Ich sitze auf dem Klo, lese
dieses Buch über ein Leben nach dem Tod und denke: So eine ähnliche Erfahrung
hattest du doch damals auch, oder nicht?! Wie du das Gefühl hattest, dass du
aus deinem Körper rausgehst, dass du deinen Körper verlässt, nachts im Bett, als Jugendlicher
Ein Blog über das Leben, die Liebe, Beziehungen, Verlust, Angst, Spaß, die Lust, die Lust am Schreiben,Südamerika, Musik, südamerikanische Frauen, die Liebe, Spanisch, Englisch, Schottland, Spanien, Deutschland, dat Rheinland, Kinder, Literatur, Vergänglichkeit, Arbeit, Politik, die Mafia, Urlaub, Gewalt, Verbrechen, Sex, große und kleine Gefühle und vieles, vieles, vieles mehr ...
Donnerstag, 20. Juli 2017
Mittwoch, 19. Juli 2017
Gewitter
(Bild: KI-generiert)
Wie die Hexe in Hamlet –
nein, das war Macbeth, in Hamlet war die Hexe menschlicher und nicht
übernatürlicher Natur – liege ich auf der Matratze, fast nackt, bis auf die
Unterhose, während draußen der Wind immer stärker wird. Ich bin Wassermann,
also eigentlich von Natur aus mit den Elementen Luft und Wasser verbunden. Das
Gewitter hat noch nicht begonnen, ist aber vorausgesagt. Ich gehe ans Fenster,
beuge mich auf die Fensterbank aus schwarzem Marmor, durchfurcht von weißen
Pünktchen und Streifen.
Sonntag, 9. Juli 2017
Samstag, 8. Juli 2017
Mordpläne und Bahngebete
Den ganzen Weg nach Bonn
denkt er – halb im Spaß, halb todernst – darüber nach, was er dem Yasir
denn nun in den Kaffee tun soll, damit er ihn endlich (oder endgültig?) nicht
mehr nervt. Er denkt und denkt nach. Er könnte sich jetzt natürlich jetzt im
Raum hinter dem Kassenhäuschen den Finger in den Arsch stecken und dann damit
in die Tasse packen, bevor er ihm den Kaffee macht. Langsam die Finger über den
Rand der Tasse gleiten lassen, wie die das immer in den Filmen machen…und dann
damit den Löffel oben anpacken…falls der heiße Kaffee die Koli-Bakterien an
seinem Finger doch abgetötet hat.
Freitag, 7. Juli 2017
Schwarzer Blog (Kaffee, bitte!)
(Bild: KI-generiert)
Eines Abends, alleine auf
der Arbeit, fasst er einen unglaublichen Plan... Vielleicht ist es ja die späte
Stunde oder seine in letzter Zeit fast schon chronische Übermüdung, die in dazu
bringen. Vielleicht ist es aber auch seine Einsamkeit, abends alleine hier in
der “Halle“, draußen ist es schon dunkel und im Fernsehen läuft die Berichterstattung
über die linken Ausschreitungen des „schwarzen Blocks“ in Hamburg.“Welcome to
hell“ lautet das Motto der teilweise vermummten Demonstranten und „Krawallmacher“,
wie der Reporter sie nennt. Und anders als die meisten Kommentare auf Twitter
steht er den Aktionen dieser „Chaoten“, „Zecken“ und „Autonomen“ nicht ganz s
feindselig gegenüber. Extra twittert er selbst nichts: Denn so würde er sich
nur den Zorn der rechtschaffenen, selbstgerechten und natürlich völlig
gewaltfreien Gutmenschen zuziehen, die mal wieder auf den Gutmenschen-Zug
aufspringen, obwohl dies ja eigentlich im Widerspruch zu ihrer linken Ideologie
stehen sollte. Das ist schon komisch: Er selbst, der politisch eher nicht so
weit links zu verorten ist, hat Verständnis für die Proteste. Man muss was
gegen die Ungerechtigkeiten auf der Welt und in Deutschland tun… Und wer hat
sich jemals von friedlichen Protesten umstimmen lassen…? Wir befinden uns hier
alle viel zu sehr in einer riesigen nationalen Komfortzone. Endlich mal jemand,
der zeigt, dass das deutsche Feuer noch nicht erloschen ist, dass wir nicht
alle Teil dieses heuchlerischen Weltgewissens sind, zu dem Deutschland
ideologisch verkommen zu sein scheint.
Es gibt noch Protest!
Es gibt wieder Protest…
…und das ist gut so!
Wir sind noch nicht alle
eingeschläfert worden.
Wenn er jetzt in Hamburg wäre…
(…er würde sich irgendwo
verkriechen, wo er sicher vor Polizei und Bekloppten ist…)
Protest gegen diese reichen
Arschlöcher, die anderen alles wegnehmen…
Dann fällt ihm plötzlich etwas auf. Heute
sitzt Yasir nicht dort, wo er sonst immer
den ganzen Abend sitzt. An der kleinen Sitzgruppe am Eingang. Der geht ihm so
auf die Eier, der Typ. Den ganzen Abend sitzt der da, spielt nicht (oder nur
auf seinem Handy, was laut eigener Aussage 1000€ gekostet haben soll – ich bin
begeistert!), starrt auf sein Handy, telefoniert auf Arabisch und setzt bei
manchen Gesprächen ein so schmieriges, so ekelhaftes (das ist sein
Lieblingswort auf Deutsch, „ekelhaft“) Lächeln auf, dass man gar nicht wissen
will, was er da gerade sagt. Nein, nicht die Automaten beziehungsweise die
Tatsache, dass sie dir nicht genug „geben“ sind „ekelhaft“, wie du es immer so
falsch sagst, nein, DU bist es! Das geht mir so auf die Eier, dass ich jetzt
jedes Mal, wenn der wieder in diesem unnachahmlichen harten und lauten
arabischen Tonfall einen KAFFEE haben will, bis 30 zähle, bevor ich überhaupt
aufstehe, um ihm einen zu machen. Was für ein Schmierer! Als Gott – oder in dem
seinen Fall Allah – die Schmierigkeit, die Aalglattheit verteilt hat, hat Yasir
bestimmt laut hier gerufen und Gott (oder Allah) war so erschrocken, dass er
ihm gleichen den ganzen Kübel gegeben hat. Aber das reicht noch nicht: Diese
kleinen passiv-aggressiven Boykott-Aktionen (ihn mit dem Kaffee warten lassen,
ihm nicht Hallo oder Tschüss zu sagen, in seiner Anwesenheit fast permanent die
Augen zu rollen) reichen ihm noch lange nicht. Besonders nach dem, was der
letztens wieder vom Stapel gelassen hat, als er ihn gefragt hat, ob er Slainté kennt. Und dann denkt er daran, dass vielleicht
genau dieser Kaffee, den Yasir so gerne so gebieterisch bei ihm ordert die
Lösung seines Problems sein könnte. Denn die Leute hinter der Bar haben auch
Macht, auch wenn die für den der letzte Dreck sein mögen. Die kann man auch
nicht einfach so verarschen. Ungestraft.
Wie diese schottische Kellnerin
aus Trainspotting, von Irvine Welsh, seinem Lieblingsschriftsteller.
Die den zudringlichen englischen Jungs aus gutem Hause, die sie plump anmachen
und sich an ihrer vermeintlichen Ohnmacht ergötzen, am Ende mehr von ihrem
Körper zuführt als sie jemals zu hoffen gewagt
hätten. Nämlich indem sie auf Toilette geht und ihren Tampon in die Suppe tunkt, die
sie bestellt haben. Ihren Wein mit Pipi versetzt. Ganz zu schweigen von der brown sauce… Lecker, ne?! Ja, Leute wie
du, die den ganzen Tag irgendwelche Arschlöcher bedienen, die ihnen nicht mal
genug Trinkgeld dafür geben, haben auch Macht. Man muss sie sich nur nehmen.
Macht kommt von machen. Wenn der das nächste Mal „Einen Kaffee, bitte…“ sagt,
in einem Ton, der das „bitte“ komplett unnötig macht, dann…Ja dann…
Was dann? Was könntest du
ihm denn da rein tun? Was könntest du denn da Schönes rein tun? Keine Ahnung…
…aber es ist ja noch eine
halbe Woche, bis zu deinem nächsten Dienst…
…viel Zeit zum Nachdenken…
…der Fantasie freien Lauf zu
lassen…
…damit es nicht nur bei
Körperflüssigkeiten oder -ausscheidungen bleibt…
Immerhin ist das hier nicht Trainspotting…
…sondern
die REALITÄT, die harte deutsche Realität
Mittwoch, 5. Juli 2017
Déjà-vu
(Bild: KI-generiert)
Vielleicht wär genau jetzt –
jetzt, wo Nadine bei den Irländern auf
Abschlussfahrt ist –, vielleicht wär genau jetzt der richtige Moment für
Nadine, mich zu besuchen. Einfach hier vorbeizukommen. Mit mir zu reden. Mit
mir zu schlafen. Eine Nacht bei mir zu verbringen, von der María nichts
mitkriegen würde. Die sie nicht wieder in das Gefühlschaos unserer Trennung/Scheidung
stürzen würde, denkt er, als er im Bett wie immer vor dem Laptop liegt und
schreibt und denkt und rummacht…
Dienstag, 4. Juli 2017
Bei den Irländern
(Bild: KI-generiert)
Abends – es ist schon kurz
nach zehn und ich bin gerade aus der Dusche gekommen, nachdem ich mich beim
Basketball voll ausgepowert habe, fast bis zum Umfallen – klingelt das Telefon.
María!, denke ich sofort. Besser spät als nie. Wenn ich das verdammte Telefon
jetzt auch noch finden würde, wäre das noch besser. Wie ein kopfloses Huhn renne
ich hin und her durch die gar nicht mehr ganz so chaotische Wohnung. Vom
Esstisch in der Küche zum Bett, bei dem ich stehen bleibe. Das muss doch hier
irgendwo sein, verdammte Scheiße! Am Ende, nachdem es schon etliche Male
geklingelt hat, finde ich es dann doch, auf der Bettdecke. Kaum habe ich es in
der Hand, drücke ich auch schon den Knopf, um den Anruf anzunehmen.
Montag, 3. Juli 2017
Anruf aus dem Nichts
Auf einmal klingelt das
Telefon. Ich habe gerade keine Schüler, also kann ich drangehen. Eigentlich
kann das ja nur einer sein. Eine. Ich krame das Handy aus der engen Hosentasche
und gucke auf das Display. Da steht es: Mari. Mari! Ja! Result!
Sonntag, 2. Juli 2017
Another Sunday Morning...
Vom Klo aufstehend ziehe ich
mir die schwarze Unterhose, die im Flur auf dem Boden liegt (wie ein
Vergewaltigungsopfer) wieder an, stelle den Stuhl mit dem Laptop in Flur, öffne
das Fenster an der Wohnungstür, das ich vorher auf Rücksicht auf die Empfindlichkeiten
meiner Nachbarn (die haben da, wo sich meine Klogerüche verflüchtigen würden,
genau ihre Küche) geschlossen habe, gehe am Herd vorbei, trinke etwas Hühnerbrühe
mit Knoblauchscheibchen direkt aus dem Topf, nehme diesen mit, stelle ihn mit
einer Flasche Mineralwasser (als Ausgleich zur salzigen Knoblauchbrühe) neben
meinem Bett ab, schließe den Computer wieder an und lege mich mit nacktem
Oberkörper davor. (Wo ist denn mein Trikot geblieben? Ach, egal!)
Freitag, 30. Juni 2017
H wie Hoffnungslosigkeit, Heulen und...
…aber dann kommt María an
dir vorbei…
Und du fühlst dich wieder
besser. Nur minimal, aber das reicht schon, um weiter zu leben, um wieder Hoffnung
zu schöpfen. Dieses Leben ist so Scheiße. Es zieht dich ganz tief runter und
gibt dir dann einen Funken Hoffnung.
Dienstag, 27. Juni 2017
Traumdeutung: Der Inder
(Bild: KI-generiert)
Irgendwoher
weiß er, dass das die Wohnung von Nadine ist. Aber das Zimmer ist irgendwie
komisch. Denn da sind gar keine Möbel. Kein Bett, kein Schrank, nichts. Es ist
einfach ein dunkles Zimmer, in dem María in der Ecke steht. Aber sie ist nicht
allein. Das ist auch noch dieser Inder. Der ein bisschen so aussieht wie der
Inder aus Emmerdale. Oder war
es Coronation Street? Keine Ahnung.
So ein Typ mit Glatze und Schnäuzer.
Sonntag, 25. Juni 2017
Nur ein feuchter Traum?
Deine Tochter ist schon weg,
schon auf dem Weg zur Schule, da kommt sie aus ihrem Zimmer. Gestern hast du
sie nicht gesehen, weil du schon am Schlafen warst. Weil sie erst um ein Uhr
nach Hause gekommen sind. Sie hat also hier übernachtet… Wie lange hast du sie
nicht mehr gesehen? Seit drei, vier Jahren, glaub ich…wenn nicht sogar noch
mehr. Wie alt ist sie jetzt…? Bestimmt schon um die 19, 20 (die war damals ein
bisschen älter als deine Tochter, und die ist ja auch schon 18½).
Samstag, 17. Juni 2017
Grüne Lämpchen am Ende des Tunnels
In M. steigt er extra ganz hinten
aus der Bahn aus. Dann brauch er nicht so weit zu laufen. Nur diesen langen Weg
an den Gleisen entlang und dann über die Schranke. Die um diese Zeit sowieso
nicht mehr zu geht. Neben ihm, hinter ihm steigen auch diese zwei Typen aus der
Bahn. Ausländer, Araber glaub ich, keine Ahnung, ob das Flüchtlinge sind. So
zwei junge Typen Anfang zwanzig, wenn überhaupt, mit Muskelshirts, aber ohne
die dazugehörigen Muskeln. Aber das ist ja egal, in diesem Alter. Am Anfang
will er sogar extra hinten rum gehen, durch die Unterführung, nur um denen aus
dem Weg zu gehen, weil die ihm komisch vorkommen. Aber dann entscheidet er sich
doch dafür, an ihnen vorbeizugehen. Die Faulheit siegt also am Ende. Oder die
Dummheit?
Die beiden bleiben an den
Gleisen, unter dem Pfeiler der geschlossenen Fußgängerbrücke stehen. Als er an
ihnen vorbeigeht, macht der eine so Affengeräusche. Wie ein Tier. Scheiße. Wenn
die ihm jetzt nachgehen…
Bis zum Bahnübergang sind es
ungefähr 200 Meter. Kein anderer nimmt diesen Weg. Nur er. Scheiße. Wenn die
mir jetzt hinterherkommen. Hier hört dich keiner schreien. Wenn du überhaupt
dazu kommst zu schreien. Mit deinem Laptop und deinem dicken Portemonnaie, dass
du auch noch dummerweise in der Gesäßtasche deiner Hose hast. Dafür sterbe ich,
für den Laptop… Hast du letztens auf der Arbeit gesagt. Zu Yasir. Ganz
großspurig. Aber auf der Arbeit hast du auch einen Alarmknopf. Und ein
funktionierendes Telefon. Bist du auf dem alten Telefon deiner Tochter (das du
bis auf weiteres mit dir führen musst, weil du blank wie der Arsch von Kim
Kardashian bist) die Nummer der Polizei gewählt hast, bist du schon lange tot –
es sei denn, du kannst sie zum Warten überreden. Hold on a sec, mate… Hier nicht, hier in freier Wildbahn, wo diese
beiden menschlichen Tiere deine Angst förmlich riechen können. Dann musst du
eben kämpfen, dich verteidigen. Du guckst du der leeren Bierflasche in der
Seitentasche deines Rucksacks. 8 Cent sind 8 Cent. Vielleicht könntest du dich
ja damit verteidigen. Vielleicht hat Gott dich die ja extra mitnehmen lassen.
Vielleicht hat Gott ja einen Plan mit dir. Oder ist alles nur Zufall, nur ein
einziger, brutaler Zufall? Du gehst schnell, extra schneller, damit du einen
Vorsprung hast, sollten sie doch noch hinter dir herkommen. Im Moment tut sich
zwar nichts, aber du weißt, dass sie dich im Ernstfall einholen würden. Du bist
nicht dünn und wendig wie sie, du bist ein Brecher; der am Ende seinen Mann
stehen und sich verteidigen muss. Du bist jetzt fast an der Schranke, fast am
Bahnübergang und traust dich gar nicht, dich umzudrehen, um nachzugucken, ob
die noch immer da stehen, unter den Stahlpfeilern, in sicherer Distanz? Das
Einzige, was du machen kannst, ist, in die Nacht hineinzuhorchen. Wie ein Hase,
mit seinen langen Ohren. Du gehst über die Schranke, über die breite Landstraße
und, auf der anderen Seite angekommen, denkst du: Wenn die jetzt kommen und
Ärger wollen, dann kriegen sie den ganzen Frust der letzten zwei Jahre, was sag
ich, der letzten zehn Jahre, ab. Aber es ist leichter, das auf der Arbeit zu
sagen, wo du gut behütet bist, da ist es leichter zu sagen: „Der soll ruhig
kommen. Dann kriegt er die ganze Wut, die ganze Frustration ab, die sich in mir
aufgestaut hat. Soll er ruhig kommen!“ Wahrscheinlich denkst du das eh nur,
weil du jetzt ziemlich sicher sein kannst, dass sie dir nicht gefolgt sind.
Kannst du das? Du bist mittlerweile beim Penny-Markt angekommen, gehst an dem Parkplatz
entlang, denkst: Hier sind überall Häuser. Wenn die dir jetzt doch noch
hinterherkommen, dann schreist du einfach wie bekloppt. Darin hast du ja Übung:
Das hast du schließlich deine gesamte Jugend Zuhause gemacht. (Was sollen denn
die Nachbarn denken – mir doch scheißegal! Ahhhhhhhh…) Dann gehst du irgendwo
rein, in einen dieser Hauseingänge und klingelst an allen Klingen Sturm –
solange, bis dir jemand aufmacht. Oder schreist mitten auf der Straße wie am
Spieß. Aber meinst du, dass dir wirklich jemand aufmachen würde, hier, in
dieser Seitenstraße, mitten in der Nacht in M.? Vielleicht würdest du gar nicht
dazu kommen, hier Sturm zu klingeln… Du gehst an einer Toreinfahrt vorbei und
denkst: Scheiße, hier könnte ich gar nicht klingeln. Wenn die jetzt kommen
würden müsste ich erst mal zum nächsten Haus laufen. Mitsamt Laptop und
Rucksack. Oder eben…kämpfen… Komm schon, du könntest das, nachdem du eben
diesen feurigen Hähnchen-Döner vom Türken. Den Griechen gibt es ja nicht mehr. Der hatte richtig Feuer dahinter. Da fingst du an zu schwitzen wie ein
Tier, in der Bahn. Das war dir schon peinlich, obwohl keiner bei dir auf/im
Sechser saß. Wie ein Tier! Sollen sie doch kommen! Trotzdem gehst du zügig über
die Hauptstraße unterhalb des Kreisels. Guckst dich noch ein letztes Mal um,
siehst aber niemanden. Selbst im Schein der Straßenlaterne auf der Ecke nicht.
Puh, das wäre geschafft!, denkst du, als du am Netto vorbeikommst. Die
Jugendlichen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Hier in M. Keine KKM!
KK-Mafia, mein fetter Arsch!
Fast bist du sogar ein
bisschen enttäuscht, haha. Dass du keine Chance hattest, deine angeschlagene
Männlichkeit in dieser lauen Sommernacht endlich mal unter Beweis zu stellen.
Ihnen den Kopf abzureißen und in ihren Hals zu pissen, diesen…
Um etwa zehn nach zwei
schließt er endlich die Wohnungstüre auf und ist Zuhause. Endlich! Doch kaum
ist er zur Tür rein, da fängt es in seinem Körper auch schon heftig an zu
drücken. Das hat er öfters. Kaum ist er da, muss er auch schon auf Klo. Aber
vorher noch schnell die Computertasche in Reichweite bringen, den Stuhl vor der
Kloschüssel in Stellung bringen und…das Internet einstöpseln – und das alles
mit zusammengekniffenen Arschbacken. Schließlich muss er ja noch nach seinem
Blog gucken. Doch dann sieht er plötzlich, dass das mit dem Internet gar nicht
mehr nötig ist. Denn alle grünen Lämpchen am Router leuchten bereits.
Komisch…ich könnte schwören…
…dass ich das heute
Nachmittag, als ich gegangen bin, ausgemacht hab. Um Strom zu sparen. Definitiv.
Da hab ich sogar noch daran gedacht, dass sich die Uhr am Herd nicht ausstellen
lässt und dadurch Tag und Nacht Strom frisst. Zwar nur kleine Mengen, aber das
läppert sich. Er ist sich fast 100%ig sicher, dass er den Internet-Stecker
rausgezogen hat. Oder war jemand hier? In seiner Abwesenheit? Werde ich langsam
etwa bekloppt? Er guckt sich um, bemerkt aber nichts Auffälliges. Außer das
Internet. Das hat er doch ausgemacht. Aber María hat doch gar keinen Schlüssel
– zumindest nicht für die Wohnungstür. Oder? Und wenn sie ihn nachgemacht hat?
Nein, das ist doch ein Sicherheitsschlüssel, den kann man doch gar nicht so
einfach, gar nicht so ohne Weiteres nachmachen lassen. Dazu brauch man doch die
Erlaubnis des Eigentümers. Oder nicht? Keine Ahnung.
…und wenn ihre Mutter den
nachgemacht hat. Und hier extra das Internet angelassen hat, um ihn in den
Wahnsinn zu treiben… Wie nennt man das noch mal in der Psychologie…? Gaslighting. Ja, Gaslighting, das ist es! Das kommt von irgendeinem Film, in dem ein
Verbrecher tatsächlich seine Ehefrau in den Wahnsinn treiben will oder treibt,
indem er permanent an ihrer Wahrnehmung zweifelt, Dinge verstellt
beziehungsweise absichtlich verlegt, ein ausgeschaltetes Router in der
Abwesenheit des Ex-Mannes wieder einschaltet etc… Oder eben die Existenz des
Gaslichtes, das Bella (was für ein schöner Name!) in dem Theaterstück sieht,
bezweifelt. Gaslighting eben. So
nennt man das in der Psychologie. Indem man dem Opfer, das wie er eh schon ein
bisschen labil ist, langsam den Glauben an die Dinge, so wie sie sind, an die
Realität selbst, nimmt.
Oder ist das doch nur Paranoia. Paranoia hervorgerufen durch die Realität seiner Trennung, die
sich nicht mit seinem Wunschdenken, seinen Sehnsüchten in Einklang bringen
lässt Es kann ja auch sein, dass er tatsächlich
vergessen hat, das Router auszuschalten, obwohl er sich felsenfest sicher
war, es ausgeschaltet zu haben. Um Strom zu sparen. Weil er Strom sparen will.
Weil er Strom sparen muss. Vergisst man dann so etwas? So etwas Wichtiges? Wenn
man die ganze Zeit daran denkt? Wenn man sogar noch an die ständig tickende Uhr
im Herd denkt?
Ich werd bekloppt, ich werd
langsam echt bekloppt, denkt er als er die grünen Lämpchen des Routers im
Dunkeln leuchten sieht.
Das ist ja hier fast schon
wie im großen Gatsby, wie das grüne Licht, das Gatsby meint auf der anderen
Seite des Sundes wahrzunehmen und das er mit seiner Geliebten, aber für immer
verlorenen Daisy assoziiert. Genau wie mit den beiden Typen eben. War das etwa
auch nur die Sehnsucht nach Gewalt, nach einem Befreiungsschlag – im wahrsten
Sinne des Wortes –, der Licht in das Dunkel seines Leben bringt…
…Morgen
laufen wir schneller, strecken die Arme weiter aus und einen schönen Tages, so
kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom. Und unablässig treibt es uns
zurück in die Vergangenheit…
Sie ist noch geblieben,
während ‒‒‒‒‒‒‒ schon weg ist.
Wie es ist
Auf dem Weg zur Arbeit liest
er Kämpfen von Karl Ove Knausgard und
denkt: Manchmal muss man das Leben einfach so beschreiben, wie es ist. So wie
das auch Knausgard in seinen Romanen macht. In Min Kamp. Und obwohl das auf Deutsch „Mein Kampf“ heißt und der sechste
und letzte Roman des Romanzyklus den Titel Kämpfen
trägt, geht es Knausgard nicht so sehr um den großen politischen oder
historischen Kampf, sondern mehr um den kleinen, alltäglichen „Überlebenskampf“.
Freitag, 9. Juni 2017
Mörderische Instinkte
(Bild: KI-generiert)
Dieser Typ kommt an die Bar.
Der Ex-Soldat, der früher sogar in Afghanistan war und der jetzt Pathologie
studiert. Oder Gerichtsmedizin? Oder ist das das Gleiche? Während ich ihm einen
Cappuccino Choco mache, sehe ich ein Insekt oberhalb der Spüle, unter der Bar.
Ich hole mit dem Spüllappen aus und treffe es. Der Ex-Soldat guckt mich
erstaunt an und ich sage zur Erklärung: „Da war ein Tier…“
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