Mittwoch, 7. September 2016

Sorge dich nicht, lebe!














Einen Tag, nachdem seine Frau mit seiner Tochter das Haus verlassen hatte, nur um nie wiederzukommen, erhielt er eine SMS von seiner Tochter.

Mach dir keine Sorgen, ich komme morgen


Im Nachhinein klingt das fast wie aus einem Poesiealbum. Dem Dale-Carnegie-Poesie-Album. Wie sich das reimt, „Sorgen“ und „morgen“, fast schon poetisch. Philosophisch. Existentialistisch.



Am Abend des betreffenden Tages kam er nach der Arbeit die Treppe zu seinem Wohnblock hoch, guckte durch das Küchenfenster und sah eine kleine Person. Zuerst dachte er, das sei seine Frau, die es sich anders überlegt hatte und zurückgekommen war. In die gemeinsame Wohnung.

Aber dann, als er die Tür aufschloss und in die Küche ging, war da nur seine Tochter. Stand am Herd und kochte. So als wär nichts passiert. Nach einem Moment sagte er entgeistert: „Ich dachte, die Mama wär wieder da. Das sah so aus, von draußen…“

Sie sagte nichts.

Oder sagte er: „Und, wo ist die Mama?“

Keine Ahnung. Mittlerweile ist das alles schon so lange her, als wäre es gestern gewesen.

Auf jeden Fall informierte ihn seine Tochter später am Abend, als sie zusammen aßen, dass „die Mama kommt nicht mehr zurück.“ Und Punkt. Kein Wort mehr und keins weniger. Die Mama kommt nicht mehr zurück. War das ihre Aufgabe, ihm das zu sagen? Wie fühlte sie sich dabei? Er weiß es nicht. Er kann keine Gedanken lesen.


Er auf jeden Fall wird diesen Satz nie mehr vergessen, solange er lebt.


Am Morgen hatte ihm sein Anwalt, den er hastig aufgesucht hatte – er hatte noch nie vorher im Leben einen Anwalt gebraucht – mitgeteilt, dass das ein gutes Zeichen sei, dass seine Tochter noch Kontakt zu ihm hätte. Dass sie noch mit ihm reden würde.

„Das ist doch schon mal gut.“

Und Punkt.













Donnerstag, 1. September 2016

Wenn ich die Arbeit nicht hätte ...










Er denkt: Langsam fange ich echt an, mich mit dieser Arbeit zu identifizieren, richtig zu identifizieren. Die „Halle“ ist nicht nur eine Arbeit. Sie ist das, was mich am Leben erhalten hat. In dieser schwierigen, beschissenen, grauen-schwarzen Zeit.

Arbeit ist das, was einen nach der Trennung am Leben erhält. Arbeit, und zwar so viel wie möglich. Gebt mir Arbeit. Wie bei Raquel, in meinem Lieblingsbuch von Lucía Etxebarria. Die nach der Trennung von ihrem verheirateten Geliebten von ihrer Arbeit aufgefangen wird. Ok, ich bin kein Model, keine Literaturfigur und die „Halle“ ist nicht gerade ein hochdotierter Spitzenjob. Aber sie ist alles, was ich habe. For the time being




während ich weiter sterbe, innerlich sterbe, jeden Tag ein bisschen mehr










Dienstag, 30. August 2016

Goya in Deutschland





Er steht in der Bahn und wartet darauf, dass die Türen sich endlich öffnen und er aussteigen kann. Er blickt in die nach oben, nach vorne gereckten Gesichter der Leute, die an der Tür stehen und wissen wollen, warum der Fahrer die Tür noch nicht freigegeben hat. Unfreiwillig erinnert ihn die Szene an Goya.

Keine Ahnung warum.

Donnerstag, 25. August 2016

Wiedersehen






Ich weiß nicht, ob sie glücklich ist.
Vielleicht ist sie es ja und ich rede mir das nur ein.
Dass sie unglücklich aussieht.
Das ist nur so ein Gefühl
Und Gefühle zählen eh nichts
Und erst recht nicht in Deutschland
Wen interessieren schon Gefühle
Sie nicht
Obwohl sie unglücklich aussieht
Die Haare sind kürzer
Wie sie da sitzt und den Boden anstarrt. Oder ihr Handy.
Sieht sie nicht unglücklich aus
Wie sie nicht hochguckt. Mich nicht sieht.
Nicht sieht, wie ich sie sehe.
Und alle Wunden wieder aufbrechen.
Ich hatte den ganzen Tag schon so ein Gefühl
(du weißt doch, Gefühle interessieren keine Sau)
Was sind schon Gefühle.
Wie ich heute Mittag diese Latina gesehen habe.
Und dann ihre Schwester.
Und jetzt sie.
Wie sie da sitzt
Kommt alles wieder hoch.
Nichts ist weg
Es war nur verschüttet
In der Müllkippe deiner Seele
Alle Dämme brechen
Alles reißt wieder auf
Die ganze Scheiße
Aber du gehst nicht zu ihr, als der Bus hält, keine 10 Meter von ihr entfernt
es hätte keinen Sinn
keinen Sinn mehr
Von da wo sie sitzt, auf diesem Stein, diesem runden Sitzstein am Bahnhof
Wo du früher auch gesessen hast
Als du noch den Nachtbus nach Duisdorf genommen hast
Wo sie auf dich wartete, in eurem Bett
In dem du jetzt alleine schläfst
Nicht einschlafen kannst
Dich hin und her wälzt
Ihre Beine erinnern dich daran, wie du mit ihr geschlafen hast
wie du in sie eingedrungen bist
sie gespürt hast
sie geliebt hast
ein halbes Leben lang
Früher
Früher ist vorbei
Und du gehst vorbei
Gehst extra vor dem Bus entlang
Obwohl der Weg hinter dem Bus der Kürzere ist
Guckst zu ihr zurück
Sie hebt den Kopf nicht
Wirkt unglücklich
Mit ihren kürzeren Haaren
Obwohl du sie gar nicht richtig sehen kannst
Mit deinen Augen
Du gehst zu deiner Haltestelle und fragst dich,
ob sie dich sieht
dir nachguckt, so wie du ihr.
Du weißt, dass das sie ist
Da hinten
Auf jemanden wartend.
Der nicht mehr du bist.
Der nie mehr du sein wirst
Und genau in diesem Moment weißt du,
dass du sie immer lieben wirst
Und immer vorbeigehen wirst,
wenn du sie siehst
so als hättest du sie nicht gesehen
wenn du sie durch Zufall siehst
in der Stadt
im Bus
wo auch immer
es gibt keine Zufälle
du liebst sie immer noch
alles ist immer noch da
wie am ersten Tag
trotz Anwalt, trotz Unterhaltsforderungen, trotz allem
weißt du, dass du nie aufhören wirst, sie zu lieben
Obwohl du nicht mehr zu ihr gehen wirst
Nie mehr
Wenn du sie siehst
Die Mutter deiner Tochter
Die Liebe deines Lebens
Wie ein Doof stehst du an deiner Haltestelle und blickst zu ihr rüber
Mit ihrem lilafarbenen Garfield-T-Shirt
Jetzt weißt du es wieder
Das sie in eurem gemeinsamen Urlaub gekauft hat
In eurem letzten gemeinsamen Urlaub
Jetzt fällt es dir auf
Ihre Haare sind kürzer
Sie ist noch immer total braun
Von Griechenland
Wo sie alleine war
Mit ihrer Tochter
Deiner Tochter
Die euch nicht mehr verbindet
Du stehst leicht versteckt hinter der Schulter dieses Typen
und guckst da rüber als hättest du einen Geist gesehen
Hast du ja auch
Den Geist vergangener Urlaube
Vergangener Umarmungen
Vergangener Küsse
Vergangener Berührungen
vergangen, alles
Vergangener Liebe
Der Bus kommt
Der Bus zu deiner neuen Wohnung
Heute ist María bei dir
Morgen bei ihr
Am Montag wieder bei dir
María, die euch beide in sich hat
Aber die ihr nicht mehr beide habt
Du steigst in den Bus ein
Setzt dich hinten hin
Weil es da kühler ist
Es ist der heißeste Tag des Jahres
36 Grad
Und du guckst zu ihr rüber
Als hättest du einen Geist gesehen
Den du berühren könntest
Den du nicht mehr erreichen kannst
Obwohl du weißt,
dass du sie immer lieben wirst
deine kleine Latina
die du vergrault hast
mit deinem Pessimismus
mit deinem fehlenden Vertrauen
mit deiner Eifersucht
deinen Ultimaten
Eine Familie sitzt dir im Weg
Du siehst sie nicht mehr richtig
Und trotzdem hat diese Begegnung deine Welt erschüttert
In ihren Grundfesten
Deine kleine kaputte Welt
Die nicht heilen will
Einfach nicht heilen will
Wie eine rote Wunde
Du siehst sie nicht richtig
Guckst als hättest du einen Geist gesehen
Das Kind guckt zu dir rüber
Der Alte auch
Wie du guckst
Als könntest du nicht vergessen
nicht vergessen
was mal war
was nie wieder sein wird
Und dann ist der Bus weg
Im Tunnel verschwunden
Und du siehst sie nicht mehr
Vielleicht nie wieder
in deinem Leben
Deine kleine Latina
Die du so liebst
Wie am ersten Tag.












Sonntag, 21. August 2016

Alles Verarschung: Zwischen Schein und Sein







Heute musste er tatsächlich fast wieder heulen. Bei Cuéntame como pasó, einer seiner spanischen Serien – komischerweise sind es immer die spanischen, bei denen er heulen muss, bei denen die Emotionen ihn förmlich übermannen). Ich weiß, er ist auch von Natur aus schon ziemlich nah am Wasser gebaut, aber das heute war  wirklich etwas Besonderes.

Tage wie diese... (II)








Als du vor die Tür trittst, pisst es wie aus Kübeln. Ich meine, du hattest den Regen schon gehört, als du heute Morgen auf dem Klo warst und das Fenster gekippt hattest – damit die Nachbarn auch was davon haben. Aber hier draußen ist das schon was anderes. Also nimmst du den großen Schirm mit, den du auf der Arbeit geklaut hast. Den von diesem Hotel, irgendwas mit Resort, keine Ahnung. Von irgendeinem reichen Araber bestimmt. Aber schon nach fünf Minuten Laufen ist der linke Ärmel deines Trainingsanzugoberteils fast bis auf die Haut durchweicht. Scheiße, was soll das erst später geben. Aber im Wald wird es besser. Durch die Bäume, die halten den Regen ab. Zumindest zum Teil.

Freitag, 19. August 2016

Vater werden ist nicht schwer...

 







Meine Frau ist schwanger…“, sagt sein Kollege, als er ihn nachts nach Hause fährt.

„Hey, Herzlichen Glückwunsch!“

„Danke.“

„Dann muss die sich auch schonen, ne.“

„Ja.“

„Im wievielten Monat ist die denn?“

„Im dritten.“

Viel Spaß!




Larson liebt es zu denken.

Und gleichzeitig hasst er es.

Aber das ist egal, denn er kann eh nichts dagegen machen, er kann sie nicht abstellen, die Gedanken, die ihn Tag und Nacht verfolgen, die ihm bei jeder Gelegenheit durch den Kopf schießen. Er denkt einfach über alles nach, immer wieder, wie eine Kuh, die immer wieder das gleiche Gras wiederkäut. Bis es verdaut ist. Und dann fängt sie – genau wie er – wieder von vorne an…