Montag, 25. Juli 2016

Allein bei Aldi









Heute geht er Einkaufen. Zum ersten Mal seit seine Tochter weg ist. Im Urlaub in Griechenland. Allein mit ihrer Mutter. Ohne ihn. 

Aber was soll er auch machen? Wenn er schon kein Leben hat? Verhungern? Wohl kaum. Also geht er einkaufen. Wie er es sonst auch immer montags tut. Nur dann mit seiner Tochter. Das ist eines dieser alltäglichen Rituale, über die man nur nachdenkt, wenn etwas anders ist… 

Er schnappt sich eine Gefriertüte, nimmt sich sein Oma-Handwägelchen (das er noch aus seiner Ehe gerettet hat, watschelt zur Haltestelle, steigt in den Bus, steigt einen Stadtteil später wieder aus, nimmt sich einen Einkaufswagen und betritt den Aldi. Eigentlich wie immer. Eigentlich. Heute kann er alles noch seinem Gusto kaufen. Das ist doch auch was. Keine Kommentare: Chips?! Cola?! Frikadellen?! Leberkäse?! Keine komischen Blicke über die Schulter oder zur Seite, bei denen er sich so fühlt, als würde er etwas Verbotenes tun. Freiheit. Freiheit…Freiheit…ist die Einzige, die fehlt… Nein: María…Maríadie Einzige, die fehlt…

Und was kauft er? Mal sehen…



Position Nr.1: Hühner Gockelchen. Das hätte jetzt schon besagte schiefe Blicke hervorgerufen. Eigentlich ein Kindergericht. So was Ähnliches wie Chicken McNuggets, nur in süßer Gockelchen-Form. Wie das schon klingt, „Gockelchen“. Das lässt große Kinderherzen höher schlagen! Und die sind gut, echt nicht schlecht. Besser als so manche andere, fettige Scheiße.

Und dann, oh Wunder, noch mal Huhn: Diesmal sogar frische Hähnchen Schnitzel (ja, er kocht noch – muss er ja jetzt, wo seine Tochter weg ist, haha!).

2x Kidneybohnen – und das obwohl die aus italienischem Mafia-Atommüll-Gebiet stammen könnten (die haben nämlich noch immer keine Herkunftsangabe – eine Frechheit, oder um seinen Vater zu zitieren: „Was für eine Unverfrorenheit!“). Aber sofern die nicht aus Süditalien kommen, könnten die ja sogar halbwegs gesund sein – von wegen Ballaststoffen!

Eiskrem gestrudelt – Boah, mein Lieblingsposten am Montag. Aber eigentlich ist das nicht ganz korrekt. Beziehungsweise nicht ganz vollständig (und wir sind ja Deutsche, da wollen wir ja korrekt und vollständig sein!). Denn eigentlich sollte da stehen: „Tiramisu Eiskrem, gestrudelt“. Oder „Eiskrem, Tiramisu, gestrudelt.“ Für die geschundene Seele (Frau weg, Tochter temporär weg, da muss das drin sein, zumindest einmal die Woche!). Strudeln hilft geschundenen Seelen. Die Hälfte heute und die andere (ohne obere Schicht) morgen. Zum Frühstück. Eiskrem, gestrudelt, Tiramisu, zum Frühstück, sozusagen. Der neue Film mit Til Schweiger und Elyas M’Barek. Das füllt wenigstens den Magen. Eiskrem ist der Sex getrennter Männer! Von ihren Kindern zwangsgetrennter Väter! Boah, wie er sich auf die freut, als sie im Wagen landet. Direkt auf den Hähnchenschnitzel, damit sie dir nicht schon auf dem Weg wegschmilzt.

Und dann, vielleicht auch um den Eiskrem-Effekt ein bisschen aufzuwiegen, auszugleichen, Bio-Möhren. Die du direkt nach der Eiskrem im Kühlschrank verstaust und dann mindestens fünf Tage mit dem Arsch nicht anguckst. Bis sie leicht unansehnlich werden und dein schlechtes Gewissen parallel dazu immer schlimmer wird. Dann wartest du noch drei Tage und fängst an, sie Möhre für Möhre zu essen. Eine Möhre am Abend und eine am Morgen. Wie das Eis eigentlich…

Dann kommt wieder was Interessantes. Was leicht Ungesundes. Aber immerhin nicht industriell verarbeitetes, sondern frisches. Fleisch! Hackfleisch! Was hat er eben zum Sex gesagt… Er kauft Fleisch! Frisches Fleisch! Gemischt! Schwein und Rind gemischt! Heiß…

Fettarme Milch 1,5 %: Ja, womit soll ich denn die Knusperflakes essen?!

Dazu Rösti-Ecken. In der Pfanne zum Frühstück, Mittagessen und manchmal auch Abendessen gebraten. Fettig und mit vielen ungesunden, aber leckeren Röstaromen. Wenigstens sind das natürliche Aromen. Und keine künstlichen! Die sind echt eine Entdeckung, die Rösti-Ecken bei Aldi (jetzt könnten die meinen Blog aber langsam echt sponsern, oder nicht?!) Die mit Spiegeleiern oder mit Knusper Gockelchen, fucking hell! Da geht die Lotti aber ab!

So, jetzt beruhigen wir uns wieder und kaufen erst mal Sößchen. Fix für Geschnetzeltes. Zum Hackfleisch oder zum Hähnchen Schnitzel. Denn Soßen selber machen ist schon eine Wissenschaft für sich. Für mich zumindest. Er hatte sich ja mal ein Buch ausgeliehen, zum Thema „Saucen“. Hat aber nicht viel gebracht. Scheiterte schon an der selbstgemachten Brühe. Er ist schließlich ein Mann! Zwar sind auch die meisten Sterneköche Männer, aber er ist eben ein Mann-Mann

2x Cola. Zwar „light“, aber Scheiße, die haben künstliche Aromen. Die man(n) daran erkennt, dass da nur Aroma steht und nicht etwa „natürliches Aroma“! Verarschung, ne! Findet er auch und deswegen kauft er gleich zwei! Er muss sich ja darüber hinwegtrösten, dass…und dass…und dass…ach, Sie wissen schon was…

Dann Knoblauch. Geil, ne?! Falls Dracula kommt, ihn vergewaltigen. Oder nur ihm Blut absaugen (wenn der Untote hetero ist oder keinen Bock auf fetten, deutschen, Knusper-Gockelchen-Arsch hat). Der ist gesund und er ist ja getrennt; da muss er nicht mehr so viel küssen wie früher. Da kann er schon mal aus dem Mund nach Knoblauch stinken. Am Wochenende auch gerne schon morgens. Das gleicht auch den Herzinfarkt (Cola, Kaffee, Gockelchen, Hackfleisch, Knusperflakes) aus, weil das die Arterien durchputzt. Zumindest ein bisschen…

Die stückseife muss natürlich auch sein. Für stolze 29 Cent! Er muss sich ja schließlich waschen, nachdem Dracula da war (ob er nun durch das Hintertürchen kam oder nicht?!).

Oh, wie süß! Babykartoffeln! Ja, die werden gedünstet! Damit sie alle Vitamine behalten! Ja!

Die Ravioli sind für Samstag-Nacht. Nach der Arbeit. Wat soll ich da auch machen!? Hackfleisch mit fixer Soße. Wohl kaum! Außerdem sind die Pferde, die da drin sind auch nahrhafter als das ganze andere Schweinefleisch auf deinem Kassenbon. So lang sie dir nicht entgegenwiehern…

Das ist doch jetzt echt mal die perfekte Überleitung zum nächsten Posten: Butterstuten. Sie sehen, ich mag Pferde. Am liebsten Samstag-Abend nach der Arbeit auf fettigem, leicht süßem Brot.

Die Erbsen sehr fein (2x) hatten wir schon bei den Kidneybohnen (Hauptsache nicht Italien – obwohl, ich liebe Italien, echt jetzt, mir reicht schon die Verfolgung durch die Südamerika-Mafia in der Familie meiner Frau…Ex-Frau).

Mandeln wiederum sind gut fürs Herz! (Und das, obwohl sie fettig wie Sau sind!) Sie sehen, er ist essenstechnisch gespalten, bewegt sich was seine Ernährung immer zwischen Selbstzerstörung und Selbsterhaltung. Freud hätte, seine wahre Freude an ihm! Aber sind wir das nicht alle?! Wenn wir ehrlich sind?! Nur einen Moment ehrlich?! Zu uns selbst?! Gefangen in einem Teufelskreis zwischen Selbstzerstörung und Selbsterhaltung, Liebe und Thanatos, Sex- und Todestrieb?! Hey, das ist Philosophische Ernährungspsychologie! Ich sollte einen Lehrstuhl bekommen! An der Uni Bonn, haha!

Dann kommen Billig-Nudeln (Tschuldigung, Aldi!) und die gesunden Sachen (Broccoli, Bananen): Ersterer muss natürlich wie die Bio-Möhren erst mal im Kühlschrank vorrotten, aber die Bananen, die sind schon was Tägliches (Kalium fürs Herz, Süßes für die verwundete Seele). Jeden Tag eine in den Arsch…nein…Spaß!

Zwiebelspezialitäten sind echt zu seiner post-traumatischen Trennungsspezialität geworden. Die tut er echt in alles rein – er muss ja nicht mehr immer so gut riechen wie früher. Sind auch gesund! Besonders gebraten mit Spiegeleiern, Knusper Gockelchen (ich liebe diesen Namen) und Rösti-Ecken (Selbstzerstörung!). In Kurkuma (Selbsterhaltung!).

Und last but not least die guten, alten Freiland-Eier. (Bio ist leider jetzt nach der Trennung/vor der Scheidung ein bisschen teuer und Käfighaltung ein bisschen billig!) Die sich – wie gesagt – mit vielem kombinieren lassen, in der morgendlichen Pfanne…






Terror-Brennpunkt, Selbstfindung und saubere Wäsche










Ich liege nur in Unterhose im Bett. Das reicht heute locker. Und trotzdem schwitze ich. Wie ein Schwein, die ganze Stirn ist nass. Das Handtuch für den Schweiß liegt neben mir, neben dem Laptop, auf dem ich tipppe. Es ist so heiß, unglaublich. Ich gucke Fernsehen. Es läuft ein weiterer Brennpunkt. Es geht um Ansbach, Reutlingen, München. Würzburg. So viele Taten dieses Wochenende. In meiner größenwahnsinnigen, allmächtigen, narzisstischen Denke entspricht das Chaos in meiner Umwelt dem Chaos in mir. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt… Und trotzdem…

...nirgendwo mehr wirklich sicher ist…, sagt der Moderator.

Das ist man nie. Das habe ich immer schon so gesagt. Das Leben ist am Ende immer tödlich. Nur der Tod ist umsonst, hat dein Vater immer gesagt, früher. Und dann mit einem Lächeln (war es ein bitteres oder ein resigniertes und macht das überhaupt einen Unterschied?) hinzugefügt: …und der kostet das Leben…

Andere Erfahrungen. Verluste,

dass die Menschen einen Weg finden, ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten, sagt eine Expertin, eine Therapeutin. Selbst ein Mensch, der ein KZ überlebt hat, kann ein glücklicher, ein zufriedener Mensch werden…

Du suchst auch noch nach einem Sinn. Herrn, Badens Frage schwirrt dir immer noch durch den Kopf: Wofür lebst du? So direkt, ohne Vorwarnung. Und so schwer zu beantworten. Ja, wofür denn…?

Für meine Tochter habe ich gesagt, damals. Das stimmt auch.

„Ok…“, hat er gesagt,“…die ist aber in zwei Jahren weg…“

„Ich weiß…“, hast du geantwortet. Ich weiß.

Aber dadurch ist sie ja im Moment nicht weniger meine Tochter. Ich leb ja auch nicht komplett für meine Tochter. Das tut ja kein Vater. Keine Mutter. Man hat ja auch seine eigenen Sachen.

„Die da wären?“

„Die Literatur, das Schreiben, die Musik…“

Vagisan spricht offen über Scheidentrockenheit.

Knausgaard im Moment. Alle Bücher von ihm, obwohl es die noch gar nicht in der deutschen Übersetzung gibt.

Melendi in der Musik. Der ist so geil, diese spanischen Flamenco-Gitarren, so geil. Da bin ich fast glücklich, da will ich fast die Flasche Wein aufmachen, die schon mehr als ein halbes Jahr auf meinem Schreibtisch steht und die ein Geschenk meiner Chefin war. Und sie mit mir selbst trinken. Zur Feier des Tages. Und dann rausgehen und irgendjemand bumsen, irgendjemand schlagen, irgendjemand die Ohren vollheulen.


Nein, diese Welt ist nicht sicher. Das war sie noch nie


Aber heute ist mir das irgendwie egal. Heute muss ich nicht daran denken, dass ich sterben werde, dass ich getrennt bin, dass ich (fast) alles verloren habe (und indem ich nicht daran denke, tue ich es ja doch!). Heute habe ich Wein und Eis, denn ich war gerade bei Aldi einkaufen. Ohne meine Tochter. Sonst gehe ich immer mit ihr. Aber sie ist ja mit ihrer Mutter im Urlaub. Tiramisu-Eis und irgendeinen Wein. Auf dem die Marionette ist, die Maus-Marionette, die María gemacht hat, als sie wie alt war? Drei, vier oder doch ein bisschen älter. Die ich aufgehoben habe. Die ich vor dem Untergang gerettet habe. Die mir etwas bedeutet. Obwohl sie nur noch ein Auge hat.

Bei Aldi, während ich einkaufen war, habe ich gedacht: Ich muss erst mal bei mir selbst anfangen. Ich muss mich selbst lieben lernen. So wie ich bin. Inklusive übermäßiger Schweiß, Löcher in den Hosen, Übergewicht, beginnender grauer Haare im Bart. Aber auch unglaublich zäh, voller Gefühle und kann halbwegs gut mit Geld umgehen. Ich muss erst mal an mich selbst denken. Mich verwöhnen. Auf mich achtgeben. Nicht immer an die anderen denken. Und an das, was sie denken. Muss mit mir selbst ins Reine kommen. Muss mich mit mir selbst anfreunden. Mich lieben lernen. Mich so akzeptieren, wie ich bin. Aber damit ist es genau wie mit der Frage, wofür man lebt. Das ist so unglaublich schwerer, viel schwerer, als es sich auf den ersten Blick anhört. Wenn man nie Bestätigung von anderen erfahren hat… Aber das ist wie Melendi das sagt, in einem seiner Lieder: Mi primer amor fui yo. Meine erste Liebe war ich selbst. Das stimmt schon.

leichter gesagt als getan


Später, um kurz nach acht ist die Maschine fertig und ich hänge die Wäsche draußen auf. Im Fernsehen läuft ein weiterer Brennpunkt. Ich stelle den Fernseher ein bisschen lauter, damit ich auch draußen hören kann, was die sagen. Aber irgendwie interessiert mich das nicht mehr so richtig. Die sagen auch alle nichts Neues. Eiern rum. War es jetzt Amok oder Terror, reden davon, dass der Typ depressiv war… Und dass er trotzdem unauffällig war. Normal, ne, was soll er denn machen, fröhlich rumspringen und jedem erzählen, dass er keinen Bock mehr hat, dass er zu viel gesehen hat, dass er (nicht) sterben will. Das bindet man doch keinem auf die Nase. Besonders nicht in diesem Kulturkreis. Aber eins kommt mir komisch vor. Diese Expertin, diese Therapeutin, die sich um die Flüchtlinge, in dem seinem Heim gekümmert hat, hat nichts gemerkt, obwohl aktenkundig war, dass der Typ zweimal versucht hat, sich umzubringen…?! Das ist schon komisch, irgendwie… Aber Deutschland bleibt auch nach dem Terror das gleiche, langweilige Land, in dem alle so tun, als ob sie Spaß hätten, als ob sie frei wären, obwohl sie das natürlich nicht sind. Und Spaß haben die auch nicht übermäßig. Oder?!

Außerdem muss ich ja meine Klamotten. Die von María und mir. Die, die noch übrig geblieben waren, von vor ihrem Urlaub. Die ich aus Frackigkeit nicht gewaschen habe. Und sie wahrscheinlich auch nicht gebraucht hat. Sonst hätte sie sie ja gesucht und mitgenommen. Mir die Hölle heiß gemacht, dass ich sie noch wasche, unbedingt noch waschen muss, bevor sie fliegt. Das macht mich irgendwie glücklich. Die Wäsche aufzuhängen. So komisch das klingt. Das macht mich zufrieden. Dass ich jetzt alles gewaschen habe. Alles, bis auf zwei Tisch-Sets, bei denen ich Angst habe, dass sie abfärben. Okay, all diese Söckchen, diese kleinen Teile nicht, die sind voll nervig, weil man die alle einzeln aufhängen muss, aber die anderen Teile, die dicken Pullover von María (jetzt weiß ich auch, warum sie die nicht mitnehmen wollte, nach Griechenland), die befriedigen einen schon. Weil das dann schneller geht, der Korb leerer wird.

Plötzlich denke ich daran, wie ich das früher immer gemacht habe, die Wäsche aufhängen, auf unserem Balkon. Wo das noch mehr Wäsche war, weil ihre dabei war, ihre Putzlappen, die machten auch Spaß, weil die schnell gingen und einfach aufzuhängen waren (man musste nicht ellenlang Ärmel irgendwo rauskramen), ihre Oberteile, ihre Hosen und ihre Unterwäsche (wichs, wichs). Sie lag dann immer im Bett, im Schlafzimmer, das man vom Balkon sehen konnte. Ich sah sie, wie sie im Bett lag und hängte draußen ihre, meine und die Wäsche von María auf. Was mich glücklich machte, zufrieden, was sogar Spaß machte (hey, die Deutschen haben ja doch Spaß, können ja doch Spaß haben!).

leichter gesagt als getan






Sonntag, 24. Juli 2016

Sommer-Musiktipp Melendi









Immer wenn dieses Lied kommt, kriegt er fast eine Gänsehaut. Das ist so wahr, was der da singt, so wahrhaftig, das ist nicht mehr normal. Melendi in Topform! Und das Video ist sogar noch besser. Kein Wunder, dass das rund 40 Millionen Klicks bei YouTube hat. Klingt zwar auf dem ersten Blick nicht nach viel (verglichen mit Taylor Swift), aber für ein spanisches ist es das schon. Ein Lied aus Spanien. Okay, die Latino-Knaller haben noch viel mehr Klicks, aber die sind auch verlogener, unechter unehrlicher… (soviel zum Thema Propaganda!).

Melendi hingegen ist wenigstens ehrlich, haha, wie er da sitzt, an seinem Flügel, in diesem karg eingerichteten Raum, der aussieht, als würde er sich in einem Abbruchhaus befinden, und die Nachbarn belauscht, wie sie streiten. Eine Frau und zwei Typen. Die sind aber auch kaum zu überhören, so laut wie die sind. Die Frau streitet mit diesem Typen, den sie für den Neuen, der auch dabei ist, verlassen will, wird, hat. Einer dieser urwüchsigen Spanier mit Vollbart, die er so unglaublich attraktiv findet, obwohl er definitiv (leider) hetero ist. Spanier mit Bart, das ist schon etwas Besonderes. Besonders, wenn der Bart einen leichten Rotstich hat, so wie bei Xabi Alonso oder Sergio Ramos (der seinen, Bart meine ich natürlich, mit Champagner pflegt). In diesem ist der Bart zwar „nur“ schwarz, aber der Träger hat – anders als der Erzähler dieses Posts – noch kein einziges, graues Haar. Und das obwohl die Alte den echt stresst. Warte mal ab, wenn du erst mal ein paar Monate getrennt bist, kriegst du schon die ersten! Keine Angst! Die fangen dann am Kinn an…da beginnt es immer, das Unheil…

Aber wir kommen vom Thema ab: Die streiten und Melendi,  der übrigens auch eine recht attraktiven, spanischen Bart hat, hört heimlich zu, was die so sagen (er hat ja sonst nichts Besseres zu tun!).

Dieser Typ ist voll sauer (kann man ja auch verstehen, schließlich ist er ja der Verlassene, der Gefickte, das Opfer…) und spuckt der Alten seine Worte förmlich ins Gesicht. So voller Wut. So voller männlicher Urwut. Schreit immer wieder ¡vete!, ¡vete!, was auf Deutsch soviel heißt wie: Geh doch endlich, Mann! Oder ein bisschen böser ausgedrückt: Verpiss dich doch endlich! (was mir in Anbetracht der Umstände durchaus angemessen erscheint).

Aber du musst wissen, du verlässt mich nicht für den, sondern mit seinem Geld…

Anders als ihr Ex sieht sie eher mitteleuropäisch aus. Fast schon rothaarig. Auch nicht schlecht, bei einer Spanierin. Aber gefährlich. Fragen Sie mal Xabi Alonso!

Was weißt du schon?! Wenigstens hat der eine Zukunft! Nicht wie du!

Du wirst meine Entscheidung nicht mehr ändern! antwortet sie nur.

Wenn du mich einmal gebrochen hast, dann…

In seiner Erinnerung macht sie eine Handbewegung, so als würde sie einen Zweig zerbrechen.

Das ist wie mit meinen Putzstellen…meinen señoras…wenn ich nicht mehr will, keine Lust mehr habe…

Der Typ mit Bart versucht noch immer (was für ein imbécil, was für ein Idiot!) sie umzustimmen (genau wie er damals), sagt: Du wirst dich noch an mich erinnern…

…als der Neue, der überhaupt nicht sympathisch rüberkommt, mit seinem schon ergrauten Kinnbart und seinem leicht schmierigen Aussehen überhaupt nicht ironisch einwirft: …an dich an und deine Butterbrote mit Salami (chorizo auf Spanisch, und nur am Rande: Auf die hätte ich jetzt auch Hunger, ich weiß schon, was ich mir am Montag von gut & günstig bei Edeka holen werde!).

Geh doch mit seinem Scheiß-Geld! Geh doch! ¡Vete con su puto dinero! ¡Con su puto dinero de mierda! Mit seinem Scheiß-Geld.

(Und genau deswegen ist Melendi ehrlicher als viele andere, denkt er, als er das Video mental Revue passieren lässt, weil er keine Angst hat, Worte wie mierda oder puto zu benutzen, in eigentlich romantischen Liedern, anders als viele andere Sänger…)

Mit seinem Scheiß-verfickten Geld!

Aber die Alte ist eiskalt und bleibt knallhart. Bleibt eiskalt und ist knallhart, denn sie geht mit dem Neuen. Mit diesem (zugegebenermaßen reichen) Schmierer, der ebenfalls nicht aussieht wie ein typischer Spanier. Ohne zurückzugucken. Und dem Bärtigen bleibt in seiner Verzweiflung nichts anderes übrig, als seine Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und sich in sein Schicksal zu fügen.

Und das ist wohlgemerkt erst das Intro! Melendi hat also noch keine Zeile gesungen und schon alle jemals unglücklich Verliebten auf seiner Seite…

Und genau in diesem Moment setzt das Klavier-Solo ein (oh, wie ich Klavier-Solos doch liebe!). Und Melendi Educamente te daré un consejo…Wohlerzogen wie ich bin, will ich dir nur einen Ratschlag geben… (wenn er jetzt seine Erziehung vergessen würde, würdest du ihm das – weiß Gott (und der Teufel!) – auch nachsehen können…)

Der ist so am Arsch, der Typ, wie er da sitzt, auf diesem alten Sofa, raucht und ein Bier nach dem anderen trinkt (bei dir war es Wodka!). Du kommst gar nicht drumherum, mit ihm Mitleid zu empfinden. Aber was soll er auch groß tun. Sie Stalker in ihrem neuen Zuhause, einer riesigen Villa im spanischen Stil, komplett mit Pool, Palmen, Riesengarten und Strandliegen (und diesen stacheligen Pflanzen, ich glaube, die kommen ursprünglich aus Ecuador). Also kehrt er wieder zurück in sein altes Leben, seine Job als KFZ-Mechaniker (ölverschmiert und im Unterhemd sieht er natürlich noch unverschämt (so würde seine Freundin das zumindest ausdrücken) geiler aus als vorher. Wie konnte sie den nur verlassen? Nur, weil er kein Geld hat, keine Zukunft…?!

Frauen…

…verlassen Männer eben häufiger als andersherum, das ist statistisch bewiesen…

(Ihr dachtet doch nicht, ich sage nur „Frauen…“?! Oder?!)

Und während er auf dem alten Sofa mit Überzug neben seinem Aschenbecher einschläft, Fotos aussortiert und traurig auf den Müll wirft (wenigstens verbrennt er sie nicht wie du!), lebt sie das High Life, springt im Vintage-Bikini in den Pool, hostet Cocktail-Partys in der Villa ihres Neuen und zeigt den Gästen ihren wertvollen neuen Ring zur Verlobung (oder Trauung?).

Aber es wird noch besser: Denn als der „Neue“ (diese niederste aller Tierarten) gerade auf der Party schon einer „Neuen“ sein Obergeschoss zeigt, singt Melendi in seiner unnachahmlichen Stimme (die viel kraftvoller ist als die von dem lateinamerikanischen Sänger Ricardo Arjona – seid ihr eigentlich alle taub! –, den er angeblich kopieren soll): Wenn ich so drüber nachdenke…

dann ist es vielleicht auch besser so…

was wäre schon unsere Zukunft gewesen?!

…ich hab keinen Cent und du bevorzugst Leute mit fettem Bankkonto…

…du isst nur Grünzeug…

…und ich nur rotes Fleisch…

…ich lebe in einer Fantasiewelt…

und du in einem Film von Pedro Almodóvar…

Und der Typ sieht sie mit ihrem Neuen sogar noch im Fernsehen, wie sie mit ihm über den roten Teppich schreitet, in seiner alten Stammbar sitzend, ihrer alten Stammbar, und fängt daraufhin noch Streit mit einem anderen Typen an, der ihm den Blick auf den Fernseher versperrt.

Aber das böse Ende kommt: Denn der Neue hat schon wieder eine „Neue“ und als die neue „Alte“ merkt, was sie verloren hat, ist es schon zu spät. Reumütig kehrt sie zwar in die Bar zurück, wo ihr „Alter“ sich soeben noch geprügelt hat, aber es ist zu spät

Er ist weg







Also, das war mein definitives Sommerlied, Melendi - Cheque al portamor: https://www.youtube.com/watch?v=qdySinddDHw