Donnerstag, 11. August 2016

Dialoge aus dem Nichts






 
Miteinander reden, einander...





 
Er stellt sich vor sie und streicht ihr durch die Haare. Schließlich muss er ja auf „lieber“, „netter“, „guter“ Vater machen. Jetzt, wo die Konkurrenz so groß ist. Will er aber auch. Denn er liebt ja seine Tochter. Er hat sie ja lieb. Diese Woche war sogar noch besser als letzte. Er pendelt sich langsam ein, in der Trennung, im Trennungsrhythmus. Sie ist aber auch eine „gute“ Tochter. Tschuldigung: Eine gute Tochter, meinte ich natürlich!

Und? Wie geht’s dir?

Gut.

Und dir.

Beschissen.

Gut.

(Natürlich sagt er das alles nicht wirklich, was dachten sie denn?! Obwohl er ja eh nur eine fiktive Figur ist, eine literarische Schöpfung seines Meisters, der natürlich noch immer „glücklich verheiratet ist… Ohne seine Anwältin sagt „er“ nämlich gar nichts mehr! Und mit ihr auch nicht viel mehr!)



Wenn man 5 Minuten die Treppe hochläuft, verbraucht man 75 Kalorien!

Boah, morgen laufe ich 5 Minuten die Treppe hoch und runter! Auf der Arbeit!

Verzichte mal lieber auf das Eis und das Pita!

Oohhh, Mann, das brauche ich aber! Ich hab ja sonst nichts vom Leben. Vom Levve.

(Das hat sein Vater auch immer so gesagt. Das hat schon Tradition in seiner Familie, das Jammern, das Sich-Beschweren, das Kühmen, das Moppeln.)

Streuselschnecke. Streuseltaler.

Ich liebe Streuseltaler. Aber der vom Dings ist der Beste. Vom Kamps.

Boah, weißt du, was ich voll interessant fand: Im Marathon-Buch steht, dass man als
Marathonläufer seine Marathonschuhe alle 8 Wochen neu kaufen muss. Weil man die abläuft.

Alle wie viel Wochen?

Alle 8-16, glaub ich.

Weißt du, wie du dich schminken musst?! Du musst dir um die Augen einen schwarzen Rand machen. Wie die Emus.

Ich weiß wie…ne...

Du musst dir echt einen schwarzen Rand machen. Es gibt keine Latino-Emos!

Das ist doch Schneewittchen…

Der lädt den Cheat-Day nicht. Ich spiel jetzt weiter…ich bin echt süchtig.

Gut. Sucht ist gut. Die gibt einem Struktur.

Meine Arme tun weh!


So…Action!

Action.


Ich rieche das. Ich bin ja hochsensibel. Das ham wir ja mittlerweile festgestellt. Ich kann nach Frankreich und da diese Pflanzen züchten…dann wird ich reich…Lavendel! Das war’s. Wie in dem Film Das Parfüm.

Das war’s!

Hast du den gesehen?


Hast du den gesehen? Das Parfüm?

Noch nicht.

Guck den nicht, bevor du 25 bist…

…der ist voll berühmt…


Sagt Ihnen der Name Hakan Demirkan was?


Verschicken Sie abgeschlagene Hühnerköpfe mit Kreuzkümmel an Leute, die sie nicht leiden können…?

Was spielst du?

Cooking dash.

Es sei denn…

Es sei denn, wir suchen uns rechtzeitig was Neues…

Er furzt.

Boah.

Glaubst du, dass der jemanden umbringen könnte?

Bestimmt.

Das habe ich in den Kontoauszügen meines Mannes gefunden…

Wussten Sie, dass ihr Mann einen Privatdetektiv engagiert hat…?

Wir haben die Frau gefunden, die bei Ihnen im Sommerhaus war…



Boah, ich bin im Rausch.

wieso bekomme ich die nicht von Ihnen? Was machen Sie den ganzen Tag?


…während Sie ihre Zeit mit…verplempern…


Die Türken sind hart!

Meine Berichterstattung ist ausgewogen.


Frau Gül!


Haben wir uns verstanden?!



Boah, jetzt bin ich fertig! Jetzt kann ich was essen! Endlich! Ich schaff das nämlich nicht mehr. Morgen auf leeren Magen Laufen zu gehen und jetzt nichts zu essen. Keine Chance.


Boah, ich esse jetzt was, das garantiert keine Kohlenhydrate hat…


Tada! Ich esse jetzt Atom-Thunfisch. Garantiert vor Fukushima gefangen! Garantiert leuchtfähig im Dunkeln! Aber auch garantiert kohlenhydratefrei!


Boah, weißt du, wie man „Tada“ schreibt? Ich wusste das vorher auch nicht. T-a-d-a! Geil, ne?!

T-a-d-a, ich weiß.

Boah, du bist echt besser in Rechtschreibung. Das ist voll Scheiße.


So, und jetzt ist Ende!

Fin

The end.

This is the end…

…my only friend…



Er geht ins Bad…

Was isst du?

Thunfisch! Der hat garantiert keine Kohlenhydrate!

Hat er auch nicht.

Bohnen haben 6 %!




Der Ur-Dialog!









Basta



 


 
Das ist der Wendepunkt!






Langsam reicht es echt, denkt er, als er in I. gegenüber von Edeka aus dem Bus aussteigt und sich auf den kurzen Fußweg nach Hause macht. An der älteren Frau vorbeigeht, die mit ihm ausgestiegen ist. Erhobenen Hauptes. Mit breiter Brust. (Er ist heute Morgen gelaufen!). Fast schon athletisch. Wenn man seine fast 40 Jahre mit einrechnet, sogar definitiv athletisch.

Langsam ist es auch mal gut.

Langsam muss es auch mal gut sein.

Er kann ja nicht sein ganzes Leben einer Frau hinterherschmachten, die…

…keinen Gedanken mehr an ihn verschwendet…

…die ihn nicht mehr lieben kann…

(sonst wär sie ja schon lange zurück…wenn sie ihn lieben würde…)

…die noch nicht mal über ihre gemeinsame Tochter mit ihm kommunizieren kann…

…nur über die Anwälte…

(und die können doch nicht kommunizieren, Anwälte, das können die doch gar nicht…kommunizieren)

Er kann doch nicht immer noch Eifersucht empfinden, denkt er, als er an dem Abbruchhaus vorbeikommt, auf dessen Grundstück bald ein neues, modernes Wohnhaus entstehen wird. Er kann doch nicht immer noch auf fremde Männer eifersüchtig sein, obwohl sie schon lange nicht mehr zusammen sind.

Wie krank ist das denn?!


Irgendwann ist es auch mal gut…




Und dieser Punkt ist jetzt erreicht.

Der Wendepunkt. Das ist der Wendepunkt. Der Wendepunkt in seinem Leben.

Wenigstens das…

…wenn schon die Kollateralschäden der Scheidung noch lange nicht überwunden sind…

…und sein Leben immer noch mehr den Trümmern des abgerissenen Hauses ähnelt als dem modernen Neubau, der hier irgendwann einmal – wann, das weiß nur Gott – erbaut werden soll…


…aber sie hat er überwunden

…oder ist gerade dabei sie zu überwinden…


…endlich, möchte man hinzufügen.


Die Leute hatten also recht. Es bleibt nicht immer so hart wie am Anfang. Jetzt muss er nur noch seine Existenz retten…


Er öffnet das Holztor, das zu seiner Wohnung führt. Bestimmt ist María da. Bestimmt ist meine Tochter da. Es regnet leicht, da ist sie bestimmt nicht tanzen.

Er geht zum Briefkasten und…

…sieht die zwei amtlich grauen Briefe.

Die zwei amtlich grauen Briefe mit seinem Namen.

Scheiße. Schon wieder gefickt. Du kannst so viele Wendepunkte haben, wie du willst. Du wirst immer „schon wieder gefickt“.






Dienstag, 9. August 2016

Daumen hoch oder runter?















Der Koch von nebenan kommt Zigaretten holen. Wie der als Koch rauchen kann, ist mir schleierhaft. 

Als.Koch.raucht.man.doch.nicht. Oder?! Das ist doch den Geschmackszellen abträglich…und das dann wiederum dem Essen. Oder hat der so gute oder so viele Geschmackszellen, dass er das verkraften kann? Sind die bei ihm von Natur so gut ausgeprägt, dass er auf die paar verzichten kann, die durch das rauchen absterben…?

Er macht eine Handbewegung und guckt mich fragend an. Zuerst macht er den Daumen nach oben. Und dann nach unten.

Ich antworte ihm natürlich direkt mit dem Daumen nach unten. Instinktiv. Das ist bei mir so drinnen,liegt in meiner Natur. Aber dann mache ich den Daumen in die Mitte. Neutral. So lala.

Er guckt mich fragend an: „Aber warum? Du bist doch gesund…?“

Nicht, dass ich wüsste…

Ich meine: Das weiß ich ja nicht. Aber sagen tue ich es auch nicht. Und warum ich mich nur so lala fühle: Wie würdest du dich den fühlen, wenn dich deine Frau nach 19 Jahren Ehe verlässt, nur um nie wieder ein Wort mit dir zu reden (noch nicht mal über die „Erziehung“ eurer gemeinsamen Tochter – du weißt, dass das ein Vorwand ist…)?! Dir ihren Anwalt auf den Hals hetzt, der aussieht, als wär er in einem früheren Leben mal Preisboxer auf dem Jahrmarkt gewesen?! Du in einer Wohnung, in einer Stadt, in einem Land, in einem Universum, in einem Leben lebst, in dem du nicht leben willst…und du noch dazu in allen möglichen Arten ruiniert und gescheitert bist…?! 

Aber das erzähl ich dir doch nicht. Lieber beiße ich mir dir Zunge ab… Lieber mach ich aus meinem Herzen eine Mördergrube… 

Außerdem, so zwischen Tür und Angel soll ich dir das erzählen? So mal eben zwischen dem Zigarettenautomaten und was auch immer die Brasilianer so essen…?! Ist das dein Ernst?!

Ich würd dir ja vielleicht was erzählen…aber doch nicht hier, auf der Arbeit. Vielleicht hast du ja noch eine Woche frei, um dir alles anzuhören. Wenn eine Woche ausreicht…

Also fragt er nur: „Und dir, wie geht’s dir?“

„Mir geht’s gut“, sagt der Koch. „Wie immer…normal.“

„Ah…! Sage ich doch! Siehst du!“




 Mehr vom philosophischen Koch hier: Koch und Philosoph, Philosoph und Koch






Stimmen aus dem Jenseits?






 
Höre ich jetzt schon Stimmen oder was?!






Um ungefähr halb neun ruft er sie auf ihrem Handy an. Es klingelt ein paar Mal, dann sagt jemand „Hallo…“

„Hallo…?“ sagt er fragend.

Scheiße. Er guckt auf das Display, aber da steht María. Trotzdem legt er auf. Das klang verdammt komisch, dieses „Hallo“. So gar nicht nach María. Eher nach… 

Boah, bin ich jetzt komplett verrückt, oder was?! Das kann doch nicht sein. Einen Moment lang dachte er sogar, er hätte aus Versehen Nadines Nummer gewählt und sie wär dran gegangen… Das würde sie nie machen, das weißt du. Aber der Schreck steckt ihm immer noch in den Knochen…

Trotzdem wählt er noch mal Marías Nummer. Und diesmal ist es wirklich ihre Nummer! Diesmal geht er hundertprozentig sicher, dass es ihre Nummer ist.

„Hallo...“

„Hallo…“

Sie sagt: „Hörst du mich jetzt richtig?“. Oder irgend so was in der Art.

„Und? Alles klar?“ sagt er schnell, ohne auf ihre Frage zu antworten.

„Ja…ich hab das Essen rübergestellt…“

„Echt?! Danke…jetzt schon? Ist das nicht noch ein bisschen früh?! Ich komm erst um zwei nach Hause. Das sind noch fünf Stunden…“

„Ja was soll ich denn machen?! Das in den Kühlschrank stellen?“

„Ne, stimmt, du hast recht. Das wird ja nicht schlecht. Das ist ja kein Hackfleisch…“
 
Aber Käse. Ach, egal. Das wird schon.

„Wie, bist du nicht im Wohnzimmer? Guckst du kein Fernsehen?“

„Ne, ich gucke Videos.“

„Ok.“

In deinem Zimmer? In ihrem Zimmer? Toll

„Ok. Dann bis Morgen!“

„Tschö.“

Als er auflegt, hat er immer noch dieses komische Gefühl…

Beim ersten Mal, das Hallo, das klang verdammt nach…

Nadine. Gar nicht nach María. Werd ich jetzt bekloppt, oder was?! Paranoid? Oder war das Nadine, die dich verarschen wollte und sich deswegen Marías Telefon geschnappt hat, weil sie dich verwirren will.

Ja klar… Verwirrt bist du wirklich ein bisschen. Warum sollte Nadine bei dir Zuhause sein…und warum sollte María ihr ihr Handy geben (das sie wie ihren Augapfel hütet und niemandem freiwillig gibt, bestimmt noch nicht mal ihren Freundinnnen. Ja, klar…

Aber das hörte sich so verdammt an wie früher, wie Nadine, wenn sie ans Telefon gegangen ist…

Mann, bist du doof oder was. Sie ist weg, du bist getrennt, sogar geschieden, bald…

…und du denkst, die kommt  einfach so zu dir nach Hause, wenn du nicht da bist…und geht dann noch ans Telefon, um dich richtig zu verunsichern…

Echt…du solltest wieder zu dieser Psychologin gehen…

Nein, die war doof. Die hat deine Reaktion kritisiert. Du gehst nicht zu jemandem, der schon beim ersten Gespräch anfängt an dir

Ne, aber ehrlich. Warum sollte ich sonst aufgelegt haben. Das klang echt nach…Nadine. Nicht nach María.

Aber sie ist ihre Tochter, da könnten sie ja ähnlich klingen.

Aber doch nicht, wenn die eine nur „gebrochen“ Deutsch spricht und die andere Deutsche ist…?!


Vielleicht ist sie ja da, um ihre Fotos zu retten. Weil sie deinen Blog gelesen hat und jetzt denkt, du verbrennst die wirklich eins nach dem anderen, all ihre Fotos.

Ja, bestimmt!

Boah, echt ey, da wirst du echt bekloppt! Das hattest du schon mal, bei María. Da hat jemand im Hintergrund gelacht und du dachtest, das wäre Nadine. Dabei war es nur Marías Freundin Jacqueline…



…oder doch nicht…?



 
"Aber das hörte sich so verdammt an wie früher..."