Donnerstag, 25. Februar 2016

Ich bin der, der...



Ich bin der, der…

…von seiner Frau verlassen wurde…

…der keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern hat…

…dessen Großeltern tot sind…

…der seine Tochter nur vier Tage die Woche sieht…

Ich bin der, der depressiv ist…

…oder aggressiv?

…oder beides…

…der, der ein Loch in der Seele hat…

…der, der immer böse guckt…

…oder komisch…

…irgendwie komisch…

…der, der Probleme hat…

…der, der Hilfe braucht…

…der zu schwach ist…

…zu stark…

…der, der abends allein in seinem Bett liegt und sich einen runterholt…

…der, der kein Geld hat…

…der keinen guten Job hat…

…der immer der Verlierer ist…

…der, der keinen Spaß hat…

(in der deutschen Spaßgesellschaft, haha)

…der, der keinen Spaß haben will…

…der, der sein Leben versaut hat…

…sich sein Leben verbaut hat…

…ich bin der, der sein ganzes Leben gekämpft…

…der von niemandem geliebt wurde…

…wird…

…werden wird.

Ich bin der, dessen Lieblingsfilm Fight Club ist...

Der, der keinen Bock mehr hat…

…aber trotzdem weitermacht…

…der, der sich seine Kräfte nicht richtig einteilen kann

(das konntest du noch nie)

…der, der zu gutmütig ist…

…zu „nett“…

…zu böse…

…zu zu…

…zu viel redet…

…zu viel nicht sagt…

…zu wenig schweigt…

…zu ernst ist…

…zu wütend…

(du mich auch!)

…zu alt…

…zu dick…

…zu dummm…

Ich bin der, der leidet…

…schon viel zu lange…

Der, der rassistisch ist…

…sadistisch…

…masochistisch…

…egoistisch…

…der, der ignoriert wird…

…nicht gegrüßt wird…

…nicht gefragt wird, wie es ihm geht…

…wie es ihm wirklich geht…

Ich bin der, der weggeworfen…

…fallen gelassen wurde…

…wie ein altes Kleid…

…das keiner mehr braucht…

Ich

bin

der

bin

ich

Ich

bin

der

…der noch da ist…

…der noch nicht tot ist…

(leider)

…der sagt „Leckt mich am Arsch!“

Leckt mich doch alle.

…der, der eine Waffe trägt…

…und auf dem Weg zu dir ist…

…zu dir nach Hause…

Ich weiß nicht, wie ich hier hingekommen bin.

Aber ich bin noch hier…

…und das ist das Problem…

…meins…

…und…

…deins.

Montag, 22. Februar 2016

Happy Birthday



07.02.16



 

...und dann sagt sie es. Sie tut es tatsächlich.

„Ist schon klar, warum dich deine Frau verlassen hat.“

Vor María. Vor ihrem Enkelkind. Aber Familie zählt ja in Deutschland nicht.

Er sagt geschockt irgendwas, irgendeinen Scheiß, irgendwas wie „Du hörst jetzt besser auf zu reden.“

Aber sie hört nicht auf. Das wär ja noch schöner.

„Ich kann schon verstehen, warum dich deine Frau verlassen hat.“

Mit einem Lächeln. Mit ihrer Schlabberfresse. Wenn ich jetzt eine Waffe hätte…

Vor María.

Er hatte wirklich gedacht, dass sich etwas geändert hätte. Boah, bin ich blöd.

¡Imbécil!

¡Imbécil!

Du hast es wirklich nicht anders verdient.

Er hatte echt gedacht, etwas ändert sich. Aber der Frau ist alles egal.

Das ist genau das, was er gedacht hatte: „You can’t teach an old dog new tricks“, sagt er auf Englisch. Extra. Das kann sie nämlich nicht. Und weil ihm das deutsche Sprichwort nicht einfällt. Das ist genau das, was er gedacht hatte.

„So viel ist deine Entschuldigung also wert…“

Einen Dreck. Einen abgefickten Dreck. Mehr nicht. Nichts. Luft. Scheiße. Ach, leck mich doch!

„Ok, dann siehst du mich eben die nächsten zehn Jahre nicht“, sage ich, während ich mich vom Sofa erhebe.

Hoffentlich brennt diese ganze Scheiße nieder, diese ganzen Möbel, die mehr wert sind als ein Sohn. Dieser ganze tote Scheiß ist mehr wert als du. Deutschland eben. Klar, dass sich Nadine von mir getrennt hat…

„Pöh“, sagt sie ungerührt, macht diese abfällige Handbewegung über die Schulter. Boah, wie ich das hasse, denkt er. Wie ich sie hasse. Diese Leute, die immer cool bleiben, die immer ruhig bleiben. Was muss eigentlich passieren, damit sich bei der noch was rührt.

Dann fällt es ihm ein.

Klar!

Der Tod!

Aber danach rührt sich dann wirklich für immer nichts mehr!

„Dann pisse ich auf dein Grab!“

Soll er noch sagen „Dann kacke ich auf dein Grab“? Ne, das ist dann doch zu viel des Guten.

Sie macht eine abfällige Handbewegung, so wie immer, so als wär ihr das sowas von scheißegal. Ist es wahrscheinlich auch – dann.

Das bringt ihn so auf die Palme, diese Gleichgültigkeit, diese Abgebrühtheit, diese Kaltschnäuzigkeit. Also legt er nach (keine gute Idee, aber leider unvermeidbar): „Dann pisse ich in die Urne. Mir doch egal.“

„Kein Wunder, dass deine Frau dich verlassen hat.“

„Mir ist das auch scheißegal. Ich bin nicht mehr der verzweifelte Ehemann von vor ein paar Monaten, den du rumschubsen kannst. Dass dir das klar ist!“

Er steht auf. Dann geh ich eben. Ich muss mir diesen Scheiß nicht antun, an meinem Geburtstag. Ich muss mir diesen Scheiß nicht geben, an meinem Geburtstag. Von meinen Eltern. Eltern? Was sind schon Eltern?! Ein Dreck. In Deutschland ist alles einen Dreck wert.

„Klar, dass wir überrannt werden, von den Arabern. Wenn wir keine Werte mehr haben…“

Wenn die Familie nichts zählt. Was für eine abgefickte Generation, diese 68er. Was für eine tote, unnütze Generation. Ich hasse sie.

Er steht auf und geht zur Tür. María folgt ihm. Ich muss mir das nicht gefallen lassen. An meinem Geburtstag mir so einen Scheiß sagen zu lassen.

Mittlerweile hat er sich seine Schuhe wieder angezogen und ist in der Küche. Er kocht vor Wut.

Mittwoch, 17. Februar 2016

Der Bachelor II



17.02.16





„Bitte nicht die Klette.“

„Die Klette ist geil.“

„Der Leonard.“

„Die Klette hat den ans Bett gefesselt…“

„Ich glaube, dass Leonard nicht so ein softer Küsser ist…“

„Was Leonard vorhat weiß man ja eigentlich nie.“

„Ich hasse die…die mit den Glupschaugen.“

…ach du Scheiße, im Ernst?!“

„…mit der Leonie und dem Leonard…“

„Zwei übernachten bei dem…“

„Schafft der doch gar nicht.“

„Geil, ich will auch Jetski fahren.“

„Aber ich hätte Angst draußen.“

„Geil.“

Dienstag, 16. Februar 2016

Death's Dream Kingdom


16.02.2016



Ich träume davon, dass sie noch da ist, dass wir noch zusammen wohnen, dass sie aber schon nicht mehr mit mir redet – so, wie das damals tatsächlich auch war. Im Traum gehe ich morgens zu ihr und frage sie wütend, wann sie sich endlich ihre eigene Wohnung sucht, das ist doch so kein Zustand, wann sie endlich geht – vor María – vor dem Frühstück; sie isst Brot und ich frage sie, schreie sie fast wieder an. Und sie reagiert wie immer: Sie schweigt eisern und eisig. Guckt mich an wie ein scheues wütendes angeschossenes Tier im Wald, das im Scheinwerferlicht erstarrt ist, wie angewurzelt dasteht, einen Moment lang. So wie sie es so oft getan hat. Damals…damals…als wir wenigstens noch zusammen wohnten. Lebten zwar vielleicht schon lange nicht mehr, aber noch wohnten…

„Warum gehst du nicht endlich?“ frage ich wütend, wohl wissend, dass das eh alles schon lange sinnlos ist.

Obwohl ich nicht will, dass sie auszieht. Weil ich sie immer noch liebe.

Die Wohnung sieht ein bisschen so aus wie die meiner Eltern. Viel mehr so wie die meiner Eltern als meine eigene. Unsere eigene von damals. Die es nicht mehr gibt. In der jetzt ein anderes, junges Pärchen wohnt. Komplett mit neuen Träumen und Hoffnungen. Eine andere kleine Familie auf dem Weg ins Nichts, in die komplette Desillusion, die irgendwann einsetzen wird

Wieso kann ich nicht loslassen? Ich will loslassen können wie andere das tun…

Einfach keinen Kontakt mehr und gut. So als hätte der andere nie existiert, so als hätten all die Jahre nie existiert, so als wär alles nur ein böser Traum gewesen…

Jeden Tag träume ich von ihr; ich kann sowieso nicht mehr richtig schlafen, deswegen ist es eh egal, alles ist irgendwie egal. Ich lebe in einer Halbwelt, halb hier, halb weg, halb bewusst, halb unbewusst, die mich an ein T.S.-Eliot-Gedicht erinnert. Ich weiß nicht welches. Doch, ich weiß es. Unbewusst schon.

Those who have crossed
With direct eyes, to death's other Kingdom
Remember us—if at all—not as lost
Violent souls, but only
As the hollow men
The stuffed men.

II
Eyes I dare not meet in dreams
In death's dream kingdom
These do not appear:
There, the eyes are
Sunlight on a broken column
There, is a tree swinging
And voices are
In the wind's singing
More distant and more solemn
Than a fading star.

Let me be no nearer
In death's dream kingdom
Let me also wear
Such deliberate disguises
Rat's coat, crowskin, crossed staves
In a field
Behaving as the wind behaves
No nearer—

Not that final meeting
In the twilight kingdom

III
This is the dead land
This is cactus land
Here the stone images
Are raised, here they receive
The supplication of a dead man's hand
Under the twinkle of a fading star.

Is it like this
In death's other kingdom
Waking alone
At the hour when we are
Trembling with tenderness
Lips that would kiss
Form prayers to broken stone.
The eyes are not here
There are no eyes here
In this valley of dying stars
In this hollow valley
This broken jaw of our lost kingdoms
In this last of meeting places
We grope together
And avoid speech
Gathered on this beach of the tumid river

Sightless, unless
The eyes reappear
As the perpetual star
Multifoliate rose
Of death's twilight kingdom
The hope only
Of empty men.


Ich komm mir vor, wie eine leere Hülle, wie der Typ aus Briefe an eine Tote, der nach dem Atomkrieg immer noch Briefe an seine Tote Frau schreibt; dabei hab ich den Film noch nicht mal gesehen.



Papst Franziskus hat in Mexiko zum Glauben an die Familie aufgerufen. Zwar sei das Familienleben oft mühsam, oft schwierig, aber der Traum von einer Familie dürfte nicht verloren gehen, sagt der Fernseher, im Dunkeln, morgens um 6:35, an diesem einsamen, kalten 16. Februar 2016. Ist es das? Ist es das

Ist das das, was die Flüchtlingskrise, die Euro-Krise, die Griechenland-Krise, den Rechtsruck in Europa stoppen kann? Die Familie

Sonntag, 14. Februar 2016

Zärtliche Gedanken zum Valentinstag











Am Valentinstag dachte er (nein, das bin nicht "ich", das ist "er" - wer ist heute überhaupt noch "ich"?!), wie er so im Bett lag:

Hey, heute ist Valentinstag!!


Mehr muss ich, glaub ich ("er" falls sie mitliest) nicht sagen! Oder?!


Wenn meine Mordfantasien und imaginären Gewaltorgien exponentiell zunehmen, dann weiß ich: Bald ist Valentinstag!


Gehe jetzt in den Wald. Es wird gleich dunkel! Sie ist auch wieder fast schon wieder aufgetaut, im Kofferraum meines Autos. Sie muss jetzt in den Wald! Im Frühjahr gehe ich dann gucken, ob die Leiche begonnen hat zu knospen. Keine Angst, das ist nur ein Zitat. Oh, wie ich T.S. Eliot doch liebe. Wir sind die hohlen Männer! Die hohlen Männer! Den Kopf voller Stroh! Die Eier leer. Die Leiche im Keller...äh, im Kofferraum, meine ich natürlich. Die Dunkelheit im Herzen.

Oder wie Tyler das sagt: "Eine ganze Generation [von hauptsächlich Männern - Anmerkung der Redaktion] zapft Benzin, räumt Tische ab und schuftet als Schreibtischsklaven. Durch die Werbung sind wir heiß auf Klamotten und Autos, machen dann Jobs die wir hassen und kaufen dann Scheiße die wir nicht brauchen. Wir sind die Zweitgeborenen dieser Geschichte, Leute. Männer ohne Zweck, ohne Ziel. Wir haben keinen großen Krieg, keine große Depression. Unser großer Krieg ist ein spiritueller. Unsere große Depression ist unser Leben. Wir wurden durch das Fernsehen in dem Glauben aufgezogen, dass wir alle mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars. Werden wir aber nicht, und das wird uns langsam klar! Und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten.
(Fight Club: http://www.filmzitate.info/index-link.php?link=http://www.filmzitate.info/suche/film-zitate.php?film_id=784)

Oder so: "Verschließ dich nicht vor dem Schmerz, verdräng ihn nicht. (...) Ohne Schmerz, ohne Opfer hätten wir Menschen nichts! (...) DAS ist dein Schmerz, DAS ist deine brennende Hand, sie ist genau hier!" "Unsere Väter waren unser Bild von Gott. Unsere Väter haben sich verpisst - Was verrät dir das über Gott?" � "Keine Ahnung..." � "Ich sag dir, was: Halt dir vor Augen, dass es möglich wäre, dass Gott dich nie leiden konnte. Dass er dich nie gewollt hat. Bei realistischer Betrachtungsweise hasst er dich sogar. Aber das ist keine Katastrophe. Wir sind nicht auf ihn angewiesen. Scheiß auf Verdammnis und Wiederauferstehung... Wir sind Gottes ungewollte Kinder? So möge es sein!"
(ibid.)

Lass deinen Schmerz zu, dachte er. Bald bist du geschieden. Bald ist das Trennungsjahr vorbei. So wie sie mich psychisch und physisch misshandelt hat, all die Jahre, hätte ich eigentlich eine Härtefallscheidung verdient, dachte er.

Bis dass der Tod uns scheidet, hatte "er" (nicht "ich") immer zu ihr gesagt, früher, in besseren oder vielleicht sogar noch schlechteren Zeiten - wer weiß das schon?

"Bis dass dein Tod uns scheidet" Das hat er früher immer zu ihr gesagt, als sie noch ein glücklich-unglückliches Paar waren. Jetzt sind sie ein nur noch ein unglücklich-unglückliches Paar. Aber was heißt hier nur?! Zwei negative Vorzeichen (heißt das so?) ergeben doch auch in der Mathematik etwas Positives!


Und jetzt geht's aber endgültig in den Wald. Die Vergangenheit vergraben. Am Valentinstag! Hoffentlich treibt sie keine Blüten.