Wie kannst du nur so verbittert sein?
denkst du manchmal. So zärtlich, so ängstlich, so sorgenvoll? So bitter? So
erbittert, wie das korrekt heißt. So wütend, so sauer, so aufbrausend, so
jähzornig? So sensibel, so emotional, so hochemotional, so impulsiv, so
gefühlvoll, so empfindlich? Empfindsam? So nachtragend, so voller Groll und Wut
und Zorn und anger? So hasserfüllt,
so irrational, so wenig reflektierend, reflektiert, inflektiert? So wenig
flexibel, so temperamentvoll, so gefühlvoll? So verknöchert? So stur, bockig,
dickköpfig, trotzig und unnachgiebig? So heißblütig? So verbissen, so zäh, so
traurig, so melancholisch, so depressiv, so naiv, so gutgläubig, leichtgläubig,
dumm, unschuldig? So stolz? So überheblich, so distanziert, so arrogant, so
kühl berechnend, so böse, so gut, so anständig? So emotional involviert? So
sanft? So liebevoll, so einfühlsam, so empathisch, so duldsam, so tolerant, so
geduldig? So „nett“?
Ein Blog über das Leben, die Liebe, Beziehungen, Verlust, Angst, Spaß, die Lust, die Lust am Schreiben,Südamerika, Musik, südamerikanische Frauen, die Liebe, Spanisch, Englisch, Schottland, Spanien, Deutschland, dat Rheinland, Kinder, Literatur, Vergänglichkeit, Arbeit, Politik, die Mafia, Urlaub, Gewalt, Verbrechen, Sex, große und kleine Gefühle und vieles, vieles, vieles mehr ...
Donnerstag, 15. September 2016
Schwulitäten
Am Vormittag ruft ihn sein Chef an. Das
heißt nicht sein Chef, sondern der Leiter der Halle. Der „Hallenleiter“.
Klingt irgendwie komisch. Wie Gauleiter. Aber der ist „nett“. Wirklich. Fast
schon zu nett... Der weiß, was mit dir los ist. Bestimmt. Er will, dass er
Sonntag einspringt. Für eine Kollegin, die krankgeschrieben ist.
„Jetzt
hast du mich gestern gefragt, ob du Sonntag Dienst hast...", sagt er, "...jetzt hast du dir
bestimmt schon was vorgenommen...“
Bestimmt.
Wie zum Beispiel, die Wand anstarren. In Depressionen versinken. Deine Tochter
(und deine Frau) vermissen. Dich erschießen. Ach so, von der Brücke springen
hattest du auch noch vor. Vielleicht nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Zuerst nehme ich eine Überdosis Herztabletten, dann erschieße ich mich (mit welcher
Waffe?), dann springe ich halbtot und mit Loch im Kopf (was für ein Versager du
doch bist, du kannst dich doch nicht mal richtig erschießen!) und im Herzen (was für
ein Versager du doch bist, du kannst das Leben noch nicht mal mehr genießen,
jemand Neues finden) von der Brücke und am Ende (weil du hier natürlich auch
versagst), gibst du auf und kehrst in deine leere Wohnung zurück, starrst die
Wand an, vermisst deine Tochter und deine Frau, machst dir Sorgen, bis du nicht
mehr kannst und versinkst dann in Depressionen (und vielleicht holst du dir
noch zwischendurch einen runter, wenn du Bock hast oder geil bist oder Druck
hast oder beides).
„Ne,
das hat sich erledigt“, sagst du mysteriös.
Alles
hat sich erledigt. Wie bei Raquel in Nosotras
no somos como las demás von Lucía Etxebarria ist der Job auch für dich das
Einzige, was dir noch geblieben ist. Raquel, deine literarische Lieblingsfigur.
Eine Göttin, eine Heldin, eine Kämpferin der modernen Literatur. Die, die nach
der Trennung von dem verheirateten Mann, mit dem sie eine kurze, aber intensive
Affäre hatte, bei ihrem letzten Treffen zu ihm sagt (frei übersetzt): „Ich will wenigstens einen Kompromiss. Ich
will, dass wenn man mich schon verlässt, man wenigstens dafür bezahlt; wenn man
mir schon Leid zufügen muss, wenn man mich belügt und betrügt, wenn man mich
verachtet, dass man wenigstens dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Ich habe die Nase voll
davon, dass die Leute denken, ich sei nichts wert, dass ich nicht das Recht
hätte, irgendwelche Forderungen zu stellen, dass es normal ist, dass man mir
Versprechungen macht, die man nicht halten kann. Ich habe die Nase davon voll,
immer den anderen recht zu geben. Ich werde nicht einfach so aufgeben, ohne mich
zu wehren. Ohne, dass man mich wenigstens angehört hat. Du hattest nicht das
Recht. Du hattest nicht das Recht...“
Und
an einer anderen Stelle weiter unten noch hinzufügt: „Doch, Liebster, ich glaube, dass es dir gut geht, Ganz ehrlich, ich
glaube nicht, dass du so viel geheult hast wie ich.“
Das
hattest du dir sogar ausgedruckt und an die Tür gehängt. Mit gelbem
Maler-Kreppband, da du kein Tesafilm hattest oder es im Chaos deiner Wohnung,
deines Lebens nicht gefunden hast. Nicht gleich gefunden hast und aufgeben
hast. Dann wieder abgehängt. Wegen deiner Tochter. Ist ja schließlich ihre
Mutter, die Frau, die versucht, dich zu vernichten.
„Bringt
das dich auch wirklich nicht in irgendwelche Schwulitäten?“, sagt Rudi am Telefon.
Schwulitäten??
Das wäre es jetzt. Ein schöner, entspannender Arschfick. Sich von fünf BBCs
nehmen lassen. Sich fallen lassen. Wie Freddie Mercury in I want to break free. Oder
selbst in haarige Ärsche eindringen.
Näh! Bah! Lieber schon in unhaarige weibliche! Aber woher nehmen, wenn nicht
stehlen.
„Ich
versuche mich eigentlich aus Schwulitäten rauszuhalten“, antwortest du.
Lesbitäten
wären vielleicht was, was ich in Betracht ziehen würde…aber…
…von
Frauen habe ich irgendwie die Schnauze voll. Woran das wohl liegt?!
„Das
ist Sonntag früh, ne?!“
Die
Kollegin hat nur Früh-Dienste. Aber selbst das ist ihm seit der Trennung sowas
von egal.
„Ja.“
„Ne,
ok, mache ich. Kein Problem.“
In
fact, es würde mich in Schwulitäten bringen,
wenn ich den Sonntag nicht machen würde. Dann hätte ich nämlich frei. Wäre
frei. Vogelfrei. Die Arbeit ist das, was mir Leben gibt. Und Geld! Was mich am
Leben hält. Während ich darauf warte, dass etwas passiert. Ein Atomkrieg zum Beispiel. Oder eine
Revolution. Oder der Tod deiner Ex (nur für den Anwalt: Das bin nicht ich, der
das sagt, das ist mein fiktives Alter-Ego! Mein ficktives Alter Ego, hören Sie?! Schließlich ist das ganze Leben
nicht viel mehr als eine Fiktion. Frei nach dem Motto: Wir machen uns was vor, manchmal ein ganzes Leben lang, und dann sterben wir.)
Dann
meldet sich sogar noch meine Kollegin, übernimmt in ihrer vollkommen
undominanten Art das Telefon und sagt: „Danke!“
„Kein
Problem. Gute Besserung!“
Nichts
zu danken. Ich habe zu danken. Sonst müsste ich die Wand anstarren, meine Frau
und Tochter vermissen, mir Sorgen machen, bis es nicht mehr geht und am Ende
doch (wieder) an Selbstmord denken. Da sind doch so ein paar Spielgäste die
reinste Erholung…
„Mach
ma sehn Euro!“
„Gerne!“
„Den
kannst du auch gleich machen den Kaffee…lass dir Zeit.“
„Ne,
den mach ich natürlich direkt!“
Schließlich
bin ich getrennt. Von Frau und Tochter.
Von
allen guten und nicht ganz so guten Geistern verlassen…
Dienstag, 13. September 2016
Samstag, 10. September 2016
Sechs Fuss unter mir
"Und?
Wie geht’s dir?“
Er
guckt sie an, guckt ihr direkt in die Augen, überlegt einen Moment und sagt
dann:
„Was
soll ich dazu sagen?“
Was
willst du hören. Neuigkeiten? Action? Oder was? Er ist sich fast sicher, dass
die genau das hören will, was er ihr gleich sagen wird. Die will keine guten
Neuigkeiten, die will nicht hören, dass er sein Leben langsam wieder in den
Griff bekommt, dass er beginnt, sie zu vergessen, dass er wieder andere Frauen
datet, dass seine Scheidung nur noch eine Formalität ist… Wenn er ihr das jetzt
so sagen würde, dann wär die bestimmt nicht zufrieden. Die Leute, wollen Blut
sehen, Blut lecken, Brot und Spiele. Die Leute wollen dich am Boden sehen. Vorher
sind sie nicht glücklich.
Freitag, 9. September 2016
Liebe in Zeiten der Cholera
Er denkt: Wenn sie heute Abend zu ihm zurückkommen würde, er würde sie ohne Wenn und Aber zurücknehmen.
(und
es würde wieder schiefgehen)
So
dumm kann auch nur er sein. Oder so verzweifelt.
Oder so romantisch? So hoffnunglos romantisch? So hoffnunglos männlich?
Oder so romantisch? So hoffnunglos romantisch? So hoffnunglos männlich?
Alte Wunden
In Letzte Spur Berlin läuft das Lied Hurt.
Von Johnny Cash. Und reißt alles wieder auf. Alles. Die Folge handelt von einem
Ehepaar, das nie über den Verlust ihres Sohnes während eines Ägypten-Urlaubs hinweggekommen
ist. Das Lied beginnt als beide in ihrem Auto sitzen und mit einem Plastikrohr im
Auspuff, das mit der Fahrerkabine verbunden ist, Selbstmord begehen wollen.
Ja,
Verlust ist immer schwierig. Und wenn jemand von heute auf morgen nie wieder
ein Wort mit einem redet, dann ist das wie der Tod. So als wär man gestorben, obwohl
man noch lebt, das Leben tagtäglich an seinem Leiden spürt...vielleicht so stark wie noch nie zuvor
obwohl
der andere noch lebt, keine fünf Kilometer von hier und doch so weit weg
Das
Lied reißt alles wieder auf. Das hast du damals gehört. Als sie gegangen ist.
Das weißt du noch. An dem einen Tag. Dem Montag. Dem Dienstag, wo María
gekommen ist. Und bei dir in der alten Wohnung geschlafen hat. Das war das Lied
aus dem Film La Colombiana. Wie das wohl
auf sie gewirkt haben muss. Ihr Vater jenseits des Flurs im Schlafzimmer ihrer
Eltern. Ihres Vaters. Sie in ihrem Kinderzimmer. Ihrem alten Kinderzimmer. Obwohl
sie kein richtiges Kind mehr war. Jetzt, nach der Trennung ihrer Eltern. Wie
sie sich wohl gefühlt hat. Wie du hat sie an ihrer alten Wohnung festgehalten.
Trotz dauerndem Ärger mit ihrem Vater. Dauerndem Streit. Sie hat immer zu ihm
gehalten. Danke. Obwohl ich zu schwach bin, dir das zurückzugeben. Wie sie sich
wohl gefühlt hat? Ob sie auch geheult hat, heimlich in ihrem Zimmer, das bald
nie wieder ihr Zimmer sein würde, abends im Dunkeln, ihr Vater am Schluchzen
wie ein Schlosshund. Hinter der Tür. Dazu die Musik von Johnny Cash. Die er am
Ende von dem Film Colombiana gehört
hatte, schon eine Woche bevor Nadine endgültig weg war. Sie hat immer zu ihm
gehalten, war da, als Einzige; und keiner hat es ihr gedankt. Er nicht, ihre
Mutter nicht. Niemand. Mit gerade mal 16 musste sie erwachsener sein als sie
war.
Sie
wusste ganz genau, dass ihre Mutter nicht zurückkommen würde, egal wie viel ihr
Vater heulte oder schrie oder schwieg.
Alles
hatte sich für sie geändert. Und dabei war sie selbst gerade erst 16 geworden.
…als
sie ihren Vater jenseits des Flurs heulen hörte. Das war überhaupt nicht zu
überhören. Und richtig trösten konnte sie ihn auch nicht
Das
konnte niemand.
Das
kann niemand
Oder
doch: Es gibt jemand, der das kann, aber der will nicht. Will nicht mehr
Du
warst es nicht Tochter, tut mir leid, aber dafür kannst du ja nichts, wie du da
lagst, in deinem alten Zimmer und nicht einschlafen konntest, weil dein Vater jenseits
des Flurs schluchzte wie ein Schlosshund. Dich traf keine Schuld. Eher das
Gegenteil
du
hast uns vielleicht sogar all die Jahre zusammengehalten. Danke
SMS-Daddy
Am Abend wird er plötzlich sentimental und schreibt seiner Tochter eine SMS:
Danke. Ich bin schwierig, aber ich hab dich immer
lieb gehabt. Es wird auch wieder besser als jetzt.
Irgendwann
Doch
dann überlegt er es sich anders und schickt die SMS doch nicht ab. Speichert
sie lediglich in den Entwürfen. Hat fast Tränen in den Augen
Donnerstag, 8. September 2016
Schwänze, Knöpfe und Bäuche
Herr
Müller befindet sich auf dem Weg zur Arbeit. Er sitzt in der U-Bahn, als sich
plötzlich ein dicker Mann schräg gegenüber von ihm hinsetzt. Der Mann ist so
dick, dass sich bei ihm nicht nur der Bauch wölbt, sondern auch der Unterleib.
Das heißt, der obere Teil der Hose, da wo der Unterleib sitzt, dieser Teil über
dem Gehänge, oberhalb des Hosenstalls, Sie wissen schon. Die sieht so gewölbt, so
aufgebläht aus, die Hose, dass Herr Müller denkt: Wer weiß, was der für einen
Schwanz hat. Nicht, dass der einen richtig dicken Schwanz hat. Ich meine, einen
dicken auf jeden Fall, aber hat er auch einen großen? Einen langen?
Traumdeutung: Orcas und Pützchens Markt
Ich träume davon, dass ich in Barcelona bin. Der Stadt meiner Träume. Nadine ist zu mir zurückgekommen, sitzt mit mir in meinem Hotelzimmer. Trotzdem fahre ich alleine zu einer Delfinshow. Mit einer Gruppe Deutscher, wie ich später feststelle. Wir fahren durch die ganze Stadt. Im Hintergrund sind die Vorstädte mit ihren riesigen Wohnblocks zu sehen. Da will ich hin, das hat mich schon immer fasziniert. Das wahre Barcelona, abseits von Touristenmassen und Meer. die Grafittis, die Blocks, die Gefahr. Ich weiß nicht, ob Nadine mitkommt. Ob sie mitkommen will. Wahrscheinlich nicht, denke ich. Das mochte sie noch nie, meinen Ghetto-Tourismus.
Am
Ende fahren wir einen steilen Abhang herunter und mir wird ganz flau im Bauch.
Wir kommen zu einem Becken, das nicht größer ist als ein normales Schwimmbecken
im Freibad. Da sind voll viele Orcas drin, keine Delfine. Die dicken, eleganten
Tiere sind schön, aber ich habe Angst. Ich scheine der Einzige zu sein, der
Angst hat. Die sind gefährlich. Man kann sogar ihre Zähne sehen. Ein Kleinkind
springt ins Becken und taucht unter den Orcas her. Das hat glaub ich sogar noch
eine Windel an. Krass. Es taucht das ganze Becken entlang unter den Orcas her
und taucht dann unversehrt am anderen Beckenrand wieder auf, obwohl keiner – oder?
– das nicht erwartet hätte. Um nichts in der Welt würde ich einen Fuß in dieses
Becken setzen. Stattdessen sitze ich am Beckenrand und bin traurig.
Tieftraurig. Ich weiß nicht, warum ich alleine hierhin gefahren bin. Warum ich
Nadine nicht mitgenommen habe. Das hätte ihr gefallen. Sie hat nicht so viel
Angst wie ich. Oder doch? Ich sitze am Beckenrand und sehe den Kindern zu, wie
sie ausgelassen spielen. Ich würde am liebsten heulen. Irgendjemand, ein Typ,
setzt sich neben mich und sagt irgendwas. Ich weiß nicht mehr was. Warum habe
ich Nadine eigentlich nicht mitgenommen, das habe ich doch sonst immer im
Urlaub? Obwohl sie doch zu mir zurückgekommen ist? Obwohl wir doch Zeit
miteinander verbringen sollten? Kostbare Zeit, die nie wieder zurückkommt. Ich
will sie bei mir haben, so macht das keinen Sinn. Fast bin ich am Heulen, will
mit keinem reden, nichts machen, nichts, bin traurig, total am Arsch
Dann
wache ich auf, noch total aufgewühlt von dem Traum und sie ist natürlich nicht
mehr da. Diese Woche ist Pützchens Markt geht laut Aussage ihrer, meiner
Tochter „glaub ich nicht dahin“. Wie gerne würde ich mit ihr auf Pützchens
Markt gehen, obwohl ich Pützchen hasse. Früher haben wir da in der Nähe
gewohnt, keine zehn Minuten zu Fuß von Pützchen, von der drittgrößten Kirmes
Deutschlands entfernt. Früher war alles besser. Sagt auch María, mit der ich
gestern den ganzen Abend alte Lieder gehört habe, die sie – wie sie sagt –
immer als Kind gehört hat, geliebt hat und an die sie sich noch erinnert. Im Laufe
des kamen immer mehr alte Lieder aus der Versenkung hervor. Das war schön, aber
warum habe ich Nadine nicht zu den Orcas mitgenommen, wenn sie wieder mit mir
zusammen war? Oder bin bei ihr, mit ihr im Hotel geblieben?
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