Nachts im Bett, kurz vor dem
Schlafengehen, denkt er an den Wellensittich, den er damals als Kind hatte. Der hieß Otto (ich weiß, ich weiß…) und war blau. Königsblau, mit
einem weißen Köpfchen. Ein eleganter, stolzer, schöner Vogel.
Ein Blog über das Leben, die Liebe, Beziehungen, Verlust, Angst, Spaß, die Lust, die Lust am Schreiben,Südamerika, Musik, südamerikanische Frauen, die Liebe, Spanisch, Englisch, Schottland, Spanien, Deutschland, dat Rheinland, Kinder, Literatur, Vergänglichkeit, Arbeit, Politik, die Mafia, Urlaub, Gewalt, Verbrechen, Sex, große und kleine Gefühle und vieles, vieles, vieles mehr ...
Sonntag, 26. Februar 2017
Samstag, 25. Februar 2017
Online-Stalking: The German Gatsby
“…he stretched out his arms toward the dark
water in a curious way, and,
far as I was from him, I could have sworn he was
trembling. Involuntarily
I glanced seaward – and distinguished nothing
except a single green light,
minute and far away…”
“Gatsby believed in the green light, the
orgastic future that year by year
recedes before us."
(F. Scott Fitzgerald - The Great Gatsby)
Das ist immer ein Fehler und
das weißt du. Wie hat Einstein das noch mal gesagt: Ein verrückter ist der, der
immer gegen die gleiche Wand rennt… Na und?! Scheiß doch drauf! Scheiß auf
Einstein!
Du gibst den Namen bei Google
ein: „Nadine F.“ In Anführungszeichen. Und obwohl der 1320 als Ergebniszahl anzeigt,
sind das keine 1320 Ergebnisse, sondern immer noch nur drei mickrige Seiten.
Toll! Die gleichen wie das letzte Mal. Partys. Latino-Feiern. Mexikanisches
Finger-Food. Sie geht viel auf Partys. Oder kommentiert diese zumindest im
Internet. Das ist also das Leben deiner Frau. Ein ganzes Leben. Stolze 45 Jahre
davon. Auf drei mickrigen Seiten. Die später dann sogar noch zu zwei Seiten
reduziert werden. Toll…
…während bei dir 292 neue
Blog-Posts zu Buche schlagen.
…in denen auch nichts Neues
steht…
Aber was wolltest du denn
auch finden?! Ihre Heiratsanzeige?! Ja, ihre Heiratsanzeige wäre ein Anfang…
Doch etwas ist neu. Die
Couchsurfing-Seite. Da ist sie neu angemeldet. Oder war sie das das letzte Mal
auch schon? Das ist sogar mit Foto. Und DAS ist definitiv neu. DAS ist
definitiv deine Frau. Deine Ex-Frau (con
perdón). Ein bisschen älter (oder sah sie damals auch schon so alt aus?),
ernster und ohne Lächeln. Abgespannter. Sind wir das nicht alle. Aber immer
noch deine Frau. Beziehungsweise schon lange nicht mehr deine Frau. Willst du
mit dieser Frau wirklich wieder zusammen sein? Willst du diese Frau wirklich
zurück haben? Diese fremde Frau, die du gar nicht mehr kennst, die du
vielleicht noch nie richtig gekannt hast, auch damals nicht…
Du fragst dich, ob das etwa
das ist, was mit Marías Zimmer passiert, wenn sie unter der Woche bei dir ist.
Schlafen dann da irgendwelche australischen Assis in ihrem Zimmer, die auch
nach der vierten Weltumrundung noch immer nicht wissen, wo hinten und vorne
ist. Mit schmierigen Rastazöpfen und dreckiger Unterwäsche. Den Rest will ich mir gar nicht vorstellen.
Dann siehst du diesen
Eindruck für die Karnevalsparty 2017. Der ist aktuell. Die findet morgen statt.
Aha…da gehst du also morgen hin…
Einen Moment lang tut es
leicht weh, aber nicht mehr wie früher…ist das jetzt gut oder schlecht?! Ich
glaube gut. Besser. Früher wärst du direkt da hingegangen. Heute willst du
Abstand. Vielleicht wolltest du ihr auch früher schon nicht mehr begegnen. Zumindest
nicht so. Nicht auf diese Art und Weise. Gezwungenermaßen.
Auf jeden Fall macht mich
das noch trauriger, dieses Nachspionieren im Cyberspace. Aber das wusste ich ja
schon vorher. Das war mir klar. Nur hatte ich nicht die Kraft zu widerstehen.
Ich könnte da jetzt
hingehen, morgen. Wenn ich die Kraft hätte…
Aber will ich sie überhaupt
wiedersehen? Das Risiko eingehen, mir mein Idealbild, meine Glorifizierung
unser wenig glorreichen Vergangenheit, vollends zu zerstören? Will ich das?
Muss ich mir das wirklich geben?
„Das bringt doch eh nichts“,
hörst du deinen Vater und deine Mutter im Chor sagen. Recht haben sie.
Hast du nicht die Trennung
genauso herbeigeführt? Warst also nicht passiv, sondern aktiv? Hast sie aktiv
aus deinem Leben gedrängt? Sie vor die Entscheidung gestellt: Entweder ich oder
deine Familie. Oder der Rafael, dieser Hurensohn. Weil du glaubtest, dass sie
sich nie und nimmer gegen dich entscheiden würde? Im Leben nicht…
Ach, leckt mich doch…leck
mich doch…
Was wohl unter deinem Namen
stände…
…wenn sie suchen würde…
Du weißt es nicht…
…du wirst dich jetzt wohl
kaum selbst googeln.
Und wenn ihr jetzt beide –
sozusagen simultan – im Internet nach dem anderen sucht?! Nach dem Anderen…
Ja, klar.
Vielleicht geht er ja doch
morgen dahin. Trinkt die zwei Flaschen Wein und die kleine Flasche Sekt und
geht dann da hin
Donnerstag, 23. Februar 2017
Karneval
Morgens
wache ich, ich!, auf. María ist schon
wach. Sie will trainieren gehen. Früh, weil heute Weiberfastnacht ist und das
Fitnessstudio nicht ewig aufhat. Also ist sie schon wach. Ich auch, ich tue
aber so, als wär ich es nicht, während sie durch die Wohnung geistert. Ich
rieche etwas Leckeres, aus der Küche. Riecht wie…etwas Gebratenes. Ei…oder
Wurst…oder so…
Ich
gebe mich als wach zu verstehen. Sie sitzt auf dem Stuhl neben dem Fernseher.
Der aus ist. Ich mache ihn an. Die reden über den Orkan, der heute über
Deutschland zieht.
„Bei
Nicholas Sparks stehen Stürme immer für Veränderungen. Immer, wenn es stürmt,
passiert was. Irgendwas. Ein Unglück, die Erlösung, was weiß ich…“, hast du vor
Tagen zu María gesagt. Weil sie ja Deutsch-Leistungskurs hat. Oder nicht nur
deswegen…?
„Boah,
hoffentlich weht der Sturm Karneval weg. Weiberfastnacht… Hoffentlich weht der
alles weg…“, sind meine ersten Worte an diesem Worte an diesem Tag. Meine ersten
Worte. Am Anfang war das Wort…
Hoffentlich,
echt. Und deine Mutter gleich mit. Wenn sie wieder als Insekt verkleidet ist.
Wie im Trennungsjahr. Wo sie dich belogen hat. Oder noch schlimmer: Wo sie
geschwiegen hat. Nicht gesagt, dass sie fröhlich Karneval feiert, während sie
zu Hause dich anschweigt. Dir das silent
treatment angedeihen lässt. So tut als ob sie böse wär. Und dann auf dem
Foto als fröhliche Scheißhausfliege verkleidet ist. Richtig aufwendig. Während
du auf der Arbeit die „Ham-Sie-mal-10-Euro-Kunden“ bedienst. Unahnend. Nichts
ahnend.
Etwa 40% aller Bürger und Bürgerinnen
hätten einen Anspruch auf eine Sozialwohnung…
Geil,
ich bin grade erst fünf Minuten wach. Habe grade den Scheiß-Fernseher angemacht.
Und dann sagt diese Tante so was. Unglaublich! Was für ein Land! Ein Land in
dem 40%.der.Bürger.und.Bürgerinnen.einen.Anspruch.auf.eine.Sozial-Wohnung.hätten…
Gut, dass es uns doch (noch) ach so gut geht…
Überraschende Zahl…,
kommentiert die Moderatorin, …40% der
Bevölkerung haben einen Anspruch auf eine Sozialwohnung, die es nicht gibt…
„Was
hast du gemacht? In der Küche?“
„Porridge“,
sagt sie fröhlich, fast sogar ein bisschen belustigt.
„Scheiße.
Das riecht viel besser als Porridge.“
Später,
als sie weg ist, trainieren, und ich aus dem Bad komme, sehe ich die
zusammengelegten Geschirrhandtücher neben dem Wäscheberg. Ich habe die Wäsche
kaum reingeholt und schon hat sie begonnen, sie zusammenzulegen. Unglaublich!
Sie ist so ein gutes Kind. Und ich… Noch bevor sie zum Fitnessstudio gegangen
ist. Und ich…und ich denke: Du hast sie nicht verdient. Du hast nichts von
alledem verdient. Und das, obwohl du fast alles verloren hast. Selbst das hast
du nicht verdient. Sie ist so ein gutes Kind. Sie hat das nicht verdient. Einen
Vater wie dich. Eine Mutter wie deine Ex-Frau. Deine Frau. Sie hat keine Eltern
verdient, die ihr nichts geben können. Keine Eltern, die getrennt sind.
Manchmal denkst du das.
Aber
manchmal denkst du auch: Du gibst ihr auch etwas. Trotz allem. Trotz allem hast
du ihr auch etwas zu geben. Du hilfst ihr ja mit der Schule. Und obwohl sie
schon fast 18 ist, nimmt sie deine Hilfe noch an. Vielleicht kannst du ihr auch
etwas geben. Etwas, dass ihr ein reicher Vater, der den ganzen Tag nicht da
ist, nicht geben kann. Also kriegt sie etwas nicht, kriegt aber dafür was
anderes. Was auch wichtig ist. Genauso wichtig? Du willst es nicht glauben…
Kannst es nicht glauben…
Aber
du liebst sie. Es war richtig, in Deutschland zu bleiben. Trotz allem. Wenn
auch nur für sie. Nicht mehr für deine Frau. Deine Ex-Frau
Familie
ist wichtig
Besonders
in unserer Gesellschaft
Was
haben wir ohne Familie
Außerdem
hast du ja da diese wilde Theorie. Nach der, wenn eine Generation verkorkst
ist, so richtig verkorkst ist, so wie du verkorkst ist, dass dann die nächste
Generation besser wird. Dass sich also die vorherige Generation, deine also,
sozusagen unbewusst aufopfert, damit es der nächsten besser geht. Aber das ist
nur eine Theorie. Nur so eine Theorie
Vielleicht
wird ja etwas Besseres aus diesem Scheiß. Diesem ganzen Scheiß. Du verlierst
eine Frau, aber gewinnst eine Tochter.
Wie
sie letztens das mit Freud gesagt hat. Das hat dich umgehauen. Weil du Freud
liebst. Und hasst. Weil er ein visionärer Langweiler ist. Das mit dem Sohn, der
sich in die Mutter verliebt. Und der Tochter, die sich in den Vater verliebt. Sie
meinte, ab einem bestimmten Alter, du meintest immer. Prinzipiell. Generell.
Immer.
„Nein.
Das ist nur eine Phase. So eine bestimmte Phase…“
„Ja?“
Du
hast mich in einer komischen Phase meines Lebens kennengelernt…
Sie
wird erwachsen langsam. Auf die harte Tour. Härter als du. Und trotzdem ist sie
so gut. S ein guter Mensch. Ich hoffe, dass sie das irgendwann liest. Und
heult. Sich einen ganzen Abend die Augen ausheult, so wie ich, wenn ich Exogenesis III von Muse gucke. Immer wieder. Aber
ich hoffe auch, dass sie das nicht zu schnell liest. Hoffentlich. Erst in 10,
20 Jahren. Nicht jetzt. Auf keinen Fall jetzt. Weil ich nicht weiß, ob sie das
verarbeiten kann, das schon verarbeiten kann. Ich hätte das auch nicht gekonnt.
Aber diese Woche war was Besonderes. Du hast zu ihr gefunden. Irgendwie. Hast
sie entdeckt. Und was du sahst war gut. Richtig gut. Aber du würdest ihr das
nie direkt sagen. Du könntest ihr das nie direkt sagen. Du liebst ihre Mutter
immer noch. Sie ist ein richtig guter Mensch. Ein gutes Kind.
„Du
bist fast schon zu gut. Du musst mehr von deiner Mutter in deinen Charakter
aufnehmen. Du musst mehr wie deine Mutter.“
Obwohl
die ja auch gut ist.
Aber
jetzt musst du die Curry-Paste und die Zahnbürste für sie holen. Sonst ist es
zu spät. Heute ist ja Karneval. Weiberfastnacht.
Und
das erste Mal seit Jahren kann ich sagen: Ich will noch nicht sterben.
Wahrscheinlich sterbe ich genau deshalb genau jetzt...
Ich
will noch nicht gehen. Das erste Mal seit Jahren. Vielleicht schon seit vor der
Trennung.
Als
ich rausgehe, um die Curry-Paste zu kaufen, die sie will – sie will heute etwas
ganz Besonderes kochen! –, denke ich: Heute gehe ich auch raus. Trotz Sturm.
Heute ist Weiberfastnacht. Scheiß doch drauf. Ich frage sie, ob sie irgendwas
hat, Schminke oder so, und dann gehe ich raus. Trinke mir Mut an. Trinke all
die Flasche Alkohol, die sich seit eineinhalb Jahren auf dem Tisch angesammelt
haben (zweimal Wein, einmal Sekt) und gehe raus. Scheiß drauf. Heut hab ich
Bock! Nur weil ich geschieden bin, muss ich ja nicht wie ein Mönch leben. Sie
hat mir das zurückgegeben. Diese Woche.
Die Lust aufs Leben. Danke, María! Dankeschön!
Danke,
dass du mir das zurückgegeben hast.
Ohne
es zu wissen
Ganz
ohne es zu wissen
Danke,
obwohl ich dir nicht Danke sagen kann. Nicht im Moment. Es nicht in Worte
fassen kann, was du mir zurückgegeben hast
Mittwoch, 22. Februar 2017
Eier
Ich
gehe ins Bad, will eigentlich pissen, entscheide mich dann aber (unbewusst)
anders. Gehe wieder zurück ins Schlafzimmer, stelle mich vor das Fenster und
streife mir die rote Blümchenshorts samt Unterhose runter und kratze mich am
Penis. An dieser Schnittstelle zwischen Eichel und Schaft. Wo das Kratzen
doppelt so viel Spaß macht wie an allen anderen Stellen des Körpers.
Mindestens. Einen Moment lang gucke ich mich schuldig um, so als könnte mich
jemand sehen, dabei ist die untere Hälfte des Fensters abgeklebt. Wer soll dich
schon sehen wollen…? Ich kratze immer weiter, kratze und rieche abwechselnd an
meinem Finger. Da ist er wieder, mein alter Geruch! Den ich schon verloren
geglaubt hatte, inmitten all dieser neuen Gerüche. Dieser
Geruch nach drei Tage nicht geduscht. Wie geil ist das denn?! Kratze zwischen
den Beinen, unter den Eiern. Da, wo die Haut immer ein bisschen feucht ist,
zwischen Arsch und Eiern. Dann wieder am Penis. Der ist noch ein bisschen wund.
Egal. Genau an der Stelle, wo ich kratze. Was das Gefühl noch intensiviert,
dieses Gefühl zwischen Schmerz und Erregung, Kribbeln
Dienstag, 21. Februar 2017
Roma 2012 III
Ich
wusste gar nicht, was ich hier suchte, hier draußen in der lauen römischen
Nacht. Ein Hemd an. Auf alle Eventualitäten vorbereitet. Oder doch nicht? Ich
weiß es nicht mehr. Vielleicht hatte ich auch einfach nur meine Shorts an –
vielleicht sogar meine Strandshorts. Die mit den roten Blümchen. Keine Ahnung,
ob ich die damals schon hatte. Oder die weiße mit den roten Streifen. Die war
zumindest aus Stoff. Nicht wie die Blümchenshorts, die mehr eine Badehose als
eine richtige kurze Hose war. Ja, vielleicht hatte ich die ja damals noch,
diese weiße Shorts mit den verschiedenen vertikalen Streifen. Die mich immer
ein bisschen an ein Geschirrhandtuch aus der Küche erinnert hatte. Oder hatte
ich mir gar vor meinem nächtlichen Gefängnisausbruch eine lange Hose angezogen?
Wie hätte ich das vor Nadine rechtfertigen sollen. Wenn sie mich beim
Wiederkommen erwischt hätte. Morgens um vier, am Ende meines Freigangs. Als es
in Rom schon fast wieder hell wurde. Obwohl: Das lange Hemd hätte ich ihr
genauso wenig erklären können. Denn das war eins der eleganteren Sorte. Die ich
in Deutschland nicht zur Arbeit anzog. Aber in den Urlaub mitnahm. Keine Ahnung
warum. Um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Wie in den 50ern und 60ern, wo
die Leute noch elegant, in Anzug und Krawatte geflogen sind. Und nicht wie
heute in Stranduniform und Sandalen mit Tennissocken. Keine Ahnung warum. Mein
Urlaub war etwas Besonderes. Der Urlaub mit meiner Familie. Diese fast schon
magisch anmutenden zwei Wochen im Jahr. Wenn es überhaupt zwei Wochen waren,
die ich, die wir uns leisteten. Keine Ahnung. Das war das Hemd mit den
verschlungenen Rosen auf schwarzem Stoff, das war richtig elegant. Das, wo man
immer aufpassen musste, dass nicht auf einmal der Knopf in der Mitte, in der
Mitte des Bauches aufging. Und man auf
einmal unfreiwillig bauchfrei spazieren ging. Mit Guckloch. Aus dem bei
genauerem Hinsehen schwarzbraune Brust und Bauchhaare quollen. Aber in Italien
waren die vielleicht gar nicht so ungewöhnlich… Die platzenden Knöpfe wahrscheinlich
aber schon, denn hier im Süden waren die Leute deutlich schlanker als in
Mittel- oder Nordeuropa. Nicht so viel Frustessen, mehr Strandtage und eine
mediterrane Diät trugen bestimmt zu dieser sprichwörtlichen bella figura der italienischen Männer
und Frauen bei. So viel Schwabbel-Wabbel wie bei mir und bei meinen Landsleuten
sah man hier auf jeden Fall nicht.
Sonntag, 19. Februar 2017
Die Wahrheit, guapa
Ich will jetzt die Wahrheit
wissen, denkt er, als er das Buch von Nicholas Sparks liest. At First Sight. Ich muss sie einfach
wissen, um weiterzumachen. Damit mein Leben weitergeht. Nicht das hier. Dieser Schwebe-Zustand. Ich
muss endlich abschließen können. Mit allem. Mit all dem Scheiß. Mit Nadine, mit
Bonn, mit Deutschland. Die ganze Scheiße hinter mich bringen.
Ich komme nach Hause, aber
bleibe nicht lange. Das ist eh nicht mehr mein Zuhause. Nicht mehr so richtig.
Zumindest fühlt es sich nicht mehr so an. Ich ziehe mir die Tarnjacke an,
stecke die schwarze Wollmütze in die rechte Seitentasche. Wie gut, dass es
Winter ist. Da fällt das nicht so auf, das mit der Mütze. Im Sommer ist das,
was ich vorhabe wesentlich schwerer.
Es ist schon dunkel, als ich
aus der Tür nach draußen trete. Leise das Tor hinter mir schließe. Draußen ist
es am Pissen. Wie passend, denkt er, als er sich auf den Weg zur Bushaltestelle
macht, die Mütze in der Jackentasche…
Er will jetzt endlich
wissen, was los ist. Warum sie ihn wirklich
verlassen hat. Nicht diesen Scheiß von wegen „wenn unsere Liebe einmal zerbrochen ist, wie ein Zweig, dann kann man die nicht mehr kitten“ hören. Fast mit einem Lächeln auf der Lippe. Genervt.
Gleichgültig. Immer gleichgültig. Das ist niemals die ganze Geschichte. Aber es
gibt nur einen Weg herauszufinden, was wirklich los ist. Los war.
Warum hat María auch ihren
Schlüssel hier vergessen? Diesen Schlüssel, den er gefunden hat. Auf dem
Glastisch. Auf ihrem alten Glastisch. Sie hat auch nicht mehr danach gefragt.
Komisch... Von ihm war der Schlüssel auf jeden Fall nicht. Also muss er ja von ihr gewesen
sein. Und warum will sie ihn dann nicht zurückhaben? Von wem denn sonst? Vielleicht passt er ja, der Schlüssel den er jetzt in
der Hosentasche hat. Schon seit mehr als einer Woche mit sich rumträgt.
Befingert, während er in der Dunkelheit auf den Bus wartet. Den Bus in die
Stadt. Er will ja nur Klarheit, will endlich Klarheit.
Nicht diesen Scheiß von
wegen „Kann dir doch egal sein“ (ob die einen Neuen hat). „Was macht das für
einen Unterschied, jetzt noch?“
Für mich einen großen, denkt
er, auf sein Handy schauend. An diesem kalten, dunklen Sonntagabend.
Ya
no hay guapos, denkt er, kurz bevor der Bus endlich um die
Ecke kommt. Ya no hay guapos…
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