Sonntag, 17. Mai 2015

Keep calm and fuck you!









Alle sagen mir, ich soll ruhig bleiben. Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester, Herr Baden, alle. Wenn alle das sagen, denke ich, muss doch da was dran sein.

Ich finde diese Haltung beneidenswert. Immer die Ruhe zu bewahren.

Wirklich.

Wie ihr alle so ruhig seid, so cool bleibt, immer und überall, in allen Lagen und Situationen, das ist wahrlich beneidenswert.

Wirklich.

Angesichts eines Lebens, das unweigerlich im Tod endet und dir Stück für Stück alles nimmt, was du jemals lieb gewonnen hast, würde ich auch gerne ruhig bleiben, cool bleiben.

Genau wie ihr.


Oder seid ihr es in echt gar nicht? Oder tut ihr nur so, weil ihr euch daran labt, dass es mir schlechter geht und ihr euch so als stoische deutsche Buddhas präsentieren könnt, die immer ruhig bleiben, komme was wolle.

come hell or high water

Das frage ich mich, während um mich herum die Welt, die ich vor ein paar Monaten noch für selbstverständlich gehalten habe, zusammenbricht.

Und so bin ich auch in gewisser Weise ruhig. Fühlt ihr euch jetzt besser dadurch? Seid ihr ruhiger? Oder quält euch, wenn ihr meine Probleme nicht mehr habt, die Tatsache, dass man immer nur scheinbar ruhig bleiben kann, angesichts eines Lebens, das unweigerlich im Tod endet und in dem man am Ende alles verliert, was man irgendwann einmal geliebt hat.

Da lob ich mir Johnny Cash, der ganz einfach nur singt: Everyone I know goes away, in the end. Mit ganz ruhiger Stimme.

Keep calm and fuck you!







Liebeskummer









Wenn ich nachts aus der Spielhalle, in der ich als Aushilfe arbeite, nach Hause komme, fühle ich mich wie die mexikanische Prärie-Wühlmaus aus dem Liebeskummer-Experiment, wie sie abends in ihren leeren Bau zurückkehrt und das Weibchen nicht mehr da ist. Das ist jedes Mal das Gleiche. Das bedrückt mich so, dass ich, wenn ich ins Schlafzimmer komme, nachdem ich mich, nach einer langen Busfahrt, zehn Minuten mühsam den Berg hochgequält habe, nicht ihre beiden Füße unter der Decke hervorragen sehe. Liebeskummer ist das Schlimmste, was es gibt. Könnte man dieses Gefühl gezielt anwenden, dann wäre das bestimmt eine der bevorzugten Foltermethoden auf Guantanamo.

Ich will nicht nach Hause, ich kann nicht nach Hause. Ich bin so einsam.

Warum muss ich überhaupt noch nach Hause zurück? denke ich während der Bus mich meinem verlassenen Bau immer näher bringt. Denn anders als die Präriewühlmaus, die nach einem langen, abenteuerreichen Tag nichts ahnend in ihre Höhle zurückkehrt, weiß ich bereits im Voraus, was mich erwartet.

Nichts.

Ich will nicht mehr in diesem Bett schlafen. Diesem leeren, kalten Bett. Ich will ein neues Bett. Oder Marías. Obwohl ich weiß, dass das nichts bringen würde. Denn seit sie mich verlassen hat, ist die ganze Wohnung von den Erinnerungen unserer Liebe verseucht. All die Jahre.

Und sie interessiert das alles nichts, wie ich mich fühle. Nichts. Kein bisschen. Kein Stück. Und ich war über 19 Jahre ihr Mann, der Mann an ihrer Seite. Mit dem sie ihr Bett, ihr Leben geteilt hat. Wie kann sie so kalt sein? Wie kann sie nur so kalt sein?

Heute werde ich mich ganz sicher in den Schlaf heulen. Ich heule ja schon fast in der U-Bahn. Wie kann sie mir das antun? Warum? Okay, ich weiß, dass ich viel falsch gemacht habe. Ich kenne meine Fahler. Aber ist das ein Grund, mich so zu behandeln? Mich so abzuservieren? Von einem Tag auf den anderen?

Kann man denn wirklich nichts machen?

Kann man denn wirklich nichts mehr machen?

Außer die Kontaktsperre konsequent einzuhalten?

Zu beten?

Gibt es nichts, was ich tun kann? Wenn die Wohnung weg ist, bin ich auch weg.

Wer mir sowas antut, den lohnt es nicht zurückzugewinnen.

Und wieder kommt mir der Gedanke an Selbstmord. Das ist etwas, was ich nie tun werde, aber es tut so weh; nach Hause zu kommen und da ist niemand mehr. Niemand.

Ich will nicht mehr. So will ich nicht weiterleben. Das ist jetzt schon 2 1/2 Monate her. Und es wird und wird nicht einfacher. 2 1/2 Monate jeden Tag Schmerzen. Tränen. Stellen Sie sich das mal vor. Ich leide wie ein Hund.


Der Bus kurvt durch die dunkle Stadt und du sitzt da wie betäubt. Als hätte der irgendein Insekt jeglichen Lebenswillen ausgesaugt. Du erinnerst dich an dieses Facebook-Foto, was sie dir nicht gezeigt hat und wo sie an Karneval als Insekt verkleidet war.

Du kannst dich nicht töten, wegen einer Frau. Aber das Leben macht auch keinen Sinn mehr. Du liebst sie so sehr. Hast sie immer geliebt. Vielleicht war das dein Fehler.

Warum kann Gott mich nicht einfach sterben lassen? Oder die Tabletten, die ich nicht mehr nehme. Was hat er – wenn es ihn überhaupt gibt – noch mit mir vor, mit dieser leeren Hülle von Mensch, mit diesem leeren Fleischbehältnis?

Was soll das noch?

Es bringt doch nichts mehr.

Sie ist weg. Und was auch immer du tust oder lässt, sie wird nicht zurückkommen.

War das alles?

Aber ich hatte auch gute Zeiten mit ihr. Die Zeit ist so schnell vergangen und jetzt stehe ich kurz vor 40 auf einmal allein da. Von heute auf morgen. Ohne Erklärung.

Wie viele gute Jahre bleiben mir noch? Und wie viele von ihnen werde ich mit Trauerarbeit verbringen? Im Moment ist mein Leben vorbei. Ende. Aus. Der Nikolaus.

So einfach, und wie lange noch?

Bei mir dauert so etwas lange; ich weiß das. Weil ich in meiner Kindheit keine Liebe hatte.

Und dann bin ich irgendwann 50 und eh schon halb tot.

Warum nicht gleich? Das kann ich auch schneller haben.

Da muss ich nicht noch Jahre voller Trauer leben, voller leerer Hoffnungen, die sich nicht erfüllen. Nie erfüllen werden. Nie mehr.

Das macht doch keinen Sinn. Das wollte mir Betty damals erzählen, in Schottland, als sie mir beim Abendessen ohne Vorwarnung mitten ins Gesicht sagte: "Das Leben macht keinen Sinn". Und ich hab das für Quatsch gehalten. Ich kann einen liebgewonnenen Menschen nicht verlieren. Nicht einfach so. Ich verkrafte das nicht.

Es ist so ohne dich...

Damals hab ich das auch Spaß im Urlaub gesungen, immer wieder, obwohl sie da noch da war.

Heute hat das Lied eine ganz andere Bedeutung. Wie Bettys These zum Sinn des Lebens. Heute verstehe ich zum ersten Mal, was die Bedeutung dieser Worte ist, die ich ihr damals im Urlaub so übermütig und glücklich immer wieder ins Ohr gesungen habe.

Jetzt, wo es zu spät.

Es ist so ooooohnne dich...

...ich will das nicht...

...denkst du vielleicht auch mal an mich?

Ich gab dir meine Liebe...

Alles ist zu spät. Nur ein paar Tabletten und es wär Schluss. Ende. Aus. Der Nikolaus. Ein paar mehr als sonst. Nur ein paar. Wie viele? Keine Ahnung. 5-6 Bisos und 5-6 Ramipril...oder beide zusammen...und ich würde so Herzklabaster kriegen, dass Schluss wär. María würde mich in 3 Tagen finden und gut ist.

So in meine trüben Gedanken versunken, merke ich gar nicht, dass ich gerade an meiner Haltestelle vorbeigefahren bin. Das heißt, ich merke es doch, aber ich fahre einfach weiter. Dann fahre ich eben die große Runde. Dann komme ich zwar später nach Hause, muss aber auch weniger laufen.

Oder fahre ich etwa weiter, weil ich nicht nach Hause will?

Fahre in Medinghoven an dem Kindergarten vorbei, in dem María war. So viele Erinnerungen. Überall. Wie Tretminen. Wie oft bist du mit ihr diesen Weg gefahren...

Wir haben so viel miteinander erlebt, so viel zusammen durchgemacht. Ich dachte immer, das schweißt zusammen.

Aber ihre Schwestern waren stärker. Die Liebe zu ihren Schwestern ist stärker als die Liebe zu mir.
So ist das eben. Im Leben.

Sometimes you love someone and sometimes you lose instead...

Dein ständiger Frust war stärker, deine Eifersucht, deine Wut, die du an ihr immer wieder ausgelassen hast, bis sie daran zerbrochen ist. Sie hat dir das bildlich gezeigt.

"Wie bei einem Zweig...", hat sie gesagt und mit ihren Hände eine Bewegung gemacht, als würde sie einen Zweig zerbrechen.

Den dünnen Zweig eurer Liebe. Zu zerbrechlich in dieser harten, kalten Welt. Du hast ihn zerbrochen und er lässt sich nicht mehr kitten. Und selbst wenn, er ist nicht mehr derselbe.

Okay, ich hab sie bedroht, beschimpft

Aber nur, weil sie mich so zur Weißglut getrieben hat, mit ihrem Schweigen, ihrem Heulen, ihren Lügen.

Okay, ich hab meine schlechte Laune an ihr ausgelassen, immer wieder, bis sie an ihr zerbrach...an mir zerbrach.

Wie ein Zweig.

Aber wissen Sie, wisst ihr, wie ich leide???

Ich habe in diesen 2 1/2 Monaten das alles wieder gutgemacht. Mindestens. Oder vielleicht nicht alles, aber...

Vielleicht kann man das aber auch nie wieder gutmachen.


Warum kann Gott mich nicht einfach zu sich holen? Ich habe genug gesehen, genug erlebt. Das reicht mir. Was soll denn noch kommen? Noch mehr Leid, noch mehr Schmerz. 38 ist nicht 24.

Ich habe die Schnauze voll von diesem Leben, wo man Stück für Stück alles verliert, was einem lieb ist.






Life is not so bad





17. Mai 2015 (Fortsetzung)

Ich komme von meinen Eltern, mache extra einen Umweg um den Fußballplatz, wo sonntags immer die ganzen Ecuadorianer spielen. Darauf, die zu sehen, hab ich jetzt echt keinen Bock. Also umlaufe ich den Platz weitläufig, laufe extra oben entlang, fast schon am Waldrand, nur um nicht an diesem roten Ascheplatz am "Haus der Jugend" vorbeizukommen.

Trotz alledem ertappe ich mich in letzter Zeit immer öfter dabei, dass ich denke, dass es mir scheißegal ist, was sie gerade macht. Ich bin zwar noch nicht so weit, eine Wichsfantasie von ihr und einem anderen Mann zu schreiben, aber ich bin auch nicht mehr am Anfang meines langen Leidensweges. Ein Hoch auf die Kontaktsperre. Das ist wirklich so: Entweder sie nimmt Kontakt auf und es kommt zu einem Treffen und vielleicht zur Versöhnung oder man lernt langsam und jeden Tag aufs Neue, ohne den Partner klarzukommen. wie ich so in der Sonne die Straße entlang laufe, weiß ich weiß noch nicht mal mehr, ob ich sie jetzt noch so einfach zurücknehmen würde. Die Zeiten sind vorbei. Es ist vorbei. Irgendwann ist auch mal Schluss mit Jammern. Auch nach 19 Jahren. Vielleicht hat meine Schwester ja Recht und das, was ich im Moment durchlebe sind die letzten Wehen meines Liebeskummers, das letzte Aufbäumen, bevor ich bereit bin, sie zu vergessen. Ihr zu vergeben ist da immer noch eine ganz andere Sache. Auch mein Glück im Spiel geht langsam zu Ende. Nächste Woche ist Salsa-Party und ich werde voll sein wie ein Fass. Garantiert. Vielleicht finde ich ja einen Ersatz für sie oder gar eine bessere, jüngere Version von ihr. Bock hätte ich. Worauf ich keinen Bock mehr habe, ist, den ganzen Rest meines Lebens depressiv zu sein, den ganzen Rest meines Lebens einer Frau hinterherzutrauern, die mich – wie mein Vater das immer nennt – "mutwillig" verlassen hat und die mich nicht mehr zurück will. Das Leben ist zu kurz und ich fühl mich eigentlich ganz gut. Ich gehe jetzt nach Hause und mache mir das Käsebrot, das mir meine Mutter mitgegeben hat, schreibe und hole mir vielleicht sogar einen runter.

Sonntag, 1. März 2015

Stunde Null






1. März 2015






Stunde Null (Tag 0/D-Day/Groundhog Day/Ground Zero)


Die Tür geht zu und sie ist schon auf dem Weg zum Auto. Mit deiner Tochter. Du könntest noch hinterherlaufen - selbst in deinem hochprozentigen, hochexplosiven Zustand. Aber du tust es nicht. Diesmal nicht. Irgendwas hält dich davon ab. Du liegst mit verheulten Augen auf dem Bett, der Laptop vor dir. Du hast es getan. Du hast die Email verschickt. Du willst hinterherlaufen, kannst es aber immer noch nicht. Du hast keine Kraft. Du hast keine Kraft mehr. Du hörst, wie sie das Auto anlässt, dieses typische Geräusch ihres alten Polos. Den du so liebst.

Ich weiß nicht mehr, ob ich noch sehe, wie das Auto aus der Einfahrt fährt, aber ich weiß, als es weg ist. Als sie weg ist. Und du alleine zurück bleibst in eurer Wohnung. Du torkelst zum Fenster. Aber es ist zu spät. Viel zu spät. Es ist vorbei. Diesmal hast du es richtig versaut. Diesmal hast du sie - einmal - nicht aufgehalten. Hast dich nicht - wie sonst, als sie gehen wollte - im Flur vor die Tür gestellt. Hast sie nicht aufgehalten. Nadine, mit der du seit ewigen Zeiten zusammen bist. Seit du 18 Jahre alt bist, um genau zu sein. So lang. Und jetzt ist sie weg. Endgültig weg (zuerst willst du endlich weg schreiben!). Die Frau, mit der du seit 1996 zusammen bist, mit der du so viel erlebt hast, mit der du eine 16-jährige Tochter hast. Die sich nicht in der Mitte teilen lässt, so dass ein Teil bei dir bleibt und ein Teil bei ihr. Und selbst wenn: Im Moment ist der ganze Teil bei ihr. Ist mit ihr gegangen. Warum? Weil sie keinen Bock mehr auf die dauernden Streitigkeiten hat. Auf rationaler Ebene kannst du deine Tochter sogar verstehen. Aber emotional. Emotional is a totally different ballgame wie die Amerikaner sagen würde.

Und dann, irgendwo zwischen Bett, Küche und Fenster, kommt dir dieser Gedanke mit der Kraft eines Vorschlaghammers, einer in deinem Gesicht exploierenden Atombombe, einem Flugzeugabsturz, einem Sprung aus Hundert Metern, ohne Fallschirm auf Betonboden.

Du bist so dumm!

Du bist so dumm!

Du bist so dumm!

So unglaublich dumm!

Du heulst, schlägst die Hände über dem Kopf zusammen, raufst dir die Haare, ziehst dich an.

Du bist so dumm!

So dumm!

Du hast gerade deine Ehefrau verloren!

Und deine Tochter ist auch weg!

Du bist so dumm!

Wie kann man nur...

...so dumm sein.


Du weißt es instinktiv in diesem Moment.

Du hast heute alles verloren. Dein Leben wie es bisher war, ist vorbei.

Mannomann

Donnerstag, 26. Februar 2015

Spüren Sie was?




26.02.15 (Vier Tage vor Tag Null.)





Spüren Sie was?


„Der Zahn ist tot!“ sagt der Typ und wackelt an dem Zahn.


„Aha“, sag ich so gut man das beim Zahnarzt eben so kann. Mit diesen ganzen Apparatschaften in der Fresse ist das nicht so leicht.

„Der ist tot," sagt er nüchtern. So als würde er das jeden Tag tausend Mal. So als wär das Routine, dass die Zähne irgendwann sterben. Genau wie wir Menschen. Die Menschen zu denen sie (jetzt nicht mehr) gehören.

Fast hätte ich spontan gesagt: Ich auch, wissen Sie… Aber das lasse ich dann doch besser. Bin ja schließlich hier beim Zahnarzt und nicht beim Seelenklempner. Den ich, weiß Gott, genauso so sehr oder vielleicht noch mehr bräuchte als den Zahnklempner.

Toll, denke ich. Toll. Wunderbar. Ich bald auch. Genau wie der beschissene Zahn. Nein, Quatsch: Ich lebe noch. Nur der Zahn ist tot.

Er nickt.

Bis heute dachte ich eigentlich, Zahnärzte hätten mit dem Tod nicht so viel zu tun.

Trotzdem schockt mich das nicht. Im Gegenteil: Ich fühle mich dadurch komischerweise sogar ein Stückchen lebendiger.

Komisch

Er beugt sich trotz des toten Zahns (was macht das jetzt noch für einen Sinn, jetzt, wo er tot ist) wieder über mich mit seinem runden Gesicht und sagt genauso nüchtern:

„Ich nehme jetzt die Füllung raus und dann sehen wir…“

Wozu, wenn er tot ist?

Wozu noch eine Füllung, wenn er tot ist.

Toten gibt man ja schließlich auch nichts zu essen.

Das letzte Hemd hat keine Taschen.

„Diamant…“, sagt er zu der Assistentin, die eben noch leicht gehustet hat. Auch ich habe ein bisschen Schnupfen und Husten. Das bleibt ja nicht aus, bei diesem Wetter. Diesem Sauwetter. Diesem typisch deutschen Winterwetter.

Wenn ich ehrlich bin: Irgendsowas hatte ich mir schon gedacht. Obwohl ich nicht damit gerechnet hatte…

…wer rechnet schon damit, dass der Zahn gleich tot ist. Ok, von Karies zerfressen, ok. Aber doch nicht gleich abgekackt. Gott im Himmel.

Er fängt an mir im Mund rumzubohren. Einen Moment lang tut es weh, doch dann fühle ich gar nichts mehr

Komisch

Er sagt nichts. Wie immer. Der sagt nie viel. Wie Nadine. Ist aber immer freundlich zu mir. Anders als Nadine! Vielleicht reden die in Polen nicht so viel. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung, der Knechtschaft. Keine Ahnung. Vielleicht redet auch er nur nicht so viel. Der Scheiß, ey. Er sagt nicht, ob die Füllung jetzt raus ist, oder nicht. Ist ja auch egal. Interessiert mich nicht. Warum auch?!

Kurz schließe ich sogar die Augen, meine Hände fast zu Fäusten geballt. Weil es weh tut.

Dann legt er den Bohrer weg – Zahnärzte sind Sadisten, eindeutig (vielleicht sogar noch mehr als andere Ärzte: Bestimmt lässt der sich von dem ganzen Geld, was der scheffelt – Zahnärzte sind die reichsten Ärzte! – abends von irgendeiner polnischen Prostituierten auspeitschen. Oder noch besser: anbohren!). Er legt den Bohrer weg und nimmt sich…

…eine Nadel.

Die er mir postwendend in den Mund steckt. Den ich dummerweise auch noch gebannt offen halte. Ich versuche sogar, ihn noch weiter zu öffnen. Damit er mit mir zufrieden ist. Damit er mich mag, dieser kleine polnische Sadist. Dieser große polnische Sadist – immerhin ist er mindestens einen halben Kopf größer als ich.

Er steckt mir also diese kleine Nadel in den Mund – die ich leider zu spät als solche erkenne – und sagt:

„Spüren Sie was?“

Was? So allgemein, oder was? Oder meinen sie so konkret. Das hat mich so lange keiner mehr gefragt.

Aber ich spüre nichts. Und muss das leider auch zugeben.

„Nein“, nicke ich, da ich nicht weiß, ob er das, was ich sage, auch versteht.

„Und hier? Tut das hier weh?“ Wieder steckt er mir die kleine Nadel mit dem roten Köpfchen in den Mund.

Wieder muss ich, so leid mir das tut – verneinen. Denn ich spüre wirklich nichts. So langsam komme ich mir vor, wie einer dieser Typen aus den Telenovelas, die angeschossen wurden oder einen Unfall hatten, und die dann vom Arzt immer die gleiche Frage gestellt bekommen, während er an ihren Zehen rumfummelt. „Spüren Sie was?“

Fühlen Sie noch was?

Echt, ey. Wie einer dieser Querschnittsgelähmten. Scheiße, Mann. Aber was soll ich sagen?! Komischerweise spüre ich echt nichts. Wie gerne würde ich sagen: „Ja, das tut weh! Das tut sauweh! Wenn Sie jetzt nicht gleich aufhören, Nadeln in meinen Mund zu stecken, dann haue ich Ihnen eine rein!

Aber das wär ja gelogen, weil es nicht weh tut. Das ist das erste Mal, dass ich traurig bin über die Abwesenheit von Schmerz. Jetzt weiß ich auch, wie die sich in den Telenovelas fühlen.

Wie Schauspieler, haha.

Was wäre denn, wenn ich ihn jetzt belügen würde? Wenn ich meinen Zahnarzt belügen würde? Würde ich dann in die Hölle kommen? Oder würde ich das nur beichten müssen und das wäre mit drei Avemarias getan? Wenn ich ihm dummdreist ins Gesicht lügen würde. „Ja, das tut weh! Und wie!“ Wenn ich schauspielern würde. Kann ich das überhaupt? Vielleicht schon…drastische Situationen erfordern drastische Maßnahmen. By any means necessary. Würde er  das dann merken? Oder würde er mir glauben? Immerhin ist er Pole. Die glauben ja sogar noch an Gott! Oder die tun nur so. Vielleicht würde er auch nur so tun. Und sagen: „Ok…“ Und denken: „Willst du mich verarschen, du Deutscher, du?!“ Quasi gute Miene zum bösen Spiel machen. Würde mein Zahn so weniger tot sein? Keine Ahnung

Aber das ist mir in meiner gegenwärtigen Lage eh viel zu kompliziert. Also sage ich weiterhin brav nein auf seine Frage, ob das wehtut. Und sehe seine Enttäuschung…oder doch seine Freude…oder seine Bestätigung…seine nüchterne, polnisch-trockene Bestätigung.

Leider nicht.

Scheiße.

Doch dann passiert das Wunder! (Er ist ja schließlich auch Pole, die glauben ja – offiziell – an Wunder und nicht an FKK-Strände.) Beim dritten oder vierten Stich spüre ich etwas! Und er spürt es auch: Denn ich zucke sichtlich zusammen und mein Gesicht verzieht sich. Doch: Das tat weh.

„Tat das weh?“, fragt er auch postwendend. Oder ich bilde mir das ein und sage stattdessen selbst: 

Das tat weh!“

Autsch.

Charlie bit me. Charlie bit me and that really hurt. Charlie!

Jetzt hat er auch meinen Schmerz registriert. Ob mit Wohlwollen oder Enttäuschung, das weiß ich nicht. Er verzeiht immer noch keine Miene. Obwohl: Ich glaube, er ist auch froh über meinen Schmerz. Meinen unerwarteten Schmerz.

„Ah“, sagt er.

Ja: Er ist froh! Definitiv! Denn er darf noch Mal zustechen, der Wichser. Das darf er jetzt so oft er will. Denn das heißt: Der Zahn lebt! Der Scheiß-Zahn lebt! Der verfickte Scheiß-Zahn lebt! 

Fast will ich es rausschreien, es ihm ins Gesicht schreien. Der Zahn lebt. Er ist nicht tot, so wie sie sagen! Er ist quicklebendig! Ok: Er hängt am seidenen Faden, aber das kratzt mich jetzt nicht.

Fast will ich vor Freude singen:


Ja: Er lebt noch. Ja lebt denn der alte Backenzahn noch? Lebt denn der alte Backenzahn noch?

Ja! Er lebt noch! Er lebt noch!

Ja! Er lebt noch! Er lebt noch!

Totgesagte (Zähne) leben eben länger! Nein, das heißt anders: Totgeglaubte (Zähne) leben länger! Geil, ne?! Ach, ist doch egal! Scheißegal! Hauptsache…er lebt noch!

Geil!

Auf dem Heimweg denke ich: Das darf man einen Depressiven nie fragen. Ob er etwas fühlt. Denn darauf kann es nur eine Antwort geben. Ja! Viel zu viel! Das können Sie sich gar nicht vorstellen, was ich alles fühle! Wo es mir überall weh tut! Und dabei sagen die immer, dass Depressive nichts fühlen. Was für ein Bildzeitungs-Quatsch!

Ich fühle nichts mehr.

Ich spüre nichts mehr.

Oder zu viel.