Samstag, 14. Januar 2017

Deutschland 2017









David, der Senegalese kommt zu ihm in die Halle, begrüßt ihn, lächelt. Er mag David. Der ist cool, der David, denkt er, ich mag den. Er macht ihm einen Kaffee und sie reden ein bisschen.


Irgendwann sagt David: „Ist nur Geld in Deutschland...“

Er nickt.

„Genau. Nur Geld.“

„Ich weiß, was du meinst. Meinst du, ich denke nicht so.“

„Ich habe zu meinen Kollegen gesagt. Noch fünf Jahre. Dann ist hier Schluss. Ich hab vor fünf Jahren, also jetzt noch vier Jahre.“

„Echt, ich weiß. Der ganze Terrorismus und alles. Das ist nicht mehr normal.“

„Ist echt nicht mehr normal.“

„Die sind doch auch bekloppt, die Deutschen…“ Er packt sich an den Kopf, zeigt ihm den Vogel, um zu sagen, dass er Recht hat. „Siehst du ja in Köln. Guck dir das an. Da kommen 2000 Leute, alles nur Männer, an Silvester in die Innenstadt. Was meinst du, was die da machen wollen?! Mit 2000 Mann!“

„Genau!“

„Und dann macht die Polizei was und wird kritisiert. Dafür, dass sie was gemacht haben…“

„Und vorher wird kritisiert, weil die nichts gemacht haben. Und jetzt, weil die was gemacht haben. Ist nicht mehr normal.“ Er packt sich wieder an den Kopf. „Die wissen nicht, was die wollen die Deutschen…“

„Da hab ich auch Angst, wenn meine Tochter nach Köln fährt. Mit 17…“

„Musst du aufpassen!“

„Ja, aber kannst du nichts machen.“

„Letztens in Köln, da war ich nach der Arbeit am Bahnhof. Nachts um zwei. Da standen da Mädchen, 14, 15, waren am Trinken.“

„Aber da macht doch die Polizei was, wenn die die kontrollieren…“

„Die Polizei hat die gesehen, hat nichts gemacht.“

„Häh? Normalerweise, wenn die unter 16 sind, um die Uhrzeit, dann schicken die die doch nach Hause, oder nicht?! Dann kriegen sogar die Eltern Ärger. Vom Jugendamt und so.“

„Die haben gesehen, aber die hatten anderen Einsatz.“

Er lacht. Haha.

„Geil!“

„Hier auch“, sagt David. „Habe ich in der Bahn gesehen. Die waren aus Somalia und einer aus Kamerun. 12, 13 Jahre alt. Was die geredet haben. Was die für ein Theater gemacht haben. Habe ich zu dem einen gesagt: „Weiß dein Vater, was du hier machst? Weiß dein Vater, wie du dich benimmst?“

„Und…was hat der gesagt?“

„Nichts.“

„Weil der wusste…die haben keine Werte mehr. In Afrika, da machst du so was nicht.“

„Das stimmt, es gibt hier echt keine Werte mehr.“ Er spricht ein bisschen leiser weiter, damit ihn die anderen Kunden nicht hören. „…gibt es hier echt nicht mehr Werte. Fällt alles auseinander. Die Familie, die Ehe, ist alles nichts mehr wert. Eltern…“

„Genau.“

Er geht nach ein Stückchen näher an David ran, damit keiner das hört, was er sagt. „Das sind alles die 68er schuld. Die Generation meiner Eltern. Mit ihrer scheiß freien Liebe und so. Wie soll man denn darauf eine Gesellschaft aufbauen?! Wenn es keine Werte mehr gibt...? Das war vielleicht gut für die damals. Aber heute…das macht die Gesellschaft kaputt.“

„Vier, fünf Jahre…“

„Die sind ja auch nichts mehr, die Politiker heute. Die labern alle nur. Nur blablabla. Es gibt ja auch keine vernünftigen Politiker mehr…die betrifft das ja nicht mehr, wenn was passiert. Die sind ja schon alt. Die haben ja ihre Rente...so 200.000 im Jahr oder so oder was die kriegen...“

"15.000 im Monat hab ich gehört..." Er überlegt.

 "Ja, kommt ja aufs Gleiche raus, am Ende. Ungefähr 200.000 im Jahr, sag ich ja."

„Ich sag dir eins. Die gehen alle nach Afrika. Nach Afrika und nach Asien. Bald, die Europäer. Und die Afrikaner kommen hier hin. Das ist die Zukunft. Ich habe mit Leuten geredet, die sagen mir genau das. Die wollen nicht mehr hier leben. Die wollen nur weg. Nach Afrika. Früher war das anders. Da wollten die ganzen Franzosen im Senegal zurück nach Frankreich. Aber heute ist das genau andersrum...“ Er lacht.

„Ist ja auch Scheiße. Nur arbeiten, morgens stehst du auf, abends kommst du nach Hause. Und sonst hast du nichts. Nur Arbeit.“ Und Rechnungen. "Und sonst. Spaß hat man hier sowieso nicht."

„Ja, ich gehe auch. Ich gehe in fünf Jahren in den Senegal zurück. Dann mache ich Schluss. Lass ich meine Arbeit hier, egal… die Deutschen…ich will nichts sagen, sind meine Landsleute, aber… Irgendwann gehen die alle nach Afrika.“

„Ich auch. Ich gehe irgendwann auch weg.“

„Verstehe ich nicht: Du kannst Englisch, Spanisch, Deutsch. Warum bist du noch hier…?“

Wenn du wüsstest, wie oft ich mir diese Frage am Tag stelle…

„Ich kann ja nicht. Meine Tochter ist ja noch auf der Schule…die muss ja erst mal fertig werden.“


Am Ende sagt David: "Wir sehen uns, Bruder!"

"Ja, bis dann, ne..."

Er ist schon fast zur Tür raus, als er ihm hinterherruft: "Nimm mich mit, wenn du gehst, nach Senegal!"

Zuerst versteht er ihn nicht, kommt wieder zurück, um ihn besser hören zu können.

"Wenn du gehst, nimmst du mich mit. Dann komme ich mit dir, ok?! Dann machen wir eine Bar oder ein Restaurant auf. Für Deutsche!"

David lacht und sagt: "Mach ich!"










Donnerstag, 12. Januar 2017

Innerer Monolog










bei mir muss eh keiner zuhören

interessiert ja eh keinen, was ich sage

aber wann soll ich denn was sagen? Wenn ich von der Brücke gesprungen bin? Wenn ich unter der Erde liege? Oder jetzt?!

für mich muss sich ja eh keiner interessieren

alles, was ich sage, prallt ungehört ab. Denken die eigentlich alle, ich bin so stark, dass ich schon damit klarkommen werde? Irgendwie? Irgendwann? Oder denken die gar nichts

oder denken die, dass ich so dumm bin

wahrscheinlich Letzteres

das war mein ganzes Leben lang so…ich kenne das ja gar nicht anders. Wer als Kind schon auf Außenseiter geeicht

kein Wunder, dass ich mit mir selbst rede

ich hab mich das schon oft gefragt, warum das so ist: Ist das nur so, weil die Leute eh alle gleichgültige Arschlöcher sind, die sich für niemanden außer sich selbst interessieren; oder ist das wegen mir so                        weil mich keiner will oder muss

denkt nur alle weiter, ihr könnt sowieso nicht helfen, sowieso nichts tun

bei den Leuten im Fernsehen, in den Serien fühlt man mit, aber bei den echten Personen im wahren Leben ist das zu viel verlangt

irgendwann hörst du auf zu reden. Weil dir ja eh keiner zuhört      wenn du keine Komödie mehr spielst            wenn du es ernst meinst

hilft ja eh nichts

warum sollte sich das jemals ändern

vielleicht wollen die ja, dass ich kaputtgehe

vielleicht wollen die mich ja leiden sehen

vielleicht genießen die das ja. Und denen geht es umso besser je schlechter es mir geht

warum bin ich es nicht wert, dass man was für mich tut

einmal was für mich tut






Dankbarkeit und Schuld










Wenn überhaupt, dann kann man das nur als ein Gefühl der Dankbarkeit beschreiben. Er flog nach Ecuador und heiratete sie, weil er ihr dankbar war. Das mag jetzt komisch klingen, aber das ist, glaub ich, das, was einer echten Erklärung am nächsten kommt. In Ermangelung einer echten Erklärung…

Dankbar wofür aber?

Ich weiß es auch nicht genau. Weil sie mich liebte, obwohl mich noch nie jemand geliebt hatte, vorher…weil sie die Einzige war, die jemals vermocht hatte, mir ein Gefühl der Liebe, der Geborgenheit, der Zugehörigkeit zu geben…weil sie mich aus meinem Elternhaus befreit hatte, rausgeholt hatte…weil ich selbst nicht die Kraft dafür gehabt hatte, hätte…oder weil sie mir die schwere Last der Jungfräulichkeit von den Schultern genommen hatte, die ich all die Jahre, seit ich 15 war und das erste Mal Sara in der Schule in die Augen geguckt hatte, mit mir rumgetragen hatte…

Aurélie, so klappt das nie. Du erwartest viel zu viel. Die Deutschen flirten sehr subtil.

Durch sie hatte es bei dir am Ende doch noch geklappt…

Und manchmal denkst du sogar: Weil sie dich vor dem Selbstmord bewahrt hat. So was Ähnliches hast du damals echt gedacht, den sicheren Selbstmord wärst du weiter in dieser Umgebung, diesem Umfeld geblieben. In diesem Elternhaus. Gefangen

Nicht so klar vielleicht, aber das war schon die Richtung, in die du gedacht hast: Was hättest du gemacht, hättest du sie nicht kennengelernt?

Also dachtest du, du schuldest ihr was. Du bist ihr noch was schuldig. Weil sie dich wieder aufgebaut hat, nachdem dich die Schule und die Familie so runtergerissen und kleingehalten hatten, all die Jahre. Sie hat dir geholfen und jetzt musst du ihr auch helfen. Jetzt, wo sie ein Problem hat, wo sie von der Polizei erwischt und ausgewiesen wurde. Illegal in Deutschland. Kein Mensch ist illegal. Was für ein heuchlerischer Slogan. Ich wette, die die das sagen, die sind noch nie einem Illegalen begegnet. Aber du konntest etwas tun. Konntest sie heiraten

Obwohl du vorher, als der Bundeswehr-Pfarrer da angerufen hatte, im Gefängnis, und dich gefragt hatte, ob du sie heiraten wolltest, das sei die einzige Möglichkeit, nein gesagt hattest.

Und jetzt sagt sie nein, in 7 Tagen. Noch nicht mal mehr 7 Tagen

„Wollen Sie sie heiraten…?“

Du hattest sie gehen lassen. Und später, keine zwei Monate später, bereutest du es schon wieder. Hingst ihr immer noch im Gedanken nach. Hingst immer noch an ihr. So wie jetzt.

Und bist nach Ecuador geflogen…nachdem du „Zuhause“ rausgeflogen warst – wieder einmal – und bei Rafael und Slainté untergekommen warst. (Das hast du auch später vergessen, jedes Mal, wo du mal wieder eifersüchtig auf deinen Schwager warst, dass er dir damals sein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte…) Flogst also nach Ecuador und überlegtest vier Wochen hin und her (das war auch unfair ihren Gefühlen gegenüber, ihr gegenüber, das hatte sie auch nicht verdient, obwohl sie mit dem Bruder ihres Schwager vor deinen Augen geflirtet hatte, auf dem Dorftanz, dem baile), überlegtest, ob du sie wirklich heiraten solltest und sagtest schließlich drei Tage vor Abflug ja. Ja, ich will. Sí, quiero.

Und heute will sie eben nicht mehr. Oder sagt sie auch auf dem letzten Drücker noch ja? Sí, se puede…sí, se puede…

Sagtest ja, noch nicht mal für eine Hochzeit angemessen gekleidet, in einem schwarzen Polo-Shirt und einer beigefarbenen Jeans. Mit zum Schwur erhobener Hand (auf dem Foto, das deine Mutter dann fand).

Wie kann so eine Beziehung glücklich machen, wie kann aus ihr jemals so was erwachsen wie Zufriedenheit? Eine Ehe, die auf so wackligen, tönernen Füßen steht?

Kann sie nicht

Oder doch?

War sie aber doch irgendwie. Glücklich. Mit einem Hauch Verklärung, Glorifizierung, Idealisierung der Vergangenheit. War sie glücklich, war sie jemals glücklich… Oder fühlte sie sich genauso benutzt wie du jetzt…?

Wie sehr sie doch irgendwie glücklich, das merkst du, das merkt man immer erst hinterher. Jetzt, wo sie weg ist…

Wo sie für immer weg ist…

Wo die Scheidung in nicht mal mehr 7 Tagen ansteht…

Vielleicht hat sie ja jemand gefunden, der sie wirklich liebt...so, wie sie ist…

Ein bisschen gönnst du es ihr vielleicht sogar, nach all den Jahren mit dir, den neunzehn Jahren, um genau zu sein…

Für immer weg…

So ist das Leben. Wer zu spät kommt, wir gefickt. In den Arsch und ohne Gummi. Oder mit Noppengummi. Mit dickem Gummischlauch, in den Arsch, immer tiefer hinein in die Scheiße












Mittwoch, 11. Januar 2017

8 Tage vor der Scheidung






Die letzten Tage vor der Scheidung – es sind derer noch genau 8 – fühlen sich irgendwie irreal an. So als müsste noch irgendwas passieren, was den Termin vor Gericht doch noch verhindert

Was denn? Ein Atomkrieg?

Was hätte Fukushima noch verhindern können? Nichts

Keine Ahnung. Irgendwas

Traumdeutung: Streit und komische Bilder






Wir sind in einem großen Haus, das ist komisch, das kann eigentlich nicht unser Haus sein, aber irgendwie scheinen wir doch da zu wohnen. Wir streiten uns, dann vertragen wir uns langsam wieder und am Ende ist alles wieder halbwegs ok, obwohl sie immer noch verletzt, immer noch enttäuscht ist. Ich lege den Arm um sie, sie trägt einen komischen dicken Mantel, so einen Mantel aus diesem dicken Wollmaterial, Flies oder so. Erst will sie nicht, schiebt meinen Arm wieder beiseite, doch dann lässt sie mich doch. Es ist Marías Geburtstag, sie ist noch klein, kleiner als jetzt zumindest. Wir sitzen am Tisch, einer dieser komischen flachen, japanischen Tische, bei denen man auf dem Boden sitzt. Wir sitzen uns gegenüber, jeder auf seiner Seite, auf einer Seite des Tisches. Sie packt ein komisches Bild aus, will, dass ich es an María vorbei in ihr Zimmer schmuggele und da aufhänge (?), ohne dass sie es merkt. Es ist ein Bild mit irgendwelchen komischen Figuren mit Riesenaugen. Vielleicht ein Kinderbild, aber ich bin mir da nicht sicher. Die glotzen einen richtig an, mit ihren großen Glupschaugen. Zuerst denke ich, es ist selbstgemalt, vielleicht sogar von ihrer Schwester, die macht solche komischen Sachen, wie diese komischen Vögel mit den langen Schnäbeln von denen die damals so viele in ihrem Zimmer hatte. Aber dann glaube ich, dass das so ein Malen-nach-Zahlen-Bild ist. Ich will es trotzdem nicht an María vorbei in ihr Zimmer schmuggeln, weigere mich







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