Samstag, 2. Juli 2016

You're my n€#@a, Bruder!





Abends kommt dieser Schwarze, der in Abwesenheit von Gisela die Halle putzt. Der ist cool. Der ist wirklich „nett“ (obwohl du dieses Lieblingswort der Deutschen hasst wie die Pest – was oder wer ist schon „nett“?!). Er ist zwar mit seinen rund 40 Jahren noch ein bisschen ein kleiner Junge geblieben – besonders, wenn er seine Action-Stories von seiner Zeit als französischer Bodyguard erzählt. Aber wer ist das nicht?! Wer befindet sich schon vollends und komplett im Erwachsenen-Ich? Dein Vater. Genau.

Er mag den Schwarzen und er wird ihm noch sympathischer, als er ihm sagt, dass er Probleme mit seiner Tochter hat. Mit seiner 16-jährigen Tochter, von der er schon Fotos aus dem gemeinsamen Nigeria-Urlaub gesehen hat. Nicht schlecht, sagt er nur.

„Nur Ärger. Wir mussten die suchen“, sagt er. „Die macht nur Ärger.“

„Echt?“ fragt er unschuldig und denkt: Nadine würde María mit dir gar nicht suchen gehen. Vielleicht macht sie deswegen keine sicht- oder hörbaren Probleme.

„Ja. Die Mutter ist Pädagogin. Und die Tochter hat die Mutter komplett in der Hand. Die kann machen, was die will.“


„…aber die will jetzt nach Nigeria. Für ein Jahr. Die hat keine Lust mehr auf Deutschland.“

Er auch nicht. Wer hat das schon?! Ein paar verkrustete Suffköppe aus Köln-Kalk, die noch nie was anderes gesehen haben… Oder Herr Baden, der das hier als Paradies bezeichnet. „Das ist das Paradies auf Erden hier.“ Ja, klar. Was hast du denn genommen? Beziehungsweise nicht genommen.

„Ach, so?“ sagt er ebenso unschuldig. Okay.

Um im Bild zu bleiben, brauchen Sie an dieser Stelle vielleicht ein paar Hintergrundinfos: Der Typ ist von seiner Frau geschieden, wie sollte es anders sein (gibt es überhaupt noch nicht getrennte oder geschiedene Menschen in diesem Land, nicht „gepatchworkte“ Kinder), sie ist Deutsche, er Nigerianer und die Tochter wohnt bei ihr und nicht bei ihm – warum eigentlich nicht, wenn das Wechselmodell doch so in Mode ist, in letzter Zeit.

„Ich kann dich verstehen, mein Freund.“ Ich habe auch nur Ärger, aber das erzähl ich dir doch nicht. Damit du es postwendend weitererzählst und es die Runde macht. Runde um Runde dreht, bis es komplett aufgebauscht und aufgeblasen am anderen Ende wieder rauskommt. Nur männliche Kollegen am Arbeitsplatz sind fast genauso schlimm, wenn nicht sogar schlimmer, als Frauen.

Du gehst zu ihm hin, legst ihm deine Arm um die Schulter, berührst seine tatsächlich stahlharten Bauchmuskeln und sagst: „Das Leben ist schon Scheiße.“ Nein, das sagst du nicht. Du sagst: „Boah, hast du harte Bauchmuskeln. Unglaublich!“ So ist das unter Männern. Wahre Liebe gibt es nur unter Männern. Und wahre Vermeidung. Projektion auch.

Aber er lässt sich durch seine Bauchmuskeln nicht hundert Prozent ablenken und fragt: „Wieso? Hast du etwa auch Probleme? Ich dachte, dass wäre die große Liebe bei dir. Ich dachte, da wär alles in Ordnung.“

Ist es auch, mein schwarzer Schnuckel. Ist es auch. Die Grenzen sind fest abgesteckt. Sie zweifelt über ihren Anwalt das Wechselmodell an und ich drohe mit ihrer Schwarzarbeit. Sie steht mit ihren Verwandten zum Kampf bereit und, während du es mehr mit der Guerilla-Einzelkämpfer-Taktik eines Rambos hältst (familiäre Unterstützung gibt es ja auch bei Deutschen nicht, das wär ja noch schöner, die sind sich ja alle spinnefeind).

Vom Automaten, den du gerade befüllst, sagst du undeutlich: „Das Fass mach ich jetzt nicht auf…“ Und er fragt auch nicht weiter nach. Er ist viel zu sehr mit seinen eigenen Fantasien beschäftigt.

Und wenn er jetzt den Rudi fragt? Ob der das weiß?

…dann kannst du auch nichts dran ändern. Er erzählt dir ja auch nicht haarklein, wie und warum er seine Tochter suchen musste. Was sie (wieder) Böses angestellt hat. Selbst als du nachfragst nicht. Denn deine Fantasien sind mittlerweile fast komplett aufgebraucht.

Er tritt an die Theke und erzählt dir irgendwas aus besseren Zeiten. Wo er noch als Personenschützer gearbeitet hat. In Frankreich. Waren wir nicht alle irgendwann mal Personenschützer?! Und Bauarbeiter?!

„Warum machst du das nicht?“ frage ich ihn. „Warum machst du das nicht wieder? Personenschutz.“

„Ich kann nicht. In Deutschland, ich kann nicht.“

„Und in Frankreich?“

„Weißt du, ich habe damals für einen Millionär gearbeitet. Einen Multimillionär. Und die Frau hat mich angemacht. Die wollte Sex. Ich aber nicht–“

„Ja, ja… Klar! Hast du mit der etwa auch ein Kind?“

Er lacht. „Nein, ich wollte nicht…“

…und dann hat sie dich vergewaltigt…

„Sie hat das ihrem Mann erzählt. Und die reichen Leute, die kennen sich alle…“

…und dann war er weg vom Fenster. Ohne wenigstens mit der Frau geschlafen zu haben. Warum passiert mir eigentlich so was nicht? Seit ich von Nadine entjungfert wurde, wollte niemand Sex. Oder vielleicht doch: Conchita? Ne, die wollte auch nicht! Nicht richtig. Mannomann. Andere Leute haben ein echt aufregendes Leben. Personenschützer, sexgeile Chefinnen, ich hätte da nicht nein gesagt… Aber vielleicht ist das auch, weil der schwarz ist. Weil ich schwarz bin… Man hört ja so einiges über afrikanische oder schwarze Männer im Allgemeinen. Man sieht ja so einiges von schwarzen Männern. Auf einschlägigen Seiten und zwielichtigen Filmchen. Schmuddelfilmchen. Klar, dass die dann alle mit denen Sex wollen, die geilen, schon ein bisschen in die Jahre gekommenen Chefinnen. Und dann auch noch in Frankreich. Oh, là, là! Mon ami! Voulez vous…

Klar, dass dir so was nicht passiert. Was wollen die denn auch mit einem deutschen Hamsterpenis. Ungeschickte deutsche Hamster, die stochern und stochern, bis die Frau sagt: „Bist du schon fertig! Ich muss gleich…“

Ich weiß noch, der hat mir mal erzählt, der Jacques, so heißt er nämlich, hat mir mal erzählt, das dünne Männer am besten bumsen. Kurz nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ein bisschen korpulente Männer die besten Liebhaber sind. (Ja, ich weiß…aber das hab ich so gelesen…echt!)


Als er mit dem Putzen fertig ist, tritt er zu dir ans Kassenhäuschen und sagt: „Da kauft der sich hier ein Trikot für 90 Euro, der Weiße. Für 250 Euro. So sind sie die Weißen.“

Worauf du antwortest: „Was willst du denn, du Afrikaner? Du Neger, du!

Er lacht, überrascht, dass er das gerade wirklich gesagt hat. Und schon sind sie wieder auf sicherem Terrain, haben wieder sicheren Boden unter den Füßen.

„Ich bin hier der Kolonialherr. Wo kommst du her? Welche Nation hat denn dein Land besiedelt. Frankreich, oder was?!

Er nickt verlegen.

„Und wer hat Frankreich ge*****?“ Er guckt ihn an, zeigt mit dem Finger auf seine Brust. „Wir!“

„Und wer hat euch kaputt gemacht?“

„Aber nicht die Franzosen. Die Engländer, die Amerikaner, aber nicht die Franzosen…“

„Wo ist mein Geld?“ sagt er.

„Boah…“, antworte ich „jetzt will der Neger auch noch Geld.“

Er lacht und gibt mir High Five.


Und alles ist wieder gut. Keine Trennungen, keine Töchter. Keine nächtlichen Suchaktionen. Keine Echsen und andere Naturkatastrophen. Ecuadorianische Erdbeben, Tsunamis, was weiß ich. Nichts





Freitag, 1. Juli 2016

Weiße oder Schwarze Magie und satanistische Rituale









Im Dunkeln gehst du nach draußen, trittst vor die Tür in den kleinen Innenhof, der durch ein etwa mannhohes grau lackiertes Metalltor von der schmalen Straße im Herzen Ippendorfs getrennt ist. Du guckst dich um, das schwarze Album unter dem Arm, die Streichhölzer in der anderen Hand. Du guckst dich kurz um, so als wärst du ein Einbrecher, so als würdest du hier nicht wohnen. Drüben, im Haus gegenüber ist noch Licht im ersten Stock. Von da oben könnten die dich jetzt theoretisch sogar sehen… Aber hier ist alles dunkel, hier im Hof. Du hast extra gewartet, bis alles dunkel ist draußen. Und das mitten im Sommer. Bis fast 11 Uhr. Aber das Warten hat sich gelohnt, hat ein Ende, wie Till Lindemann sagt. Aber so was kann man nur im Dunkeln machen, diese Rituale kann man nur im Dunkeln, im Schutze (oder gar mit Unterstützung?) der Nacht vernünftig durchführen. Obwohl: Der Himmel ist noch immer ein bisschen hell, ist noch immer nicht ganz dunkel (oder ist etwa Vollmond?). Hinter dir fällt die Haustür ins Schloss. Du greifst nach deiner Hosentasche, aber du hast den Schlüssel (sonst müsstest du nachher noch wirklich in deine eigene Wohnung einsteigen). Du drehst dem Tor den Rücken zu und gehst in Richtung Anbau, der sich am anderen Ende des Hofes, neben deinem Bad befindet. Du hältst inne, betrachtest einen Moment lang den blau-schwarzen, nächtlichen Himmel. Die zwei toten Pappeln in deinem Garten ragen wie mahnende Finger gen Himmel, die schwarze Plane unter dem Carport raschelt und flattert im Wind. Du öffnest die Eisentür und trittst in den Anbau. Zuerst siehst du nur dunkle Formen, dann findest du den Lichtschalter. Siehst die Heizung rechts von der Tür, den Rasenmäher und die paar alten Möbel vom letzten Umzug. Eine Holzkommode und ein schmaler Schrank, der aussieht wie ein Uhrenschrank, es aber wahrscheinlich nicht ist. Nachts wirkt sogar die Tür zu deinem Badezimmer bedrohlich, obwohl du genau weißt, was sich hinter ihr befindet (das Chaos deines Bades). Einen Moment lang machst du das Licht an, dann löschst du es aber gleich wieder. Öffnest die Tür zum Garten, schiebst den Teppich unter der Tür beiseite. Ohne das schwarze Album abzulegen. Das schwarze Album. Wie sinnbildlich. Machst einen zaghaften Schritt auf den schmalen Gartenpfad hinaus. Guckst noch mal nach links, dann nach rechts, siehst aber nichts. Alles ist ruhig. Aber Scheiße, drüben brennt noch Licht, bei deinen asiatischen Nachbarn. Scheiße. Du musst also noch warten. Bis zur Geisterstunde. Die Bilderverbrennung muss noch warten. Aber so ist das auch symbolischer und vielleicht sogar noch befreiender, wenn es um Punkt zwölf oder kurz nach Mitternacht passiert. In der Geisterstunde. Dann funktioniert der Zauber vielleicht sogar. Die schwarze oder weiße Magie. Der Fluch (huch, ein Fluch).

Fortsetzung folgt (zur Geisterstunde…)






Selbstmord und Urkraft, Urkraft und Selbstmord










Am Bahnhof von Meckenheim stehend, auf den Zug nach Bonn wartend, denkst du darüber nach, warum du noch nicht gesprungen bist, warum du noch keinen Selbstmord begangen hast, nach all der Scheiße, all dem Leiden, dass du durchmachen musstest, dieses und letztes Jahr.

Du trittst näher an die Gleise heran, stehst am äußersten Rand des Bahnsteiges, die Spitzen deiner Schuhe in der Luft.

…und spuckst auf die Gleise. Versuchst mit deiner Spucke die Schienen zu treffen. Das meiste landet daneben, aber manchmal triffst du auch. Geil, denkst du, wenn die Spucke genau auf den grauen Gleisen landet. Deine Spucke ist wie Schrot. Manche Kügelchen landen im Ziel, die meisten aber nicht.

Donnerstag, 30. Juni 2016

Von wahrhaftigen Umkleidekabinen und vagen Verlustgefühlen









„Boah, die Kabinen bei Mexx zeigen echt die Wahrheit!“ sagt seine Tochter.

Wie recht sie doch hat.

Denn heute war er bei Mexx. Mit seiner Tochter. Bei Mexx mit seiner Tochter. Geil, ne?! Musste ja mal wieder sein. Wenn sich all seine Hosen auflösen, weil er sie zwischen den Beinen durchscheuert. Nicht, nicht vorne zwischen den Beinen, sondern genau zwischen den Beinen eben. So dass, wenn er die Hose vom Boden aufhebt, er manchmal sogar durch die Löcher durchgucken kann, so groß sind die. Peinlich, peinlich! Aber das hat er schon immer gehabt, das Problem. Manchmal mehr, manchmal weniger. Manche Hosen sind resistenter, manche anfälliger für Löcher. Aber am Ende kriegt er sie alle durch. Und wenn das Loch einmal da ist, dann dauert es nicht lange, bis es so groß ist, dass er nur noch mit zusammengekniffenen Beinen eine öffentliche Treppe hochgehen kann. Oder mit einer langen Unterhose drunter, die aber mindestens genauso auffällig ist. Wenn nicht sogar mehr, mit ihren roten Blumen.

Also ist er mit seiner Tochter bei Mexx. Früher hat das ja seine Frau übernommen, aber die gibt es ja nicht mehr. Die existiert ja nicht mehr. Oder wenn, dann nur in einer anderen Galaxie. Seine Tochter setzte sich in eine Kabine gegenüber und harrte dem, was da auf sie zukam. Ich kann Ihnen sagen… Bei Mexx sind die Kabinen besonders wahrheitsliebend. Besonders wahrhaftig, um Freud zu bemühen. Was die immer zu Tage fördern…

…das geht auf keine Kuhhaut.

Es mag ja Kabinen geben, die dem Körper schmeicheln, die nicht jede Unzulänglichkeit, jeden Haarwuchs an den unmöglichsten Stellen, jedes auch noch so kleine oder große Speckröllchen aufdecken, die nur das zeigen, was der Anprobierende auch sehen will…

…aber die bei Mexx gehören garantiert nicht dazu! Das muss er leidvoll feststellen, als er sich das Deutschland-Trikot über den Kopf streift. Ist er wirklich so dick oder stimmt was mit dem Spiegel nicht? Ist er wirklich immer noch so dick? Leck mich am Arsch! Diese Massen von Fett. Unglaublich! Boah, wie ich Umkleidekabinen hasse! Reicht es nicht, dass mir heute die Scheidung zugestellt wurde? Will Gott mich etwa komplett demoralisieren? Die Massen an straff gespanntem Fleisch, das schon fast aus seinem Körper rauszuplatzen droht. Ist das noch normal? Er trainiert doch fast jeden Tag. Scheiße, Mann! Schnell das Hemd anziehen. Zuerst das Schwarze. Dieses edle, schwarze. Das könnte er auch…ja, zur Gerichtsverhandlung anziehen. Damit sieht er aus wie ein Gangster. Außerdem passt schwarz zu seinem momentanen innerlichen Zustand, zu seiner Trauer. Aber am Ende überzeugt es ihn doch nicht, da es keine Knopfleiste hat. Oder nur eine verdeckte. Außerdem hat er eh kein Geld für ein Hemd. Nur für eine Hose. Also probiert er die Hose an. Schwitzt wie ein Tier dabei. Aber hey, seine Beine sehen sogar halbwegs gut aus in diesem Spiegel, der ein direktes Tor zur Hölle zu sein scheint. Er wischt sich die fetten Scheißperlen von der Stirn, wohlwissend, dass sie keine Sekunde später wieder da sein werden. Da muss er jetzt durch. Jede Bewegung erzeugt neue Hitzewallungen, die neuen Schweiß produziert. Seine Haare sehen schonfast aus, als hätte er gerade geduscht. Das ist unglaublich und hat natürlich nichts mit seinem Übergewicht, das ihm der Spiegel nur allzu klar vor Augen geführt hat, zu tun. Wie sollte es auch?! Vielleicht hat er ja eine Krankheit und schwitzt deswegen so stark. Was hat er heute gelesen? Wie hieß dieser Satz noch mal. Nach dem Tod des Partners erlischt der Anspruch auf…: Ein Satz, den er sich jedes Mal, wenn er in seinem Scheidungsratgeber über ihn stolperte, förmlich auf der Zunge zergehen ließ. (Man wird doch noch mal träumen dürfen…!) Aber vielleicht ist ja er derjenige, nach dessen Tod so einige Ansprüche seiner überhaupt nicht gierigen Echse erlöschen. Wieder wischt er den Scheiß weg, obwohl er weiß, dass das nichts bringt. Mit dem Hemd, das er gerade anprobiert. Das will er eh nicht nehmen. Ihm doch egal, ob das der Nächste, der das anprobiert, merkt. Nicht mein Problem! Obwohl: So heiß ist es ja eigentlich gar nicht. Aber schwül. Dieses scheiß-schwule Wetter in Bonn. Wie im Dschungel. Außerdem würde er glaub ich sogar im arktischen Winter schwitzen. Selbst wenn er sich im arktischen Winter bis auf die Haut ausziehen würde und – wobei hoffentlich kein Mexx Spiegel zugegen ist – würde er schwitzen. Das Wetter ist aber auch sowas von schwul.

Aber die Hose sitzt. Auf Anhieb. Die hat  ja auch Stretch-Anteile. Eng, aber passgenau. Nicht Atemnot hervorrufend, sondern genau richtig. Das bestätigt auch María, die sich die Zeit mit Voice-Messages vertreibt. „Merve, du geile Sau!“ „María, du Schlampe!“ „Merve, du puta!“

Wenn’s Spaß macht…

Also nimmt er die Hose, die am Ende nur 39,90 statt der veranschlagten 44,95 kostet. Auf eins kann man sich bei Mexx verlassen, wenn schon die Klimaanlage nicht funktioniert und die Spiegel die Kunden demoralisieren und ihre Körper böse verzerren: Bei Mexx wird alles an der Kasse noch mal runtergesetzt. Und die Kassiererin sieht auch tipptopp aus, obwohl die ihn mit dem Arsch nicht anguckt. Aber wie sieht er auch aus, mit seinem teuren, aber schon leicht angedreckten Deutschland-Trikot, seinen spanischen Geschirrhandtuch-Shorts für 9,99 im andalusischen  Sportfachhandel und seinen ebenfalls in Spanien (diesmal in Pamplona, in einem Corte Inglés für unschlagbare 25 Euro!) erworbenen Basketballschuhe von Nike. Nur Tennissocken trägt er nicht.

Boah, der ihre Titten…

Er ist sozusagen modetechnisch diametral entgegengesetzt zu seiner Tochter, die wie immer wie aus dem Ei gepellt aussieht, mit ihrem luftigen Oberteil. Und ihrer eleganten schwarzen Hose.

Vielleicht wirkt sie ja deswegen so angespannt, weil sie mit so einem übergewichtigen, schwitzenden Langhaarbären durch die Stadt streifen muss, immer auf der Suche nach Beute, die sich der Bär sowieso am Ende nicht leisten kann, weil er bald von seinem kleinen, südamerikanischen Meerschweinchen geschieden wird (der Scheiß-Antrag liegt wie gesagt schon vor, er wartet nur noch auf das Erlischen aller Forderungen).

Vielleicht fehlt ihr aber auch nur was. Wer. Wo sie sich früher bestimmt oft vernachlässigt gefühlt haben muss, wenn er stundenlang mit seiner Frau über Belanglosigkeiten redete und redete und redete…fehlt ihr wahrscheinlich heute ihre Mutter beim Stadtbummel. Mach dir nichts draus, mir fehlt sie auch, möchte er ihr sagen, tut es aber nicht (das bringt ja auch nichts). Wenigstens siehst du sie ja Morgen wieder. Ich nie wieder. Oder erst beim Prozess und das ist nicht gerade eine entspannte, das Wiederaufflammen der Liebe fördernde Umgebung. Wie stand das im Scheidungsantrag? Sie hat nicht die Absicht, die Ehe wieder aufzunehmen… So kann man das auch formulieren. Können Familienrechtler eigentlich nachts noch gut schlafen? Auf dem Rückweg schweigt er weiter beharrlich – was soll er auch sagen: Etwa die Wahrheit?! – und sie tut es ihm gleich. Er aus Ratlosigkeit, sie, weil sie sich seiner schämt oder einfach müde ist oder einfach nichts (mehr) zu sagen hat oder warum auch immer. Passiv-aggressiv ist das heute glaub ich zumindest nicht, obwohl man die Spannung zwischen Vater und Tochter förmlich mit dem Messer schneiden kann. Vielleicht vermisst sie ja auch ihre Mutter oder spürt wie sehr er ihre Mutter vermisst oder ist angesichts all diesem Scheiß genauso ratlos wie er oder spürt wie ratlos er ist und weiß auch nicht, was sie sagen oder machen soll.

„Was soll ich denn jetzt machen?!“

„Ja, nichts, das ist ja auch nicht dein Problem.“ Das heißt, das ist schon irgendwie dein Problem, aber du bist nicht schuld daran, das ist allein auf dem Mist deiner Eltern gewachsen. Auf dem Misthaufen, der in den 19 Jahren Beziehung immer größer wurde, bis er alles unter sich zu begraben drohte und Nadine die Reißleine zog.

Im Bus stehen sie sich gegenüber, ohne sich anzugucken, ohne zu sprechen. Ich weiß doch auch nicht, was ich sagen soll, María. Ich weiß doch auch nicht, was ich sagen soll, Papa. Sie ist schon so groß und so schön und irgendwie hat sie all diese Scheiße nicht verdient. Sie ist so eine gute Tochter. Aber was soll ich denn machen, María?! Nichts

Deine Mutter will mich nicht mehr. Hat schon einen Neuen. Oder hat zumindest ihre Familie. Wurde wieder mit ihrer wahren Familie zusammengeführt. Wozu brauch sie mich da noch?! Ich gucke sie an, aber sie guckt mich nicht an. Sie sieht müde aus und ich bin müde. Bin immer noch am Schwitzen wie ein Tier. Wie ein Tier, gefangen im Käfig meiner Trauer um das, was fehlt. Wie ein Tier, im Käfig des Lebens gefangen, ohne hinaus zu können. Und was sollte mich auch draußen erwarten?! Außerhalb der offenen Käfige in Francis Bacons düsteren Gemälden.




Schwache Väter, starke Kinder










Obwohl Töchter seit Anbeginn unserer Zeit von ihren Müttern als Waffe gegen ihre Väter eingesetzt werden, hat sie sich nicht vereinnahmen lassen. Weder von ihrer Mutter noch von ihm. Sie steht ihre junge Frau zwischen allen Stühlen und man sollte sich ein Beispiel an ihr nehmen. Schwache Väter haben eben starke Kinder. So ist das eben im Spiel der Generationen. Wäre er ein starker Vater, wäre sie wahrscheinlich schwach. Sie ist halt gut erzogen. Wenn er nichts im Leben zu Stande gebracht hat, seine Tochter ist trotzdem ein gut erzogenes Mädchen geworden. Man(n) darf eben nur nicht durch überhastete Aktionen die Restfamilie sprengen. Das wäre auf jeden Fall ein Fehler.


Sie hat den ganzen Vormittag geackert, hat aufgeräumt, gesaugt und sogar das Nötigste fürs Mittagessen geholt, damit sie später für dich kochen kann. Weil du es gestern nicht mehr geschafft hast, einkaufen zu gehen. Weil du Fußball geguckt hast. Und jetzt spielen wir gegen Italien. Das hast du jetzt davon! Sie kocht natürlich auch für sich selbst, weil sie Hunger hat. So sagt zumindest sie das immer, wenn du mal wieder sagst: „Du musst aber nicht jeden Tag kochen. Ich kann ja auch mal kochen.“ Und es dann doch nicht tust. Weil du keine Zeit hast? Weil du keine Lust hast?


Warum tut sie das?, fragt er sich, auf dem Bett liegend, Fernsehen guckend. Warum macht sie das für dich? Immerhin bist du nicht gerade pflegeleicht als Vater. Und als Mensch erst recht nicht. Warum tut sie es also? Für dich? Oder für sich? Um sich selbst besser zu fühlen? In ihren eigenen vier Wänden? Immerhin ist das auch ihre Wohnung. Oder weil du gestern diesen dummen Witz gemacht hast? Wo du gesagt hast: „Wenn du Morgen frei hast, dann könntest du ja…saugen, putzen, die Duschkabine reinigen und….Scheiße, hab ich vergessen, den Rest, aber da war noch was…“


Vielleicht liest sie das ja irgendwann und versteht dann besser, wie ich mich fühle, gefühlt habe, denkt er. Hoffentlich nicht allzu bald, denn manches in diesem Blog ist, glaub ich, noch nicht allzu gut geeignet für sie. Obwohl sie nächstes Jahr achtzehn wird.


Du musst kein schlechtes Gewissen haben. Mach jetzt bloß keinen doofen Kommentar, nur weil du ein schlechtes Gewissen hast. Wie du es bei Nadine früher immer gemacht hast. Sie tut es ja auch für sich. Damit sie sich besser fühlt. Du musst auch delegieren können. Außerdem tust du ja auch genug für sie. So ist das in einer (halben) Familie.


Und obwohl sie bei allem, was sie tut, schweigsam ist, musst du das akzeptieren. Sie ist nun mal eine Jugendliche und nabelt sich langsam von dir ab. Von euch. Von jedem einzeln. Außerdem ist sie halt so. Von Natur aus. Nicht wie ihre Mutter, die den ganzen Tag redet und redet und dich dann verlässt. Sie ist noch da, viermal die Woche, hat dich nicht verlassen. Und bringt sogar für dich deine Wohnung auf Vordermann. Sie ist nicht gegangen, obwohl es, weiß Gott, in letzter Zeit nicht immer einfach für sie war. Du warst genauso als Jugendlicher. Du wärst eher gestorben als deinen Eltern zu sagen, was du denkst. Dass du frustriert warst, weil du noch immer keine Freundin hattest und dich nach nichts mehr gesehnt hast. Dass du dachtest, dass du nie eine Freundin finden würdest. Und, was hat das dir eingebracht, diese Verschwiegenheit?

Nadine.


Vielleicht ist María ja doch wie du... 

Natürlich ist sie wie du, schließlich ist sie ja deine Tochter! 

Früher, als ihr bei Nadines Freundinnen wart, ist sie auch immer zu dir gekommen, saß bei dir, während ihre Mutter anderweitig beschäftigt war. Mit ihren Freundinnen. Es bringt doch was, ein guter Vater zu sein! Mit der Frauenrolle ändert sich halt eben auch die Männerrolle. Das ist immer ein Geben und Nehmen.






Mittwoch, 29. Juni 2016

Rafael: Meine geile Schwägerin




Nur mit der Arbeit, das ist Scheiße. Das klappt noch nicht so wie es soll. Wie es sollte. Auch wenn Nadine mir hilft. Die wollen keine Männer. Die wollen einfach keine Männer. Die deutschen „Frauen“. Wollen keine Männer als Putzhilfe. Die denken wahrscheinlich Männer beklauen die. Oder schnüffeln während sie auf der Arbeit sind an ihrer Unterwäsche rum. Oder vergewaltigen sie, wenn sie abends geschafft von der Arbeit nach Hause kommen. Oder machen heimlich den Schlüssel nach, um später heimlich in die Wohnung zurückkommen zu können. Vielleicht sogar mit seinen südamerikanischen Kumpels. Um ein bisschen Spaß zu haben