Montag, 23. Mai 2016

Palabras son bombas












mis palabras serán mis bombas













Ihr Ex Teil I








Sie hat eigentlich nie großartig über ihre Exen geredet. Genau wie sie nie großartig über ihre Vergangenheit in Ecuador geredet hat. Solange alles gut läuft ist das ja auch nicht nötig. Nur wenn man plötzlich oder in einem schleichenden Prozess feststellt, dass man eigentlich gar nicht weiß, mit wem man da Bett und Tisch teilt, dann ist das schon ein bisschen spooky. Gelindes gesagt.

Ich weiß nur, dass sie in Deutschland vor mir einen Freund hatte, der angeblich – Olav. Und war irgendwie aus Österreich. Nicht aus Deutschland, denn selbst Nadine ist sein fremdartiger Akzent aufgefallen. Er soll – angeblich – auch der „Erste“ gewesen sein, der, der sie sozusagen „entjungfert“ hat. So wie sie meine „Erste“, die, die mich entjungfert hat. Die Erste und die Letzte, haha.

Es ist nicht viel, was ich im Laufe der Zeit, im Laufe der 19 Jahre, die wir zusammen waren von ihm erfahren habe. Und das meiste stammt auch noch aus dieser dunklen Vorzeit, dieser dunklen Urzeit unserer Beziehung, wo wir noch „Freund“ und „Freundin“ waren und noch nicht Mann und Frau.

Auf die Nachfrage, wie es mit ihm war, ihr erstes Mal, oder der Sex im Allgemeinen, schwieg die Genießerin. Vielleicht verständlich, obwohl es im Nachhinein immer unverständlicher wird. Nicht die Frage nach dem Sex mit ihm (ob er besser oder schlechter war als er selbst oder ob er einen Größeren hatte als er oder ob er auf bestimmte Praktiken oder Techniken stand) interessierte ihn so sehr, sondern mehr die Frage…

…die Frage nach was eigentlich?

Nach dem, was er mit ihm gemeinsam hatte?

Nach dem, wie er so als Mensch war?

Keine Ahnung.

Wie lange sie mit ihm zusammen war…

Auf jeden Fall nicht lang, das hat sie ihm gesagt damals. So viel wusste er. Und ist nicht alles Wissen über Verflossene nur zusätzlicher Ballast, unnötiger emotionaler und  psychischer Ballast, den man besser im Verborgenen lässt. Bei dem es besser ist, nichts zu wissen. Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Warum wird bei diesem ohnehin nicht allzu schlauen Spruch eigentlich nie von „ihm“ und immer nur von „ihr“ gesprochen? Es gibt den Sexismus auch andersherum, glauben Sie mir, egal was die Frauen sagen und wie oft und wie heftig sie sich über ihre ungerechte Behandlung in der Gesellschaft beschweren.

Olav schlief mit ihr und verließ sie. Wurde verlassen. Nein: Er wurde verlassen. Von ihrer Schwester. Das heißt natürlich nicht, dass er mit beiden gleichzeitig, geschweige denn im gleichen Bett zusammen war (das ist wohl eher der Wunschtraum unseres wackeren Protagonisten gewesen), sondern dass Slainté in ihrer unnachahmlich charmanten Art, Nadine natürlich ganz selbstlos, ganz im Sinne der Frauenrechte geholfen hat, Olav endgültig loszuwerden. Olav endgültig abzuschießen. Wie ich konnte der sein Glück gar nicht fassen. Endlich war er Nadine los. Endlich. Deswegen ist er auch schnurstracks zu ihr gegangen und hat – angeblich – voll das „Theater“ (kennen wir ja, aus meiner Jugend, immer diese in den Grundfesten ihres Gerechtigkeitssinnes erschütterten, aggressiven Männer, die „Theater“ machen und dann von einer ah so hilfsbereiten, ach so emanzipierten, ach so selbstgerechten Frau in ihre Schranken verwiesen werden) abgezogen haben soll. Im Flur geschrien haben soll und randaliert haben soll (kennen wir ja, Männer, die mit ihrer Aggression nicht umgehen können, ist ja klar, Aggression ist aber auch so was Schlimmes!).

Am Ende wurde Slainté ich aber trotzdem los und er fiel mit Carlos – Nadines Freund in Ecuador auf den Abfallhaufen ihrer persönlichen Geschichte. So wie ich jetzt. Never to be talked about again.  Why should we even bother. Verbotene Liebesmüh! Äh, vergebene Liebesmüh mein ich natürlich.

Und weg war er.

Aber die Frage bleibt: Was empfand Slainté dabei, ihrer Schwester die Freunde zu zerschießen. Genugtuung, Befriedigung, mit ihren Rastazöpfchen, immer lachend mit ihren schmalen Lippen, obwohl ihre Haare eigentlich viel zu dünn für Rastas waren. Oder waren es Cornrows?

Ging ihr dabei einer ab, beim Beziehungen zerstören?

Oder hielt sie sich – wie so viele Frauen – wirklich für eine Kämpferin, eine wackere Amazone im Dienst der Befreiung unterdrückter Frauen, der Emanzipation, der Freiheit.

(die man seiner Meinung nach immer noch nur im Dschungel erreicht, bei Mistah Kurtz – aber wer ist er schon, nur ein weiterer aggressiver, lästiger, verblendeter Mann, der die höhere Wahrheit gar nicht sehen kann; und das reimt sich sogar!)

Aber vielleicht war Olav ja auch wirklich der brutale, rücksichtslose, aggressive Protomann. Genau wie er selbst








Donnerstag, 19. Mai 2016

Vater und Tochter








Er geht mit seiner Tochter laufen. Im Wald. Es gab mal eine Zeit, wo sie was gegen den Wald hatte. Keine Ahnung, warum. Da wollte sie immer woanders hin, aber heute ist der Wald okay. Jetzt Ende Mai ist er ja auch anders als im Winter. War er im Winter noch grau, kalt und nass ist er jetzt ganz grün, erinnert fast an einen Dschungel. Überall sprießt und blüht es und wir laufen fast durch eine Art hellgrünen Tunnel. Ist schön so, der Wald.

Arschhaare und Atomkrieg








Eigentlich machst du das ja ganz gut, denkt er, als er die Rolltreppe am Juridicum, der Juristischen Fakultät der Uni Bonn, hochfährt. Sein komischerweise ohnehin schon breites Grinsen wird zu einem Lachen. Ok, keinem netten, freundlichen, fröhlichen Lachen, aber einem Lachen. Laughter in the dark. Er steht hier alleine auf dieser grauen, dreckigen Rolltreppe in dieser grauen, langweiligen Stadt und lacht mit sich selbst. Lacht sich selbst kaputt. Lacht sich selbst aus. Er redet mit sich selbst und lacht mit sich selbst. Wenn sonst keiner mit ihm lacht! Dieser Gedanke bringt ihn noch mehr zum Lachen. Das ist bestimmt das erste Anzeichen von Wahnsinn, wenn man auf einmal ohne ersichtlichen Grund zu lachen anfängt. Aber egal. Wie sagt das Anton Chigurh in No country for old men noch mal? “If the rule you followed brought you to this, of what use was the rule?” Seine Laune ist heute aber echt erstaunlich gut, sein Galgenhumor frisch geschliffen. Keine Ahnung warum. Aber wer fragt schon nach einem Warum, wenn er sich an den restlichen 320 Tagen im Jahr beschissen fühlt?! Wie gerne würde er jetzt Nadine per Telekinese seine Fröhlichkeit mitteilen. So wie in Carry von Stephen King. Die würde sich im Grab umdrehen. In dem Sarg, in dem sie tagsüber mit ihrem Schwager und wer weiß wem sonst noch verschwindet. Wegen Überfüllung geschlossen.

Das Einzige, was ihm zu seinem Glück jetzt noch fehlt…

…denkt er, als er langsam wieder aus dem U-Bahn-Schacht ans gefahren Tageslicht kommt…

…ist ein Arsch. Oder eine Muschi. Aber heute wär es glaub ich echt der Arsch.

Just for the fun of it.

Das mit dem Arsch denkt er nicht ganz grundlos, nicht nur aus irgendeiner kranken Fantasie heraus, sondern weil eben dieser (Arsch) gerade an ihm vorbeimarschiert. Ein junger Arsch mit Pferdeschwanz, so halb blond, halb brünett (aber wen interessiert schon die Haarfarbe – die der Scham- oder Arschhaare vielleicht schon eher). Jung, bestimmt eine Studentin.

Wenn ich mit der fertig wäre, würde die Psychologie studieren. So viel ist sicher. Wenn sie es nicht schon jetzt tut. Heil mich, Baby, von meinen Komplexen, meinen Problemen, meinen Neurosen, meinen Störungen!

Sie trägt eine hautenge Jeans, die aber genau am Arsch noch ein bisschen Luft aufweist. Ein paar Fältchen Luft. Boah, wie ich diese Fältchen liebe. Da passt gerade so noch ein Furz durch. Bestimmt trägt die einen Tanga. Hundertprozentig. Einen roten oder gelben oder was auch immer. Der den Arschbacken ihre Freiheit lässt. Frei rauszuquellen an der Seite.

Boah, wie geil!

Du oder sie?

Hoffentlich ihr beiden!

Heute würde ich sogar  den Atomkrieg überleben.

Vielleicht studiert die ja echt Psychologie. Vielleicht sind ja Psychos wie ich sogar ihr Spezialgebiet. Wer weiß.

Gerade genug Luft, dass man die Arschwangen noch sehen kann, denkst du während dir die Sonne auf den Pelz scheint und du hinter ihr herhechelst.

Und dann ist sie auf einmal weg, viel zu schnell für ihn. Egal, Ärsche gibt’s genug.

Mal sehen, was seine Anwältin heute Nachmittag sagt. Hey, eine Frage hat er noch vergessen in seinem langen Fragenkatalog:

„Wie viele Jahre kriege ich für Mord im Affekt?“

„Und wie viele für Totschlag?“

Dass muss er unbedingt noch fragen…






Dienstag, 17. Mai 2016

Pamplona San Fermines 2016








„Dieses Jahr fahre ich nach Pamplona. Zu den San Fermines. Zum Stierlauf. Und dann besaufe ich mich jeden Tag, sieben Tage lang. Bis ich tot umkippe oder im Krankenhaus lande. Und wenn ich im Krankenhaus gelandet bin, dann entlasse ich mich am nächsten Tag selbst und sauf weiter.“

„Das ist so geil, warum machen die das nicht auch in Deutschland. Dass die Bands abends durch die Straßen ziehen und a cappella tuten und blasen. Das wär viel besser. Das ist natürlich kalt, ok, aber trotzdem. In Pamplona ist es auch nicht so warm, nachts. Da ist zwar Sommer, aber trotzdem ist es da nachts kalt. Das könnten die auch hier. Von dem Musikern her auf jeden Fall.“

„Erinnerst du dich noch an Pamplona. Weißt du noch was von damals?“

„Das war geil, das war richtig geil. Das geht richtig ab. Alle feiern. Die können wenigstens feiern, die Spanier.“

„Hier würde sich wahrscheinlich wieder irgendjemand beschweren, wenn die abends oder – Gott bewahre – nachts durch die Straßen ziehen würden. Das geht ja nicht! Der ganze Lärm!“

„Boah, die sind so geil, diese Lieder…wie heißen die noch mal? Mann, was war das noch mal? Tundas? Näh, peñas! Ja, das ist es, peñas! Geil. Dann saufe ich mich tot! Sieben Tage lang. Vielleicht laufe ich sogar mit. Aber nicht besoffen, das geht ja nicht. Wenn du was von einem Deutschen hörst, der in Pamplona gestorben ist… Näh, geht ja nicht, die ziehen die ja da raus, wenn die besoffen sind, die Touristen. Die holen die da raus…“

„Der Rudi, der hat mich für bekloppt erklärt, als ich ihm das erzählt hab, das ich da mitlaufen will. Der hat gesagt, ich wär bekloppt. Aber egal, warum nicht?!“

„Jeden Tag saufen. ¡Y drogas! ¡Y todo lo que venga!Vielleicht finde ich ja sogar eine neue Frau. Für eine Nacht. Für eine heiße, spanische Nacht.


„Dann fange ich schon im Bus an zu saufen. Oder im Flugzeug. Wo auch immer. Und dann jeden Tag. Immer weiter...“