Joyce meine ich, dann würdest du dir echt Sorgen machen…warum
machen sich die ihren Eltern eigentlich nicht?! Oder machst du dir zu viele...
Obwohl: Fürsorge ist ein klares Zeichen, das man kein Narzisst ist. Zumindest kein hoffnungsloser, haha...
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