Sonntag, 19. Februar 2017

Die Wahrheit, guapa
















Ich will jetzt die Wahrheit wissen, denkt er, als er das Buch von Nicholas Sparks liest. At First Sight. Ich muss sie einfach wissen, um weiterzumachen. Damit mein Leben weitergeht. Nicht das hier. Dieser Schwebe-Zustand. Ich muss endlich abschließen können. Mit allem. Mit all dem Scheiß. Mit Nadine, mit Bonn, mit Deutschland. Die ganze Scheiße hinter mich bringen.

Ich komme nach Hause, aber bleibe nicht lange. Das ist eh nicht mehr mein Zuhause. Nicht mehr so richtig. Zumindest fühlt es sich nicht mehr so an. Ich ziehe mir die Tarnjacke an, stecke die schwarze Wollmütze in die rechte Seitentasche. Wie gut, dass es Winter ist. Da fällt das nicht so auf, das mit der Mütze. Im Sommer ist das, was ich vorhabe wesentlich schwerer.

Es ist schon dunkel, als ich aus der Tür nach draußen trete. Leise das Tor hinter mir schließe. Draußen ist es am Pissen. Wie passend, denkt er, als er sich auf den Weg zur Bushaltestelle macht, die Mütze in der Jackentasche…

Er will jetzt endlich wissen, was los ist. Warum sie ihn wirklich verlassen hat. Nicht diesen Scheiß von wegen „wenn unsere Liebe einmal zerbrochen ist, wie ein Zweig, dann kann man die nicht mehr kitten“ hören. Fast mit einem Lächeln auf der Lippe. Genervt. Gleichgültig. Immer gleichgültig. Das ist niemals die ganze Geschichte. Aber es gibt nur einen Weg herauszufinden, was wirklich los ist. Los war.

Warum hat María auch ihren Schlüssel hier vergessen? Diesen Schlüssel, den er gefunden hat. Auf dem Glastisch. Auf ihrem alten Glastisch. Sie hat auch nicht mehr danach gefragt. Komisch... Von ihm war der Schlüssel auf jeden Fall nicht. Also muss er ja von ihr gewesen sein. Und warum will sie ihn dann nicht zurückhaben? Von wem denn sonst? Vielleicht passt er ja, der Schlüssel den er jetzt in der Hosentasche hat. Schon seit mehr als einer Woche mit sich rumträgt. Befingert, während er in der Dunkelheit auf den Bus wartet. Den Bus in die Stadt. Er will ja nur Klarheit, will endlich Klarheit.

Nicht diesen Scheiß von wegen „Kann dir doch egal sein“ (ob die einen Neuen hat). „Was macht das für einen Unterschied, jetzt noch?“

Für mich einen großen, denkt er, auf sein Handy schauend. An diesem kalten, dunklen Sonntagabend.

Ya no hay guapos, denkt er, kurz bevor der Bus endlich um die Ecke kommt. Ya no hay guapos…









Glühwürmchen




Ich weiß noch, damals, als wir noch in Bonn-Hardtberg gewohnt haben (nein, nicht auf dem Brüser Berg, sondern in Finkenhof!), da haben wir im Sommer abends immer zusammen unsere Runde gedreht (mit wem drehst du eigentlich jetzt „unsere“, äh, „deine“ Runde?!). Hoch zum Verteidigungsministerium, am Hardtberg-Bad vorbei, durch den Wald um das Ministerium herum, an der Tennis- und der Basketshalle vorbei und wieder zurück. Zu uns nach Hause. So drei-, viermal in der Woche bestimmt. Um den Tag sacken zu lassen und ein bisschen Sport zu treiben (das dauerte schon immer so ne Stunde oder so). sich zu unterhalten. Sie über ihre señoras, ihre „Frauen“, bei denen sie putzte und ich über meine Schüler, meine Bücher und manchmal auch meine Filme.

Freitag, 17. Februar 2017

Roma 2012 (Teil II)











Just a perfect day
Drink Sangria in the park
And then later
When it gets dark, we go home

Just a perfect day
Feed animals in the zoo
Then later
A movie, too, and then home

(Lou Reed - Perfect Day)






Aber obwohl ich mich daran erinnere, dass ich in diesem Jahr, und vielleicht sogar in diesem Urlaub, angefangen habe, ernsthaft Rammstein zu hören, so war doch das Lied dieses Sommers nicht etwa Mein Teil, Dalai Lama, Los oder Keine Lust – obwohl du diese Lieder und besonders Los oder Keine Lust auch richtig geil fandest, während María mehr auf Amerika stand (bis heute kann sie sogar Du hast mitsingen, keine Ahnung warum…).

Traumdeutung: Zwischen Traum und Realität













Ich, das heißt, das, was von mir noch übrig ist, befinde mich auf einer Feier. Keine Ahnung, was das für eine Feier ist, aber auf jeden Fall sind da ganz viele große, lange Tische in einem Saal. Eine Familienfeier. Für die ganze Familie. Und tatsächlich: Nadine ist auch da. In der Küche. Wo sie das Essen vorbereitet. Das Essen für die wilde Meute da draußen. Und du gehst immer wieder hin und her. Zwischen deinem Tisch, wo du an der Ecke sitzt (keine Ahnung neben oder mit wem) und der Küche, wo Nadine ist und wo du dir immer wieder Alkohol nachholst. Wie früher, als du noch getrunken hast. Als du noch gesoffen hast wie ein Loch. Als gäbe es kein Morgen mehr. 
  

Sonntag, 12. Februar 2017

Alltag im All








Though I'm past one hundred thousand miles
I'm feeling very still
And I think my spaceship knows which way to go
Tell my wife I love her very much she knows

Ground Control to Major Tom
Your circuit's dead, there's something wrong (Space Oddity – David Bowie)









Ich werfe zu viel Klopapier in die Toilette und sie spült wieder nicht ab, obwohl das Wasser schon bis zum Rand steht und ich nicht mehr Wasser nachlaufen lassen kann. Dann gehe ich ins Wohn-/Schlafzimmer, suche das Buch, das ich zurückgeben muss, finde es aber nicht. Stattdessen fällt mir ein anderes Buch runter. Ich kann es nicht mehr fangen, es gleitet mir einfach aus der Hand. Ach, lass es fallen, scheiß drauf, lass alles fallen. Vielleicht willst du ja sogar, dass es fällt. Vielleicht soll es ja fallen. Also scheiß drauf! Ein paar Minuten später liege ich im Bett und das Handy macht diesen Ton, den es immer macht, wenn der Akku leer ist. Geil. Der Akku des Computers ist auch leer, aber das Kabel steckt zum Glück noch in der Steckdose. Mein Akku ist auch leer, aber es gibt kein Kabel, keine Reißleine, die ich ziehen kann und mit Hilfe derer ich mich fallen lassen kann. Mich einfach fallen lassen kann. Wie der Typ in Fight Club. Einfach loslassen kann, von diesem deutschen Alltag, der mich jeden Tag aufs Neue fickt. Von vorne und von hinten. In den Arsch und…keine Ahnung wohin. Langsam werde ich nervös. Denn das Buch muss morgen zurück. Scheiße. Also starte ich einen zweiten Suchversuch. Während das Handy noch mal klingelt. Ich weiß, dass du leer bist. Ich auch. Ein Leerkörper. Das haben wir früher immer zu unseren Lehrern gesagt. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass und wie sehr das eines Tages auch auf mich zutreffen würde. Ich blicke nach rechts, zum Fernsehtisch neben dem Bett. Geil! Ein Buch habe ich gefunden. Aber dieses Buch war auch nicht das Problem. Sondern das andere. Da liegt es: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Nein, nicht von mir, sondern von Milan Kundera. Habe ich nie zu Ende gelesen. Weil ich genau weiß, was am Ende passiert. Das hat Milan Kundera nämlich schon ungefähr zur Hälfte des Buches vorweggenommen. Das  Ehepaar stirbt. Beide sterben. Wir müssen alle sterben. Will er wahrscheinlich damit sagen. Keine Ahnung. Egal wie viel wir betrügen und lügen, wir werden alle sterben. Was für eine Message! was für eine Moral! Die Moral von der Geschicht ist…wir müssen alle sterben. Alle fallen. Alle loslassen. Das Handy klingelt wieder. Wie ein Baby, das seine Flasche will. Ich nehme das Buch, finde dieses Bookmark, dieses Lesezeichen, das ich damals gefunden habe. In irgendeinem anderen Buch. Auf der Vorderseite ist eine rote Kerze abgebildet, deren Flamme vor dunklem Hintergrund hell brennt und unter der steht:
Jesus Christus
Licht der Welt. Licht für
jede Dunkelheit.
Licht auch
für dich.

Ohne Ausrufezeichen. Nur mit Punkt. Als ob es so wär. Einfach so wär. Und als wär das nicht schon genug (Licht) steht auf der Rückseitein schwarzen Lettern auf weißem Hintergrund:

Ich bin
das Licht der Welt.
Wer mir vertraut,
wird nicht mehr
in der Finsternis
bleiben, sondern
wird das Licht
des Lebens haben.
Jesus Christus

Wird nicht mehr fallen, nichts mehr fallen lassen. Oder wird gerade fallen, wird fallen lassen können, loslassen können, endlich loslassen. Die Welt ist so voller Zeichen, voller Botschaften, voller Messages, man muss sie nur erkennen. Erkennen können. Deuten. Deuten können. Man muss nur glauben. An sie…

…seine Ex-Frau…

…vertrauen können…

…dass wir zwar sterben werden, aber trotzdem wieder zueinander finden können…in diesem Leben

oder im nächsten

„…willst du ein Revival?“

„Ich weiß nicht…“

Meine Lieblingsphrase um zu sagen: „Ja.“ „Ja, ich glaube schon.“ „Ja, ich glaube.“ Einfach so. So einfach.
Jetzt muss ich nur noch das andere Buch finden…geil
Du stehst mitten im Raum, lässt das Chaos deines Lebens auf dich wirken und kratzt dich am Penis. An dieser Stelle unterhalb der Eichel. Zwischen Eichel und Schaft, an der du dich so gerne kratzt. Das ist so mit die empfindsamste Stelle des gesamten Penis. Wenn man da kratzt, dann  macht das richtig Spaß, manchmal. Ist belebend. Wirkt belebend. Manchmal kannst du da kratzen, bis es blutet, an diesen Häutchen unter der Vorhaut. Ziehen, kratzen und kneten. Bis du nichts mehr fühlst. An dieser empfindsamsten Stelle des männlichen Körpers.

Plötzlich geht der Fernseher aus. Das macht er immer, wenn er zu lange ohne Unterbrechung läuft. Das heißt, er läuft jetzt schon 4,5 Stunden ununterbrochen. Der Moderator des Morgenmagazins kann gerade noch sagen: „Wir sprechen gleich über Übergewicht, über Dicke“…und schon ist er aus. Gut so, vielleicht. Du stehst wieder auf, kratzt dich zwischen Sack und Arschloch. An dieser ebenfalls sehr empfindlichen, sehr empfindsamen Stelle. Diesen Weichteilen des menschlichen Körpers. Nadine konnte das damals während des Laufens. Sich am nicht vorhandenen Sack kratzen. Da steckte sie sich manchmal einfach so die Hand in die Hose und roch danach an ihrem Finger. Wie ein Mann. Wie du. Manchmal hielt sie ich  sogar dir unter die Nase. Aber ihren Geruch mochtest du nicht. Man mag nur seinen eigenen Eiergeruch. Arschgeruch. Nie den anderer. Du hast dir damals auch immer direkt die Hände gewaschen, nachdem du ihr den Finger in den Arsch gesteckt hast. Beim Bumsen. Du wolltest sie immer in den Arsch bumsen, aber sie wollte das nicht. Keine Ahnung warum…(beides).

Wir kompensieren Sorgen mit essen…

Kenne ich irgendwoher… Dabei fällt mir ein. Ich hab ja noch Eis.

…wiegt 188 Kilo. Die Selbsthilfegruppe war sein Weckruf…

Der Typ im Fernsehen ist Köln-Fan, zeigt seine alte Trikot-Sammlung. Da würd ich auch essen, um zu kompensieren, denkst du. (Nur ein Witz, ein einsamer Witz in der Dunkelheit, in der Einsamkeit…)

Das Buch taucht immer noch nicht auf. Scheiße.

Am Ende findest du das Buch doch – wieder – nicht und machst dir Sorgen…

Mach dir keine Sorgen, ich komme Morgen…

Und was ist, wenn das nicht auf der Arbeit ist? Was ist, wenn das nicht mehr da ist? Gar nicht mehr da? Dann muss ich das ersetzen… Scheiße…

***

Später am Vormittag checke ich meinen Lottoschein. Ich hab bestimmt wieder nichts gewonnen. Wie immer. Aber dann überraschen mich die Zahlen. Ich habe tatsächlich…3 Richtige…die 30, 31 und 46. Und das sind tatsächlich 13,10€. Scheiße, ich bin reich. Aber ehrlich:13,10 € ist für 3 Richtige echt nicht schlecht!
Warum gibt einem Gott eigentlich immer in den hoffnungslosesten Momenten wieder Hoffnung? Ich hasse das. Ich hasse die Hoffnung


Auch das Scheiß-Buch nehmen die ohne das beschissene Faltblatt an. Wozu hab ich mich eigentlich bekloppt gemacht, den ganzen Tag lang
            och, es gibt da noch so ein paar weitere Gründe, but we wouldn’t want to go into that, would we?!












Mittwoch, 8. Februar 2017

Roma 2012




Wir wohnten damals in so einer „Pension“. Keine Ahnung, wie die genaue Bezeichnung war. Aber ein Hotel war das auf gar keinen Fall. Die hatten wir schon von Deutschland angerufen. Wie wir das immer gemacht haben. Jedes Jahr. Jedes Jahr das Gleiche. Wir suchten uns einen günstigen Flug im Internet (meistens Ryan Air), bezahlten den mit der Kreditkarte von Marías ehemaliger bester Freundin, zu der sie eigentlich schon lange keinen Kontakt mehr hatte, die wir aber immer noch anriefen (immer wenn wir in Urlaub wollten und mit der Kreditkarte bezahlen mussten). Und erst dann, nachdem all das erledigt war, fingen wir an, nach einem günstigen Hotel zu suchen. Nach dem günstigsten, um genau zu sein. Das ging auch immer relativ gut (vorbei waren die Zeiten, wo wir mit María im Kinderwagen in Alicante gelandet waren und erst dann, nach der Ankunft am Flughafen, nach einem Hotel für die Nacht suchten (ich kann mich immer noch an das Gesicht des Taxifahrers erinnern, der wirklich nicht amused war!).

Dienstag, 31. Januar 2017

Telefonieren nach Hause










Ich weiß noch, wie wir damals beim Bund immer miteinander telefoniert haben. Meistens hab ich sie angerufen, aber manchmal hat auch sie mich angerufen, in der Telefonzelle in der Kaserne. Da muss so ungefähr im September 1996 gewesen sein, wo ich in der Grundausbildung war und noch in Koblenz stationiert war. In der Gneisenau-Kaserne war das glaub ich. Bei den Panzergrenadieren. Ich weiß noch den Spruch, den die damals hatten: Du bist kein Mensch, du bist kein Tier, du bist ein Panzergrenadier. Manche meinten das natürlich ironisch oder als Witz, aber ich glaube manche von den Leuten da meinten das durchaus ernst. Waren stolz darauf. Da war so ein türkischer, das heißt ein deutsch-türkischer Feldwebel, der immer mit den Rekruten singend durch die Kaserne rannte. Wie in Amerika. Wie in diesen Filmen. Keine Ahnung, was der sang, aber das machte natürlich Eindruck.

Eigentlich hätte ich ja auch gar nicht dahin gemusst, denn ich war eigentlich für Hamburg vorgesehen gewesen. Für die Marine. Und zwar nicht nur für die Grundausbildung, sondern für meine gesamte Bundeswehrzeit. Womöglich noch auf einem Schiff, keine Ahnung. Aber mein Vater, der einen 2-Sterne-General kannte, dem er das Auto reparierte, hatte das so eingerichtet, dass ich in Bonn bleiben konnte. As heißt, zuerst musste ich, wie gesagt, nach Koblenz, denn in Bonn gab es keine Grundausbildung. Nur das Verteidigungsministerium und die machten keine Grundausbildung. Worin auch? Nur eine Wachausbildung. Und in Siegburg war das Wachbataillon. Was laut des Generals, der mich sogar in meinem Aushilfsjob bei Deichmann extra anrief, nicht zu empfehlen war, weil die Grundausbildung da um einiges härter wär als in Koblenz. Und man später noch ohne Ende Wache schieben musste, was im Verteidigungsministerium nicht der Fall war, denn – Sie ahnen es – da übernahm das Wachbataillon freundlicherweise die Wache für uns. Also war die nächstgelegenere Lösung Koblenz für die Grundausbildung und Bonn danach. Der wahre Grund, warum ich meinen Wehdienst in Bonn ableisten wollte, war nicht etwa, weil ich so nah wie möglich an meiner Heimatstadt oder an meinem Elternhaus sein wollte, sondern ein anderer: Denn ich wollte nicht von Nadine getrennt sein, die ich ja erst Anfang des Jahres kennengelernt hatte und mit der ich jede frei Minute verbrachte und mittlerweile auch schon Spanisch sprach wie ein Südamerikaner. Warum mein Vater dann trotzdem, obwohl er ganz genau gewusst haben muss warum, das so gedreht hat, dass ich nach der Grundausbildung nach Bonn komme, weiß ich nicht, denn eigentlich mochte er meine Freundin, meine erste Freundin nicht besonders (ich kann mich immer noch an den Whiskey erinnern, den er trank, nachdem ich sie ihm vorgestellt hatte – etwas, dass er sonst nie tat). Ich weiß nicht, was er in ihr sah, was ich nicht sah und selbst letztes Jahr, als wir uns schon getrennt hatten, drückte er sich nur sehr vage aus, als ich ihn einmal darauf ansprach, was ihn denn an Nadine so gestört hatte.

„Die war doch sowas von falsch…“

Bis heute weiß ich nicht, was er mit diesem „falsch“ gemeint hat, aber ich glaube immer noch, dass er damals schon mehr wusste oder ahnte als ich… Trotzdem ärgerte mich das irgendwie immer noch, denn ich habe bis heute nicht begriffen, wie jemand „echt“ sein kann, der in seinem ganzen Leben keine 10 Worte mit mir gewechselt hat und nicht einmal ein ernsthaftes Gespräch über irgendetwas mit mir geführt hat. Keine Ahnung, aber irgendwas war da – sonst hätte er den Whiskey nämlich im Schrank gelassen (bei den anderen 20-30 Flaschen Hochprozentiges, die ihm Kunden geschenkt hatten und die da schon seit Jahren vor sich hingammelten; meine Mutter war dem Alkohol zwar nicht ganz so abgeneigt, trank aber nur Bier, Wein und Sekt, den sie immer dezent hinter dem Sofa versteckte).

Auf jedem Fall war ich aus Liebe zu meiner Frau in Koblenz gelandet, von wo aus ich sie Tag für Tag von der einzigen in der Kaserne vorhandenen Telefonzelle aus anrief. Wo ich jeden Tag, direkt nach Dienstschluss, in einer langen Schlange von Soldaten wartete, um für ein paar Minuten mit ihr sprechen zu können. Ihre Stimmt hören zu können. Natürlich auf Spanisch, denn so verstand mich auch keiner. Nach einer Weile fingen die anderen sogar an, mich den Spanier zu nennen, weil ich am Telefon mit meiner Freundin immer nur Spanisch redete. Darauf war ich irgendwie stolz. Einer – ich glaube, es war der Rechte aus Düsseldorf – glaubte mir sogar noch nicht einmal, dass ich Deutscher bin und ich versuchte ihn mit einem Lächeln auf dem Gesicht davon zu überzeugen, dass ich kein Spanier bin. In Bonn geboren bin (leider) und da auch mein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte (leider). Ich fand das cool, weil es mich anders machte. Besonders. Heute – wo ich sicher geschieden bin – und das Ganze mittlerweile über zwanzig Jahre her ist, kann ich mir kaum noch vorstellen, über was wir damals so alles geredet haben. Keine Ahnung. Haben wir uns etwa für Minuten nur te quiero oder te amo gesagt?! Oder te quiero mucho, mucho, mucho… Kann ja wohl kaum sein. Selbst wenn man noch ein paar te extraños dazu nimmt. Ich vermisse dich wirklich. Denn Männer sind treuer als Frauen und ich war nicht einmal in Koblenz abends allein weg (obwohl ich das wegen dem Zapfenstreich auch nicht gekonnt hätte). Über was haben wir so viel und so lang geredet? All die Jahre? Ich weiß es nicht. Es ist wie verflogen, wie weg, hat keine Spuren hinterlassen.

Te amo

Te quiero

Te extraño

¿Qué estás haciendo?

¿Estás pensando en mí?

El fin de semana vengo…

Ciao


Aber Inhalte? Wo sind die Inhalte hin? Ich finde sie nicht mehr in den Bruchstücken meines Lebens, meiner Vergangenheit

sie sind weg

wie sie



für immer verloren

in der Zeit