Morgens, nachdem er sich sein tägliches
Fladenbrot geholt hat, kommt er an dem Gebäude vorbei, wo früher die ecuadorianische
Botschaft drin war. In Godesberg. Wie lange das jetzt schon her ist. Das war,
wo Bonn noch Hauptstadt war. Es fühlt sich wie ein halbes Leben an. Unglaublich
Damals ist er da hoch. Ganz alleine. Nadine
war da schon in Ecuador. Oder war sie noch hier? Noch in Neuss? Ich glaube
nicht. Bestimmt nicht mehr. Wie alt war er damals? Noch 19? Nein, er war schon
20. Wow, was für ein Unterschied. War er damals schon bei seinen Eltern
ausgezogen? Ausgezogen worden? Rausgeschmissen worden? Wohnte er schon bei
Rafael? Er war so sorgenfrei. Heute würde er sich so einen Kopf machen, um all
das. Um alles. Aber alles. Keine Ahnung, wo er diesen Mut hernahm. Er ging da
einfach hoch, in die Botschaft, die sich glaub ich im zweiten oder dritten Stock
befand und sagte zu dieser Frau, dieser Sekretärin, Frau Tomás hieß die glaub
ich, dass er eine Freundin aus Ecuador hatte, dass seine Freundin aus Ecuador
sei, was weiß ich, und was er tun müsste, um sie zu heiraten. Die guckte ihn
komisch an, denn er war – wie gesagt – gerade erst 20 geworden. Zwar ein
Erwachsener laut Gesetz, aber auch noch ein halbes Kind. Aber trotzdem sagte
sie ihm, dass er dafür ein Visum bräuchte. Ohne Visum ginge das nicht. Nur mit
Visum.
„Ok. Und was brauche ich dafür?“
„Sie brauchen…eine Bankbescheinigung,
dass sie über ausreichend Mittel verfügen…eine ärztliche Bescheinigung…ihre
Geburtsurkunde…
…und keine Ahnung was noch für Papiere.
Und dann wusste sie nicht, was das für
ein Visum sein sollte. Was sie da reinschreiben sollte. Ein Touristenvisum? Zum
Heiraten? Nein. Und dann ging sie nach hinten und fragte den Botschafter, oder
ihren Vorgesetzten, was sie da reinschreiben solle: ¿para contraer matrimonio? Um die Ehe zu schließen? Er verstand das
alles, denn er war ja nicht doof, nur jung, und er konnte Spanisch. Hatte er
alles mit Nadine gelernt. Er sprach ja fast nur Spanisch mit ihr. So viel, dass
sie ihn beim Bund schon den Spanier nannten. Der „Spanier“, wie später der
Gladiator. Er fand das, ähnlich wie Frau Tomás, reichlich kurios: Da
reinzuschreiben „zur Eheschließung“. Was, wenn…? Dachte er das oder sie? Oder
beide?
Was, wenn die Eheschließung aus
irgendeinem Grund nicht zustande kommen würde…? Was wäre dann mit seinem Visum?
Also sagte der Botschafter, dass sie ein
Touristenvisum ausstellen solle. Und fertig. Dass das besser sei. Wenn er als
Tourist einreisen würde. Selbst wenn er als verheirateter Mann ausreisen würde…
Dann wäre der offizielle Grund „turismo“ trotzdem
besser. Für alle Fälle.
Aber es gab natürlich noch Hindernisse.
Einmal das Teil von der Bank, den Wisch von der Bank. Den konnte oder wollte ihm
der Bankangestellte zuerst nämlich gar nicht ausstellen. Oder zögerte
zumindest. Weil, so viel Geld konnte er ja gar nicht auf seinem Konto haben,
obwohl er beim Bund ein Wehrpflichtigen-Gehalt bezogen hatte, und ich glaube
auch eine Abfindung, die gar nicht so schlecht war. Aber das war natürlich
nicht so viel, dass die einem Zwanzigjährigen einfach so das ausstellen
könnten, so ohne Weiteres. Aber zum Glück war das die Stammbank seines Vaters
und der kannte den Filialleiter, der ihn entweder erkannte oder seinen Namen
erkannte, oder was auch immer – auf den Fall stellte er ihm die Bescheinigung
aus. ü
Erledigt.
Jahre später, als er schon weit über 10
Jahre verheiratet war und Nadine die Geschichte schon etliche Male erzählt
hatte, so dass sie sie fast schon auswendig kannte, sagte er immer: Eigentlich
hätten wir dem denken sollen. Eigentlich hättest du dem danken sollen. Weil
ohne den wären wir gar nicht verheiratet. Wenn der mir nicht das Papier
ausgestellt hätte, beziehungsweise das autorisiert hätte, hätte ich kein Visum
bekommen, wäre nicht nach Ecuador geflogen, hätte dich nie geheiratet, hätte
María nie bekommen…
(…und wir wären nie geschieden worden)
Schon damals hat sie da immer irgendwie
komisch drauf reagiert. So als ihr das egal wäre, so, als ob sie jeden Moment
sagen würde „Na und?!“ Manchmal fast schon so, als wolle sie sagen: Vielleicht
wär das besser gewesen. Da war keine Dankbarkeit, so viel ist sicher. Schon
damals nicht
Das zweite Hindernis war die ärztliche
Bescheinigung. Denn sein Hausarzt, bei dem er glaub ich vorher noch nie gewesen
war (das letzte Mal war er glaub ich noch beim Kinderarzt gewesen!), hatte
keine Ahnung, was er da eigentlich ausstellen sollte – und das trotz seines
hohen Alters und seiner reichen Erfahrung als Arzt.
„Was soll ich da reinschreiben?“
Ich schüttelte nur die Schultern. Ich
kann Ihnen das nicht sagen. Sie sind der Arzt. Aber am Ende stellte er
irgendein Attest aus, wobei er feststellte, dass ich einen krummen Rücken
hatte. Schon mit Anfang 20. Geil.
Aber es gab noch ein Problem. Denn die
Geburtsurkunde, oder was auch immer das war, wofür ich im Stadthaus war…
„Ich möchte heiraten…“ (Hatte ich das
wirklich gesagt?)
…da war die falsche Unterschrift drauf.
Das heißt nicht, dass ich eine Unterschrift gefälscht hatte, um das Papier zu
bekommen. Nein, dafür war ich viel zu sehr „aus dem Nest gefallen“. Um
Unterschriften zu fälschen… Aber die hatten in der Botschaft eine Liste mit
allen Stadtbediensteten und da war die Frau zwar aufgeführt, hatte aber eine
komplett andere Unterschrift. Und das passte Frau Tomás überhaupt nicht, dafür
war sie wahrscheinlich schon zu lange in Deutschland gewesen, um so was zu
tolerieren. Also sagte sie in ihrem nicht akzentfreien, aber doch ziemlich
guten Deutsch: Die kann doch nicht einfach so ihre Unterschrift ändern… Das
geht doch nicht. Wir sind doch schließlich noch in Deutschland. Und nicht in
Ecuador (Letzteres sagte sie natürlich nicht, dachte es aber vielleicht).
Wieder zuckte ich nur mit den Schultern
und als sie immer noch nicht locker ließ, sagte ich nur lakonisch: Ich habe
keine Ahnung, warum die anders ist, aber die hat das so unterschrieben.
Ich hatte damals wirklich noch keine
Ahnung von gar nichts, aber heute frage ich mich, ob man jemals mehr Ahnung
hat, von den Dingen, vom Leben.
Auf jeden Fall mussten die mir am Ende
natürlich das Visum ausstellen und ich fuhr mit dem Fahrrad, mit meinem alten
Mountain-Bike, eine Größe unter Erwachsenengröße (obwohl ich 1,80 groß war),
mit dem ich Nadine auch immer in der Altstadt besucht hatte, zurück nach Kessenich,
wo meine Eltern wohnten.
Zufrieden und zweifelnd, ob das das
Richtige war, was ich hier tat?
Bis heute habe ich keine Antwort auf
diese Frage. Vielleicht gibt es die auch nicht