Dienstag, 17. Mai 2016

Pamplona San Fermines 2016








„Dieses Jahr fahre ich nach Pamplona. Zu den San Fermines. Zum Stierlauf. Und dann besaufe ich mich jeden Tag, sieben Tage lang. Bis ich tot umkippe oder im Krankenhaus lande. Und wenn ich im Krankenhaus gelandet bin, dann entlasse ich mich am nächsten Tag selbst und sauf weiter.“

„Das ist so geil, warum machen die das nicht auch in Deutschland. Dass die Bands abends durch die Straßen ziehen und a cappella tuten und blasen. Das wär viel besser. Das ist natürlich kalt, ok, aber trotzdem. In Pamplona ist es auch nicht so warm, nachts. Da ist zwar Sommer, aber trotzdem ist es da nachts kalt. Das könnten die auch hier. Von dem Musikern her auf jeden Fall.“

„Erinnerst du dich noch an Pamplona. Weißt du noch was von damals?“

„Das war geil, das war richtig geil. Das geht richtig ab. Alle feiern. Die können wenigstens feiern, die Spanier.“

„Hier würde sich wahrscheinlich wieder irgendjemand beschweren, wenn die abends oder – Gott bewahre – nachts durch die Straßen ziehen würden. Das geht ja nicht! Der ganze Lärm!“

„Boah, die sind so geil, diese Lieder…wie heißen die noch mal? Mann, was war das noch mal? Tundas? Näh, peñas! Ja, das ist es, peñas! Geil. Dann saufe ich mich tot! Sieben Tage lang. Vielleicht laufe ich sogar mit. Aber nicht besoffen, das geht ja nicht. Wenn du was von einem Deutschen hörst, der in Pamplona gestorben ist… Näh, geht ja nicht, die ziehen die ja da raus, wenn die besoffen sind, die Touristen. Die holen die da raus…“

„Der Rudi, der hat mich für bekloppt erklärt, als ich ihm das erzählt hab, das ich da mitlaufen will. Der hat gesagt, ich wär bekloppt. Aber egal, warum nicht?!“

„Jeden Tag saufen. ¡Y drogas! ¡Y todo lo que venga!Vielleicht finde ich ja sogar eine neue Frau. Für eine Nacht. Für eine heiße, spanische Nacht.


„Dann fange ich schon im Bus an zu saufen. Oder im Flugzeug. Wo auch immer. Und dann jeden Tag. Immer weiter...“







Gesunde Ernährung








Heute war er einkaufen.

Der Kühlschrank ist voll und seine Tochter kommt in die Küche, wo er sich gerade ein im Ofen gebackenes, halbes Fladenbrot mit Frikadellen belegt. Auf ein halbes Fladenbrot passen locker zwei Frikadellen. Und obendrauf kommt noch eine Scheibe Käse. Natürlich Light-Käse, wir wollen ja nicht übertreiben. Und so ein bisschen Butter muss auch sein, dat soll ja nit drüsch wie sonsjet sein!

Natürlich fällt der Blick seiner Tochter direkt auf sein Brot, war ja klar. Er lacht verlegen, so als müsste er sich für irgendwas entschuldigen, so als hätte er irgendwas falschgemacht. Sie wirft einen Blick auf seine Fladenbrothälfte und sagt „Boah!“.

„Lecker!“

Höre ich da einen leichten Anflug von Ironie in ihrer Stimme? Er möchte etwas sagen, tut es aber nicht. Wie immer. Sagt besser nichts.

„Kannst du mir mal erklären, warum ihr, wenn ihr mit eurer gesunden Ernährung so zufrieden seid, immer auf den anderen rumhacken müsst, wenn sie etwas Leckeres essen. Warum könnt ihr nicht einfach glücklich sein, mit eurem Müsli und eurem Joghurt und euren Gurken und eurem Salat?“

Wenn er das jetzt sagen würde, würde sie ihm bestimmt nicht mit einem lässig-coolen „Is so!“ antworten, wie sie das sonst so gerne tut, wenn sie ihm recht gibt.

Is so! Echt!

Aber er hält besser die Klappe. Wer kann die Wahrheit schon vertragen?!





Der Gyros- und der Casino-Mann







In Bonn gibt es jemanden, der ist sogar noch berühmter als der Bofrost Mann. Und das ist der Gyros-Mann.

Er arbeitet in einem Imbiss in der Nähe der Stadt. Er verkauft Gyros und Pizza und Bier und es gibt sogar einen Spielautomaten im Imbiss. Die Geschäfte laufen, soweit ich weiß, gut. Er kann sich nicht beschweren, was das Finanzielle angeht (anders als so manche Blogger, die ich kenne!). Das Lokal gibt es schon ewig und der Gyros-Mann ist nicht nur mehr Deutscher als Grieche, er sieht auch so aus.

Montag, 16. Mai 2016

Verlustangst








Ich hatte tierisch Angst davor, sie aus irgendeinem Grund zu verlieren. Aus irgendeinem nichtigen Grund. Keine Ahnung warum. Dass sie mir sagen würde, ich will nicht mehr. Was weiß ich, warum. Dass ich irgendetwas falsch machen würde oder sie einfach keinen Bock mehr hätte und ich sie einfach so wieder verlieren würde

Das beschäftigte mich schon, auf dem Weg zu ihr auf dem Fahrrad, mit Oasis auf dem Ohr.

I don’t believe that anybody
feels the way I do about you now

Also benahm ich mich vorbildhaft, versuchte immer krampfhaft extra nett zu ihr zu sein. Nichts falsch zu machen.


Die Angst kam glaub ich aus meinem Glauben, dass ich es nicht wert war, dass ich sie nicht verdient hatte. Dass Gott einen Fehler gemacht hatte.


So war ich froh, wenn ich nach einem weiteren glücklichen Tag mit ihr, bei ihr, in ihr nach Hause zurückkehrte. In mein lieb- und freudloses Zuhause in Bonn-Kessenich. In der Nähe vom Haribo-Werk.

(Achtung: alles natürlich rein fiktiv!)

Damals dachte ich: Endlich hat mir jemand die Liebe gegeben, nach der ich mich so gesehnt habe, all die Jahre. All die sterilen, einsamen, traurigen Jahre meiner Jugend, allein in meinem Zimmer, Videos am Gucken, mir einen runterholend.

Zum ersten Mal gab mir eine Frau ihre Liebe.

Die Liebe, die ihm weder seine Schwester noch seine Mutter hatte geben können. Die Zuneigung, die er von niemandem in seiner Familie – oder außerhalb dieser erhalten hatte (außer vielleicht von Alexander, aber der war ein Typ, das war was anderes)

Es war alles so neu mit Nadine, machte so viel Spaß, war so voller neuer Eindrücke

und brachte ihm die Anerkennung, die er nie gehabt hatte, weder als Kind noch als Jugendlicher

in der Wüste seiner Kindheit und Jugend

jetzt war er wer, hatte eine Freundin, eine echte Freundin (egal, ob sie fünf Jahre älter war)

er war ihr dankbar, liebte sie

weil sie ihn von seiner Last befreit hatte, einer Last unter der er Jahre gelitten hatte, nämlich die, noch Jungfrau zu sein. Jungmann. Da konnte ich mich doch wenigstens dafür erkenntlich zeigen und sie heiraten.

ist das verständlich?



Naiver geht wohl nicht, denkt er heute (und der Blick seiner Scheidungsanwältin sprach auch Bände). Aber zu seiner Schande sind das genau die Gedanken, die er damals hatte.


Wie neugeboren








Er konnte es am Anfang gar nicht fassen, wie schnell sich sein Leben geändert hatte, von dem Tag an, an dem er Nadine in dieser Latino-Disko kennengelernt hatte, an Silvester.

Mäuse zum Valentinstag









Er erinnert sich noch – oder wieder – an die Stoffmaus, die er ihr schenkte. Zum Valentinstag. Seinen ersten Valentinstag. Sie waren noch nicht mal zwei Monate zusammen und er war ganz stolz auf die beiden Mäuse, die sich umarmten.


Aber sie war nicht so begeistert von seinem Geschenk. Sie sagte zwar nichts, aber das konnte er auch so an ihrer Reaktion sehen.

Irgendwas stimmte mit ihr nicht.

Nein, nicht mit ihr, mit der Maus.

Nicht, nicht mit der Maus, mit ihr.

Eigentlich war es ja auch nicht nur eine Maus, sondern ein Mäusepaar. Zwei Mäuse, die sich ganz eng umarmten. Zwei liebende Mäuse. Die nie eine Chance hatten. Jeder bekam eine. Eine für ihn und eine für Nadine. Oder bekam sie beide? Keine Ahnung, das ist so lang her.

Später sagte sie ihm irgendwann beiläufig, als er sie fragte, wo die Mäuse seien, die er ihr geschenkt hatte, dass sie die in Ecuador vergessen hatte. Eine davon zumindest. Wo die andere war wusste sie nicht.

Bestimmt allein irgendwo, weg

Er fand die süß, die Mäuse. Genau passend, zum Valentinstag. Eine große Geste für kleines Geld.

Vielleicht hatte sie ja mehr erwartet, ein richtiges Geschenk. Aber für ihn war das ein richtiges Geschenk. Auch wenn sie vielleicht nichts damit anfangen konnte