Sonntag, 16. März 2025

Stalking (con perdón)




Letztens, nach der Arbeit, warst du schon früher raus. Nicht früh genug, um den Zug zu nehmen (du vertraust der Bahn eh nicht mehr, da passiert immer irgendwas, selbst, wenn nichts passiert, und dann stehst du da, wie bestellt und nicht abgeholt), aber so früh, dass du noch genug Zeit hättest

Du könntest jetzt sagen, dass das eine spontane Eingebung von dir war, dass du erst, als du die Halle verlassen hast, daran gedacht hast, aber das wäre - natürlich - gelogen. Natürlich war es gleichzeitig nicht geplant, du hattest dir das nicht schon zu Hause gedacht, überlegt


aber trotzdem war das so eine schwammige Mischung zwischen premeditated und spontaneous, spur of the moment stalking


machen wir uns da nichts vor!



Du beeilst dich sogar extra noch. Schließt die Halle extra schnell ab, gehst schneller als sonst die M.straße entlang, vorbei an dem Chinesen, dem Araber auf der Ecke, dich nach allen Seiten umguckend unter der Unterführung durch, am Italiener vorbei, von dem dir Martin immer eine halbe Pizza mitbringt


Die Spannung steigt, die Anspannung, deine Anspannung


wie viel Uhr haben wir, hast du noch Zeit, denkst du als du auf der anderen Seite an der Haltestelle R.allee angekommen bist



Heute, wieder ein Samstag, wo du darüber schreibst, kommt dir ein seltsamer Gedanke: Vielleicht macht sie ja gerade dasselbe, stalkt dich auch

sie weiß ja, dass du Samstagabend immer Dienst hast, nicht, dass sie jetzt irgendwo hier steht und dich beobachtet, während du friedlich denkst, dass du sie stalkst

mein Gott, was für eine vertrakte Situation

wie schön das wäre

wirklich?


Machen Frauen so was überhaupt

Natürlich, Bruder, du würdest dich wundern, was Frauen alles machen



Die Nacht ist kalt. Du gehst an der Haltestelle vorbei, passierst auch die Deutsche Bank, über den dunklen Parkplatz, wo du nie genau weißt, wo der Weg langgeht. Du hältst dich rechts, ihr Gebäude ist fast schon in Sichtweite

was, wenn sie dich jetzt sieht?

Im Leben nicht im Dunkeln


Und plötzlich, wie von Geisterhand, stehst du schon fast vor ihrem Haus, heeeess, Vorsicht!

guckst hoch in den zweiten Stock, wo sie wohnt, hoch zu dem Balkon

jetzt kann sie dich definitiv sehen, du bist jetzt voll vor ihrem Haus, mit deinem ganzen Gepäck von der Arbeit, dem dicken, vollen Rucksack auf dem Rücken (der ist zwar schwarz, aber dafür so prall gefüllt, dass man seine Konturen auf jeden Fall sehen würde, in der Nacht. Und deine ebenfalls schwarze Tragetasche ist genauso gut sichtbar


was, wenn sie jetzt da oben auf dem Balkon stehen würde

viel zu kalt

wer weiß, sie kommt aus den Bergen

oder durch das Fenster nach unten gucken würde

nein, das geht nicht, das weißt du

sicher?


Du weißt noch, wie du sie das erste Mal hier besucht hast, um ihr mit dem Bett zu helfen

(nein, nicht, was ihr denkt, obwohl es nicht am Wollen lag, gewollt hättest du gerne)

Da hast du ihr geschrieben und aus Spaß gesagt: Ich gehe erst mal zur Sicherheit zweimal um das Haus herum ... das du gar nicht gefunden hast, haha  erst, nachdem du völlig falsch gelaufen warst und sie dir geholfen hat

das waren noch Zeiten!


und jetzt stehst du hier, nachts um halb eins, voll unter ihrem Balkon, das heißt, ein bisschen links davon

jetzt ist es eh zu spät ... wenn sie dich jetzt sieht, dann sieht sie dich halt, was soll es, da kannst du jetzt eh nichts mehr dran ändern

schon von weitem hast du gesehen - das hatte ich vergessen zu erwähnen, hatte ich ganz vergessen zu erwähnen, dass die beiden Fenster ihrer Wohnung beleuchtet sind. Sie ist also da, wenn sie noch da wohnt

nach der Renovierung, nach Ecuador

wo sie ja laut der Aussage der Chilenin vielleicht gar nicht war

mysteriös, mysteriös ...

Watson, das Fenster, der Balkon


beide Fenster hell erleuchtet

nachts um halb eins

mysteriös, mysteriös


ob sie wohl alleine ist


vielleicht ist ja ihr Mann bei ihr. Wieder bei ihr. Und sie haben sich vertragen

liegen zusammen in dem Bett, das du mit aufgebaut hast

Licht in der Küche und im Schlafzimmer, im Zimmer, im einzigen Zimmer, was weiß ich


mysteriös, mysteriös


Oder ist das eins der Mädels (una de las chicas), von denen sie dir erzählt hat, die mit ihr (angeblich) die Wohnung teilen wollten

mit denen sie angeblich die Wohnung teilen wollte


Oder ein Mann? Ein fremder Mann, den du nicht auf dem Schirm hattest, den du noch nicht auf dem Schirm hattest

glaube ich nicht

glaubst du nicht oder willst du nicht glauben?

Einen Stecher. Der sie gerade sticht


Das Licht wirkt sogar noch heller, da ihr Fenster das einzige ist, wo noch Licht an ist

fast in der gesamten Umgebung

nachts um halb eins


Leise und vorsichtig trittst du an die Haustür heran, an ihre Haustür

wenn sie dich jetzt erwischt, boah, wenn sie dich jetzt erwischen würde, vor ihrer Tür, unter ihrem Balkon

würde sie die Polizei rufen



Ich  glaube nicht


boah, wie peinlich das wäre

"L., was machst du denn hier, des nachts?"

"Nichts, C., nada, wollte nur mal gucken, ob du noch hier wohnst, ob es dich noch gibt, in Bonn, ob du noch lebst

obwohl, das weiß ich ja von der WhatsApp

"Ja, tue ich, L."

"Ok, dann bin ich mal wieder weg. Chao. Einen schönen Abend noch

Nacht

ein schönes Leben noch


Aber es ist keiner da


wie es wohl wäre, jetzt mit ihr da oben zu sein. In der Küche. Sie hat gekocht, ihr sitzt beieinander, nur leicht bekleidet, es ist warm, sie hat die Heizung voll aufgedreht


nur leicht bekleidet


schön wäre es, ein Träumchen


ihr liegt in ihrem Bett


das du unter Angst, unter Angst vor ihrem Ehemann, unter Angst, dass ihr Ehemann hereinplatzt (Überraschung, sorpresa, sospresa, ihr wolltet doch nicht ohne mich anfangen?!) mit ihr zusammen aufgebaut hast, ohne es, mit ihr zusammen, gleich auf Herz und Nieren, Federn und Matratze zu testen


Du stehst vor ihrer Tür und guckst hoch zu den Klingeln rechts vom Eingang. Ein Schild wurde entfernt. Zuerst denkst du, das ist ihre, aber dann wandert dein Blick weiter nach oben und du siehst es

siehst sie


Nein, nicht sie persönlich, sondern ihren Namen, auf dem Schild, neben dem ihres Mannes

T. C.

Das ist ihr altes Schild, ihre alte Klingel

sie wohnt also noch hier

Ja!
Yes!
¡Sí
!

Geil!

(wer, du?)

Du drehst dich und trittst leise den Rückweg zur Haltestelle an der R.allee an, schnell, mach, dass du wegkommt, dass du hier wegkommt, los!

wirfst noch einen letzten Blick auf das Licht in ihrem Fenster, einen letzten sehnsüchtigen Blick

the light, the green light

... and distinguished nothing except a single green light, minute and far away, that might have been at the end of a dock


und gehst schnellen Schrittes ... weg ... entfernst dich schnellen Schrittes



bist eigentümlich beruhigt, obwohl da sein Name auch noch steht, aber vielleicht ist das nur, weil sie ihn nicht wegmachen wollte, weil sie nicht wusste, wie. Kein neues Schild nur mit ihrem Namen hatte, was weiß ich


aber auch traurig. Wie gerne wärst du jetzt mit ihr da oben, in ihrer Wohnung, in ihrer kleinen Wohnung, in ihrem Bett, ihrem Leben, wieder im ihrem Leben


wie gerne




so gerne




so gerne, dass es wehtut














Du hast so kein Leben.

ich weiß



Du hast echt so kein Leben










Das ist wie bei deiner Mutter; die hat auch immer heimlich deinen Onkel anonym angerufen, um zu sehen, ob er noch lebt











vielleicht stand die auch (heimlich) auf den