Donnerstag, 20. Oktober 2016

Seufz







Sie stöhnt leise, als sie den Raum betritt.

Kaum hörbar, aber doch wahrnehmbar. Das ist nicht das erste Mal…

Oder ist das ein Seufzer?

Irgendwas dazwischen.

Schweigend setzt sie sich an den Esstisch, auf dem der große Fernseher steht, und fängt an wie wild auf ihrem Handy rumzutippen




Hast du gewaschen?

Ja, alles in deinem Zimmer. In dem Wäschekorb.




Sie tippt weiter auf ihrem Handy rum. Bis sie sagt: Ich geh jetzt laufen.

Ok.





Mittwoch, 19. Oktober 2016

Flüchtlinge









Ich sitze in der Kneipe, gucke Bayern – PSV und trinke ein Weizen. Ich hab jetzt seit Neujahr nichts mehr getrunken (seit ich aus dem Bus raus musste, weil ich die Fahrt nie geschafft hätte…und dann den ganzen Weg den Berg hochgelaufen bin, den ganzen Weg den Brechreiz und den Verdauungstrakt deines Körpers unter Kontrolle gehalten habe, nur um keine zwei Minuten zu kotzen und zu kacken, bis du nicht mehr konntest). Also lasse ich es heute langsam angehen, nippe nur leicht a meinem Bier, genieße das Spiel (nur ein fickiges 2:1 zur Halbzeit) und gucke mir die Nachrichten in der Halbzeitpause an (die haben noch nicht mal Sky hier und gucken das Spiel auf dem Zweiten!). Als dieser Typ, der neben mir sitzt und den einen oder anderen Bayern-Kommentar meinerseits gutgeheißen hat und mit mir angestoßen hat, plötzlich sagt:

„Was ich nicht verstehe…
...warum die alle flüchten. Ich mein, das sind alles junge Männer…warum kämpfen die nicht, warum verteidigen die nicht ihr Land, ihre Heimat, ihre Familie? Stattdessen kommen die hier hin…“

Er guckt mich an. Soll ich jetzt auch noch was dazu sagen, oder was?! Ich bin hier um Fußball zu gucken, ein Bier zu trinken und hab jetzt echt keinen Bock auf den Scheiß…

Aber wie immer lasse ich mich zu einer Antwort hinreißen:

„Da sind aber auch Frauen und Kinder dabei…“

Das hat er nicht erwartet, das sieht man an seinem Gesichtsausdruck. Aber wie immer bei mir hält das ihn doch nicht davon ab, weiter zu reden:

„Ja, ok, du hast recht“, sagt er und nimmt noch einen Schluck von seinem Bier. „Aber hier gab es ja auch Kriege. Wir hatten zwei Weltkriege hier! Ist da irgendjemand abgehauen?! Nein, die Deutschen haben gekämpft. Für ihr Land, ihre Freiheit, ihre Familie.“

Ja, aber das waren auch andere Zeiten…

„Ja, aber das waren auch andere Zeiten. Heute leben wir in einer globalisierten Welt...“

„Ja, ok, das waren damals echt andere Zeiten. Damals sind wahrscheinlich eher die Reichen, die Intelektuellen geflüchtet. Heidegger ist geflüchtet. Und Einstein. Und Freud. Die sind alle nach Amerika gegangen…

…aber trotzdem. Die Deutschen sind ja auch nicht weggelaufen. Die sind 1914 in den Schützengräben gestorben, die sind in Russland gestorben, im Atlantik versenkt worden…“

„Siehste mal“, sage ich mit einem genervten Lächeln, „wie doof wir sind. Wir hätten ja auch einfach weglaufen können.“

Er lacht, trinkt einen Schluck und sagt dann:

„Aber echt, ey: Wenn alle Deutschen abgehauen wären, dann wär der Hitler hier alleine gewesen. Aber die ham gekämpft. Die sind nicht in ein anderes Land gegangen und haben da die Leute noch belästigt, die Frauen…“

Der Gedanke an Hitler, der alleine versucht, die Rote Armee aufzuhalten, lässt mich innerlich lächeln. Aber trotzdem: Der Typ geht mir auf die Eier. Ich dachte, der wär nett. Das passiert immer. Du gibst denen den kleinen Finger und die wollen die ganze Hand. Außerdem kriegt der so nur Ärger. Die gucken schon, die von da drüben. Ich hab heute keinen Bock auf Ärger. Ich will nur Fußball gucken. Ich bin ja auch selber schuld. Warum gucke ich das nicht Zuhause. Das läuft doch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Bei der Lügenpresse, wie der Typ sagen würde…

Aber ich habe einfach keine Ruhe verdient. Nach meinem halbwegs langen Arbeitstag.

„Aber eins hab ich gelernt: Ich kann echt keinen Respekt vor Typen haben, die hier auf dicke Hose machen, aber keine Eier haben, um ihr eigenes Land zu verteidigen, um für ihr eigenes Land, ihre Familie zu kämpfen… Warum geben die denen nicht für das Geld, was die hier kosten, jedem ein Gewehr und Ausrüstung und schicken die wieder zurück. Kämpfen! Die Männer zumindest. Die Frauen tauen dann bestimmt auch auf hier, wenn die erst mal alleine sind. Aber nein: Wer kämpft für die an der Front? Für die Kurden? Frauen! Und die Männer tun hier so, als wären sie Gottes Geschenk an Deutschland und besonders an die deutschen Frauen. Echt.“

Was soll ich jetzt dazu sagen, denke ich, was willst du hören. Aber zum Glück für mich und für ihn hat die zweite Halbzeit schon angefangen und ich muss nur mein halbleeres (oder halbvolles?) Glas in Richtung der Leinwand tippen und schon sind wir wieder im Spiel.

„Komm, Mann, das Spiel hat schon wieder angefangen. Das ist jetzt wichtiger!“


„Los, Bayern!“ Come on, motherfuckers.

Montag, 17. Oktober 2016

Alltag, Gyros Pita und Grundstimmung









Am Montag stehe ich um 13:05 auf. Ich habe schließlich frei. Obwohl ich viel lieber arbeiten würde… Im Fernsehen läuft schon das Mittagsmagazin. Kaiser’s Tengelmann geht unter, die Deutsche Bank auch, in Dresden läuft wieder Pegida, aber ansonsten besteht die Spaßgesellschaft noch (vielleicht auch weil Pegida an ihrem „zweiten Geburtstag“ weniger Mitglieder versammelt hat. Heute habe ich eine ******************* (zensiert, die Feindin hört mit!). Geil. Ich freue mich jetzt schon. Aber erst um 19:30. Also muss ich vor 16:00 nicht daran denken, mich zu duschen und zu rasieren. Und zu bügeln (scheiße, ich muss noch bügeln).

Auf dem Klo sitzend – ich konnte es gerade so noch einhalten, habe es gerade so noch geschafft, schnell den Laptop ins Badezimmer zu schaffen, während es schon ganz schön heftig drückte – denke ich darüber nach, was an einer „negative Grundstimmung“ (haben die im Fernsehen gesagt) eigentlich so schlimm sein soll. Warum wehren sich die Deutschen so gegen negative Gefühle? Fast schon beharrlich. Warum muss immer alles positiv sein? Ohne negative Gefühle kann es schließlich keine Veränderung geben. Denn wenn alle glücklich und zufrieden und comfortable sind, wird sich nie was ändern. Wo hat er das noch mal gelesen? Gestern, irgendwo. Keine Ahnung. Ein Hoch auf die moderne Mediengesellschaft. Manchmal kommt er sich in Deutschland schon ein bisschen so vor wie in Brave New World oder Schöne neue Welt, dem Buch von Aldous Huxley. Alles ist wunderbar. Alle sind zufrieden. Unser tägliches Soma gib uns heute. Wie Herr Baden das damals zu ihm gesagt hat, das mit der „negativen Grundstimmung“, da hat er sich instinktiv gesagt: Dir geht’s doch auch nicht besser, du tust nur so. Du bist doch auch nicht glücklich. Nur, weil du einmal die Woche zu deiner Prostituierten gehst. Und ein bisschen mehr Geld auf dem Konto hast als ich. Deswegen soll es dir besser gehen?! Deswegen sollst du glücklicher sein?! Unglück ist der beste Motor zur Veränderung…

Außerdem: Was ist schon Glück? Wann waren Sie, lieber Leser, liebe Leserin, das letzte Mal „richtig glücklich“?                                       genau

Aber wie immer hat er nichts gesagt. Wie immer. Es ging ja auch nicht um Herrn Badens Leben, sondern um seins. Das verkorkst, versaut, getrennt und atomisiert war.


ist?

Er denkt darüber nach, dass, wenn das Fernsehen wirklich eine „positivere“ „Grundstimmung“ haben wollte, warum zeigt es uns dann all den Scheiß, der in der Welt und in diesem Land passiert. Außer dem FC (Köln diesmal), dem „Effzeh“ gibt es nämlich kaum positive Nachricht im Mittagsmagazin. Nur Flüchtlinge, Krieg und Krise. Wenn sich eine positivere Grundstimmung einstellen soll, warum ist das Fernsehen dann nicht positiver? Kehrt mehr unter den Teppich. Tut es ja schon. Aber eben nicht genug.

Außerdem: Es gibt ja auch dunkle Materie. Es muss ja schließlich auch dunkle Materie geben.

Er steht vom Klo auf, denkt kurz über Frikadellen bei Edeka nach, dann über Nudeln, dann über Mandeln, dann über Suppe, dann über Ciabatta-Brötchen (ebenfalls bei Edeka) und isst dann doch nichts. Du hattest gestern Nacht einen erst ein Gyros. Im City Pick. Das war sooooo lecker. So lecker. Das brauchte er gestern Nacht einfach. Auch wenn es vier Euro gekostet hat. Aber der Marokkaner hat ihn ja auch so früh schon in die Stadt gefahren. Und eine halbe Stunde Hauptbahnhof ohne Pita ist schwer möglich. Ein Leben ohne Pita wäre möglich, aber nicht erstrebenswert. Also, heute gibt es kein Fleisch und kein Fett! Ja, mein Über-Ich! Jawohl, mein Über-Ich!

(Der war auch gut, der Marokkaner. Wie der gesagt hat: „Dein Chef hat schon ein Talent dafür, Psychos einzustellen… Und überhaupt: WARUM FÄHRST DU MICH DANN IN DIE STADT, DU PSCHO????)

Er kommt vom Klo (war heute wieder irgendwie dünn – das ist die Trennung und die damit verbundene Ernährungsumstellung, oder das Gyros) und fängt an, aufzuräumen. Die Express vom Wochenende wegzuschmeißen – neben verschiedene anderen Papierchen. Gespült ist (geil!), also stellt er die Schuhe raus. In den Flur. Legt die zweite Decke – die er im Moment weiß Gott nicht braucht – zusammen und tut sie in den Schrank, guckt in den Briefkasten (Achtung, Briefbomben...puh, heute nicht!). Zählt die noch vollen Wasserflaschen. Holt die Wäsche rein. Legt die Wäsche zusammen. Räumt die Handtücher und Geschirrhandtücher weg. Legt Marías Wäsche auf ihr Bett, in ihrem Zimmer. Stellt die Bücher in den Schrank, den Wäschekorb nach draußen…

…und beginnt zu schreiben…


Das ist doch schon mal was Positives!











Sonntag, 16. Oktober 2016

Depression oder Angststörung








Der Kunde steht neben ihm und sagt wie aus heiterem Himmel:

„Bist du sehr freundlich und netter Mann…“

Echt?

Das schockt mich jetzt aber wirklich, denkt er. Er weiß gar nicht, was er sagen soll.

Am Ende bringt er nur ein schüchternes „Danke“ hervor.

Freitag, 14. Oktober 2016

Neue Gerüche





Er geht auf den Klo, holt ihn raus und pinkelt. Boah, stinkt das, denkt er. Dieser eigentümliche, neue Geruch, den er nach der Trennung angenommen hat. Den hatte er früher nicht. Früher, wo er noch regelmäßig ein Rohr verlegt hat. Wo er noch regelmäßig mit Nadine geschlafen. Da roch er anders. Kein Witz! Fischiger…besonders nachdem er mit ihr geschlafen hatte. Nicht, dass der neue Geruch nicht auch gut ist. Manchmal kratz er sich an den Eiern und am Penis und zwischen den Beinen und genießt das richtig, kann gar nicht mehr aufhören, und dann nimmt er seinen Finger und hält ihn sich unter die Nase. Das ist voll geil! Dieser Geruch! Voll geil! Davon kann er nicht genug bekommen. Aber der hat sich schon verändert. Ob zum Guten oder zum Schlechten ist schwer zu sagen.

Phönix aus der Asche









Irgendwann hörst du auf, noch daran zu glauben. Nach mehr als anderthalb Jahren. Das ist ja auch normal. Wer glaubt denn nach so einer langen Zeit noch daran, dass sie zurückkommt. Das ist ja auch gut so. Das Leben muss ja weitergehen. Du kannst ja nicht ewig in der Trauer um eine Frau gefangen sein, die nicht tot ist, sondern die dich einfach nur nicht mehr liebt. Oder nicht genug. Oder was auch immer. Irgendwann sagt dir dein Körper, dein Kopf das Schluss ist, das es jetzt reicht

Und du gibst die Hoffnung auf

Das Leben muss weitergehen

Aber zuerst fällst du in ein richtig schwarzes Loch, ein richtig tiefes Loch. Denn dieser verlorene Glauben ist zwar notwendig, sogar gut, um abzuschließen, endlich abzuschließen mit der Vergangenheit, aber am Anfang fühlst es sich nur an, wie ein weiteres Stück Leben, das wegbricht, das nicht mehr da ist.

Und das Loch ist tief, glauben Sie mir. Und es lässt sich weder mit Pornos mit asiatischen Massagen noch mit Essen stopfen. Auch die Arbeit vermag es nicht zu stopfen.

Du fällst, um irgendwann wieder aufstehen zu können. Hoffentlich wieder aufstehen zu können. Deinen Kopf, dein Haupt wieder erheben zu können. Dich langsam erst nur auf die Knie zu stützen und dann langsam, ganz langsam dich wieder zu erheben. Wie Phönix aus der Asche. Nur, dass es sich nicht so glorreich anfühlt wie sich das anhört. Weiß Gott nicht.

Sie hat dich nicht geliebt. Das ist Scheiße. Aber das hat deine Mutter auch nicht. Und dein Vater auch nicht. Aber trotzdem bin ich noch da. Alive and kicking, wie der Engländer das nennt. Vivo y coleando, wie man auf Spanisch sagt. Coleando, nicht culiando, denn das heißt etwas komplett anderes, in Ecuador

Du musst ja auch weitermachen. Was gibt es denn sonst. Nichts. Wir müssen immer weitermachen. Es gibt ja keine Alternative. Denn dieses Leben werde ich für sie nicht früher verlassen.

Dieses Leben ist zwar nicht toll, aber es ist alles, was ich habe