Samstag, 10. Dezember 2016

Illegal

KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz



Ich weiß nicht, warum sie es ihm erzählte. Ich weiß es immer noch nicht, selbst heute noch nicht, wo ich über alles – jedes kleine Detail unserer Beziehung – so lange und erschöpfend nachgedacht habe. Ich weiß noch nicht mal mehr genau, wann das war. Wann sie es ihm erzählte. Ich weiß, dass es draußen war, irgendwo in der Altstadt. Der Bonner Altstadt, wo sie damals noch mit ihren Schwestern wohnte. Auf einer Parkbank vor dem Frankenbad, glaube ich. Er saß und sie stand daneben. Oder er stand und sie saß. Keine Ahnung – das alles ist schon so lange her, mittlerweile. Warum du noch immer in diesen alten Geschichten rumwühlst, weiß ich echt nicht. Lass doch die Vergangenheit endlich ruhen. Lass sie doch ruhen, Mann! Das bringt doch nichts. Das bringt doch niemandem was. Keiner Sau. Wann war das überhaupt noch mal? 1996? Ja, das muss noch 1996 gewesen sein. Anfang 1996, keine Minute nach Mitternacht, hatte er sie kennengelernt. In dieser Disko in der Innenstadt, die es auch nicht mehr gibt. Wie seine Liebe, wie seine Erinnerung, wie sie. Obwohl: Sind nicht diese Zeilen ein Beweis dafür, dass es sie doch noch gibt. Sie sowieso, aber auch seine Liebe noch?! Ihre Liebe? Aber wenn man jemand liebt, dann geht man nicht einfach, in einer Nacht- und Nebelaktion weg, ohne jemals wieder ein Wort mit dem geliebten Partner zu sprechen. Gerade dann

Never forget...

KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz





Ich weiß noch, wo wir auf Gran Canaria waren. Ich weiß nicht mehr, ob das das erste Jahr war oder nicht. Das Jahr, in dem ich Patricia kennengelernt habe, oder das, wo sie zurückgekommen ist. Auf jeden Fall lief da dieses Lied. Von Take That. Die ich eigentlich hasste…oder hassen sollte, da meine Schwester total vernarrt in die war. Ihr ganzes Zimmer mit Postern von denen zugepflastert hatte. Ich weiß gar nicht mehr, wer ihr Favorit war. Ich glaube fast Robbie, dessen Lied Feel ich selbst später liebte. In meinen Zwanzigern. Als Robbie Williams so richtig berühmt war. Im Radio rauf und runter lief. Jedes Mal sang ich es mit. Bei jeder Gelegenheit. In der Disko, zu Hause, überall. Ich wollte auch etwas fühlen. Fühlen, dass ich lebte.

Weil ich es schon nicht mehr tat…?

Dienstag, 29. November 2016

Warum bist du noch hier?



(Bild: KI-generiert)



Nach dem Aldi-Besuch, dem – wie er zu ihr sagt – Höhepunkt seiner Woche, stehen sie an der Haltestelle und er sagt: „Guck mal da…“ Er deutet auf den halb zerfledderten Aushang mit der vermissten Katze, die einem auf dem Foto direkt in die Seele zu gucken scheint…

Dienstag, 22. November 2016

Dartscheibe zu Weihnachten

KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz







Im Aldi sehe ich sie, bei den Weihnachtssachen. Bei den Weihnachtsgeschenken.

Und direkt wirft es mich zurück. Nach damals, wo ich die Dartscheibe, die sie mir zu irgendeiner Gelegenheit – ich glaube zu Weihnachten, war es unser letztes Weihnachten? – geschenkt hat und die ich aus Wut zerschmettert habe. Obwohl ich die Pfeile bis heute habe. bis heute aufbewahre wie einen Schatz. 

Wo ich die Dartscheibe im Keller gegen die Steinwand gehauen habe, bis sie ganz verbogen war. Bis sie kaputt war.

Dienstag, 1. November 2016

Halloween, Horror-Clowns und Zombies









Und, hast du einen Horror-Clown gesehen?

Nein. Der hätte mir gestern Abend mal begegnen sollen…

…

…den hätte ich gefressen. Mit Haut und Haaren. Und Maske. Gestern Abend hätte mich mal jemand erschrecken sollen…

…


...ich hätte den wahrscheinlich bewegungsunfähig gemacht, in die Büsche geschleift und...

...ihm das Herz bei lebendigem Leib rausgerissen...

...ihn...

...und ihn dann in Stücke geschnitten und in den Kühlschrank gepackt...

...ins Gefrierfach...

...und dann gegessen...

...statt dem Aldi-Hack und Aldi-Putengeschnetzeltem dir ins Essen getan...


Aber Zombies habe ich gesehen. Jede Menge. In Deutschland gibt es jede Menge Zombies. Viel mehr als Horror-Clowns…

Sie steht vor dem Spiegel und schminkt sich. Sagt nichts.

Nämlich genau…lassen Sie mich nicht lügen… 82.175.683 (Stand: 01.11.16, 20:10, wir wollen ja „korrekt“ sein).

…

Und Aliens auch. Jede Menge.

Sie steht weiter vor dem Spiegel und schminkt sich. Lässt sich nichts anmerken. Keine Reaktion. Was soll sie auch darauf sagen, jetzt mal ehrlich?!











Sonntag, 30. Oktober 2016

Wut und Respekt


Er redet mit seiner Kollegin in der Halle. Sie ist ein bisschen krank, hat eine Erkältung. Oder gar eine Grippe?

Sagt: „Am Freitag war das ja ganz schlimm. Da dachte ich, ich steh nicht mehr auf…“

Freitag, 28. Oktober 2016

Schuld












Ich weiß noch, wie wir damals in der Disko waren. Das eine Mal. Das letzte Mal?

Wie ich getrunken hab. Wie ein Tier.

Wodka, Weizen und alles, was ich an Alkohol bekam. Alles.

Du nichts. Du musstest ja fahren. Und trinken war auch nicht so deins. Dein Ding.

Mich ödete das alles so an. Alles. Wirklich alles. Die Disko, die Musik, die Ehe, die Leute in Bonn, das Leben. Ich wollte mehr. Mehr vom Leben. Es muss doch noch mehr geben als das. Als diesen Alltag. Immer die gleichen Leute. Immer die gleiche Musik. Immer die gleiche Arbeit. Alles langweilig. Ich wollte mehr…

…und heute habe ich weniger. Das hat man davon…

Du wolltest mehr, wolltest Spaß haben, wolltest die Welt ficken, wolltest deine russische Nachbarin ficken. In den Arsch. Auf der Waschmaschine im Keller. Wolltest ihre Freundinnen ficken. Wolltest alles ficken, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Wolltest leben.

Wie einfach und doch wie schwer. Damals wusstest du noch nicht, dass man in Deutschland nicht leben kann, nicht leben darf – es könnte ja die Nachbarn stören.

Wolltest das Leben genießen, wenigstens ein bisschen, bevor du das Zeitliche segnen musstest. Den das wusstest du schon immer – seit du damals als 15-Jähriger in deinem Zimmer unter dem im Bett lagst und dich fragtest, wie viele Jahre dir noch bleiben sollten…wie das wäre mit 30, 35, wie viele Jahre dir dann noch bleiben würden…

…und Angst hattest

and in short, I was afraid

Jetzt weißt du, wie das ist…

…wie sich das anfühlt…

Hättest du das doch mal damals gewusst…

(hättest du auch nichts machen können)


Nichts außer in der Disko auf der Tanzfläche zu stehen, zu bis oben hin, voll von Alkohol, Sehnsucht und Lust, und dieses Lied in ihre Ohren zu singen, zu schreien. Damit sie es auch bloß versteht

Que yo no tengo la culpa…

Que yo no tengo la culpa…

Immer wieder. Immer wieder hattest du nicht die Schuld. Denn das heißt die Zeile auf Deutsch: „Ich bin nicht schuld…“

Heute weiß ich, dass das Lied politisch ist. Damals wusste ich das nicht. Politisch passt auch mehr zu heute als zu damals. Damals war das persönlich, das Lied. Persönlich. Ich nahm das persönlich.

Du wolltest mehr und sie wollte nicht mehr. Sie hatte keinen Bock mehr. Hatte darauf natürlich keinen Bock. Sie wollte sich innerhalb der Gesellschaft austoben. Austanzen. Normal tanzen. Spaß haben. Lächeln.

Ich wollte auch nicht mehr. Ich wollte dieser Gesellschaft den Arsch aufreißen. Die Brust, um zu sehen, ob da irgendwo, irgendwo in diesem tristen Deutschland, noch ein kleines Herz schlägt. Schwach, aber noch nicht tot. Das man vielleicht noch wiederbeleben konnte. Dem man wieder Leidenschaft einflößen könnte. Ich hatte keinen Bock mehr auf die ganze Scheiße. Immer das Gleiche. Zu tanzen wie die anderen tanzen. Zu Musik, die ich nicht mag. Mit Leuten, die ich nicht mag. Und erst ihre Freunde, ihre Familie. Der Horror. Zum Glück wollten die mich nicht sehen…

Ich hatte keinen Bock mehr auf all diese ritualisierten, synchronisierten Bewegungen auf der Tanzfläche, all dieses Arme und Hüften schwingen im Gleichklang der Musik. Nur nicht auffallen, selbst beim Tanzen nicht, alles geregelt. Und das trotz des Alkohols, der natürlich in Strömen floss.

Heute weiß ich, dass es das, was ich wollte, nicht gibt. Nicht in dieser Gesellschaft, nicht in diesem Leben.

Wir müssen alle sterben…

…und ich war schon seit so vielen Jahren tot.

Saß nur noch da und trank. Bestellte gleich zwei Bier auf einmal. Trank ihrs mit. Aber dann kam da dieses Lied. Das ich immer geliebt hatte. Dieses spanische Lied. Das so anders war als diese typischen sinnentleerten Latino-Lieder, die von einer Liebe singen, von einer Leidenschaft, die es in Lateinamerika bestimmt nicht gibt. Und wenn, dann nicht in Ecuador. In den Anden. Ich liebte dieses Lied. Das war für mich der duende, der spanische Urgeist. Den schon Lorca versucht hatte, in Worte zu bannen. Und daran gescheitert war…

Was für ein arrogantes Arschloch ich doch war. Kaum hatte das Lied angefangen und sie wollte von der Tanzfläche runter wieder an ihren Platz, an unseren Platz – das konnte sie nämlich nicht tanzen, nicht einfach so wegtanzen – da hievte ich meinen schweren, vom Alkohol auch nicht wendiger werdenden Körper vom Sofa, auf dem wir saßen, runter und stolperte/torkelte Richtung Tanzfläche.

Das wollte ich jetzt tanzen! Der betrunkene Tanzbär persönlich.

Beziehungsweise singen. Ihr ins Ohr singen. Aber das kam später. Zuerst packte ich sie zur Begrüßung erst mal an den Hintern, richtig hart und gar nicht zart, so dass sie auch was davon hatte… Ich packte ihr voll an den Arsch und versuchte sie zu küssen. Sie wollte nicht. Das wollte sie nicht. Das war ihr peinlich, vor den Leuten. Die vorher bestaunt hatten, wie gut sie tanzen konnte. Immer die gleichen Bewegungen. Wie ein festes Ritual. Sie musste mir den Kuss dann am Ende doch geben – ob sie wollte oder nicht – drückte mich danach aber gleich wieder weg von sich. Ich versuchte sogar mich ein bisschen anzupassen, versuchte für ein paar Augenblicke sogar zu diesem Lied zu tanzen – was überhaupt nicht geht, selbst wenn man ein guter Tänzer ist. Und kein voller Tanzbär mit 90 Kilo Lebendgewicht. Aber sobald der Refrain kam, waren diese plumpen Versuche dazuzugehören eh vorbei und ich ging voll in den Kampf-Modus. Fing an wie bekloppt, den Refrain mitzusingen.

QUE YO NO TENGO LA CULPA…

SI YO NO TENGO LA CULPA:…

Wie in Bekloppter. Und selbst wenn ihr das Grapschen und küssen vorher nicht schon peinlich genug gewesen wäre…das Mitgesinge gefiel ihr definitiv nicht.

Wen wolltest du eigentlich damit beeindrucken?! Sie, die Leute, dich…oder gar niemanden? War das etwa ein authentischer Ausdruck deiner Seele, deiner Identität? Vielleicht

In England ist das auch beliebter als hier in Deutschland. Das gibt es ja auch noch Karaoke-Abende in den Pubs. Und die Fußballfans singen auch volle 90 Minuten lang mit, wenn ihr Team spielt (ob gut oder schlecht ist dabei oft sogar egal). Aber in Deutschland, da darf man nur geordnet gut tanzen (am besten noch in einem Tanzkurs gelernt). Selbst das Trinken verläuft, bis auf bei ein paar Jugendlichen, in geregelten Bahnen.

Aber was man nicht darf, was man auf keinem Fall darf, ist seiner Frau in volltrunkenem Zustand mitten auf der Tanzfläche den Refrain eines Liedes in die Ohren zu grölen

QUE YO NO TENGO LA CULPA…

SI YO NO TENGO LA CULPA…

Selbst wenn dieses Lied, wie bei „Entre dos tierras“ definitiv der Fall, durchaus eine persönliche Note für dich hatte. Denn – wie gesagt – heißt Yo no tengo la culpa auf Deutsch: Ich bin es nicht schuld. Ich hab keine Schuld. Und Si yo no tengo la culpa heißt soviel wie: Wenn ich dir doch sage, dass ich nicht daran schuld bin. Dass mich keine Schuld trifft.

Am Ende, selbst nachdem der Refrain schon lange vorbei war, schrie ich nur noch das:

SI YO NO TENGO LA CULPA

So als wollte ich ihr etwas sagen damit. So als hätte das eine tiefere Bedeutung. Hatte es ja auch. Denn ich fühlte mich zutiefst schuldig. An den Streiten, dem ganzen Ärger, den wir hatten. Das konnte Nadine schon immer gut: Mir Schuldgefühle einreden. Denn am Ende unserer Beziehung war ich quasi alleine an allem schuld. Daran, dass ihre Schwester sie nicht besuchte, dass keine ihrer Freunde bei uns vorbeikamen, dass ich immer das Falsche sagte, immer zu ehrlich war und natürlich, dass ich nicht tanzen und nur singen konnte (und selbst das nur im betrunkenen Zustand). Sie war komplett, saß – wie du damals immer sagtest auf ihrem hohen Ross – verteilte die Schuld, schleuderte die Schuld förmlich auf dich herab. So wie du ihr ins Ohr schriest, als gäbe es kein Morgen.

Immer wieder. Bis ihr das Grapschen und Geschreie schließlich zu viel wurde und sie sie die Tanzfläche verließ und wieder an unseren Platz auf dem Sofa zurückging. Aber was solltest du auch machen. Du hast es wenigstens versucht…

…du hast nicht die Schuld…

Zumindest nicht die alleinige Schuld. Das ist wie in diesem Buch, das du gerade liest. Toxic Parents von Susan Forward. Wo die schreibt, dass du nicht schuld bist, weil du noch ein Kind warst, dass du nichts für das Verhalten deiner Eltern kannst. Dass das ihre Schuld war…

…und nicht deine…

Ok, du bist jetzt selber erwachsen, du bist jetzt selber Vater. Du bist jetzt selber schuld. Aber trotzdem: Das, was Susan Forward schreibt, hat dir irgendwie die Augen geöffnet.

Du bist nicht an allem schuld.

Du bist auch nicht an allem schuld!

Du bist auch nicht alleine an allem schuld!

Die anderen haben auch eine Verantwortung!

¡Tú no tienes la culpa!

¡No tienes la culpa de todo!

¡YO NO TENGO LA CULPA!

No de todo

No del todo





Jetzt, wo du so drüber nachdenkst: Vielleicht wusste sie da sogar schon, dass es keine Zukunft gibt. Dass es aus ist.

Vielleicht ist es besser so…

…aber warum tut es dann so weh.











Markus Lanz und die Wut auf das Establishment






Das Vertrauen ist weg, sagt der Typ im Fernsehen. In dieser Reportage über die aktuelle Lage im Amerika vor der Wahl.

Und das stimmt. Privat wie gesellschaftlich. Gesellschaftlich wie privat.