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Samstag, 30. Juli 2016
Weltmeister im Leiden
Er guckt diese spanische
Serie, El ministerio del tiempo, oder
auf Deutsch das „Ministerium der Zeit“.
Da wo die in der Zeit rumreisen, um berühmte Persönlichkeiten der spanischen
Geschichte zu retten. Don Quijote, Picasso, Dalí, Lorca, den Cid. Und in einer
Folge sagt der Leiter des Ministeriums zu einem seiner Mitarbeiter, der noch
immer schwer am Tod seiner Frau in einem Verkehrsunfall zu knabbern hat: „Du
glaubst von dir selbst, du bist der campeón
del sufrimiento, der Weltmeister des Leidens, der Weltmeister des Leides...im
Leiden.
Und irgendwie ist dieser
Satz hängengeblieben. Irgendwie. Kommt immer wieder hoch. Und wenn ein Satz
hängen bleibt, dann ist er wichtig. Nicht nur, weil du immer noch das
Ministerium der Zeit guckst. Und wenn etwas immer wieder hochkommt…dann will es
raus.
Das ist so wie das, was Stephen
King über das Schreiben und die Ideen für neue Geschichten gesagt hat. Er
schreibt sich nie etwas auf. Selbst wenn er eine grandiose Idee hat… Erst, wenn
eine Geschichte sich ihm aufdrängt, wenn er immer wieder daran denken muss,
wenn sie eben „hängen bleibt", dann ist sie wichtig genug, von ihm
niedergeschrieben zu werden.
Und bei dir ist das dieses
Gespräch aus der Serie. Dieser Satz: „Miguel…du denkst, du bist der Weltmeister
im Leiden."
Du bist auch so ein kleiner Weltmeister
im Leiden. Denkst, du wärst der Einzige, der Probleme hat. Der Einzige auf
dieser Welt. Der Einzige, der ein Opfer ist. Der Einzige, der Post after Post
darüber schreibt, wie sehr ihn das Verlassenwerden, der Verrat seiner Ex verletzt
hat. Der Einzige, der allein ist, der einsam ist, der niemanden hat, dessen
Leben Scheiße ist…
Aber das bist du nicht, genau
wie der Typ aus der Serie das nicht ist – obwohl er es glaubt. Du bist
eigentlich gar nicht allein. So toll bist du auch nicht. Dass du der Einzige
wärst. So besonders. Denn es gibt ganz viele Weltmeister im Leiden. Alle auf
Platz eins. Alle ganz oben auf dem Treppchen. Alle haben eine Goldmedaille,
einen Pokal, eine Urkunde…
Und alle sitzen alleine im
stillen Kämmerlein.
Und genau da liegt das
Problem: Wir leiden alle allein. Wir sitzen
alle im stillen Kämmerlein und leiden alleine vor uns hin. Schreiben uns unsere
Sorgen vielleicht sogar auf. Führen ein Leidens-Tagebuch, ein Sorgenbuch, ein
Angstbuch. Oder machen uns die ganze Zeit Gedanken. Tagein, tagaus. Denken
immer wieder über alles nach. Über alles und jeden. Jede Kleinigkeit. Jedes
Detail löst in uns wahre Gedankenströme aus, Gedankenfluten, die wir nicht
lösen können – alleine. Und genau deswegen, weil wir es doch versuchen (obwohl
wir wissen, dass wir es nicht können), kommen die Gedanken immer wieder hoch.
Wir sind sozusagen psychische Wiederkäuer, jeder für sich alleine. Weil wir uns
schämen, für das, was wir sind, was wir geworden sind, was wir falsch gemacht
haben, einfach für alles. So sind wir. Wir campeones…
campeones…! Wir trauen uns nicht, uns zu verbinden, zu anderen Leidenden,
anderen Weltmeistern in Kontakt zu treten, Networking zu betreiben, wie man das
Auf Neudeutsch so schön nennt.
Wir sitzen lieber alleine im
stillen Kämmerlein und leiden vor uns hin. Weil man uns schon von klein auf
darauf abgerichtet hat, genau das zu tun. Wir erzählen unsere Probleme
niemandem. Weil wir niemanden haben (und sagen Sie nicht, man hat immer jemanden, denn das stimmt nicht…immer).
Er zum Beispiel hat niemanden und er ist bestimmt nicht der Einzige auf dieser
Welt. Er ist bestimmt nicht der (einzige) Weltmeister im Leiden. Bestimmt ist
er nur Durchschnitt. Kreisklasse. Regionalliga.
Nur Leute, die leiden, die
reden nicht einfach so über ihr Leid, die binden das nicht jedem gleich auf die
Nase, die tun so als ob, die halten die Fassade aufrecht, die schweigen lieber.
Oder sie blitzen immer wieder ab, weil ihnen eh nicht zugehört wird. Weil sie
unangenehm sind, aufdringlich, nicht „normal“, penetrant, nervig, zu intensiv,
anstrengend, zu sensibel und weil sie einen wütend machen. Weil die Leute das
nicht hören wollen. Fick die Leute! Die Leute wollen nicht hören, was sie zu
sehr an ihren eigenen Leidensweg erinnert, an ihr eigenes Scheitern. Sie wollen
„schöne“ Geschichten hören. „Nette“ Geschichten, am besten mit Happy End! Sie
wollen den Scheiß nicht hören, das Leiden anderer Weltmeister im Leiden. Das
ist so, wie das, was dein Vater dir im Krankenhaus gesagt hat, damals. Der
doppelte Bypass hält ihn doch nicht davon ab, dich noch runterzumachen. Oder?!
Ihn doch nicht! Auf dem Sterbebett würde er wahrscheinlich noch sagen: „Sohn,
du bist nichts. Du hast niemanden. Deine Frau ist weggelaufen…und um ehrlich zu
sein: Ich kann sie verstehen! Selbst deine Tochter besucht dich fast nicht
mehr.“ Auf jeden Fall, damals im Krankenhaus, da sagte er wortwörtlich, mit
diesem abfälligen Tonfall, den du nur allzu gut aus deiner Kindheit und Jugend
kanntest: „Das will doch keiner lesen, was du schreibst. Die Leute wollen
„schöne“ Geschichten. Und nicht das.“ Ein Mann, der in seinem Leben keine fünf
Bücher gelesen hatte, sagte dir was gute Literatur ist. Der du tausende von
Seiten auf Englisch und Spanisch gelesen hast! Sagte dir, was die Leute wollen.
Als ob du ein kleines Kind wärst. Als ob du nicht Literatur studiert hättest.
Und das Beste ist: Du hast es dir zu Herzen genommen. Wie so viel, was du dir
nicht hättest zu Herzen nehmen sollen. Es aber getan hast. Es runtergeschluckt
hast, wie eine Prostituierte Sperma, obwohl du nicht wolltest, obwohl du es
hättest eigentlich besser wissen sollen…müssen.
Aber so sind wir. Wir
Leider. Wir sind Masochisten. Nicht im sexuellen Sinne, wie sein Kollege, Herr Baden, das einmal hervorgehoben hat, nachdem er seine Leidensgeschichte genüsslich
zu Ende gehört hatte.
Und die anderen? Die, die
nicht oder nur wenig leiden, die sind keine Masochisten. Wenn schon, dann
Sadisten. Die sind eine Masse, ein Block. Die halten zusammen. Die haben
Freunde. Die haben Familie. Die haben Bekannte. Die haben Geliebte. Die finden
schnell Anschluss. Oder zumindest kommt es uns in unserem unendlichen Leid so
vor. Die lachen gemeinsam, die feiern, die gehen raus, die geben sich ihre
Telefonnummern, rufen sich an, die genießen das Leben. Weil sie „locker“
bleiben. Weil sie „cool“ sind. Weil sie nichts an sich heranlassen. Weil sie
sich für nichts einen Scheiß interessieren. Das kratzt die einfach nicht. Egal,
wie sehr wir denken, dass es sie genauso berührt wie uns, das tut es nicht!
Egal, wie sehr wir denken, dass sie genauso über die Dinge nachdenken wie wir,
das tun sie nicht. Oder wahrscheinlich nicht.
Und wir sind weiter alleine,
ganz alleine, unverstandene Weltmeister im Leiden. Jeder für sich. Keiner weiß
vom anderen, obwohl er ihm vielleicht helfen könnte. Ihn vielleicht anders als
Eltern, Kinder, Freunde, Bekannte, Verwandte verstehen könnte. Und so sitzen
wir da, jeder für sich, jeder in seinem Gefängnis, jeder am Leiden wie ein
Weltmeister. Weil wir arm sind. In der Spaßgesellschaft. Weil wir nicht wissen,
wie wir über die Runden kommen sollen…weil wir Schulden haben…keine „schöne“
Wohnung…kein Haus…keine Yacht…kein Auto…weil wir einsam sind…weil wir niemanden
haben, der uns zuhört, uns tröstet, uns berührt, uns fickt…weil wir schüchtern,
gehemmt, verklemmt sind… weil wir hässlich sind…oder das denken…weil wir überhaupt
immer zuerst daran denken, was die anderen über uns denken könnten (ohne das
natürlich genau zu wissen)…weil wir gemobbt worden…werden…ignoriert
werden…nicht für „voll“ genommen werden (obwohl wir doch voller Alkohol oder
Drogen sind)…weil wir Außenseiter sind…Opfer von Missbrauch…weil wir verlassen
worden…viel zu früh verlassen worden…von allen guten und schlechten Geistern verlassen
worden…nicht geliebt worden…weil wir ein Kindheitstrauma haben…weil wir anders sind…trauriger…depressiver…bipolarer
…schizophrener…mutistischer…ach, einfach anders (und jetzt lass mich in
Ruhe)…weil wir nicht dazugehören (das noch nie getan haben)…weil wir keine
Freunde haben…keine netten Nachbarn…weil wir arbeitslos sind…weil wir die
falsche Arbeit haben…weil wir ständig unglücklich sind (wer will schon mit „so
jemandem“ zusammen sein, geschweige denn reden?!)…weil wir Arschlöcher
sind…weil wir gemein sind…richtig fies…weil wir alt sind…oder
werden…gebrechlich…weil wir Angst vor allen haben…weil wir Angst vor dem Tod
haben.
weil wir…
…kreativer sind…
…schlauer
…schöner…
…sensibler
…intelligenter…
…feingeistiger…
…weiser…
…ehrlicher…
...nachdenklicher…
Boah, wenn wir aufhören
würden zu leiden…
Wir alle…
Oder zumindest mit all
unserem Leid, unseren Sorgen, unseren Ängsten nach oben kommen würden, wenn wir
alle hochkommen würden aus dem stillen Kämmerlein…
…an die Oberfläche…
…an die Öffentlichkeit…
Wenn wir alle unsere
Geschichte erzählen würden…
…boah…
…dann…
Freitag, 29. Juli 2016
Marina Joyce Mystery
Heute hast du frei – obwohl:
von deinem Kopf hast du ja nie frei. Also stehst du um 9 Uhr auf und gehst auf
Klo. Et drückt. Wenn et drückt, dann musst du…kacken (und das ist nicht
witzig). Das heißt: Erst mal musst du pissen, denn Pissen kommt immer vor dem
Kacken. In letzter Zeit bleibt dazwischen auch irgendwie immer weniger Zeit,
denn…et drückt. Also streifst du dir die Unterhose runter, kneifst die
Arschbacken zusammen, holst schnell in kleinen Trippelschritten den Laptop, und
dann den Hocker, den du auf den Küchenstuhl vor der Kloschüssel stellen musst,
damit der Laptop ungefähr auf Augenhöhe steht. Ich weiß, das klingt nicht so,
aber das hat System! Schaffst es gerade so noch, bevor es losgeht. Ach ja, Pipi
hast du übrigens schon gemacht – trotz Morgenlatte. Und noch bevor du den
Computer angeschaltet hast, geht’s los (die Details erspare ich Ihnen jetzt…).
Danach wischst du dir den Arsch ab und willst dich eigentlich anziehen, um
Laufen zu gehen. Aber als du wieder in deine Unterhose und die dazugehörige
Blümchenshorts schlüpfst, hörst du schon das Plätschern draußen. Scheiße, es
pisst. Scheiße! Und das tut es wirklich…und wie… In Strömen. Das ist echt voll
der Dschungel hier, in Deutschland. Also wartest du und gehst dann Laufen. Mit
Regenschirm. Durch den Wald. Durch den deutschen Psychoregen (nicht genug, um
den Schirm aufzumachen und zu viel um den Schirm zuzumachen). Das ist echt, als
würde da oben jemand sitzen, der exklusiv dich ärgern wollte…
Nach dem Laufen jib et Frühstück.
Kalte Hühnerbrühe von gestern (die kühlt ab und du schwitzt nicht so viel in
die Pfanne mit den Rösti-Ecken und den restlichen Knusper Gockelchen rein.
Obwohl das voll geil ist: Denn jedes Mal, wenn ein Schweißtropfen von deiner
Stirn in die Pfanne fällt, zischt das Hammer…
Nach dem Essen schläfst du ein
bisschen (so ungefähr zwei Stunden), wachst dann langsam auf und liest die
Bild. Stößt auf diesen Artikel über Marina Joyce, diese Mode- und Schmink-YouTuberin,
die in letzter Zeit so seltsam sein soll. In ihren Videos. Das musst du
natürlich gleich recherchieren. Also auf zu YouTube. Und das stimmt irgendwie.
Die ist schon komisch, obwohl die eigentlich voll geil aussieht. Für eine
Engländerin zumindest. Wie hat das dein Kumpel Miro damals in Schottland so
gewählt ausgedrückt: „Die Frauen sehen hier alle aus wie Schnitzel.“ Also, wie
ein Schnitzel auf Beinen sieht die nicht so richtig aus, mit ihren riesigen,
blauen Augen. Aber glücklich auch nicht, wie sie dieses Kleid im Garten dieses
typisch englischen Backsteinhauses in der Vorstadt von London präsentiert.
In dem Video Date Outfit Ideas. Manchmal bekommt ihr Blick so etwas Abwesendes, etwas Ängstliches, was
irgendwie voll krass wirkt. So als wär sie nur halb da. Die Diskussionen um
diese Videos schossen tatsächlich so ins Kraut, dass die sogar die Polizei gerufen
haben. Die war dann wirklich bei der (mehrmals!), um sich zu vergewissern, dass
es der wirklich gut geht. Die Polizei hat auch nichts Besseres zu tun, denkt
er! Vielleicht sollte er die mal seiner Tochter empfehlen, die ist wirklich
nicht schlecht. Aber schon krass, wie die guckt. Augen riesig und diesen vagen
Ausdruck von Angst, Unsicherheit im Blick. Spannend! Er liest: Manche
spekulieren, dass sie Drogen nimmt, weil sie auf verschiedenen Raves gesehen
wurde. Andere sagen, sie sei schizophren (Hammer, auf was die Leute kommen,
ohne jemanden wirklich zu kennen oder irgendwelche gesicherten Diagnosen zu
haben. Krass, ne!? Dass sie misshandelt wird…von ihrem Freund, ihrer Familie,
ihrer toten Großmutter, suchen Sie sich was aus. Da ham sogar welche behauptet,
die sei von dem IS entführt worden und solle möglichst viele Follower an einen
Anschlagsort locken. Geil, ne?! Und das Geilste ist: Wenn du das so liest,
denkst du: Boah, da bin ich ja sogar noch relativ normal… Relativ. Alles ist relativ.
Oder um deinen Vater zu zitieren: „Pervers ist eine Abweichung von der Norm,
aber wer kann die Norm schon bestimmen…?!“ Da war er immer ganz stolz drauf, auf
diesen Spruch, obwohl der heute, jetzt im Nachhinein schon ziemlich gruselig
daherkommt (nur so am Rande…). Du guckst dir einen fetten Typen mit
undefinierbarem Akzent (ist der jetzt Engländer oder nicht?) an, der über alles
Mögliche spekuliert (dass er nicht noch den Geist der toten Großmutter aus der
Truhe holt, ist schon fast ein Wunder!). Aber irgendwie überzeugt dich das
alles noch nicht – ist aber spannend genug, um nicht wieder einzuschlafen.
Boah, früher hatte ich ein Leben! (Nein, hattest du nicht, da hast du genau das
Gleiche gemacht, an deinem freien Tag! Okay…). Also guckst du dir noch ein Video
von ihr selbst an (nicht von irgendwelchen fetten, undefinierbaren
Kommentatoren, die sowieso nur Scheiß labern). Und dieses Video hat es in der
Tat in sich. Du weißt nicht, was du davon halten würdest, wenn sich deine
Tochter diese YouTuberin angucken würde – obwohl der britische Akzent so geil
ist und die Alte auch nicht schlecht (Anfang 20, kleine Tittchen, tiefblaue
Psychoaugen, ein hübsches Gesicht…). In dem Video, das den für Schmink- und
Modetipps eher untypischen Namen Near Death Experience trägt, sitzt Marina Joyce in ihrem (?) Schlafzimmer, auf
ihrem Bett (nein, das ist kein Porno-Video, eher genaue Gegenteil davon!),
neben sich den Laptop. Auf dem Bett liegt eine violette Decke, die perfekt zu
dem etwas helleren, aber ebenfalls violetten Wollpulli, den Marina trägt,
passt. Im Hintergrund ist ein Katzenkissen, das einen mit großen Augen
anzustarren scheint (ich mag Katzenmenschen, auf jeden Fall besser als Hunde!).
Marina trägt eine rote Rosa hinter dem Ohr, ihre Haare sind wie immer perfekt
frisiert und ihre blauen Augen werden durch die schwarze Umrandung noch blauer.
Aber das ist kein Schminkvideo. Das wird dir schnell klar! Sie scheint echt
aufgewühlt zu sein, redet von seltsamen, verrückten Erfahrungen, die sie vor
kurzem gemacht hat, ihrem „geheimen Leben“, der Absurdität…ja, von was
eigentlich! Und das ist der Trick: Das sagt sie nämlich in 9:23 nicht!
Stattdessen sagt sie, dass sie im Februar geboren ist. Wassermann, wie du! Dat
sinn die schlimmsten. Aber irgendwie kannst du dich auch mit dem
identifizieren, was sie sagt. Marina Joyce, die Schminktante aus London! Aber
wenn sie davon redet, dass sie stärker dadurch geworden ist, was sie durchgemacht
hat, aber was sie nicht genau sagen will. Und zu heulen anfängt. Also: Entweder
sie ist eine gute Schauspielerin oder… Das willst du dir gar nicht ausmalen,
daran willst du gar nicht denken. Sie fühlt sich so alleine (genau!), da nur
sie alleine weiß, wie hart diese Erfahrungen waren (I’m feeling you, Marina, I really do!). Mich versteht auch keine Sau,
wie sehr ich unter der Trennung von meiner Frau gelitten habe, keine Sau, echt,
so als hätten die alle keine Gefühle oder ich zu viele oder keine Ahnung. Wie hart ich kämpfe, um eine stärkere Person
zu werden…wem sagst du das, Schnucki?! Ne, aber echt, ernsthaft… Du warst
zwar nie, wie Marina Joyce sagt, the happiest
person in the world, auch früher nicht, wo du noch halbwegs ganz warst,
halbwegs whole. Wild mit den Armen
gestikulierend, sagt sie mit dramatischer, tränenreicher, ja fast schon
hysterischer Stimme: …das Gefühl, dass
ich nicht mehr am Leben wäre... Und dich beschleicht auch so ein Gefühl:
Nämlich, dass sie über den Tod redet. Und darüber, wie man sich fühlt, wenn man
weiß, wenn man sich bewusst wird, dass man sterben muss, dass das Leben endlich
ist. Dass man einfach irgendwann nicht mehr da ist. Das kannst du schon
verstehen, selbst, wenn das nicht echt ist, wie manche Kommentatoren behaupten.
Selbst dann, dann ist das schon eins der echtesten Gefühle, die es gibt, Im
Leben. Also, warum sollte das nicht echt sein, warum sollte die das nicht
fühlen dürfen?! Nur, weil sie Schmink-, Dating- und Modetipps gibt?! The meaning of life, sagt sie, die Bedeutung des Lebens…es ist die Kunst,
die dich möglicherweise retten kann…Leute können über Depressionen, über PTSD, über Angststörungen oder Panikattacken hinwegkommen…wenn
sie sehen, wie schön das Leben ist… Die Kunst kann Leute retten… Weiß nicht…aber...
Du guckst dir die Kommentare
an und findest einen, der sagt, dass sie weiß, worüber Marina redet. Nämlich,
dass sie ANGST VOR DEM TOD hat (und die Großbuchstaben sind nicht von mir,
sondern von der Autorin des Kommentars!). Und du denkst: Hey, stimmt! Das hast
du auch gedacht, als du das gehört hast! Hey, du bist nicht der Einzige, obwohl
du das immer denkst. Du bist nicht der campeón
del sufrimiento, wie das letztens dieser Typ, der Leiter des „Zeitministeriums“
in der gleichnamigen spanischen Serie gesagt hat. Du bist nicht der Weltmeister
im Leiden. Alle leiden. Wir alle leiden. Ihr
alle leidet! Unter dem Tod, unter der Liebe, unter den Gefühlen oder dem
Ausbleiben derselben. Darunter, dass wir sterblich sind, dass wir irgendwann
gar nicht mehr da sind, überhaupt nicht mehr, nie wieder
Ach ja, irgendwo dazwischen,
irgendwo zwischen schlafen, auf den Klo gehen, essen, laufen hast du auch noch
die Mail deiner Tochter gelesen: Komme
erst am Samstag, spät. Auf Deutsch: Sonntag ist auch nicht drin. Also erst
Montag, wie das Wechselmodell das vorsieht. Bin begeistert. Ne, aber echt: Ich
liebe es von meiner Frau und Tochter getrennt zu sein…!
Aber wenigstens hat das
einen Vorteil. Du musst keine Antwort mehr schreiben…
Wenn das jetzt deine Tochter
wär, Marina Joyce meine ich, dann würdest du dir echt Sorgen machen…warum
machen sich die ihren Eltern eigentlich nicht?! Oder machst du dir zu viele...
Obwohl: Fürsorge ist ein klares Zeichen, das man kein Narzisst ist. Zumindest kein hoffnungsloser, haha...
Mittwoch, 27. Juli 2016
Mein Lachen
KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz
Ich hab heute voll oft
gelacht.
Mit mir selbst.
Über mich selbst.
Mit mir selbst.
Obwohl ich eigentlich nichts
zu lachen habe.
Ich liege auf dem Bett,
unserem alten Doppelbett, in dem ich früher mit Nadine lag, und spiele mit
meinem Penis.
Und lache.
Laut. Allein. Im Bett. Über
nichts.
Wie ein Bekloppter.
Ist aber auch lustig:
Im spanischen Fernsehen, das
schon seit gut 4 Stunden auf dem Laptop läuft (sehen Sie, ich habe ein Leben!)
sagen die, dass auf den Kanarischen Inseln die Aloe-Vera-Pflanze die am
zweitmeisten konsumierte Pflanze ist – nach dem Marihuana.
Und ich lache.
Und kraule weiter.
Lache und lebe.
Weiter.
Alleine.
Imma wigga.
Imma wigga, nigga.
Keine Angst, der Wahnsinn
ist nahe.
Hoffentlich.
Aber lachen hilft echt. In
letzter Zeit erwische ich mich immer öfter dabei, dass ich lache. Über mich selbst.
Mit mir selbst oder einfach nur lache. Immer öfter. Das könnte ja jetzt
bedeuten, dass ich echt langsam bekloppt werde, aber auch, dass ich auf dem Weg
der Besserung bin. So unwirklich das klingt. Lachen ist gut.
Seinen Penis und seine Eier
kraulen auch.
Das macht der Hund meiner
Eltern auch. Wenn er das Kissen bespringt und pusht und pusht und pusht
Und ich twittere und poste
wie ein Bekloppter. Das ist echt nicht mehr normal.
Ist das etwa mein Leben.
Nicht nur mein Leben ohne
Nadine, sondern MEIN Leben.
Wer weiß das schon.
Et jeet imma wigga
Nigga
Labels:
Galgenhumor,
Leben,
Neubeginn,
Selbstbefriedigung
Standort:
Deutschland
E-Mail von ihm
Überwältigt von der
unerwarteten E-Mail seiner Tochter aus dem Urlaub, antwortet er natürlich
direkt. Keine zwei Tage später (ich hab die nicht gesehen, die E-Mail, wirklich, ich war
so mit dem Terror beschäftigt…außerdem hatte ich Angst, das Postfach zu öffnen und
feststellen zu müssen, dass sie mir gar nicht (buhuuu!!!) geschrieben hat, dass
sie mich einfach vergessen hat…). Also macht er sich direkt daran, eine Antwort zu verfassen.
Fehler!
Großer Fehler!
Viel zu schnell!
So weiß sie direkt, dass er
verzweifelt ist…wie verzweifelt er ist…dass er kein eigenes Leben hat.
Hat er ja auch nicht.
Dass er Angst hat, sie zu verlieren, sie auch noch zu verlieren, nachdem schon ihre Mutter gegangen ist...
Hat er ja auch.
Aber das musst du, äh, er ihr ja
auch nicht auf die Nase binden, oder?!
Er schreibt: Wann genau bist du denn wieder zurück? Schon
am Freitag? Oder erst - wie ich befürchte - am 30.? Habe dich vermisst - beim
Einkaufen besonders!
Natürlich will er – nachdem
sie zwei ganze Wochen weg war direkt Zeit mit ihr verbringen. Und nicht erst am Montag. Obwohl er genau weiß, dass er
am Wochenende arbeitet.
Aber am Sonntag nicht.
Man muss das Wechselmodell
ja nicht so bierernst nehmen, oder?! So am Wochenende mit ihr Laufen gehen, das
wär doch nicht schlecht (obwohl die dich tötet, beim Laufen!). Außerdem hab ich
ja auch nichts gesagt, als ihre Mutter sie für zwei Wochen nach Griechenland
entführt hat. Zu den Griechen und ihren komischen Vorlieben. Den alten Knabenführern
(boah, klingt das faschistisch, „Knabenführer“!), Erfindern der Päd…agogik.
Ihre Mutter hat sie ja jetzt zwei Wochen gesehen. Da kann sie ja die nächsten
vier Werktage (wie regulär!) + das Wochenende bei mir sein. Schließlich hab ich
sie ja geschlagene zwei Wochen nicht gesehen…
(Wahrscheinlich hat sie auf
keinen von beiden mehr Bock, aber das kann sie sich halt nicht aussuchen, da
muss sie jetzt durch – nur zur Erinnerung: ihre Mutter wollte die
Trennung/Scheidung, nicht ich!)
Ist das „wie ich befürchte“ nicht süß. Ein
bisschen gestelzt, aber doch süß.
Oder doch ein weiterer Marker
seiner Unlockerheit, Uncoolheit, seiner…Verzweiflung…seiner Angststörung…haha?!
Genauso süß wie das „hab dich vermisst“. Da hast du dich mal
wieder selbst übertroffen! Ich bin begeistert!
Aber findet eine 17-Jährige
das cool, so was von ihrem Vater zu hören?!
Aber er hat ja direkt ein cooles,
nonchalantes, lockeres, witziges, fast schon hippes „besonders beim Einkaufen“ angefügt.
Wie soll sie denn das
verstehen, dass er sie besonders beim
Einkaufen vermisst hat? Sonst nicht?! Sonst etwa nicht?! Und überhaupt:
Warum besonders beim Einkaufen. Sowas
sagt man doch einem Teenager nicht
Ach, scheiß doch drauf
Labels:
Angst,
Kommunikation,
Leben,
Schweigen,
Terror,
Trennung,
Urlaub,
Vater-Tochter-Beziehung,
Vatersein,
Wechselmodell
Standort:
Deutschland
E-Mail von dir
KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz
Inmitten all des Terrors,
all der falschen und echten Alarmmeldungen, all der Gewalttaten in Deutschland
und Frankreich hat er fast übersehen, dass seine Tochter ihm geschrieben hat.
Seine Tochter hat ihm geschrieben!
Seine Tochter!
Seine Tochter!
Aus dem Urlaub.
Juhu!
Dienstag, 26. Juli 2016
Je suis: Toter Priester
KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz
Er kommt kurz vor sieben nach
Hause, macht sich zwei Brote mit Fisch zum Abendessen. Und Ravioli. Schaltet
das Zweite ein.
Und sagt die heute
Moderatorin diesen Satz: Schon wieder Terror. Diesmal in Frankreich. Ein
Priester wird getötet. Und selbst die Moderatorin sieht geschockt aus, hört
sich geschockt an, als sie das sagt. Das hört man an ihrer Stimme
Standort:
Deutschland
Montag, 25. Juli 2016
Allein bei Aldi
Heute geht er Einkaufen. Zum
ersten Mal seit seine Tochter weg ist. Im Urlaub in Griechenland. Allein mit
ihrer Mutter. Ohne ihn.
Aber was soll er auch machen? Wenn er schon kein Leben hat? Verhungern? Wohl kaum. Also
geht er einkaufen. Wie er es sonst auch immer montags tut. Nur dann mit seiner
Tochter. Das ist eines dieser alltäglichen Rituale, über die man nur nachdenkt,
wenn etwas anders ist…
Labels:
Essen,
Essstörung,
Genuss
Standort:
Deutschland
Terror-Brennpunkt, Selbstfindung und saubere Wäsche
KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz
Ich liege nur in Unterhose
im Bett. Das reicht heute locker. Und trotzdem schwitze ich. Wie ein Schwein,
die ganze Stirn ist nass. Das Handtuch für den Schweiß liegt neben mir, neben
dem Laptop, auf dem ich tipppe. Es ist so heiß, unglaublich. Ich gucke Fernsehen. Es läuft ein
weiterer Brennpunkt. Es geht um Ansbach, Reutlingen, München. Würzburg. So
viele Taten dieses Wochenende. In meiner größenwahnsinnigen, allmächtigen,
narzisstischen Denke entspricht das Chaos in meiner Umwelt dem Chaos in mir.
Aber ich weiß, dass das nicht stimmt… Und trotzdem…
Standort:
Deutschland
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