Ein Blog über das Leben, die Liebe, Beziehungen, Verlust, Angst, Spaß, die Lust, die Lust am Schreiben,Südamerika, Musik, südamerikanische Frauen, die Liebe, Spanisch, Englisch, Schottland, Spanien, Deutschland, dat Rheinland, Kinder, Literatur, Vergänglichkeit, Arbeit, Politik, die Mafia, Urlaub, Gewalt, Verbrechen, Sex, große und kleine Gefühle und vieles, vieles, vieles mehr ...
Freitag, 9. September 2016
Alte Wunden
In Letzte Spur Berlin läuft das Lied Hurt.
Von Johnny Cash. Und reißt alles wieder auf. Alles. Die Folge handelt von einem
Ehepaar, das nie über den Verlust ihres Sohnes während eines Ägypten-Urlaubs hinweggekommen
ist. Das Lied beginnt als beide in ihrem Auto sitzen und mit einem Plastikrohr im
Auspuff, das mit der Fahrerkabine verbunden ist, Selbstmord begehen wollen.
Ja,
Verlust ist immer schwierig. Und wenn jemand von heute auf morgen nie wieder
ein Wort mit einem redet, dann ist das wie der Tod. So als wär man gestorben, obwohl
man noch lebt, das Leben tagtäglich an seinem Leiden spürt...vielleicht so stark wie noch nie zuvor
obwohl
der andere noch lebt, keine fünf Kilometer von hier und doch so weit weg
Das
Lied reißt alles wieder auf. Das hast du damals gehört. Als sie gegangen ist.
Das weißt du noch. An dem einen Tag. Dem Montag. Dem Dienstag, wo María
gekommen ist. Und bei dir in der alten Wohnung geschlafen hat. Das war das Lied
aus dem Film La Colombiana. Wie das wohl
auf sie gewirkt haben muss. Ihr Vater jenseits des Flurs im Schlafzimmer ihrer
Eltern. Ihres Vaters. Sie in ihrem Kinderzimmer. Ihrem alten Kinderzimmer. Obwohl
sie kein richtiges Kind mehr war. Jetzt, nach der Trennung ihrer Eltern. Wie
sie sich wohl gefühlt hat. Wie du hat sie an ihrer alten Wohnung festgehalten.
Trotz dauerndem Ärger mit ihrem Vater. Dauerndem Streit. Sie hat immer zu ihm
gehalten. Danke. Obwohl ich zu schwach bin, dir das zurückzugeben. Wie sie sich
wohl gefühlt hat? Ob sie auch geheult hat, heimlich in ihrem Zimmer, das bald
nie wieder ihr Zimmer sein würde, abends im Dunkeln, ihr Vater am Schluchzen
wie ein Schlosshund. Hinter der Tür. Dazu die Musik von Johnny Cash. Die er am
Ende von dem Film Colombiana gehört
hatte, schon eine Woche bevor Nadine endgültig weg war. Sie hat immer zu ihm
gehalten, war da, als Einzige; und keiner hat es ihr gedankt. Er nicht, ihre
Mutter nicht. Niemand. Mit gerade mal 16 musste sie erwachsener sein als sie
war.
Sie
wusste ganz genau, dass ihre Mutter nicht zurückkommen würde, egal wie viel ihr
Vater heulte oder schrie oder schwieg.
Alles
hatte sich für sie geändert. Und dabei war sie selbst gerade erst 16 geworden.
…als
sie ihren Vater jenseits des Flurs heulen hörte. Das war überhaupt nicht zu
überhören. Und richtig trösten konnte sie ihn auch nicht
Das
konnte niemand.
Das
kann niemand
Oder
doch: Es gibt jemand, der das kann, aber der will nicht. Will nicht mehr
Du
warst es nicht Tochter, tut mir leid, aber dafür kannst du ja nichts, wie du da
lagst, in deinem alten Zimmer und nicht einschlafen konntest, weil dein Vater jenseits
des Flurs schluchzte wie ein Schlosshund. Dich traf keine Schuld. Eher das
Gegenteil
du
hast uns vielleicht sogar all die Jahre zusammengehalten. Danke
SMS-Daddy
Am Abend wird er plötzlich sentimental und schreibt seiner Tochter eine SMS:
Danke. Ich bin schwierig, aber ich hab dich immer
lieb gehabt. Es wird auch wieder besser als jetzt.
Irgendwann
Doch
dann überlegt er es sich anders und schickt die SMS doch nicht ab. Speichert
sie lediglich in den Entwürfen. Hat fast Tränen in den Augen
Donnerstag, 8. September 2016
Schwänze, Knöpfe und Bäuche
KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz
Herr
Müller befindet sich auf dem Weg zur Arbeit. Er sitzt in der U-Bahn, als sich
plötzlich ein dicker Mann schräg gegenüber von ihm hinsetzt. Der Mann ist so
dick, dass sich bei ihm nicht nur der Bauch wölbt, sondern auch der Unterleib.
Das heißt, der obere Teil der Hose, da wo der Unterleib sitzt, dieser Teil über
dem Gehänge, oberhalb des Hosenstalls, Sie wissen schon. Die sieht so gewölbt, so
aufgebläht aus, die Hose, dass Herr Müller denkt: Wer weiß, was der für einen
Schwanz hat. Nicht, dass der einen richtig dicken Schwanz hat. Ich meine, einen
dicken auf jeden Fall, aber hat er auch einen großen? Einen langen?
Traumdeutung: Orcas und Pützchens Markt
KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz
Ich träume davon, dass ich in Barcelona bin. Der Stadt meiner Träume. Nadine ist zu mir zurückgekommen, sitzt mit mir in meinem Hotelzimmer. Trotzdem fahre ich alleine zu einer Delfinshow. Mit einer Gruppe Deutscher, wie ich später feststelle. Wir fahren durch die ganze Stadt. Im Hintergrund sind die Vorstädte mit ihren riesigen Wohnblocks zu sehen. Da will ich hin, das hat mich schon immer fasziniert. Das wahre Barcelona, abseits von Touristenmassen und Meer. die Grafittis, die Blocks, die Gefahr. Ich weiß nicht, ob Nadine mitkommt. Ob sie mitkommen will. Wahrscheinlich nicht, denke ich. Das mochte sie noch nie, meinen Ghetto-Tourismus.
Am
Ende fahren wir einen steilen Abhang herunter und mir wird ganz flau im Bauch.
Wir kommen zu einem Becken, das nicht größer ist als ein normales Schwimmbecken
im Freibad. Da sind voll viele Orcas drin, keine Delfine. Die dicken, eleganten
Tiere sind schön, aber ich habe Angst. Ich scheine der Einzige zu sein, der
Angst hat. Die sind gefährlich. Man kann sogar ihre Zähne sehen. Ein Kleinkind
springt ins Becken und taucht unter den Orcas her. Das hat glaub ich sogar noch
eine Windel an. Krass. Es taucht das ganze Becken entlang unter den Orcas her
und taucht dann unversehrt am anderen Beckenrand wieder auf, obwohl keiner – oder?
– das nicht erwartet hätte. Um nichts in der Welt würde ich einen Fuß in dieses
Becken setzen. Stattdessen sitze ich am Beckenrand und bin traurig.
Tieftraurig. Ich weiß nicht, warum ich alleine hierhin gefahren bin. Warum ich
Nadine nicht mitgenommen habe. Das hätte ihr gefallen. Sie hat nicht so viel
Angst wie ich. Oder doch? Ich sitze am Beckenrand und sehe den Kindern zu, wie
sie ausgelassen spielen. Ich würde am liebsten heulen. Irgendjemand, ein Typ,
setzt sich neben mich und sagt irgendwas. Ich weiß nicht mehr was. Warum habe
ich Nadine eigentlich nicht mitgenommen, das habe ich doch sonst immer im
Urlaub? Obwohl sie doch zu mir zurückgekommen ist? Obwohl wir doch Zeit
miteinander verbringen sollten? Kostbare Zeit, die nie wieder zurückkommt. Ich
will sie bei mir haben, so macht das keinen Sinn. Fast bin ich am Heulen, will
mit keinem reden, nichts machen, nichts, bin traurig, total am Arsch
Dann
wache ich auf, noch total aufgewühlt von dem Traum und sie ist natürlich nicht
mehr da. Diese Woche ist Pützchens Markt geht laut Aussage ihrer, meiner
Tochter „glaub ich nicht dahin“. Wie gerne würde ich mit ihr auf Pützchens
Markt gehen, obwohl ich Pützchen hasse. Früher haben wir da in der Nähe
gewohnt, keine zehn Minuten zu Fuß von Pützchen, von der drittgrößten Kirmes
Deutschlands entfernt. Früher war alles besser. Sagt auch María, mit der ich
gestern den ganzen Abend alte Lieder gehört habe, die sie – wie sie sagt –
immer als Kind gehört hat, geliebt hat und an die sie sich noch erinnert. Im Laufe
des kamen immer mehr alte Lieder aus der Versenkung hervor. Das war schön, aber
warum habe ich Nadine nicht zu den Orcas mitgenommen, wenn sie wieder mit mir
zusammen war? Oder bin bei ihr, mit ihr im Hotel geblieben?
Mittwoch, 7. September 2016
M,
du hast nix zu tun und schickst uns Bilder von deinem Kopf.
Ey,
du Schlampe.
Ich
bin kein Bauernkind. Sagt die Richtige, die aus dem Dorf kommt.
Boah,
diese Kinder auf dem Profilbild, die sind voll süß.
Leute,
ich hab so kranke…
Die
S die saß neben mir und die wusste auch nichts.
Nichts zu verlieren
Auf
der Arbeit, auf seine Schüler wartend, hat er plötzlich einen lichten Moment.
Einer der wenigen lichten Momente in dieser Wüste der Dunkelheit, in der er
sich seit der Trennung befindet. Er denkt: Eigentlich musst du dir ja gar keine
Sorgen machen. Weil du ja eh sterben wirst. Eigentlich kann dir ja gar nichts
passieren. Außer dem Tod.
Außer
dem Tod natürlich.
Eigentlich
hast du ja gar nichts zu verlieren. In 30, 40 Jahren bist du eh nicht mehr da.
Vielleicht auch schon in zehn. Vielleicht auch schon morgen. Wenn du so weiter
machst. Also, wozu machst du dir noch Sorgen um alles?!
Nach
der Arbeit, draußen, denkt er plötzlich: Vielleicht wissen die das ja auch
schon alle, schon lange. Vielleicht ist er ja wieder mal der Einzige, der
einzige Doof, der nichts mitbekommen hat. Vielleicht sind die ja deswegen alle
immer so cool, so ruhig, scheinen so in sich zu ruhen. Weil die wissen, dass
die ja eh sterben werden. Dass die sterben müssen.
Sind
die etwa deswegen so? Weil die sich keine Illusionen mehr machen? Haben die das
etwa alle schon vor lange vor ihm gelöst, das Rätsel des Lebens? Das Rätsel der
Sphinx, die weiß, dass alles irgendwann einmal zu Sand, zu Staub verfallen
wird? Vielleicht kratzt die ja deswegen das alles nichts mehr, vielleicht kann
die ja deswegen nichts aus der Ruhe bringen…
…seine
Frau, seine Tochter, seine Eltern, seine Anwältin…
Und
ich dachte immer, ich wär der Existentialist…
Sorge dich nicht, lebe!
Einen
Tag, nachdem seine Frau mit seiner Tochter das Haus verlassen hatte, nur um nie
wiederzukommen, erhielt er eine SMS von seiner Tochter.
Mach dir keine Sorgen, ich komme morgen
Im
Nachhinein klingt das fast wie aus einem Poesiealbum. Dem Dale-Carnegie-Poesie-Album.
Wie sich das reimt, „Sorgen“ und „morgen“, fast schon poetisch. Philosophisch. Existentialistisch.
Am
Abend des betreffenden Tages kam er nach der Arbeit die Treppe zu seinem
Wohnblock hoch, guckte durch das Küchenfenster und sah eine kleine Person.
Zuerst dachte er, das sei seine Frau, die es sich anders überlegt hatte und
zurückgekommen war. In die gemeinsame Wohnung.
Aber
dann, als er die Tür aufschloss und in die Küche ging, war da nur seine
Tochter. Stand am Herd und kochte. So als wär nichts passiert. Nach einem
Moment sagte er entgeistert: „Ich dachte, die Mama wär wieder da. Das sah so
aus, von draußen…“
Sie
sagte nichts.
Oder
sagte er: „Und, wo ist die Mama?“
Keine
Ahnung. Mittlerweile ist das alles schon so lange her, als wäre es gestern
gewesen.
Auf
jeden Fall informierte ihn seine Tochter später am Abend, als sie zusammen aßen,
dass „die Mama kommt nicht mehr zurück.“ Und Punkt. Kein Wort mehr und keins
weniger. Die Mama kommt nicht mehr zurück. War das ihre Aufgabe, ihm das zu
sagen? Wie fühlte sie sich dabei? Er weiß es nicht. Er kann keine Gedanken
lesen.
Er
auf jeden Fall wird diesen Satz nie mehr vergessen, solange er lebt.
Am
Morgen hatte ihm sein Anwalt, den er hastig aufgesucht hatte – er hatte noch
nie vorher im Leben einen Anwalt gebraucht – mitgeteilt, dass das ein gutes
Zeichen sei, dass seine Tochter noch Kontakt zu ihm hätte. Dass sie noch mit
ihm reden würde.
„Das
ist doch schon mal gut.“
Und
Punkt.
Donnerstag, 1. September 2016
Wenn ich die Arbeit nicht hätte ...
KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz
Er
denkt: Langsam fange ich echt an, mich mit dieser Arbeit zu identifizieren,
richtig zu identifizieren. Die „Halle“ ist nicht nur eine Arbeit. Sie ist das,
was mich am Leben erhalten hat. In dieser schwierigen, beschissenen,
grauen-schwarzen Zeit.
Dienstag, 30. August 2016
Goya in Deutschland
KI-generiertes Bild – erstellt mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz
Er
steht in der Bahn und wartet darauf, dass die Türen sich endlich öffnen und er
aussteigen kann. Er blickt in die nach oben, nach vorne gereckten Gesichter der
Leute, die an der Tür stehen und wissen wollen, warum der Fahrer die Tür noch
nicht freigegeben hat. Unfreiwillig erinnert ihn die Szene an Goya.
Keine
Ahnung warum.
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