Donnerstag, 23. Februar 2017

Karneval













Morgens wache ich, ich!, auf. María ist schon wach. Sie will trainieren gehen. Früh, weil heute Weiberfastnacht ist und das Fitnessstudio nicht ewig aufhat. Also ist sie schon wach. Ich auch, ich tue aber so, als wär ich es nicht, während sie durch die Wohnung geistert. Ich rieche etwas Leckeres, aus der Küche. Riecht wie…etwas Gebratenes. Ei…oder Wurst…oder so…


Ich gebe mich als wach zu verstehen. Sie sitzt auf dem Stuhl neben dem Fernseher. Der aus ist. Ich mache ihn an. Die reden über den Orkan, der heute über Deutschland zieht.

„Bei Nicholas Sparks stehen Stürme immer für Veränderungen. Immer, wenn es stürmt, passiert was. Irgendwas. Ein Unglück, die Erlösung, was weiß ich…“, hast du vor Tagen zu María gesagt. Weil sie ja Deutsch-Leistungskurs hat. Oder nicht nur deswegen…?

„Boah, hoffentlich weht der Sturm Karneval weg. Weiberfastnacht… Hoffentlich weht der alles weg…“, sind meine ersten Worte an diesem Worte an diesem Tag. Meine ersten Worte. Am Anfang war das Wort…

Hoffentlich, echt. Und deine Mutter gleich mit. Wenn sie wieder als Insekt verkleidet ist. Wie im Trennungsjahr. Wo sie dich belogen hat. Oder noch schlimmer: Wo sie geschwiegen hat. Nicht gesagt, dass sie fröhlich Karneval feiert, während sie zu Hause dich anschweigt. Dir das silent treatment angedeihen lässt. So tut als ob sie böse wär. Und dann auf dem Foto als fröhliche Scheißhausfliege verkleidet ist. Richtig aufwendig. Während du auf der Arbeit die „Ham-Sie-mal-10-Euro-Kunden“ bedienst. Unahnend. Nichts ahnend.

Etwa 40% aller Bürger und Bürgerinnen hätten einen Anspruch auf eine Sozialwohnung…

Geil, ich bin grade erst fünf Minuten wach. Habe grade den Scheiß-Fernseher angemacht. Und dann sagt diese Tante so was. Unglaublich! Was für ein Land! Ein Land in dem 40%.der.Bürger.und.Bürgerinnen.einen.Anspruch.auf.eine.Sozial-Wohnung.hätten… Gut, dass es uns doch (noch) ach so gut geht…

Überraschende Zahl…, kommentiert die Moderatorin, …40% der Bevölkerung haben einen Anspruch auf eine Sozialwohnung, die es nicht gibt…

„Was hast du gemacht? In der Küche?“

„Porridge“, sagt sie fröhlich, fast sogar ein bisschen belustigt.

„Scheiße. Das riecht viel besser als Porridge.“



Später, als sie weg ist, trainieren, und ich aus dem Bad komme, sehe ich die zusammengelegten Geschirrhandtücher neben dem Wäscheberg. Ich habe die Wäsche kaum reingeholt und schon hat sie begonnen, sie zusammenzulegen. Unglaublich! Sie ist so ein gutes Kind. Und ich… Noch bevor sie zum Fitnessstudio gegangen ist. Und ich…und ich denke: Du hast sie nicht verdient. Du hast nichts von alledem verdient. Und das, obwohl du fast alles verloren hast. Selbst das hast du nicht verdient. Sie ist so ein gutes Kind. Sie hat das nicht verdient. Einen Vater wie dich. Eine Mutter wie deine Ex-Frau. Deine Frau. Sie hat keine Eltern verdient, die ihr nichts geben können. Keine Eltern, die getrennt sind. Manchmal denkst du das.

Aber manchmal denkst du auch: Du gibst ihr auch etwas. Trotz allem. Trotz allem hast du ihr auch etwas zu geben. Du hilfst ihr ja mit der Schule. Und obwohl sie schon fast 18 ist, nimmt sie deine Hilfe noch an. Vielleicht kannst du ihr auch etwas geben. Etwas, dass ihr ein reicher Vater, der den ganzen Tag nicht da ist, nicht geben kann. Also kriegt sie etwas nicht, kriegt aber dafür was anderes. Was auch wichtig ist. Genauso wichtig? Du willst es nicht glauben… Kannst es nicht glauben…

Aber du liebst sie. Es war richtig, in Deutschland zu bleiben. Trotz allem. Wenn auch nur für sie. Nicht mehr für deine Frau. Deine Ex-Frau

Familie ist wichtig

Besonders in unserer Gesellschaft

Was haben wir ohne Familie

Außerdem hast du ja da diese wilde Theorie. Nach der, wenn eine Generation verkorkst ist, so richtig verkorkst ist, so wie du verkorkst ist, dass dann die nächste Generation besser wird. Dass sich also die vorherige Generation, deine also, sozusagen unbewusst aufopfert, damit es der nächsten besser geht. Aber das ist nur eine Theorie. Nur so eine Theorie

Vielleicht wird ja etwas Besseres aus diesem Scheiß. Diesem ganzen Scheiß. Du verlierst eine Frau, aber gewinnst eine Tochter.

Wie sie letztens das mit Freud gesagt hat. Das hat dich umgehauen. Weil du Freud liebst. Und hasst. Weil er ein visionärer Langweiler ist. Das mit dem Sohn, der sich in die Mutter verliebt. Und der Tochter, die sich in den Vater verliebt. Sie meinte, ab einem bestimmten Alter, du meintest immer. Prinzipiell. Generell. Immer.

„Nein. Das ist nur eine Phase. So eine bestimmte Phase…“

„Ja?“

Du hast mich in einer komischen Phase meines Lebens kennengelernt…


Sie wird erwachsen langsam. Auf die harte Tour. Härter als du. Und trotzdem ist sie so gut. S ein guter Mensch. Ich hoffe, dass sie das irgendwann liest. Und heult. Sich einen ganzen Abend die Augen ausheult, so wie ich, wenn ich Exogenesis III von Muse gucke. Immer wieder. Aber ich hoffe auch, dass sie das nicht zu schnell liest. Hoffentlich. Erst in 10, 20 Jahren. Nicht jetzt. Auf keinen Fall jetzt. Weil ich nicht weiß, ob sie das verarbeiten kann, das schon verarbeiten kann. Ich hätte das auch nicht gekonnt. Aber diese Woche war was Besonderes. Du hast zu ihr gefunden. Irgendwie. Hast sie entdeckt. Und was du sahst war gut. Richtig gut. Aber du würdest ihr das nie direkt sagen. Du könntest ihr das nie direkt sagen. Du liebst ihre Mutter immer noch. Sie ist ein richtig guter Mensch. Ein gutes Kind.

„Du bist fast schon zu gut. Du musst mehr von deiner Mutter in deinen Charakter aufnehmen. Du musst mehr wie deine Mutter.“

Obwohl die ja auch gut ist.

Aber jetzt musst du die Curry-Paste und die Zahnbürste für sie holen. Sonst ist es zu spät. Heute ist ja Karneval. Weiberfastnacht.

Und das erste Mal seit Jahren kann ich sagen: Ich will noch nicht sterben. Wahrscheinlich sterbe ich genau deshalb genau jetzt...

Ich will noch nicht gehen. Das erste Mal seit Jahren. Vielleicht schon seit vor der Trennung.

Als ich rausgehe, um die Curry-Paste zu kaufen, die sie will – sie will heute etwas ganz Besonderes kochen! –, denke ich: Heute gehe ich auch raus. Trotz Sturm. Heute ist Weiberfastnacht. Scheiß doch drauf. Ich frage sie, ob sie irgendwas hat, Schminke oder so, und dann gehe ich raus. Trinke mir Mut an. Trinke all die Flasche Alkohol, die sich seit eineinhalb Jahren auf dem Tisch angesammelt haben (zweimal Wein, einmal Sekt) und gehe raus. Scheiß drauf. Heut hab ich Bock! Nur weil ich geschieden bin, muss ich ja nicht wie ein Mönch leben. Sie hat mir das zurückgegeben.  Diese Woche. Die Lust aufs Leben. Danke, María! Dankeschön!

Danke, dass du mir das zurückgegeben hast.

Ohne es zu wissen

Ganz ohne es zu wissen

Danke, obwohl ich dir nicht Danke sagen kann. Nicht im Moment. Es nicht in Worte fassen kann, was du mir zurückgegeben hast












Mittwoch, 22. Februar 2017

Eier






Ich gehe ins Bad, will eigentlich pissen, entscheide mich dann aber (unbewusst) anders. Gehe wieder zurück ins Schlafzimmer, stelle mich vor das Fenster und streife mir die rote Blümchenshorts samt Unterhose runter und kratze mich am Penis. An dieser Schnittstelle zwischen Eichel und Schaft. Wo das Kratzen doppelt so viel Spaß macht wie an allen anderen Stellen des Körpers. Mindestens. Einen Moment lang gucke ich mich schuldig um, so als könnte mich jemand sehen, dabei ist die untere Hälfte des Fensters abgeklebt. Wer soll dich schon sehen wollen…? Ich kratze immer weiter, kratze und rieche abwechselnd an meinem Finger. Da ist er wieder, mein alter Geruch! Den ich schon verloren geglaubt hatte, inmitten all dieser neuen Gerüche. Dieser Geruch nach drei Tage nicht geduscht. Wie geil ist das denn?! Kratze zwischen den Beinen, unter den Eiern. Da, wo die Haut immer ein bisschen feucht ist, zwischen Arsch und Eiern. Dann wieder am Penis. Der ist noch ein bisschen wund. Egal. Genau an der Stelle, wo ich kratze. Was das Gefühl noch intensiviert, dieses Gefühl zwischen Schmerz und Erregung, Kribbeln

Dienstag, 21. Februar 2017

Roma 2012 III




Ich wusste gar nicht, was ich hier suchte, hier draußen in der lauen römischen Nacht. Ein Hemd an. Auf alle Eventualitäten vorbereitet. Oder doch nicht? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht hatte ich auch einfach nur meine Shorts an – vielleicht sogar meine Strandshorts. Die mit den roten Blümchen. Keine Ahnung, ob ich die damals schon hatte. Oder die weiße mit den roten Streifen. Die war zumindest aus Stoff. Nicht wie die Blümchenshorts, die mehr eine Badehose als eine richtige kurze Hose war. Ja, vielleicht hatte ich die ja damals noch, diese weiße Shorts mit den verschiedenen vertikalen Streifen. Die mich immer ein bisschen an ein Geschirrhandtuch aus der Küche erinnert hatte. Oder hatte ich mir gar vor meinem nächtlichen Gefängnisausbruch eine lange Hose angezogen? Wie hätte ich das vor Nadine rechtfertigen sollen. Wenn sie mich beim Wiederkommen erwischt hätte. Morgens um vier, am Ende meines Freigangs. Als es in Rom schon fast wieder hell wurde. Obwohl: Das lange Hemd hätte ich ihr genauso wenig erklären können. Denn das war eins der eleganteren Sorte. Die ich in Deutschland nicht zur Arbeit anzog. Aber in den Urlaub mitnahm. Keine Ahnung warum. Um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Wie in den 50ern und 60ern, wo die Leute noch elegant, in Anzug und Krawatte geflogen sind. Und nicht wie heute in Stranduniform und Sandalen mit Tennissocken. Keine Ahnung warum. Mein Urlaub war etwas Besonderes. Der Urlaub mit meiner Familie. Diese fast schon magisch anmutenden zwei Wochen im Jahr. Wenn es überhaupt zwei Wochen waren, die ich, die wir uns leisteten. Keine Ahnung. Das war das Hemd mit den verschlungenen Rosen auf schwarzem Stoff, das war richtig elegant. Das, wo man immer aufpassen musste, dass nicht auf einmal der Knopf in der Mitte, in der Mitte des Bauches aufging. Und man auf einmal unfreiwillig bauchfrei spazieren ging. Mit Guckloch. Aus dem bei genauerem Hinsehen schwarzbraune Brust und Bauchhaare quollen. Aber in Italien waren die vielleicht gar nicht so ungewöhnlich… Die platzenden Knöpfe wahrscheinlich aber schon, denn hier im Süden waren die Leute deutlich schlanker als in Mittel- oder Nordeuropa. Nicht so viel Frustessen, mehr Strandtage und eine mediterrane Diät trugen bestimmt zu dieser sprichwörtlichen bella figura der italienischen Männer und Frauen bei. So viel Schwabbel-Wabbel wie bei mir und bei meinen Landsleuten sah man hier auf jeden Fall nicht.

Sonntag, 19. Februar 2017

Die Wahrheit, guapa
















Ich will jetzt die Wahrheit wissen, denkt er, als er das Buch von Nicholas Sparks liest. At First Sight. Ich muss sie einfach wissen, um weiterzumachen. Damit mein Leben weitergeht. Nicht das hier. Dieser Schwebe-Zustand. Ich muss endlich abschließen können. Mit allem. Mit all dem Scheiß. Mit Nadine, mit Bonn, mit Deutschland. Die ganze Scheiße hinter mich bringen.

Ich komme nach Hause, aber bleibe nicht lange. Das ist eh nicht mehr mein Zuhause. Nicht mehr so richtig. Zumindest fühlt es sich nicht mehr so an. Ich ziehe mir die Tarnjacke an, stecke die schwarze Wollmütze in die rechte Seitentasche. Wie gut, dass es Winter ist. Da fällt das nicht so auf, das mit der Mütze. Im Sommer ist das, was ich vorhabe wesentlich schwerer.

Es ist schon dunkel, als ich aus der Tür nach draußen trete. Leise das Tor hinter mir schließe. Draußen ist es am Pissen. Wie passend, denkt er, als er sich auf den Weg zur Bushaltestelle macht, die Mütze in der Jackentasche…

Er will jetzt endlich wissen, was los ist. Warum sie ihn wirklich verlassen hat. Nicht diesen Scheiß von wegen „wenn unsere Liebe einmal zerbrochen ist, wie ein Zweig, dann kann man die nicht mehr kitten“ hören. Fast mit einem Lächeln auf der Lippe. Genervt. Gleichgültig. Immer gleichgültig. Das ist niemals die ganze Geschichte. Aber es gibt nur einen Weg herauszufinden, was wirklich los ist. Los war.

Warum hat María auch ihren Schlüssel hier vergessen? Diesen Schlüssel, den er gefunden hat. Auf dem Glastisch. Auf ihrem alten Glastisch. Sie hat auch nicht mehr danach gefragt. Komisch... Von ihm war der Schlüssel auf jeden Fall nicht. Also muss er ja von ihr gewesen sein. Und warum will sie ihn dann nicht zurückhaben? Von wem denn sonst? Vielleicht passt er ja, der Schlüssel den er jetzt in der Hosentasche hat. Schon seit mehr als einer Woche mit sich rumträgt. Befingert, während er in der Dunkelheit auf den Bus wartet. Den Bus in die Stadt. Er will ja nur Klarheit, will endlich Klarheit.

Nicht diesen Scheiß von wegen „Kann dir doch egal sein“ (ob die einen Neuen hat). „Was macht das für einen Unterschied, jetzt noch?“

Für mich einen großen, denkt er, auf sein Handy schauend. An diesem kalten, dunklen Sonntagabend.

Ya no hay guapos, denkt er, kurz bevor der Bus endlich um die Ecke kommt. Ya no hay guapos…









Glühwürmchen




Ich weiß noch, damals, als wir noch in Bonn-Hardtberg gewohnt haben (nein, nicht auf dem Brüser Berg, sondern in Finkenhof!), da haben wir im Sommer abends immer zusammen unsere Runde gedreht (mit wem drehst du eigentlich jetzt „unsere“, äh, „deine“ Runde?!). Hoch zum Verteidigungsministerium, am Hardtberg-Bad vorbei, durch den Wald um das Ministerium herum, an der Tennis- und der Basketshalle vorbei und wieder zurück. Zu uns nach Hause. So drei-, viermal in der Woche bestimmt. Um den Tag sacken zu lassen und ein bisschen Sport zu treiben (das dauerte schon immer so ne Stunde oder so). sich zu unterhalten. Sie über ihre señoras, ihre „Frauen“, bei denen sie putzte und ich über meine Schüler, meine Bücher und manchmal auch meine Filme.

Freitag, 17. Februar 2017

Roma 2012 (Teil II)











Just a perfect day
Drink Sangria in the park
And then later
When it gets dark, we go home

Just a perfect day
Feed animals in the zoo
Then later
A movie, too, and then home

(Lou Reed - Perfect Day)






Aber obwohl ich mich daran erinnere, dass ich in diesem Jahr, und vielleicht sogar in diesem Urlaub, angefangen habe, ernsthaft Rammstein zu hören, so war doch das Lied dieses Sommers nicht etwa Mein Teil, Dalai Lama, Los oder Keine Lust – obwohl du diese Lieder und besonders Los oder Keine Lust auch richtig geil fandest, während María mehr auf Amerika stand (bis heute kann sie sogar Du hast mitsingen, keine Ahnung warum…).

Traumdeutung: Zwischen Traum und Realität













Ich, das heißt, das, was von mir noch übrig ist, befinde mich auf einer Feier. Keine Ahnung, was das für eine Feier ist, aber auf jeden Fall sind da ganz viele große, lange Tische in einem Saal. Eine Familienfeier. Für die ganze Familie. Und tatsächlich: Nadine ist auch da. In der Küche. Wo sie das Essen vorbereitet. Das Essen für die wilde Meute da draußen. Und du gehst immer wieder hin und her. Zwischen deinem Tisch, wo du an der Ecke sitzt (keine Ahnung neben oder mit wem) und der Küche, wo Nadine ist und wo du dir immer wieder Alkohol nachholst. Wie früher, als du noch getrunken hast. Als du noch gesoffen hast wie ein Loch. Als gäbe es kein Morgen mehr. 
  

Sonntag, 12. Februar 2017

Alltag im All








Though I'm past one hundred thousand miles
I'm feeling very still
And I think my spaceship knows which way to go
Tell my wife I love her very much she knows

Ground Control to Major Tom
Your circuit's dead, there's something wrong (Space Oddity – David Bowie)









Ich werfe zu viel Klopapier in die Toilette und sie spült wieder nicht ab, obwohl das Wasser schon bis zum Rand steht und ich nicht mehr Wasser nachlaufen lassen kann. Dann gehe ich ins Wohn-/Schlafzimmer, suche das Buch, das ich zurückgeben muss, finde es aber nicht. Stattdessen fällt mir ein anderes Buch runter. Ich kann es nicht mehr fangen, es gleitet mir einfach aus der Hand. Ach, lass es fallen, scheiß drauf, lass alles fallen. Vielleicht willst du ja sogar, dass es fällt. Vielleicht soll es ja fallen. Also scheiß drauf! Ein paar Minuten später liege ich im Bett und das Handy macht diesen Ton, den es immer macht, wenn der Akku leer ist. Geil. Der Akku des Computers ist auch leer, aber das Kabel steckt zum Glück noch in der Steckdose. Mein Akku ist auch leer, aber es gibt kein Kabel, keine Reißleine, die ich ziehen kann und mit Hilfe derer ich mich fallen lassen kann. Mich einfach fallen lassen kann. Wie der Typ in Fight Club. Einfach loslassen kann, von diesem deutschen Alltag, der mich jeden Tag aufs Neue fickt. Von vorne und von hinten. In den Arsch und…keine Ahnung wohin. Langsam werde ich nervös. Denn das Buch muss morgen zurück. Scheiße. Also starte ich einen zweiten Suchversuch. Während das Handy noch mal klingelt. Ich weiß, dass du leer bist. Ich auch. Ein Leerkörper. Das haben wir früher immer zu unseren Lehrern gesagt. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass und wie sehr das eines Tages auch auf mich zutreffen würde. Ich blicke nach rechts, zum Fernsehtisch neben dem Bett. Geil! Ein Buch habe ich gefunden. Aber dieses Buch war auch nicht das Problem. Sondern das andere. Da liegt es: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Nein, nicht von mir, sondern von Milan Kundera. Habe ich nie zu Ende gelesen. Weil ich genau weiß, was am Ende passiert. Das hat Milan Kundera nämlich schon ungefähr zur Hälfte des Buches vorweggenommen. Das  Ehepaar stirbt. Beide sterben. Wir müssen alle sterben. Will er wahrscheinlich damit sagen. Keine Ahnung. Egal wie viel wir betrügen und lügen, wir werden alle sterben. Was für eine Message! was für eine Moral! Die Moral von der Geschicht ist…wir müssen alle sterben. Alle fallen. Alle loslassen. Das Handy klingelt wieder. Wie ein Baby, das seine Flasche will. Ich nehme das Buch, finde dieses Bookmark, dieses Lesezeichen, das ich damals gefunden habe. In irgendeinem anderen Buch. Auf der Vorderseite ist eine rote Kerze abgebildet, deren Flamme vor dunklem Hintergrund hell brennt und unter der steht:
Jesus Christus
Licht der Welt. Licht für
jede Dunkelheit.
Licht auch
für dich.

Ohne Ausrufezeichen. Nur mit Punkt. Als ob es so wär. Einfach so wär. Und als wär das nicht schon genug (Licht) steht auf der Rückseitein schwarzen Lettern auf weißem Hintergrund:

Ich bin
das Licht der Welt.
Wer mir vertraut,
wird nicht mehr
in der Finsternis
bleiben, sondern
wird das Licht
des Lebens haben.
Jesus Christus

Wird nicht mehr fallen, nichts mehr fallen lassen. Oder wird gerade fallen, wird fallen lassen können, loslassen können, endlich loslassen. Die Welt ist so voller Zeichen, voller Botschaften, voller Messages, man muss sie nur erkennen. Erkennen können. Deuten. Deuten können. Man muss nur glauben. An sie…

…seine Ex-Frau…

…vertrauen können…

…dass wir zwar sterben werden, aber trotzdem wieder zueinander finden können…in diesem Leben

oder im nächsten

„…willst du ein Revival?“

„Ich weiß nicht…“

Meine Lieblingsphrase um zu sagen: „Ja.“ „Ja, ich glaube schon.“ „Ja, ich glaube.“ Einfach so. So einfach.
Jetzt muss ich nur noch das andere Buch finden…geil
Du stehst mitten im Raum, lässt das Chaos deines Lebens auf dich wirken und kratzt dich am Penis. An dieser Stelle unterhalb der Eichel. Zwischen Eichel und Schaft, an der du dich so gerne kratzt. Das ist so mit die empfindsamste Stelle des gesamten Penis. Wenn man da kratzt, dann  macht das richtig Spaß, manchmal. Ist belebend. Wirkt belebend. Manchmal kannst du da kratzen, bis es blutet, an diesen Häutchen unter der Vorhaut. Ziehen, kratzen und kneten. Bis du nichts mehr fühlst. An dieser empfindsamsten Stelle des männlichen Körpers.

Plötzlich geht der Fernseher aus. Das macht er immer, wenn er zu lange ohne Unterbrechung läuft. Das heißt, er läuft jetzt schon 4,5 Stunden ununterbrochen. Der Moderator des Morgenmagazins kann gerade noch sagen: „Wir sprechen gleich über Übergewicht, über Dicke“…und schon ist er aus. Gut so, vielleicht. Du stehst wieder auf, kratzt dich zwischen Sack und Arschloch. An dieser ebenfalls sehr empfindlichen, sehr empfindsamen Stelle. Diesen Weichteilen des menschlichen Körpers. Nadine konnte das damals während des Laufens. Sich am nicht vorhandenen Sack kratzen. Da steckte sie sich manchmal einfach so die Hand in die Hose und roch danach an ihrem Finger. Wie ein Mann. Wie du. Manchmal hielt sie ich  sogar dir unter die Nase. Aber ihren Geruch mochtest du nicht. Man mag nur seinen eigenen Eiergeruch. Arschgeruch. Nie den anderer. Du hast dir damals auch immer direkt die Hände gewaschen, nachdem du ihr den Finger in den Arsch gesteckt hast. Beim Bumsen. Du wolltest sie immer in den Arsch bumsen, aber sie wollte das nicht. Keine Ahnung warum…(beides).

Wir kompensieren Sorgen mit essen…

Kenne ich irgendwoher… Dabei fällt mir ein. Ich hab ja noch Eis.

…wiegt 188 Kilo. Die Selbsthilfegruppe war sein Weckruf…

Der Typ im Fernsehen ist Köln-Fan, zeigt seine alte Trikot-Sammlung. Da würd ich auch essen, um zu kompensieren, denkst du. (Nur ein Witz, ein einsamer Witz in der Dunkelheit, in der Einsamkeit…)

Das Buch taucht immer noch nicht auf. Scheiße.

Am Ende findest du das Buch doch – wieder – nicht und machst dir Sorgen…

Mach dir keine Sorgen, ich komme Morgen…

Und was ist, wenn das nicht auf der Arbeit ist? Was ist, wenn das nicht mehr da ist? Gar nicht mehr da? Dann muss ich das ersetzen… Scheiße…

***

Später am Vormittag checke ich meinen Lottoschein. Ich hab bestimmt wieder nichts gewonnen. Wie immer. Aber dann überraschen mich die Zahlen. Ich habe tatsächlich…3 Richtige…die 30, 31 und 46. Und das sind tatsächlich 13,10€. Scheiße, ich bin reich. Aber ehrlich:13,10 € ist für 3 Richtige echt nicht schlecht!
Warum gibt einem Gott eigentlich immer in den hoffnungslosesten Momenten wieder Hoffnung? Ich hasse das. Ich hasse die Hoffnung


Auch das Scheiß-Buch nehmen die ohne das beschissene Faltblatt an. Wozu hab ich mich eigentlich bekloppt gemacht, den ganzen Tag lang
            och, es gibt da noch so ein paar weitere Gründe, but we wouldn’t want to go into that, would we?!












Mittwoch, 8. Februar 2017

Roma 2012




Wir wohnten damals in so einer „Pension“. Keine Ahnung, wie die genaue Bezeichnung war. Aber ein Hotel war das auf gar keinen Fall. Die hatten wir schon von Deutschland angerufen. Wie wir das immer gemacht haben. Jedes Jahr. Jedes Jahr das Gleiche. Wir suchten uns einen günstigen Flug im Internet (meistens Ryan Air), bezahlten den mit der Kreditkarte von Marías ehemaliger bester Freundin, zu der sie eigentlich schon lange keinen Kontakt mehr hatte, die wir aber immer noch anriefen (immer wenn wir in Urlaub wollten und mit der Kreditkarte bezahlen mussten). Und erst dann, nachdem all das erledigt war, fingen wir an, nach einem günstigen Hotel zu suchen. Nach dem günstigsten, um genau zu sein. Das ging auch immer relativ gut (vorbei waren die Zeiten, wo wir mit María im Kinderwagen in Alicante gelandet waren und erst dann, nach der Ankunft am Flughafen, nach einem Hotel für die Nacht suchten (ich kann mich immer noch an das Gesicht des Taxifahrers erinnern, der wirklich nicht amused war!).