Donnerstag, 25. August 2016

Wiedersehen







Ich weiß nicht, ob sie glücklich ist.
Vielleicht ist sie es ja und ich rede mir das nur ein.
Dass sie unglücklich aussieht.
Das ist nur so ein Gefühl
Und Gefühle zählen eh nichts
Und erst recht nicht in Deutschland
Wen interessieren schon Gefühle
Sie nicht
Obwohl sie unglücklich aussieht
Die Haare sind kürzer
Wie sie da sitzt und den Boden anstarrt. Oder ihr Handy.
Sieht sie nicht unglücklich aus
Wie sie nicht hochguckt. Mich nicht sieht.
Nicht sieht, wie ich sie sehe.
Und alle Wunden wieder aufbrechen.
Ich hatte den ganzen Tag schon so ein Gefühl
(du weißt doch, Gefühle interessieren keine Sau)
Was sind schon Gefühle.
Wie ich heute Mittag diese Latina gesehen habe.
Und dann ihre Schwester.
Und jetzt sie.
Wie sie da sitzt
Kommt alles wieder hoch.
Nichts ist weg
Es war nur verschüttet
In der Müllkippe deiner Seele
Alle Dämme brechen
Alles reißt wieder auf
Die ganze Scheiße
Aber du gehst nicht zu ihr, als der Bus hält, keine 10 Meter von ihr entfernt
es hätte keinen Sinn
keinen Sinn mehr
Von da wo sie sitzt, auf diesem Stein, diesem runden Sitzstein am Bahnhof
Wo du früher auch gesessen hast
Als du noch den Nachtbus nach Duisdorf genommen hast
Wo sie auf dich wartete, in eurem Bett
In dem du jetzt alleine schläfst
Nicht einschlafen kannst
Dich hin und her wälzt
Ihre Beine erinnern dich daran, wie du mit ihr geschlafen hast
wie du in sie eingedrungen bist
sie gespürt hast
sie geliebt hast
ein halbes Leben lang
Früher
Früher ist vorbei
Und du gehst vorbei
Gehst extra vor dem Bus entlang
Obwohl der Weg hinter dem Bus der Kürzere ist
Guckst zu ihr zurück
Sie hebt den Kopf nicht
Wirkt unglücklich
Mit ihren kürzeren Haaren
Obwohl du sie gar nicht richtig sehen kannst
Mit deinen Augen
Du gehst zu deiner Haltestelle und fragst dich,
ob sie dich sieht
dir nachguckt, so wie du ihr.
Du weißt, dass das sie ist
Da hinten
Auf jemanden wartend.
Der nicht mehr du bist.
Der nie mehr du sein wirst
Und genau in diesem Moment weißt du,
dass du sie immer lieben wirst
Und immer vorbeigehen wirst,
wenn du sie siehst
so als hättest du sie nicht gesehen
wenn du sie durch Zufall siehst
in der Stadt
im Bus
wo auch immer
es gibt keine Zufälle
du liebst sie immer noch
alles ist immer noch da
wie am ersten Tag
trotz Anwalt, trotz Unterhaltsforderungen, trotz allem
weißt du, dass du nie aufhören wirst, sie zu lieben
Obwohl du nicht mehr zu ihr gehen wirst
Nie mehr
Wenn du sie siehst
Die Mutter deiner Tochter
Die Liebe deines Lebens
Wie ein Doof stehst du an deiner Haltestelle und blickst zu ihr rüber
Mit ihrem lilafarbenen Garfield-T-Shirt
Jetzt weißt du es wieder
Das sie in eurem gemeinsamen Urlaub gekauft hat
In eurem letzten gemeinsamen Urlaub
Jetzt fällt es dir auf
Ihre Haare sind kürzer
Sie ist noch immer total braun
Von Griechenland
Wo sie alleine war
Mit ihrer Tochter
Deiner Tochter
Die euch nicht mehr verbindet
Du stehst leicht versteckt hinter der Schulter dieses Typen
und guckst da rüber als hättest du einen Geist gesehen
Hast du ja auch
Den Geist vergangener Urlaube
Vergangener Umarmungen
Vergangener Küsse
Vergangener Berührungen
vergangen, alles
Vergangener Liebe
Der Bus kommt
Der Bus zu deiner neuen Wohnung
Heute ist María bei dir
Morgen bei ihr
Am Montag wieder bei dir
María, die euch beide in sich hat
Aber die ihr nicht mehr beide habt
Du steigst in den Bus ein
Setzt dich hinten hin
Weil es da kühler ist
Es ist der heißeste Tag des Jahres
36 Grad
Und du guckst zu ihr rüber
Als hättest du einen Geist gesehen
Den du berühren könntest
Den du nicht mehr erreichen kannst
Obwohl du weißt,
dass du sie immer lieben wirst
deine kleine Latina
die du vergrault hast
mit deinem Pessimismus
mit deinem fehlenden Vertrauen
mit deiner Eifersucht
deinen Ultimaten
Eine Familie sitzt dir im Weg
Du siehst sie nicht mehr richtig
Und trotzdem hat diese Begegnung deine Welt erschüttert
In ihren Grundfesten
Deine kleine kaputte Welt
Die nicht heilen will
Einfach nicht heilen will
Wie eine rote Wunde
Du siehst sie nicht richtig
Guckst als hättest du einen Geist gesehen
Das Kind guckt zu dir rüber
Der Alte auch
Wie du guckst
Als könntest du nicht vergessen
nicht vergessen
was mal war
was nie wieder sein wird
Und dann ist der Bus weg
Im Tunnel verschwunden
Und du siehst sie nicht mehr
Vielleicht nie wieder
in deinem Leben
Deine kleine Latina
Die du so liebst
Wie am ersten Tag.












Sonntag, 21. August 2016

Alles Verarschung: Zwischen Schein und Sein







Heute musste er tatsächlich fast wieder heulen. Bei Cuéntame como pasó, einer seiner spanischen Serien – komischerweise sind es immer die spanischen, bei denen er heulen muss, bei denen die Emotionen ihn förmlich übermannen). Ich weiß, er ist auch von Natur aus schon ziemlich nah am Wasser gebaut, aber das heute war  wirklich etwas Besonderes.

Tage wie diese... (II)














Als du vor die Tür trittst, pisst es wie aus Kübeln. Ich meine, du hattest den Regen schon gehört, als du heute Morgen auf dem Klo warst und das Fenster gekippt hattest – damit die Nachbarn auch was davon haben. Aber hier draußen ist das schon was anderes. Also nimmst du den großen Schirm mit, den du auf der Arbeit geklaut hast. Den von diesem Hotel, irgendwas mit Resort, keine Ahnung. Von irgendeinem reichen Araber bestimmt. Aber schon nach fünf Minuten Laufen ist der linke Ärmel deines Trainingsanzugoberteils fast bis auf die Haut durchweicht. Scheiße, was soll das erst später geben. Aber im Wald wird es besser. Durch die Bäume, die halten den Regen ab. Zumindest zum Teil.

„Boah, ich hasse dieses Land!“, fluchst du laut, obwohl keiner auf der Straße unterwegs ist, der dich hören und zumindest dein Leid teilen würde – denn es pisst ja, wie gesagt, in Strömen. Hier würde dich auch wahrscheinlich keiner verstehen, denn die sind ja alle glücklich in Deutschland, besonders hier in Ippendorf, wo die Leute Geld haben.

„Boah, ich hasse Deutschland. Wie ich Deutschland hasse… Was für ein Drecksland.“

Ich war hier nie glücklich. Nie. Und werde es auch nie sein.

„Was für ein dreckiges Drecksland! Dieser ganze Scheiß-Regen. Und dann noch die Leute… Arschlöcher, alle. Alles Arschlöcher…“

Zum Glück hört mich keiner.




Als du ein paar Stunden später wieder zu Hause und endlich mit allem fertig bist – mit Spülen und Kochen und allem anderen Scheiß, der so anfällt in einem 1-Mann-Haushalt – und dich endlich mit deinen Fritten, deinem kalten Kaffee (so magst du ihn am liebsten – eiskalt aus dem Kühlschrank) und dem Rest deiner Beeren-Mischung ins Bett legen willst und ein bisschen deine Serie Cuéntame como pasó gucken willst…

…du hast dich gerade hingelegt, atmest durch und guckst auf den Bildschirm und siehst die Warnmeldung. „Oh, Mann“, seufzt du laut, obwohl keiner da ist, der dich hören könnte, hievst deinen wuchtigen Körper wieder aus dem Bett, fluchst noch einmal („Scheiße…Scheiße, Mann…immer das Gleiche! Immer die gleiche Scheiße!“) und wackelst in die Küche zurück, wo das Kabel ist. Das Netzteil (wir wollen ja korrekt sein, wir sind ja schließlich Deutsche!). Du ziehst es aus der Steckdose (hoffentlich fährt der nicht vorher runter…) und steckst es in die Steckdose im Schlaf-/Wohnzimmer. Vorher trittst du mit dem Fuß noch auf den Stecker, was ziemlich wehtut, aber mit den restlichen Schmerzen deiner Existenz verglichen vernachlässigbar ist.

Endlich kannst du die Serie gucken und hast wenigstens eine halbe Stunde Zeit, bevor es weitergeht, bevor dein Tag weiter seinen unvermeidlichen Verlauf geht, bis du endlich einschlafen kannst (um zwei Uhr nachts und erst nachdem du dir zu Internetpornos einen runtergeholt hast).




Am Ende, als du gegessen hast und die Kartoffeln geschält hast, trinkst du noch ein bisschen Hühner-Brühe mit Zwiebeln und Knoblauch. So wirst du ganz sicher keine Frau finden, wirst einsam bleiben, würde deine Kollegin sagen. Und wissen sie was: Genau das willst du ja auch nicht! Außerdem war deine Kollegin bei der Partnersuche auch nicht erfolgreicher. Du hast wenigstens noch eine Tochter, auf die du stolz sein kannst, die hat noch nicht mal mehr einen Hund.



Und was passiert, als du die Brühe direkt aus dem Topf trinkst? Du verschluckst dich… War ja klar! Immer verschluckst du dich. Jedes Mal. Vielleicht liegt das daran, dass du zu gierig bist. Oder an deinem Schluckapparat. Keine Ahnung. Auf jeden Fall passiert das dauernd und ist eine von diesen Sachen. Diesen Sachen… Eine weitere von diesen unzähligen Sachen, die…

…dir so auf den Sack gehen…



Zumindest kommen heute Nacht keine Briefbomben. Denn heute ist Sonntag und da kommt der Briefträger nicht! Einen Tag Ruhe die Woche kann er dir auch wirklich gönnen




Was für ein fickiges Drecksland!







 







Freitag, 19. August 2016

Vater werden ist nicht schwer...






 
"...da verändert sich was, vom Gefühl her..."






„Meine Frau ist schwanger…“, sagt sein Kollege, als er ihn nachts nach Hause fährt.

„Hey, Herzlichen Glückwunsch!“

„Danke.“

„Dann muss die sich auch schonen, ne.“

„Ja.“

„Im wievielten Monat ist die denn?“

„Im dritten.“

„Ach so, dann ist das ja noch früh…aber trotzdem… Daran erinnere ich mich gar nicht mehr, wie meine Frau schwanger. Nur, dass sie einen dicken Bauch hatte. Das ist so lange her, mittlerweile. Sieht man denn schon was?“

Er nickt. „Am Anfang war das schwierig, mit den Stimmungsschwankungen. Da war die morgens so schlecht drauf. Und ihr war immer schlecht. Aber jetzt geht das.“

„Und, wie lange arbeitet sie noch…?“

„Bis zum 6., 7. Monat Ja, und die hat ja auch ihr eigenes Geschäft und einen Auszubildenden.“

„Ok.“

„Da geht das nicht so einfach. Da kann die nicht so einfach Urlaub nehmen.“

„Klar. Das ist ja bei meiner Schwester so ähnlich. In den USA. Da musste die ihren kompletten Jahresurlaub nehmen, nach der Geburt. Da gibt es keinen Mutterschutz, nichts. Danach musste die direkt wieder arbeiten. Zum Glück arbeitet der Freund abends in einem Restaurant – der ist nur der Freund, wegen dem Haus. Da sehen die sich auch nicht so oft…“

„Ist halt so.“

„Dann hast du auch Stress, wenn das Baby kommt…“

„Ja, aber das ist ok. Das ist anderer Stress als jetzt. Positiver Stress.“

„Meine macht in zwei Jahren schon Abitur…“

„Dann hast du das ja alles schon hinter dir…deine Tochter ist ja schon groß. Dann ist das ja einfacher, mit den Problemen als bei kleinen Kindern.“

„Das sagst du so. Das ist nie einfach…Kinder zu haben. Wenn die dann in die Pubertät kommen und aufhören mit dir zu reden…das ist auch nicht einfach. Nur weil sie schon groß ist, heißt das nicht, dass das einfacher wird, mit der Verantwortung. Aber meine Tochter war eigentlich kein schwieriges. Die hat nie so richtig Probleme gemacht.“

Bei ihr waren eher die Eltern schwierig.

„Da verändert sich was, glaub mir das, wenn du erst mal ein Kind hast, wenn du Vater bist…das ist nicht mehr das Gleiche. Vom Gefühl her allein schon. Dann hast du Verantwortung. Das ist ein anderes Gefühl…“

so was wie Liebe

Ja, ich weiß.

„…das ist nicht so, wie die das im Fernsehen sagen, der ganze Scheiß, dass die Väter nichts mit ihren Kindern zu tun haben wollen. Dass die noch nicht mal den Unterhalt zahlen, mit dem Führerschein weg und der ganze Scheiß, das stimmt voll nicht. Das ist voll der Schwachsinn. Vatersein ist wichtig. Denke ich zumindest. Familie ist wichtig. Besonders im Moment. Besonders heute, in der heutigen Gesellschaft. Aber vielleicht bin ich da auch zu sehr Italiener, klinge schon fast wie Don Corleone...“

„Ne, aber das stimmt schon. Da stimme ich voll mit dir überein.“

„Obwohl ich mit meinen Eltern keinen Kontakt mehr pflege, heute. Da ist zu viel passiert…“

„Bei mir genauso. Aber wie mein Vater gestorben ist, kurz davor, da haben wir uns wieder gut verstanden…“

„Ach so, ist dein Vater gestorben?“

„Ja, an Krebs.“

„Meiner auch fast. Der hat einen doppelten Bypass. Aber selbst im Krankenhaus hatten wir noch Ärger. Ich komm jeden Tag da hin, den besuchen und an einem Tag war meine Frau dabei und da hat die gelacht, noch nicht mal über ihn, und er hat direkt wieder Ärger gemacht. Da besucht man ihn jeden Tag und dann das… Ich bin ja mit 19 schon Zuhause raus. Weil ich immer Ärger hatte…“

„Ich mit 17. Ich bin mit meinem Stiefvater nicht klargekommen. Die haben sich getrennt und dann hatte meine Mutter diesen Neuen –“

„Ach so, waren die getrennt?“

„Ja, und mit meinem neuen Stiefvater bin ich nicht klargekommen. Da hatte ich keinen Bock drauf. Das ging nicht.“

„Bei mir und meinen Eltern auch nicht.“